Gestern veröffentlichte die linke italienische Tageszeitung La Repubblica ein Schreiben von Papst Leo XIV., mit dem er dem Blatt zu seiner Gründung vor 50 Jahren gratuliert. Datiert ist das Schreiben vom 14. Januar. Darüber könne man hinweggehen, würden manche sagen, und doch verlangt das emblematische Ereignis eine Anmerkung.
Zunächst der vollständige Wortlaut der päpstlichen Glückwünsche an Chefredakteur Mario Orfeo:
„Sehr geehrter Herr Chefredakteur!
Ich freue mich, Ihnen und den Journalisten von La Repubblica meine besten Wünsche zum fünfzigjährigen Bestehen Ihrer Zeitung zu übermitteln. Tag für Tag haben Sie ein halbes Jahrhundert Geschichte erzählt und dabei die Beziehung zu Ihren Lesern gepflegt, die Sie bis hierher getragen hat.Ihre Zeitung ist in vielen Städten verwurzelt, doch in Rom, der Diözese des Papstes, hat sie einen privilegierten Beobachtungspunkt für die Geschehnisse in Italien und in der Welt – ihre Hauptredaktion. Mit Freiheit haben Sie die Seiten dieser fünfzig Jahre gelesen und die Geschichte der Kirche erzählt.
Das ist der Sinn der Pressefreiheit: Sie muß, trotz der Vielfalt von Meinungen, Standpunkten und Kulturen, immer transparent, korrekt und fair agieren und die Möglichkeit des Dialogs bieten. Wenn dieser nicht feindselig geführt wird, trägt er zum Gemeinwohl und zur Einheit der Menschheit bei. So überwindet Dialog Konflikte und baut Frieden auf.
Ich wünsche Ihnen, weiterhin eine freie und dialogorientierte Kommunikation zu gestalten, geprägt von der Suche nach der Wahrheit und frei von Vorurteilen.
Herzlichen Glückwunsch zum fünfzigjährigen Jubiläum!
Leo XIV.„
Der Auftrag des Papstes ist klar umrissen: Als Nachfolger Petri soll er die Brüder im Glauben stärken, die Verirrten suchen und die Seelen zur Umkehr führen. Nur in der Umkehr zum Herrn, so lehrt es die Kirche seit jeher, findet der Mensch den wahren Frieden, denn er findet die Wahrheit, die nicht relativ, sondern personal ist: Christus selbst, denn Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. So öffnet sich die Tür zum ewigen Heil.
Vor diesem Hintergrund wirft es Fragen auf, wenn der amtierende Pontifex sich anläßlich des 50. Gründungsjubiläums öffentlich an die italienische Tageszeitung La Repubblica wendet, ihr Anerkennung zollt und sie auffordert, „die Wahrheit zu suchen“. Welche Wahrheit ist hier gemeint? Und wer definiert sie in diesem Fall? Kann eine linke Zeitung, die sich seit ihrer Gründung ausdrücklich laizistisch, progressiv und kirchenkritisch positioniert hat, Trägerin oder auch nur Suchende jener Wahrheit sein, die der christliche Glaube als objektiv und geoffenbart versteht? Theoretisch ist alles möglich, da Umkehr möglich ist. Doch wie wahrscheinlich ist das? Bisher war das Blatt ein halbes Jahrhundert lang das Leitmedium des linken Journalismus.
La Repubblica, ihre Gründung und ideologische Verortung
La Repubblica wurde 1976 von Eugenio Scalfari gegründet, einem der einflußreichsten Journalisten der italienischen Nachkriegszeit. Die Zeitung verstand sich von Beginn an nicht als neutraler Chronist, sondern als Akteur im gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Sie war – und ist – klar links ausgerichtet, kulturprogressiv, staatsorientiert und in kirchlichen Fragen überwiegend kritisch bis ablehnend.
Eugenio Scalfari (1924–2022) selbst, aus großbürgerlichem Haus stammend, war erklärter Atheist, Freimaurer der sechsten Generation und dezidierter Vertreter eines säkularen Humanismus. Seine publizistische Lebensleistung bestand darin, der italienischen Linken eine intellektuelle Stimme zu verleihen, die sich bewußt von katholischen Denk- und Wertordnungen abgrenzte. Die Kirche erschien in seinen Texten häufig als überkommene Institution, als moralische überholte Instanz ohne metaphysische Legitimation.
Scalfari, der sich seine journalistischen Sporen bei faschistischen Tageszeitungen verdiente, gehörte 1955 zu den Mitbegründern der Radikalen Partei, einer offen antiklerikalen und radikalliberalen Partei, die in der italienischen Parteienlandschaft stimmenmäßig immer marginal blieb, aber einen seltsamen privilegierten Status genoß. La Repubblica gründete Scalfari bewußt links von der damals führenden Tageszeitung Il Corriere della Sera, die liberal und großbürgerlich ausgerichtet, aber Scalfari zu moderat war. Der Anstoß zur neuen Gründung von La Repubblica waren gesellschaftspolitische Kämpfe, die in den 1970er Jahre ausgefochten wurden. Für diese Kämpfe, die das Präludium zu einer gesamtpolitischen Veränderung sein sollten, wollte Scalfari mit La Repubblica ein neues Kampforgan schaffen.
Obwohl die italienische Regierung von den Christdemokraten geführt wurde, hatten die gesellschaftspolitisch linken Fraktionen aus Regierung und Opposition (Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Radikale und Liberale) zusammen für die Einführung der Scheidung gestimmt. In einem Referendum versuchten 1974 die Christdemokraten mit Unterstützung der Kirche das Scheidungsgesetz wieder abzuschaffen, scheiterten aber. Die Christdemokraten wagten nicht, die Koalitionsfrage zu stellen, weil sie ihre Entmachtung fürchteten.
In einem nächsten Schritt, und das war unter anderem ausschlaggebend für die Gründung von La Repubblica, sollte die Tötung ungeborener Kinder legalisiert werden. Scalfaris neue Tageszeitung war vom ersten Tag an ein zentrales Agitationsorgan zugunsten der Abtreibung – und war damit erfolgreich. 1978 beschloß wiederum eine die Schranke Regierung/Opposition übergreifende Linksallianz das Abtreibungsgesetz. Ein 1981 von den Christdemokraten mit kirchlicher Unterstützung angestrengtes Referendum konnte es nicht mehr zu Fall bringen.
Insgesamt arbeitete Scalfari mit La Repubblica auf eine strukturelle Linksverschiebung hin: eine linke Allianz aus den Linksfraktionen – von den Kommunisten bis zu den Radikalen – und dem linken Flügel der Christdemokraten. Diese Formel wurde „Historischer Kompromiß“ genannt, der aber vor dem Fall der Berliner Mauer nicht zustandekam – anschließend allerdings schon. Die heutige linksgerichtete Demokratische Partei (PD) ist die Umsetzung dieser Formel.
Seit der Abtreibungslegalisierung wurden in Italien laut offiziellen Statistiken etwa sieben Millionen ungeborene Kinder getötet. Tatsächlich dürfte die wirkliche Zahl bei über neun Millionen liegen – mit allen damit zusammenhängenden Konsequenzen, einschließlich der Massenmigration.
Das besondere Verhältnis zu Papst Franziskus
Es verwundert also nicht, wenn das enge persönliche Verhältnis zwischen Papst Franziskus und Eugenio Scalfari als ungewöhnlich empfunden wurde. Über Jahre hinweg führten beide lange Gespräche, die Scalfari regelmäßig in La Repubblica wiedergab – in essayistischer, dialogischer Form, ohne Tonbandmitschnitt, ohne wörtliche Zitate, allein auf Grundlage seiner Erinnerung. Und punktgenau entsprachen die Franziskus zugeschriebenen Aussagen jeweils dem Wunschdenken Scalfaris. So veröffentlichte Scalfari 2016, Papst Franziskus habe ihn aufgefordert: „Bekehren sie sich nicht“.
Diese Gespräche erlangten faktisch den Charakter eines parallelen Lehramtes: Aussagen über Gott, Christus, die Seele, die Sünde, das Gewissen oder die Hölle wurden dem Papst zugeschrieben und weltweit rezipiert, auch dann, wenn der Vatikan nachträglich zurückhaltend relativierte oder klarstellte, es handle sich nicht um autorisierte oder wörtliche Aussagen des Pontifex.
Besonders irritierend war der wiederholte Eindruck, Papst Franziskus relativiere zentrale Glaubenswahrheiten – etwa die Existenz der Hölle. Durch ausbleibende klare Dementi des Vatikans verfestigten sich diese heterodoxen Ansichten.
Die Frage der Lektüre: Zufall oder Symptom?
Bekannt wurde zudem, daß Papst Franziskus erklärte, regelmäßig nur eine einzige Tageszeitung zu lesen: La Repubblica. Als diese Aussage öffentlich Irritationen auslöste, versuchte vatikanischen Kreise, sie als Versprecher umzudeuten – angeblich sei eine andere, gemäßigtere Zeitung gemeint gewesen. Angesichts der engen Freundschaft mit Scalfari erschien diese Relativierung jedoch wenig überzeugend.
Die Frage ist dabei nicht, ob ein Papst eine säkulare Zeitung lesen darf – selbstverständlich darf er das –, sondern welches Signal er damit aussendet, wenn gerade ein dezidiert kirchenkritisches Leitmedium zum bevorzugten Informations- und Gesprächspartner wird. Wenn sich ein Papst medial über das Weltgeschehen von einem dezidiert linken Blatt informieren läßt, dürfte dies etwas über das Denken dieses Papstes aussagen.
Dialog oder Verunklarung?
Der Dialog der Kirche mit der Welt gehört zu ihrem Auftrag. Doch Dialog setzt Klarheit voraus und ist letztlich immer Verkündigung und kein Selbstzweck. Wo die Unterscheidung zwischen Glaubenswahrheit und Meinung verschwimmt, wo persönliche Sympathie die theologische Präzision überlagert, entsteht Verunsicherung – vor allem bei den Gläubigen.
In diesen Kontext erfolgten nun die ungewöhnlichen Glückwünsche von Papst Leo XIV. zum 50. Gründungsjubiläum von La Repubblica. Es ist bisher nicht bekannt, daß Päpste generell Tageszeitungen zu ihren Jubiläen gratulieren, schon gar nicht solchen, die den kirchlichen Positionen fernstehen. Anders ausgedrückt: In der Vergangenheit konnten kirchennahe Medien mit Glückwünschen rechnen. Daraus läßt sich auf eine paradigmatische Achsenverschiebung schließen, sodaß die in die Jahre gekommene La Repubblica inzwischen als „kirchennahe“ gilt. Das entspricht der Logik, nach der Bischöfe im deutschen Sprachraum führenden atheistischen Grünen gerne auf die Schulter klopfen und sich in Volksfront-Aktionen einreihen.
Warum also gratulierte Leo XIV. ausgerechnet La Repubblica? Für Franziskus war das wenig verwunderlich gewesen. Warum aber setzt sein Nachfolger die bergoglianische Vorgehensweise fort? Weil es ihm sein bergoglianischer Apparat vorschreibt? Ein Papst ist frei in seinen Entscheidungen.
Wenn ein Papst nun also eine Zeitung wie La Repubblica öffentlich zur Wahrheitssuche ermutigt, ohne zugleich zu benennen, daß Wahrheit im christlichen Verständnis nicht Ergebnis eines offenen Diskurses, sondern Antwort auf göttliche Offenbarung ist, dann bleibt ein Spannungsfeld zurück, das nicht aufgelöst wird.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob man mit der säkularen Welt spricht, sondern von welchem Standpunkt aus. Die Kirche darf Brücken bauen – aber sie darf dabei nicht den Eindruck erwecken, ihre eigenen Fundamente seien verhandelbar.
Die Wahrheit, von der das Evangelium spricht, ist keine journalistische Kategorie. Sie ist kein Konsens, kein Suchprozeß ohne Ziel, keine ethische Annäherung. Sie ist Person. Wer sie sucht, muß bereit sein, sich verwandeln zu lassen. Eine Medienlandschaft, die diese Voraussetzung nicht teilt, kann Gesprächspartner sein – aber nicht Maßstab. Genau diese Unterscheidung bleibt im Verhältnis zwischen Franziskus und La Repubblica schmerzlich offen. Leo XIV. sollte ihm darin nicht folgen, sonst legt sich über sein Pontifikat nicht nur der Schatten Bergoglios, sondern auch jener von Eugenio Scalfari.
Bild: La Repubblica/MiL (Screenshots/Montage)
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