Mega-Interview von Papst Franziskus: „Ich mag es nicht, wie die Welt die Pandemie überwindet“

Über Corona, Klima und Desinformation: "Ohne das Engagement der Jugend sind wir erledigt"

Mega-Interview von Papst Franziskus
Mega-Interview von Papst Franziskus

(Rom) Papst Fran­zis­kus gewähr­te der argen­ti­ni­schen Pres­se­agen­tur Télam ein aus­führ­li­ches Exklu­siv­in­ter­view, das gestern mit­tag römi­scher Zeit ver­öf­fent­licht wur­de. Ganz „exklu­siv“ war es aller­dings nicht. In der Ver­gan­gen­heit gab es eini­ge Unstim­mig­kei­ten zwi­schen dem von Fran­zis­kus errich­te­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­um und sei­nen eigen­mäch­ti­gen Inter­view-Akti­vi­tä­ten. Bekannt­lich gescha­hen die­se wie­der­holt am eige­nen Mini­ste­ri­um vor­bei. Dies­mal war es anders.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren konn­te es sein, daß die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­ant­wort­li­chen des Hei­li­gen Stuhls von Inter­views des Pap­stes erst aus den Medi­en erfah­ren haben. San­ta Mar­ta mach­te sich nicht die Mühe, die zustän­di­gen Stel­len zu informieren.

So kam es, daß die vati­ka­ni­schen Medi­en wie Vati­can­News und der Osser­va­to­re Roma­no den welt­li­chen Medi­en hin­ter­her­hink­ten und nur Aus­zü­ge der Inter­views ver­öf­fent­lich­ten. Das wie­der­um stell­te Fran­zis­kus nicht zufrie­den, der wünsch­te, daß die Men­schen sei­ne Aus­sa­gen direkt und voll­stän­dig lesen und hören können.

Dies­be­züg­lich scheint es inzwi­schen Ver­fei­ne­run­gen gege­ben zu haben: Das Télam-Inter­view wur­de den vati­ka­ni­schen Medi­en vor­ab zur Ver­fü­gung gestellt, um Über­set­zun­gen anfer­ti­gen zu kön­nen. Als die spa­ni­sche Ori­gi­nal­fas­sung des Inter­views ver­öf­fent­licht wur­de, konn­ten die Vati­kan­me­di­en zeit­gleich bereits vor­be­rei­te­te Über­set­zun­gen in ande­ren Spra­chen publi­zie­ren. Vati­can­News ver­öf­fent­lich­te die päpst­li­chen Ant­wor­ten auf eng­lisch und ita­lie­nisch. Der Osser­va­to­re Roma­no konn­te die Ori­gi­nal­fas­sung bereits in sei­ner gestern erschie­ne­nen spa­ni­schen Wochen­aus­ga­be abdrucken, wofür er gan­ze vier Sei­ten brauch­te. Der deut­sche Dienst von Vati­can­News begnüg­te sich hin­ge­gen, wie in der Ver­gan­gen­heit, der Leser­schaft nur eine Kurz­fas­sung zur Ver­fü­gung zu stellen.

Katho​li​sches​.info woll­te zunächst das voll­stän­di­ge Inter­view in einer kom­men­tier­ten Fas­sung ver­öf­fent­li­chen. Dar­auf ver­zich­ten wir. Die Leser kön­nen sich so ein unbe­ein­fluß­tes Bild machen. Eini­ge Anmer­kun­gen sei­en den­noch erlaubt, wer­den aber erst am Ende angefügt.

Eige­nes Logo für das Interview

Das Inter­view mit Fran­zis­kus führ­te Ber­nar­da Llo­ren­te, die Chef­re­dak­teu­rin von Télam:

„Man kommt nicht allein aus der Krise heraus, man kommt aus ihr heraus, indem man Risiken eingeht und sich gegenseitig an die Hand nimmt“

Exklu­siv­in­ter­view der Agen­tur Télam mit Papst Fran­zis­kus

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Fran­zis­kus, Sie waren eine der wich­tig­sten Stim­men in einer Zeit der gro­ßen Ein­sam­keit und Angst in der Welt wäh­rend der Pan­de­mie. Sie wuß­ten, wie man die Gren­zen einer Welt in einer wirt­schaft­li­chen, sozia­len und poli­ti­schen Kri­se beschreibt. Bei die­ser Gele­gen­heit sag­ten Sie: „Man kommt aus einer Kri­se nie unver­än­dert her­aus, man kommt bes­ser oder schlech­ter her­aus“. Was glau­ben Sie, wie wir aus die­ser Situa­ti­on her­aus­kom­men? Wohin gehen wir?

Fran­zis­kus: Das [wohin wir gehen] gefällt mir nicht. In eini­gen Berei­chen hat es ein Wachs­tum gege­ben, aber all­ge­mein gefällt es mir nicht, weil es selek­tiv gewor­den ist. Sehen Sie, allein die Tat­sa­che, daß es in Afri­ka kei­ne Impf­stof­fe oder nur die Min­dest­do­sen gibt, bedeu­tet, daß die Hei­lung der Krank­heit auch von ande­ren Inter­es­sen abhängt. Die Tat­sa­che, daß Afri­ka so drin­gend Impf­stof­fe braucht, zeigt, daß etwas schief gelau­fen ist.
Wenn ich sage, daß man nie mehr der­sel­be ist, dann des­halb, weil eine Kri­se einen unwei­ger­lich ver­än­dert. Außer­dem sind Kri­sen Momen­te im Leben, in denen man einen Schritt nach vor­ne macht. Es gibt die Kri­se der Puber­tät, die des Erwach­sen­wer­dens, die Mid­life­cri­sis. Das Leben mar­kiert Mei­len­stei­ne mit Kri­sen. Denn Kri­sen brin­gen dich in Bewe­gung, sie brin­gen dich zum Tan­zen. Und man muß wis­sen, wie man mit ihnen umgeht, denn wenn man das nicht tut, wer­den sie zu Kon­flik­ten. Und der Kon­flikt ist etwas Geschlos­se­nes, er sucht die Lösung in sich selbst und zer­stört sich selbst. Statt­des­sen ist die Kri­se not­wen­di­ger­wei­se offen, sie läßt einen wach­sen. Eines der wich­tig­sten Din­ge im Leben ist es, zu wis­sen, wie man eine Kri­se mei­stert, ohne zu ver­bit­tern. Und wie haben wir die Kri­se über­stan­den? Jeder tat, was er konn­te. Es gab Hel­den, ich kann hier nur von denen spre­chen, die mir am näch­sten waren: Ärz­te, Kran­ken­schwe­stern, Prie­ster, Ordens­frau­en, Lai­en, die wirk­lich ihr Leben gege­ben haben. Eini­ge sind gestor­ben. Ich glau­be, mehr als sech­zig sind in Ita­li­en gestor­ben. Die Hin­ga­be des eige­nen Lebens für ande­re ist eines der Din­ge, die in die­ser Kri­se zum Vor­schein gekom­men sind. Auch die Prie­ster kamen im all­ge­mei­nen gut zurecht, weil die Kir­chen geschlos­sen waren, aber sie rie­fen die Men­schen an. Es gab jun­ge Prie­ster, die die älte­ren Men­schen auf dem Markt frag­ten, was sie brauch­ten, und für sie ein­kauf­ten. Ich mei­ne, Kri­sen zwin­gen einen zur Soli­da­ri­tät, weil alle in einer Kri­se stecken. Und das ist der Punkt, an dem Sie wach­sen.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Vie­le dach­ten, daß die Pan­de­mie Gren­zen gesetzt hät­te: die extre­me Ungleich­heit, die Miß­ach­tung der glo­ba­len Erwär­mung, der über­stei­ger­te Indi­vi­dua­lis­mus, das schlech­te Funk­tio­nie­ren der poli­ti­schen und reprä­sen­ta­ti­ven Syste­me. Es gibt jedoch Sek­to­ren, die dar­auf bestehen, die Bedin­gun­gen vor der Pan­de­mie wie­der­her­zu­stel­len.

Fran­zis­kus: Wir kön­nen nicht in die trü­ge­ri­sche Sicher­heit der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Struk­tu­ren zurück­keh­ren, die wir frü­her hat­ten. So wie ich sage, daß man nicht gleich, son­dern bes­ser oder schlech­ter aus der Kri­se her­aus­kommt, sage ich auch, daß man nicht allein aus der Kri­se her­aus­kommt. Ent­we­der kom­men wir alle da raus oder kei­ner von uns. Die Annah­me, daß eine ein­zel­ne Grup­pe aus der Kri­se her­aus­kom­men wird, mag eine Ret­tung sein, aber es ist eine Teil­ret­tung, sei es wirt­schaft­lich, sei es poli­tisch oder von bestimm­ten Berei­chen der Macht. Aber man kommt nicht ganz raus. Sie blei­ben durch die von Ihnen getrof­fe­ne Mach­t­ent­schei­dung gefan­gen. Sie haben zum Bei­spiel ein Geschäft dar­aus gemacht oder sich in der Kri­se kul­tu­rell gestärkt. Die Kri­se zum eige­nen Vor­teil zu nut­zen bedeu­tet, schlecht und vor allem allein aus ihr her­aus­zu­kom­men. Man kommt nicht allein aus der Kri­se her­aus, man kommt her­aus, indem man Risi­ken ein­geht und sich gegen­sei­tig an die Hand nimmt. Wenn du das nicht tust, kommst du da nicht mehr her­aus. Das ist also der sozia­le Aspekt der Kri­se.
Es ist eine Zivi­li­sa­ti­ons­kri­se. Und zufäl­lig steckt auch die Natur in einer Kri­se. Ich erin­ne­re mich, daß ich vor ein paar Jah­ren meh­re­re Regie­rungs­chefs und Staats­ober­häup­ter aus poly­ne­si­schen Län­dern emp­fan­gen habe. Und einer von ihnen sag­te: „Unser Land denkt dar­über nach, Land in Samoa zu kau­fen, denn in 25 Jah­ren könn­te es uns nicht mehr geben, weil das Meer so stark ansteigt.“ Wir sind uns des­sen nicht bewußt, aber es gibt ein spa­ni­sches Sprich­wort, das uns zu den­ken geben soll­te: Gott ver­gibt immer. Sei­en Sie ver­si­chert, daß Gott immer ver­gibt und wir Men­schen von Zeit zu Zeit ver­ge­ben. Aber die Natur ver­zeiht nie. Das for­der­te sei­nen Tri­but. Du nutzt die Natur, und sie kommt zu dir zurück.
Eine über­hitz­te Welt ent­fernt uns auch vom Auf­bau einer gerech­ten und geschwi­ster­li­chen Gesell­schaft. Es gibt die Kri­se, die Pan­de­mie und das berühm­te Covid. Als ich Stu­dent war, haben die Coro­na-Viren vor allem eine Erkäl­tung ver­ur­sacht. Doch dann mutier­ten sie und es geschah, was gesche­hen ist. Die Muta­ti­on von Viren ist sehr inter­es­sant, denn wir ste­hen nicht nur vor einer Virus­kri­se, son­dern auch vor einer glo­ba­len Kri­se. Einer glo­ba­len Kri­se in unse­rer Bezie­hung zum Uni­ver­sum. Wir leben nicht in Har­mo­nie mit der Schöp­fung, mit dem Uni­ver­sum. Und wir ohr­fei­gen sie stän­dig. Wir miß­brau­chen unse­re Kräf­te. Es gibt Men­schen, die sich nicht vor­stel­len kön­nen, in wel­cher Gefahr sich die Mensch­heit heu­te durch die­se Über­hit­zung und das Zer­tram­peln der Natur befin­det.
Ich möch­te Ihnen eine per­sön­li­che Erfah­rung schil­dern: 2007 war ich in der Redak­ti­ons­grup­pe des Apa­re­ci­da-Doku­ments, und damals gab es Vor­schlä­ge von Bra­si­lia­nern, die sich für den Schutz der Natur ein­setz­ten. „Aber die­se Bra­si­lia­ner, was geht in ihren Köp­fen vor?“, frag­te ich mich damals, ich ver­stand das alles nicht. Aber nach und nach wach­te ich auf, und da spür­te ich den Drang, etwas zu schrei­ben. Als ich Jah­re spä­ter nach Straß­burg rei­ste, schick­te Staats­prä­si­dent Fran­çois Hol­lan­de sei­ne dama­li­ge Umwelt­mi­ni­ste­rin Ségolè­ne Roya­le, um mich zu emp­fan­gen. Irgend­wann frag­te sie mich: „Stimmt es, daß Sie etwas über die Umwelt schrei­ben?“ Als ich ja sag­te, bat sie mich: „Bit­te, ver­öf­fent­li­chen Sie es vor der Pari­ser Kon­fe­renz“ [UNO-Kli­ma­kon­fe­renz 2015]. Also traf ich mich wie­der mit den Wis­sen­schaft­lern, die mir einen Ent­wurf gaben, dann traf ich mich mit den Theo­lo­gen, die mir einen wei­te­ren Ent­wurf gaben, und so ent­stand Lau­da­to si’. Es war not­wen­dig, um das Bewußt­sein zu schaf­fen, daß wir der Natur ins Gesicht schla­gen. Und die Natur wird ihren Tri­but for­dern. Das hat sei­nen Preis.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): In der Enzy­kli­ka Lau­da­to si’ war­nen Sie davor, daß oft von Öko­lo­gie gespro­chen wird, aber los­ge­löst von den sozia­len und ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Bedin­gun­gen. Wie wür­den die­se neu­en Regeln in wirt­schaft­li­cher, sozia­ler und poli­ti­scher Hin­sicht aus­se­hen, inmit­ten des­sen, was Sie als Zivi­li­sa­ti­ons­kri­se bezeich­net haben, und mit einer Erde, die außer­dem sagt „Ich kann nicht mehr geben“?

Fran­zis­kus: Es ist alles ver­eint, es ist har­mo­nisch. Man kann sich den Men­schen nicht ohne die Natur vor­stel­len, und man kann sich die Natur nicht ohne den Men­schen vor­stel­len. Es ist wie in der Gene­sis: „Seid frucht­bar, meh­ret euch und macht euch die Erde unter­tan“. Unter­tan machen bedeu­tet, mit der Erde in Ein­klang zu tre­ten, um sie frucht­bar zu machen. Und wir haben die­se Beru­fung. Es gibt einen Aus­druck der Urein­woh­ner des Ama­zo­nas, den ich lie­be: „gut leben“. Sie haben die­se Phi­lo­so­phie des guten Lebens, die nichts mit unse­rem por­te­ño [Spra­che der Ein­woh­ner von Bue­nos Aires] ‚Spaß haben‘ oder dem ita­lie­ni­schen ‚dol­ce vita‘ zu tun hat. Für sie geht es dar­um, im Ein­klang mit der Natur zu leben. Was wir brau­chen, ist eine inne­re Ent­schei­dung der Men­schen und Län­der. Eine Bekeh­rung, wür­den wir sagen. Als mir gesagt wur­de, daß Lau­da­to si’ eine schö­ne Umwelt­en­zy­kli­ka sei, habe ich geant­wor­tet, daß sie das nicht sei, son­dern „eine Sozial­en­zy­kli­ka“. Denn wir kön­nen das Sozia­le nicht vom Öko­lo­gi­schen tren­nen. Das Leben von Män­nern und Frau­en ent­wickelt sich in einem bestimm­ten Umfeld.
Das erin­nert mich an ein spa­ni­sches Sprich­wort, ich hof­fe, es ist nicht zu sehr guar­an­go [fle­gel­haft], das besagt: „Wer in den Him­mel spuckt, dem fällt es auf den Kopf“. Mit der Miß­hand­lung der Natur ver­hält es sich ähn­lich. Die Natur for­dert ihren Tri­but. Ich wie­der­ho­le: Die Natur ver­zeiht nie, aber nicht, weil sie rach­süch­tig ist, son­dern weil wir Dege­ne­ra­ti­ons­pro­zes­se in Gang set­zen, die nicht mit unse­rem Wesen über­ein­stim­men. Vor ein paar Jah­ren war ich ent­setzt, als ich das Foto eines Schif­fes sah, das zum ersten Mal den Nord­pol pas­siert hat­te. Der schiff­ba­re Nord­pol! Was bedeu­tet das? Daß das Eis auf­grund der Erwär­mung auf­bricht, sich auf­löst. Wenn wir so etwas sehen, müs­sen wir dem Ein­halt gebie­ten. Und es sind die jun­gen Leu­te, die das am mei­sten mer­ken. Wir Erwach­se­nen sind nicht dar­an gewöhnt, wir sagen ‚das ist nicht schlimm‘ oder wir ver­ste­hen es ein­fach nicht.

Junge Menschen, Politik und Haßreden

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Jun­ge Men­schen schei­nen, wie Sie sagen, ein grö­ße­res öko­lo­gi­sches Bewußt­sein zu haben, aber es scheint oft seg­men­tiert zu sein. Heu­te gibt es weni­ger poli­ti­sches Enga­ge­ment, und selbst bei den Wah­len ist die Betei­li­gung der unter 35jährigen sehr gering. Was wür­den Sie die­sen jun­gen Men­schen sagen? Wie kön­nen Sie dazu bei­tra­gen, ihnen wie­der Hoff­nung zu geben?

Fran­zis­kus: Sie haben hier einen schwie­ri­gen Punkt ange­spro­chen, näm­lich das poli­ti­sche Des­in­ter­es­se jun­ger Men­schen: War­um enga­gie­ren sie sich nicht in der Poli­tik, war­um spie­len sie nicht mit? Weil sie ent­mu­tigt sind. Sie haben – ich sage nicht alle, um Him­mels wil­len – Situa­tio­nen von mafiö­sen Geschäf­ten und Kor­rup­ti­on erlebt. Wenn die jun­gen Leu­te eines Lan­des sehen, daß man „sogar ihre Mut­ter ver­kau­fen“ kann, um ein Geschäft zu machen, dann sinkt die poli­ti­sche Kul­tur. Und des­halb wol­len sie sich auch nicht in die Poli­tik ein­mi­schen. Doch wir brau­chen sie, denn sie sind die­je­ni­gen, die die Ret­tung der welt­wei­ten Poli­tik vor­schla­gen müs­sen. Und war­um Ret­tung? Denn wenn wir unse­re Hal­tung gegen­über der Umwelt nicht ändern, wer­den wir alle unter­ge­hen. Aber wir brau­chen sie, weil sie es sind, die die Ret­tung der uni­ver­sel­len Poli­tik vor­schla­gen müs­sen. Und war­um die Ret­tung? Denn wenn wir unse­re Hal­tung gegen­über der Umwelt nicht ändern, wer­den wir alle unter­ge­hen. Im Dezem­ber hat­ten wir ein wis­sen­schaft­lich-theo­lo­gi­sches Tref­fen zu die­ser Umwelt­si­tua­ti­on. Und ich erin­ne­re mich, daß der Direk­tor der Ita­lie­ni­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten sag­te: „Wenn sich das nicht ändert, wird mei­ne Enke­lin, die gestern gebo­ren wur­de, in 30 Jah­ren in einer unbe­wohn­ba­ren Welt leben müs­sen“. Des­halb sage ich den jun­gen Men­schen, daß es nicht nur dar­um geht, zu pro­te­stie­ren, son­dern daß sie auch Wege fin­den müs­sen, die Pro­zes­se in die Hand zu neh­men, die uns hel­fen wer­den zu über­le­ben.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Glau­ben Sie, daß ein Teil der Fru­stra­ti­on eini­ger jun­ger Men­schen dazu führt, daß sie sich von Haß­re­den und extre­men poli­ti­schen Optio­nen ver­füh­ren las­sen?

Fran­zis­kus: Der Pro­zeß eines Lan­des, der Pro­zeß der sozia­len, wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ent­wick­lung, bedarf einer stän­di­gen Neu­be­wer­tung und einer stän­di­gen Kon­fron­ta­ti­on mit ande­ren. Die poli­ti­sche Welt ist die­ser Kampf der Ideen, der Posi­tio­nen, der uns läu­tert und uns gemein­sam vor­an­bringt. Die jun­gen Men­schen müs­sen die­se Wis­sen­schaft der Poli­tik, des Zusam­men­le­bens, aber auch des poli­ti­schen Kamp­fes ler­nen, der uns vom Ego­is­mus rei­nigt und uns vor­an­bringt. Es ist wich­tig, jun­gen Men­schen bei die­sem gesell­schafts­po­li­ti­schen Enga­ge­ment zu hel­fen und nicht „einen Brief­ka­sten zu ver­kau­fen“. Aber ich glau­be, daß die jun­gen Leu­te heu­te klü­ger sind. Zu mei­ner Zeit hat man uns nicht ‚einen Brief­ka­sten ver­kauft‘, son­dern gleich das Haupt­post­amt. Heu­te sind sie viel wacher und leben­di­ger. Ich habe gro­ßes Ver­trau­en in jun­ge Men­schen. „Ja, aber sie kom­men nicht zur Mes­se“, sagt mir ein Prie­ster. Ich ant­wor­te, daß wir ihnen hel­fen müs­sen, zu wach­sen und sie beglei­ten müs­sen. Dann wird Gott zu jedem ein­zel­nen von ihnen spre­chen. Aber wir müs­sen sie wach­sen las­sen. Wenn jun­ge Men­schen nicht die Prot­ago­ni­sten der Geschich­te sind, sind wir erle­digt. Denn sie sind die Gegen­wart und die Zukunft.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Vor ein paar Tagen haben Sie über die Bedeu­tung des Dia­logs zwi­schen den Genera­tio­nen gespro­chen.

Fran­zis­kus: In die­sem Zusam­men­hang möch­te ich etwas sagen, was ich immer wie­der ger­ne beto­ne: Wir müs­sen den Dia­log zwi­schen jung und alt wie­der auf­neh­men. Die Jun­gen müs­sen sich mit ihren Wur­zeln aus­ein­an­der­set­zen, und die Alten müs­sen sich bewußt sein, daß sie ein Erbe hin­ter­las­sen. Der jun­ge Mensch, der sei­nem Groß­va­ter oder sei­ner Groß­mutter begeg­net, erhält einen Saft, emp­fängt Din­ge und trägt sie wei­ter. Und der alte Mann, wenn er sei­nen Enkel oder sei­ne Enke­lin trifft, hat Hoff­nung. Es gibt eine sehr schö­ne Zei­le von Bernár­dez, ich weiß nicht, in wel­chem Gedicht, die lau­tet: „Was der Baum an Blu­men hat, kommt von dem, was er vom Boden hat“. Da steht nicht: „Die Blu­men kom­men von dort unten“. Nein, die Blu­men sind oben. Aber die­ser Dia­log von oben nach unten, der von den Wur­zeln aus­geht und wei­ter­ge­führt wird, ist die wah­re Bedeu­tung der Tra­di­ti­on. Mir ist auch ein Zitat des Kom­po­ni­sten Gustav Mah­ler auf­ge­fal­len: „Tra­di­ti­on ist die Garan­tie für die Zukunft“. Es han­delt sich nicht um ein Muse­ums­stück. Es ist das, was dir Leben gibt, solan­ge es dich wach­sen läßt. Alles ande­re wäre ein Rück­schritt und damit ein unge­sun­der Kon­ser­va­tis­mus. „Weil das schon immer so gemacht wur­de, wage ich kei­nen Schritt nach vor­ne“, so die Begrün­dung. Viel­leicht bedarf dies einer wei­te­ren Erklä­rung, aber ich gehe auf den Kern des Dia­logs der Jun­gen mit den Alten ein, denn dar­in liegt die wah­re Bedeu­tung der Tra­di­ti­on. Es ist kein Tra­di­tio­na­lis­mus. Es ist die Tra­di­ti­on, die uns wach­sen läßt, sie ist die Garan­tie für die Zukunft.

Die Übel der Zeit

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Fran­zis­kus, Sie beschrei­ben oft drei Übel der Zeit: Nar­ziß­mus, Ent­mu­ti­gung und Pes­si­mis­mus. Wie kann man sie bekämpfen?

Fran­zis­kus: Die drei von Ihnen genann­ten Din­ge – Nar­ziß­mus, Ent­mu­ti­gung und Pes­si­mis­mus – sind Teil der soge­nann­ten Spie­gel­psy­cho­lo­gie. Nar­ziß schau­te natür­lich in den Spie­gel. Und die­ser Blick auf sich selbst ist kein Blick nach vor­ne, er ist ein Blick zurück und ein stän­di­ges Lecken der eige­nen Wun­de. Dabei ist es in Wirk­lich­keit die Phi­lo­so­phie des Anders­seins, die uns wach­sen läßt. Wenn es im Leben kei­ne Kon­fron­ta­ti­on gibt, kann man nicht wach­sen. Die drei von Ihnen genann­ten Din­ge sind die des Spie­gels: Ich schaue ihn an, um mich selbst zu betrach­ten und mich zu beschwe­ren. Ich erin­ne­re mich an eine Ordens­frau, die sich stän­dig beschwer­te, und im Klo­ster nann­te man sie ‚Schwe­ster Beschwer­de‘. Nun, es gibt Leu­te, die sich stän­dig über die Übel der Zeit bekla­gen. Aber es gibt etwas, das gegen die­sen Nar­ziß­mus, die Ent­mu­ti­gung und den Pes­si­mis­mus sehr hilft: Sinn für Humor. Es ist das, was uns mensch­li­cher macht. Es gibt ein wun­der­schö­nes Gebet des hei­li­gen Tho­mas Morus, das ich seit mehr als 40 Jah­ren jeden Tag bete und das mit der Bit­te beginnt: „Gib mir, Herr, eine gute Ver­dau­ung und auch etwas zum Ver­dau­en. Gib mir einen Sinn für Humor, damit ich einen Witz zu schät­zen weiß [„Gib mir, o Herr, einen Sinn für Humor, gib mir die Gna­de, einen Witz zu ver­ste­hen“, Anm. Télam] Sinn für Humor rela­ti­viert vie­les und tut gut. Es wider­spricht die­sem Geist des Pes­si­mis­mus, des „Jam­merns“. Es war Nar­ziß, nicht wahr? Zurück zum Spie­gel. Typi­scher Narzißmus.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Schon 2014 haben Sie behaup­tet, die Welt ste­he vor einem Drit­ten Welt­krieg, und heu­te bestä­tigt die Rea­li­tät Ihre Vor­her­sa­ge. Ist der Man­gel an Dia­log und Zuhö­ren ein ver­schär­fen­der Fak­tor in der der­zei­ti­gen Situation?

Fran­zis­kus: Der Aus­druck, den ich damals ver­wen­de­te, war ‚Welt­krieg in Stücken‘. Was in der Ukrai­ne geschieht, erle­ben wir haut­nah mit, und des­halb sind wir besorgt, aber den­ken Sie an Ruan­da vor 25 Jah­ren, an Syri­en vor 10 Jah­ren, an den Liba­non mit sei­nen inter­nen Kämp­fen oder an Myan­mar heu­te. Was wir hier sehen, geschieht schon seit lan­gem. Ein Krieg ist lei­der eine Grau­sam­keit pro Tag. Im Krieg tanzt man nicht das Menu­ett, man tötet. Und es gibt eine gan­ze Struk­tur von Waf­fen­ver­käu­fen, die dies begün­stigt. Jemand, der sich mit Sta­ti­sti­ken aus­kennt, hat mir gesagt – ich erin­ne­re mich nicht an die Zah­len –, daß es kei­nen Hun­ger mehr in der Welt gäbe, wenn ein Jahr lang kei­ne Waf­fen her­ge­stellt wür­den. Ich den­ke, es ist an der Zeit, das Kon­zept des „gerech­ten Krie­ges“ zu über­den­ken. Es kann einen gerech­ten Krieg geben, es gibt das Recht, sich zu ver­tei­di­gen, aber die Art und Wei­se, wie der Begriff heu­te ver­wen­det wird, muß über­dacht wer­den. Ich habe erklärt, daß der Ein­satz und der Besitz von Atom­waf­fen unmo­ra­lisch ist. Die Din­ge mit einem Krieg zu lösen, bedeu­tet, die Fähig­keit des Men­schen zum Dia­log, zum Kon­struk­ti­ven, zu ver­leug­nen. Die­se Fähig­keit zum Dia­log ist sehr wich­tig. Ich ver­las­se den Krieg und gehe zum all­ge­mei­nen Ver­hal­ten über. Schau­en Sie, wenn Sie sich mit jeman­dem unter­hal­ten und bevor Sie fer­tig sind, wer­den Sie unter­bro­chen und wird Ihnen erwi­dert. Wir wis­sen nicht, wie wir uns gegen­sei­tig zuhö­ren sol­len. Wir erlau­ben dem ande­ren nicht, sei­ne eige­ne Mei­nung zu sagen. Wir müs­sen zuhö­ren. Hört zu, was er sagt, emp­fangt. Wir erklä­ren den Krieg vor­her, das heißt, wir bre­chen den Dia­log ab. Denn Krieg ist im wesent­li­chen ein Man­gel an Dia­log.
Als ich 2014 anläß­lich des hun­dert­sten Jah­res­ta­ges des Krie­ges von 1914 nach Redi­puglia fuhr, sah ich auf dem Fried­hof das Alter der Toten und wein­te. Ich habe an die­sem Tag geweint. Am 2. Novem­ber, eini­ge Jah­re spä­ter, besuch­te ich den Fried­hof von Anzio, und als ich das Alter der toten Jun­gen sah, wein­te ich auch. Ich schä­me mich nicht, das zu sagen. Wel­che Grau­sam­keit. Und als der Jah­res­tag der Lan­dung in der Nor­man­die began­gen wur­de, dach­te ich an die 30.000 Jun­gen, die leb­los am Strand zurück­ge­las­sen wur­den. Sie öff­ne­ten die Boo­te und erhiel­ten den Befehl: „Run­ter, run­ter“, wäh­rend die Nazis auf sie war­te­ten. Ist das gerecht­fer­tigt? Ein Besuch auf den Sol­da­ten­fried­hö­fen in Euro­pa hilft, dies zu erkennen.

Die Krise der Institutionen

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Ver­sa­gen die mul­ti­la­te­ra­len Orga­ni­sa­tio­nen ange­sichts die­ser Krie­ge? Ist es mög­lich, durch sie Frie­den zu errei­chen? Ist es mach­bar, gemein­sa­me Lösun­gen zu suchen?

Fran­zis­kus: Nach dem Zwei­ten Welt­krieg gab es viel Hoff­nung in die Ver­ein­ten Natio­nen. Ich möch­te nie­man­den belei­di­gen, ich weiß, daß dort sehr gute Leu­te arbei­ten, aber im Moment haben sie kei­ne Macht, sich durch­zu­set­zen. Sie hel­fen, Krie­ge zu ver­mei­den, und ich den­ke dabei an Zypern, wo argen­ti­ni­sche Trup­pen sta­tio­niert sind. Aber um einen Krieg zu been­den, um eine Kon­flikt­si­tua­ti­on zu lösen, wie wir sie heu­te in Euro­pa oder in ande­ren Tei­len der Welt erle­ben, hat die UNO kei­ne Macht. Nichts für ungut. Es ist so, daß die Ver­fas­sung, die sie hat, ihr kei­ne Macht gibt.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Haben sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se in der Welt geän­dert und hat sich das Gewicht eini­ger Insti­tu­tio­nen verändert?

Fran­zis­kus: Das ist eine Fra­ge, die ich nicht zu sehr ver­all­ge­mei­nern möch­te. Ich möch­te es so aus­drücken: Es gibt eini­ge ver­dien­te Insti­tu­tio­nen, die sich in einer Kri­se oder, schlim­mer noch, in einem Kon­flikt befin­den. Jene, die sich in einer Kri­se befin­den, geben mir Hoff­nung auf mög­li­che Fort­schrit­te. Jene, die sich in einem Kon­flikt befin­den, sind damit beschäf­tigt, Lösun­gen für inter­ne Pro­ble­me zu fin­den. Im Moment sind Mut und Krea­ti­vi­tät gefragt. Ohne die­se bei­den Din­ge wer­den wir kei­ne inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen haben, die uns hel­fen kön­nen, die­se sehr ern­sten Kon­flik­te, die­se töd­li­chen Situa­tio­nen zu überwinden.

Zeit, Bilanz zu ziehen

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Im Jahr 2023 wer­den 10 Jah­re seit Ihrer Wahl in den Vati­kan ver­gan­gen sein, ein idea­les Jubi­lä­um, um Bilanz zu zie­hen. Konn­ten Sie alle Ihre Zie­le errei­chen? Wel­che Pro­jek­te ste­hen noch aus?

Fran­zis­kus: Die Din­ge, die ich getan habe, habe ich nicht erfun­den oder mir nach einer Nacht mit Ver­dau­ungs­stö­run­gen aus­ge­dacht. Ich habe alles gesam­melt, was die Kar­di­nä­le bei den Tref­fen vor dem Kon­kla­ve gesagt haben, was der näch­ste Papst tun soll­te. Dann wur­de gesagt, was geän­dert wer­den muß, wel­che Punk­te ange­fasst wer­den müs­sen. Was ich in Gang gesetzt habe, war das, wor­um man mich gebe­ten hat. Ich glau­be nicht, daß es etwas Ori­gi­nel­les war, was ich getan habe, son­dern eher, daß ich das umge­setzt habe, was von uns allen gewünscht wur­de. So mün­de­te die Kuri­en­re­form in der neu­en Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on Pra­e­di­ca­te Evan­ge­li­um, mit der wir nach acht­ein­halb Jah­ren Arbeit und Kon­sul­ta­tio­nen die von den Kar­di­nä­len gefor­der­ten und bereits in die Pra­xis umge­setz­ten Ände­run­gen umset­zen konn­ten. Heu­te gibt es eine mis­sio­na­ri­sche Erfah­rung. Pra­e­di­ca­te Evan­ge­li­um, das heißt: „Seid mis­sio­na­risch“, pre­digt das Wort Got­tes. Mit ande­ren Wor­ten: Das Wich­tig­ste ist, raus­zu­ge­hen.
Kuri­os: Bei die­sen Tref­fen sag­te ein Kar­di­nal, daß Jesus im Text der Apo­ka­lyp­se sagt: „Ich ste­he vor der Tür und klop­fe an. Wenn mir jemand öff­net, wer­de ich ein­tre­ten“. Dann sag­te er: „Jesus klopft immer wie­der an, aber damit wir ihn raus­las­sen, weil wir ihn gefan­gen­hal­ten“. Dar­um wur­de bei die­sen Kar­di­nal­s­ver­samm­lun­gen gebe­ten. Und als ich gewählt wur­de, habe ich das in Gang gesetzt. Eini­ge Mona­te spä­ter fan­den erste Kon­sul­ta­tio­nen statt, bis die neue Ver­fas­sung fer­tig gestellt war. Und in der Zwi­schen­zeit wur­den Ände­run­gen vor­ge­nom­men. Mit ande­ren Wor­ten: Das sind nicht mei­ne Ideen. Damit das klar ist. Es sind die Ideen des gesam­ten Kar­di­nals­kol­le­gi­ums, das dies gefor­dert hat.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Aber es gibt ihre Prä­gung, eine Prä­gung durch die latein­ame­ri­ka­ni­sche Kirche?

Fran­zis­kus: Ja, die gibt es.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Wie hat die­se Per­spek­ti­ve die Ver­än­de­run­gen ermög­licht, die wir heu­te erleben?

Fran­zis­kus: Die latein­ame­ri­ka­ni­sche Kir­che hat eine lan­ge Geschich­te der Volks­nä­he. Wenn wir die Bischofs­kon­fe­ren­zen betrach­ten – die erste in Medel­lín, dann in Pue­bla, San­to Dom­in­go und Apa­re­ci­da –, so stand sie immer im Dia­log mit dem Volk Got­tes. Und das hat sehr gehol­fen. Sie ist eine Volks­kir­che, im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes. Es han­delt sich um eine Kir­che des Vol­kes Got­tes, die dena­tu­riert wur­de, als das Volk sich nicht mehr äußern durf­te, und schließ­lich zu einer Kir­che der Vor­ar­bei­ter wur­de, in der die Seel­sor­ger das Sagen hat­ten. Das Volk drück­te sich aber immer reli­giö­ser aus und wur­de schließ­lich zum Prot­ago­ni­sten sei­ner Geschich­te.
Es gibt einen argen­ti­ni­schen Phi­lo­so­phen, Rodol­fo Kusch, der am besten erfaßt hat, was ein Volk ist. Da ich weiß, daß man mich hören wird, emp­feh­le ich die Lek­tü­re von Kusch. Er ist einer der gro­ßen argen­ti­ni­schen Den­ker und hat Bücher über die Phi­lo­so­phie des Vol­kes geschrie­ben. Zum Teil hat die latein­ame­ri­ka­ni­sche Kir­che die­se Erfah­rung gemacht, auch wenn es Ver­su­che der Ideo­lo­gi­sie­rung gab, wie etwa das Instru­ment der mar­xi­sti­schen Ana­ly­se der Wirk­lich­keit für die Befrei­ungs­theo­lo­gie. Es war eine ideo­lo­gi­sche Instru­men­ta­li­sie­rung, ein Weg der Befrei­ung – sagen wir es mal so – der latein­ame­ri­ka­ni­schen Volks­kir­che. Aber die Völ­ker sind eine Sache, der Popu­lis­mus ist eine andere.

Die Lehre der Peripherie

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Wor­in besteht der Unter­schied zwi­schen den beiden?

Fran­zis­kus: In Euro­pa muß ich das immer wie­der sagen. Dort haben sie eine sehr trau­ri­ge Erfah­rung mit dem Popu­lis­mus gemacht. Es gibt ein Buch, das gera­de erschie­nen ist, „Syn­drom 1933“, das zeigt, wie sich Hit­lers Popu­lis­mus ent­wickel­te. Des­halb sage ich ger­ne: Ver­wech­seln wir nicht Popu­lis­mus mit Popu­la­ris­mus. Volks­tüm­lich­keit bedeu­tet, daß das Volk sei­ne eige­nen Ange­le­gen­hei­ten regelt, sei­ne Wün­sche im Dia­log äußert und sou­ve­rän ist. Popu­lis­mus hin­ge­gen ist eine Ideo­lo­gie, die die Leu­te zusam­men­klebt und ver­sucht, sie in eine Rich­tung zu len­ken. Und wenn man hier mit ihnen über Faschis­mus und Nazis­mus spricht, ver­ste­hen sie, was Popu­lis­mus ist. Die latein­ame­ri­ka­ni­sche Kir­che weist in eini­gen Fäl­len Aspek­te der ideo­lo­gi­schen Unter­wer­fung auf. Es hat sie gege­ben und wird sie auch wei­ter­hin geben, denn das ist eine mensch­li­che Ein­schrän­kung. Aber es ist eine Kir­che, die ihre Volks­fröm­mig­keit immer bes­ser zum Aus­druck brin­gen konn­te und kann, zum Bei­spiel ihre Reli­gio­si­tät und ihre volks­tüm­li­che Orga­ni­sa­ti­on.
Wenn Sie fest­stel­len, daß die Misa­chi­cos (Misa­chi­cos sind klei­ne Pro­zes­sio­nen, die von Fami­li­en oder Grup­pen orga­ni­siert wer­den, die das Bild eines Hei­li­gen tra­gen, typisch für den Nord­we­sten Argen­ti­ni­ens, Anm. Télam) aus 3.000 Metern Höhe her­un­ter­kom­men, dann gibt es dort eine reli­giö­se Ein­heit, die kein Aber­glau­be ist, weil sie sich mit ihr iden­ti­fi­zie­ren. Die latein­ame­ri­ka­ni­sche Kir­che ist in die­sem Bereich stark gewach­sen. Und es ist auch eine Kir­che, die es ver­stan­den hat, die Rän­der zu pfle­gen, weil man die wah­re Wirk­lich­keit von dort aus sieht.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): War­um kommt der wah­re Wan­del von den Rändern?

Fran­zis­kus: Ich war beein­druckt von einem Vor­trag der inzwi­schen ver­stor­be­nen Phi­lo­so­phin Ame­lia Podet­ti, in dem sie sag­te: „Euro­pa sah das Uni­ver­sum, als Magel­lan den Süden erreich­te“. Mit ande­ren Wor­ten: Es ver­stand sich selbst von der grö­ße­ren Peri­phe­rie aus. Die Peri­phe­rie läßt uns das Zen­trum ver­ste­hen. Man kann zustim­men oder nicht, aber wenn man wis­sen will, was ein Volk fühlt, muß man sich an die Rän­der bege­ben. Die exi­sten­zi­el­len Rän­der, nicht nur die sozia­len.
Gehen Sie zu den Rent­nern, zu den Kin­dern, gehen Sie in die Vier­tel, in die Fabri­ken, in die Uni­ver­si­tä­ten, gehen Sie dort­hin, wo sich der All­tag abspielt. Und dort zei­gen sich die Men­schen. Die Orte, an denen sich die Men­schen frei­er aus­drücken kön­nen. Das ist für mich der Schlüs­sel. Eine Poli­tik aus dem Volk, die kein Popu­lis­mus ist. Respekt vor den Wer­ten der Men­schen, Respekt vor dem Rhyth­mus und dem Reich­tum eines Volkes.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat Latein­ame­ri­ka begon­nen, durch den Auf­bau volks­na­her und inte­gra­ti­ver Pro­jek­te Alter­na­ti­ven zum Neo­li­be­ra­lis­mus auf­zu­zei­gen. Wie sehen Sie Latein­ame­ri­ka als Region?

Fran­zis­kus: Latein­ame­ri­ka befin­det sich noch immer auf dem lang­sa­men Weg des Kamp­fes, des Traums von San Mar­tín und Bolí­var von der Ein­heit der Regi­on. Es war immer ein Opfer des aus­beu­te­ri­schen Impe­ria­lis­mus und wird es auch blei­ben, solan­ge es sich nicht befrei­en wird. Das gilt für alle Län­der. Ich möch­te sie nicht erwäh­nen, weil sie so offen­sicht­lich sind, daß jeder sie sieht. Der Traum von San Mar­tín und Bolí­var ist eine Pro­phe­zei­ung, die Begeg­nung aller latein­ame­ri­ka­ni­schen Völ­ker mit der Sou­ve­rä­ni­tät, jen­seits von Ideo­lo­gien. Dar­auf müs­sen wir hin­ar­bei­ten, um die Ein­heit Latein­ame­ri­kas zu errei­chen. Wo jedes Volk das Gefühl hat, daß es sei­ne eige­ne Iden­ti­tät hat und gleich­zei­tig die Iden­ti­tät des ande­ren braucht. Das ist nicht einfach.

„Die wahre Realität sieht man von den Rändern aus“

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Sie zei­gen einen Weg auf, der auf bestimm­ten poli­ti­schen Prin­zi­pi­en beruht.

Fran­zis­kus: Es gibt vier poli­ti­sche Grund­sät­ze, die mir hel­fen, nicht nur dabei, son­dern auch bei der Lösung von Pro­ble­men in der Kir­che. Vier Prin­zi­pi­en, die phi­lo­so­phisch, poli­tisch oder sozi­al sind, was immer Sie wol­len. Ich wer­de sie erwähnen:

  • „Die Wirk­lich­keit kommt vor der Idee“, mit ande­ren Wor­ten, wenn man sich dem Idea­lis­mus ver­schreibt, ver­liert man; es ist die Wirk­lich­keit, die die Rea­li­tät berührt.
  • „Das Gan­ze kommt vor dem Teil“, d. h. immer die Ein­heit des Gan­zen anstreben.
  • „Ein­heit ist bes­ser als Kon­flikt“, mit ande­ren Wor­ten: Wenn man den Kon­flikt begün­stigt, scha­det man der Einheit.
  • „Die Zeit kommt vor dem Raum“, wobei zu beach­ten ist, daß der Impe­ria­lis­mus immer ver­sucht, den Raum zu beset­zen, wäh­rend die Grö­ße der Völ­ker dar­in besteht, Pro­zes­se in Gang zu setzen.

Die­se vier Grund­sät­ze haben mir immer gehol­fen, ein Land, eine Kul­tur oder die Kir­che zu ver­ste­hen. Es sind mensch­li­che Prin­zi­pi­en, Prin­zi­pi­en der Inte­gra­ti­on. Und es gibt noch ande­re Prin­zi­pi­en, die eher ideo­lo­gi­scher Natur sind, näm­lich die der Des­in­te­gra­ti­on. Aber das Nach­den­ken über die­se vier Grund­sät­ze ist sehr hilfreich.

Medienmanipulation

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Sie sind viel­leicht die wich­tig­ste Stim­me der Welt, wenn es um sozia­le und poli­ti­sche Füh­rer­schaft geht. Haben Sie manch­mal das Gefühl, daß Sie mit Ihrer dis­so­nan­ten Stim­me die Mög­lich­keit haben, vie­le Din­ge zu verändern?

Fran­zis­kus: Daß sie dis­so­nant ist, habe ich manch­mal gespürt. Ich glau­be, daß sich mei­ne Stim­me ändern kann, aber ich glau­be nicht zu sehr dar­an, weil es einem weh­tun kann. Ich sage das, was ich füh­le, vor Gott, vor den ande­ren, mit Ehr­lich­keit und mit dem Wunsch zu die­nen. Ich mache mir nicht so vie­le Gedan­ken dar­über, ob sich dadurch etwas ändern wird oder nicht. Mir geht es mehr dar­um, Din­ge zu sagen und ihnen zu hel­fen, sich sel­ber zu ändern. Ich glau­be, daß es in der Welt und ins­be­son­de­re in Latein­ame­ri­ka eine gro­ße Kraft gibt, die Din­ge mit die­sen vier Prin­zi­pi­en, die ich gera­de genannt habe, zu ver­än­dern.
Und es stimmt, daß, wenn ich spre­che, alle sagen: „Der Papst hat gespro­chen und dies gesagt“. Aber es ist auch wahr, daß sie einen Satz aus dem Zusam­men­hang rei­ßen und dich dazu brin­gen, etwas zu sagen, was du nicht gemeint hast. Mit ande­ren Wor­ten: Man muß sehr vor­sich­tig sein. Im Zusam­men­hang mit dem Krieg gab es zum Bei­spiel einen gan­zen Streit über eine Aus­sa­ge, die ich in einer Jesui­ten­zeit­schrift gemacht hat­te: Ich sag­te: „Es gibt hier kei­ne Guten und kei­ne Bösen“, und ich erklär­te, war­um. Aber sie nah­men nur die­se Aus­sa­ge und sag­ten: „Der Papst ver­ur­teilt Putin nicht!“ In Wirk­lich­keit ist der Kriegs­zu­stand etwas viel All­ge­mein­gül­ti­ge­res, Ern­ste­res, und es gibt hier kei­ne Guten und Bösen. Wir sind alle betrof­fen, und das müs­sen wir lernen.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Die Welt ist immer unglei­cher gewor­den, und das spie­gelt sich auch in den Medi­en wider, die durch die Kon­zen­tra­ti­on der Unter­neh­men, die digi­ta­len Platt­for­men und die sozia­len Netz­wer­ke immer mehr Macht in der Pro­duk­ti­on von Dis­kur­sen gewin­nen. Wel­che Rol­le soll­ten Ihrer Mei­nung nach die Medi­en in die­sem Zusam­men­hang spielen?

Fran­zis­kus: Ich ver­tre­te den Grund­satz „Die Rea­li­tät kommt vor der Idee“. Ich erin­ne­re mich an ein Buch des Phi­lo­so­phen Simo­ne Paga­ni­ni, Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Aachen, in dem er über Kom­mu­ni­ka­ti­on und die Span­nun­gen spricht, die zwi­schen dem Autor eines Buches, dem Leser und der Kraft des Buches selbst bestehen. Er argu­men­tiert, daß sowohl bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on als auch bei der Lek­tü­re des Buches eine Span­nung ent­steht. Und das ist der Schlüs­sel zur Kom­mu­ni­ka­ti­on. Denn in gewis­ser Wei­se muß die Kom­mu­ni­ka­ti­on in eine Bezie­hung gesun­der Span­nung ein­tre­ten, die den ande­ren zum Nach­den­ken anregt und ihn zu einer Ant­wort ver­an­laßt. Wenn dies nicht der Fall ist, han­delt es sich nur um Infor­ma­ti­on.
Die mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on – und er spricht von Jour­na­li­sten, Kom­mu­ni­ka­to­ren, was auch immer – muß in die Dyna­mik die­ser Span­nung ein­be­zo­gen wer­den. Wir müs­sen uns bewußt sein, daß Kom­mu­ni­ka­ti­on bedeu­tet, sich zu enga­gie­ren. Und wir müs­sen uns sehr bewußt sein, daß wir uns gut ein­brin­gen müs­sen. Zum Bei­spiel gibt es die Objek­ti­vi­tät. Ich kom­mu­ni­zie­re etwas und sage: „Das ist pas­siert, ich den­ke das“. Das ist mein Ein­satz, und ich bin offen für die Ant­wort mei­nes Gegen­übers. Wenn ich aber mit­tei­le, was pas­siert ist, indem ich es beschnei­de, ohne zu sagen, daß ich es beschnei­de, bin ich unehr­lich, weil ich kei­ne Wahr­heit mit­tei­le. Man kann eine Wahr­heit nicht objek­tiv kom­mu­ni­zie­ren, denn wenn ich sie kom­mu­ni­zie­re, wer­de ich sie mit mei­ner Soße ver­se­hen. Des­halb ist es wich­tig zu unter­schei­den: „Das ist pas­siert und das den­ke ich, ist pas­siert“. Heu­te führt das „Ich den­ke“ lei­der zu einer Ver­zer­rung der Rea­li­tät. Und das ist sehr ernst.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Sie haben bei meh­re­ren Gele­gen­hei­ten über die Sün­den der Kom­mu­ni­ka­ti­on gesprochen.

Fran­zis­kus: Ich habe dies zum ersten Mal auf einer Kon­fe­renz in Bue­nos Aires gesagt, als ich Erz­bi­schof war. Es kam mir in den Sinn, von den vier Sün­den der Kom­mu­ni­ka­ti­on, des Jour­na­lis­mus, zu spre­chen. Erstens: Des­in­for­ma­ti­on: Ich sage, was mir passt, und ver­schwei­ge das ande­re. Nein, sie dür­fen nicht des­in­for­mie­ren. Zwei­tens: Ver­leum­dung. Sie erfin­den Din­ge und zer­stö­ren manch­mal eine Per­son mit einer Mit­tei­lung. Drit­tens die Ver­leum­dung, die kei­ne üble Nach­re­de ist, aber eine Per­son auf einen Gedan­ken redu­ziert, den sie in einer ande­ren Zeit hat­te, aber bereits geän­dert hat. Das ist so, als wür­de dir ein Erwach­se­ner schmut­zi­ge Win­deln aus dei­ner Kind­heit mit­brin­gen. Als ich ein Kind war, habe ich auch so gedacht. Das hat sich geän­dert, jetzt ist es so. Und für die vier­te Sün­de habe ich das Fach­wort Kopro­phi­lie ver­wen­det, also die Lie­be zu Exkre­men­ten [Fran­zis­kus ver­wen­det ein def­ti­ge­res Wort], die Lie­be zum Dreck. Das heißt, man will sich schmut­zig machen, man will einen Skan­dal um des Skan­dals wil­len. Ich erin­ne­re mich, daß Kar­di­nal Anto­nio Quar­r­a­ci­no sag­te: „Ich lese die­se Zei­tung nicht, denn wenn ich das tue, spritzt das Blut her­aus“. Es ist die Lie­be zum Schmut­zi­gen, zum Häß­li­chen.
Ich glau­be, daß die Medi­en dar­auf ach­ten müs­sen, nicht in Des­in­for­ma­ti­on, Ver­leum­dung, Dif­fa­mie­rung und Kopro­phi­lie zu ver­fal­len. Ihr Wert besteht dar­in, die Wahr­heit aus­zu­drücken. Ich sage die Wahr­heit, aber ich bin der­je­ni­ge, der sie aus­drückt, und ich füge mei­ne eige­ne Soße dazu. Aber ich stel­le klar, was mei­ne Soße ist und was objek­tiv ist. Und ich über­mitt­le sie. In die­ser Über­tra­gung geht manch­mal die Ehr­lich­keit ein wenig ver­lo­ren: Von der münd­li­chen Über­lie­fe­rung geht man also in einen ersten Schritt über, bei dem Rot­käpp­chen vor dem Wolf flieht, der sie fres­sen will, und lan­det am Ende der Über­tra­gung bei einem Ban­kett, bei dem die Groß­mutter und Rot­käpp­chen den Wolf essen. Man muß dar­auf ach­ten, daß die Kom­mu­ni­ka­ti­on das Wesen der Rea­li­tät nicht verändert.

Kommunikation und Macht

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Wel­chen Wert mes­sen Sie der Kom­mu­ni­ka­ti­on bei?

Fran­zis­kus: Kom­mu­ni­ka­ti­on ist etwas Hei­li­ges. Sie ist viel­leicht eines der schön­sten Din­ge, die ein Mensch hat. Kom­mu­ni­ka­ti­on ist gött­lich, und man muß wis­sen, wie man sie mit Ehr­lich­keit und Authen­ti­zi­tät betreibt. Ohne etwas von mir hin­zu­zu­fü­gen und zu sagen: „Das ist pas­siert, ich den­ke, es muß so sein, oder ich inter­pre­tie­re es so“. Machen Sie deut­lich, daß Sie es sind, die etwas sagen. Heut­zu­ta­ge haben die Medi­en eine gro­ße didak­ti­sche Ver­ant­wor­tung: Sie sol­len den Men­schen Ehr­lich­keit bei­brin­gen, sie sol­len sie leh­ren, mit gutem Bei­spiel vor­an­zu­ge­hen, sie sol­len sie leh­ren, mit­ein­an­der zu leben. Aber wenn man Medi­en hat, die den Ein­druck erwecken, daß sie eine Gra­na­te in der Hand haben, um Men­schen zu zer­stö­ren – mit einer selek­ti­ven Wahr­heit, mit Ver­leum­dung, mit Dif­fa­mie­rung oder damit, sie in den Schmutz zu zie­hen – dann wird das nie­mals ein Volk wach­sen las­sen.
Ich ver­lan­ge von den Medi­en die­se gesun­de Objek­ti­vi­tät, was nicht bedeu­tet, daß es sich um destil­lier­tes Was­ser han­delt. Ich wie­der­ho­le: „So ist es, und das ist mei­ne Mei­nung“. Sie gehen da raus, aber machen Sie deut­lich, was Sie den­ken. Das ist sehr edel. Aber wenn man mit dem Pro­gramm einer bestimm­ten poli­ti­schen Bewe­gung, einer bestimm­ten Par­tei spricht, ohne zu sagen, was es ist, dann ist das schä­big und nicht gut. Um ein guter Kom­mu­ni­ka­tor zu sein, muß der Kom­mu­ni­ka­tor gut gebo­ren sein.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Vie­le Medi­en, die ihre Inter­es­sen in den Vor­der­grund stel­len, geben einer Agen­da der Glo­ba­li­sie­rung der Gleich­gül­tig­keit nach. Das sind die The­men, die die Medi­en aus ver­schie­de­nen Grün­den sicht­bar machen oder ver­schwei­gen wollen.

Fran­zis­kus: Ja, wenn ich manch­mal an Medi­en den­ke, die ihre Auf­ga­be lei­der nicht gut erfül­len, wenn ich an die­se Din­ge in unse­rer Kul­tur im all­ge­mei­nen, in der Welt­kul­tur, den­ke, die der Gesell­schaft selbst scha­den, kommt mir ein Satz aus unse­rer Phi­lo­so­phie in den Sinn, der pes­si­mi­stisch erscheint, aber die Wahr­heit ist: „Dale que va, todo es igu­al, que allá en el hor­no se vamo“. Mit ande­ren Wor­ten: Es spielt kei­ne Rol­le, was die Wahr­heit ist und was nicht. Es spielt kei­ne Rol­le, ob die­se Per­son gewinnt oder ver­liert. Alles ist gleich­gül­tig. „Dale que va“. Wenn die­se Phi­lo­so­phie in den Medi­en ver­brei­tet wird, ist das ver­hee­rend, weil es eine Kul­tur der Gleich­gül­tig­keit, des Kon­for­mis­mus und des Rela­ti­vis­mus schafft, die uns allen schadet.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Der Tech­no­lo­gie wird oft ein gewis­ses Eigen­le­ben zuge­schrie­ben, da sie für Übel ver­ant­wort­lich gemacht wird, die jen­seits ihres Ein­sat­zes began­gen wer­den. Wie kön­nen wir in die­ser tech­no­lo­gi­schen Welt den Huma­nis­mus zurückgewinnen?

Fran­zis­kus: Sehen Sie, ein Ope­ra­ti­ons­saal ist ein Ort, an dem die Tech­nik bis auf den Mil­li­me­ter genau ein­ge­setzt wird. Doch wel­che Sorg­falt wird bei einem chir­ur­gi­schen Ein­griff mit den neu­en Tech­no­lo­gien wal­ten gelas­sen? Denn es gibt ein Leben, um das man sich küm­mern muß. Das Kri­te­ri­um ist, daß die Tech­nik immer gese­hen wird, daß sie mit Men­schen­le­ben arbei­tet. Wir müs­sen an die Ope­ra­ti­ons­sä­le den­ken. Das ist die Ehr­lich­keit, die wir immer haben müs­sen, auch in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Es ste­hen Men­schen­le­ben auf dem Spiel. Wir kön­nen nicht so tun, als wäre nichts geschehen.

Die Hirten des Volkes

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Sie waren immer ein Hir­te, aber wie kann man die­se Kir­che der Hir­ten, die­se Kir­che der Stra­ße, die zu den Gläu­bi­gen spricht, wei­ter­ge­ben? Ist der Glau­be heu­te anders? Hat die Welt weni­ger Glau­ben? Kann der Glau­be wie­der­ge­won­nen werden?

Fran­zis­kus: Ich unter­schei­de ger­ne zwi­schen Volks­seel­sor­gern und Staats­seel­sor­gern. Ein Geist­li­cher des Staa­tes ist ein Geist­li­cher des fran­zö­si­schen Hofes, wie Mon­sieur L’Ab­bé, und manch­mal sind wir Prie­ster ver­sucht, den Macht­ha­bern zu nahe zu kom­men, und das ist nicht der rich­ti­ge Weg. Der wah­re Weg ist das Hir­ten­amt. In der Mit­te dei­nes Vol­kes zu sein, vor dei­nem Volk und hin­ter dei­nem Volk. Mit­ten­drin zu sein, es gut zu rie­chen, es gut zu ken­nen, weil man von dort geholt wur­de. Vor den eige­nen Leu­ten zu ste­hen und manch­mal das Tem­po vor­zu­ge­ben. Und hin­ter dei­nen Leu­ten zu sein, um denen zu hel­fen, die zurück­blei­ben, und sie allein gehen zu las­sen, um zu sehen, wohin sie gehen, denn Scha­fe haben manch­mal die Intui­ti­on zu wis­sen, wo das Gras ist. Das ist die Auf­ga­be des Hir­ten. Ein Hir­te, der allein vor dem Volk steht, geht nicht. Er muß sich enga­gie­ren und am Leben sei­nes Vol­kes teil­neh­men. Wenn Gott Sie zum Seel­sor­ger macht, dann um sie zu wei­den, nicht um sie zu ver­ur­tei­len. Gott ist gekom­men, um zu ret­ten, nicht um zu ver­dam­men. Das sagt der hei­li­ge Pau­lus, nicht ich. Ret­ten wir die Men­schen, sei­en wir nicht zu hart.
Was ich jetzt sage, wird eini­gen nicht gefal­len: Es gibt ein Kapi­tell aus der Basi­li­ka von Vézelay, ich weiß nicht mehr, ob es von 900 oder 1100 ist. Sie wis­sen, daß im Mit­tel­al­ter die Kate­che­se mit Skulp­tu­ren, mit Kapi­tel­len durch­ge­führt wur­de. Die Men­schen sahen sie und lern­ten. Und ein Kapi­tell von Vèzelay, das mich wirk­lich berührt hat, ist das des hän­gen­den Judas, der vom Teu­fel her­un­ter­ge­zo­gen wird und auf der ande­ren Sei­te ein guter Hir­te, der ihn ergreift und mit einem iro­ni­schen Lächeln davon­trägt. Damit lehrt er die Men­schen, daß Gott grö­ßer ist als dei­ne Sün­de, daß Gott grö­ßer ist als dein Ver­rat, daß du nicht ver­zwei­feln sollst wegen des Unrechts, das du began­gen hast, daß es immer jeman­den gibt, der dich auf sei­nen Schul­tern tra­gen wird. Es ist die beste Kate­che­se über die Per­son Got­tes, über die Barm­her­zig­keit Got­tes. Denn Got­tes Barm­her­zig­keit ist kei­ne Gabe, die er dir schenkt, sie ist er selbst. Es kann nicht anders sein. Wenn wir die­sen stren­gen Gott prä­sen­tie­ren, bei dem es nur um Stra­fe geht, ist er nicht unser Gott. Unser Gott ist der Gott der Barm­her­zig­keit, der Geduld, der Gott, der nicht müde wird, zu ver­ge­ben. Das ist unser Gott. Nicht der, den wir Prie­ster manch­mal verunstalten.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Wenn die Gesell­schaft die­sem Gott und die­sem Volk, das manch­mal nicht gehört wird, zuhört, glau­ben Sie, daß es dann mög­lich sein wird, einen ande­ren Dis­kurs, eine Alter­na­ti­ve zum vor­herr­schen­den Dis­kurs zu konstruieren?

Fran­zis­kus: Ja, natür­lich. Hege­mo­nie ist nie gesund. Bevor ich zum Schluß kom­me, möch­te ich noch etwas anspre­chen: In unse­rem lit­ur­gi­schen Leben, im Evan­ge­li­um, gibt es die Flucht nach Ägyp­ten. Jesus muß mit sei­nem Vater und sei­ner Mut­ter flie­hen, weil Hero­des ihn töten will. Die Hei­li­gen Drei Köni­ge und die­se gan­ze Geschich­te. Aber da ist auch die Flucht nach Ägyp­ten, bei der wir uns so oft vor­stel­len, daß sie in einer Kut­sche waren und daß sie ruhig auf einem Esel erfolg­te.
Vor zwei Jah­ren dach­te ein pie­mon­te­si­scher Maler an das Dra­ma eines syri­schen Vaters, der mit sei­nem Sohn flieht, und sag­te: „Das ist der hei­li­ge Josef mit dem Kind“. Was die­ser Mann erlei­det, ist das, was der hei­li­ge Josef damals erlitt. Es ist die­ses Gemäl­de, das dort steht, das er mir geschenkt hat.

Bergoglio und Franziskus

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Abge­se­hen von dem Stolz, einen argen­ti­ni­schen Papst zu haben, den­ke ich immer dar­über nach, wie Sie sich selbst sehen: Wie sieht der Papst Ber­go­glio und wie wür­de Ber­go­glio Fran­zis­kus sehen?

Fran­zis­kus: Ber­go­glio hät­te nie gedacht, daß er ein­mal hier lan­den wür­de. Nie­mals. Ich kam mit einem klei­nen Kof­fer in den Vati­kan, mit den Klei­dern am Leib und ein biß­chen mehr. Ich habe schon die Pre­digt für den Palm­sonn­tag in Bue­nos Aires vor­be­rei­tet. Ich dach­te mir: Am Palm­sonn­tag wird kein Papst sein Amt antre­ten, also fah­re ich am Sams­tag wie­der nach Hau­se. Mit ande­ren Wor­ten: Ich hät­te nie gedacht, daß ich ein­mal hier sein wür­de. Und wenn ich dort Ber­go­glio und sei­ne gan­ze Geschich­te sehe, spre­chen die Fotos für sich. Es ist die Geschich­te eines Lebens mit vie­len Gaben von Gott, vie­len Fehl­schlä­gen mei­ner­seits und vie­len nicht so welt­be­we­gen­den Posi­tio­nen.
Man lernt im Leben, uni­ver­sell zu sein, barm­her­zig zu sein, weni­ger böse zu sein. Ich glau­be, daß alle Men­schen gut sind. Mit ande­ren Wor­ten, ich sehe einen Mann, der einen Weg gegan­gen ist, mit Höhen und Tie­fen, und so vie­le Freun­de haben ihm gehol­fen, wei­ter­zu­ge­hen. Ich habe mein Leben nie allein ver­bracht. Es waren immer Män­ner und Frau­en, ange­fan­gen bei mei­nen Eltern, mei­nen Brü­dern, von denen einer noch lebt, die mich beglei­tet haben. Ich kann mir nicht vor­stel­len, daß ich ein ein­sa­mer Mensch bin, denn das bin ich nicht. Ein Mensch, der sei­nen Lebens­weg ging, der stu­dier­te, der arbei­te­te, der Prie­ster wur­de, der tat, was er konn­te. Ich kann mir kei­nen ande­ren Weg vorstellen.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Und wie wür­de Ber­go­glio den Papst sehen?

Fran­zis­kus: Ich weiß nicht, wie er ihn anse­hen wür­de. Ich glau­be, tief im Inne­ren wür­de er sagen: „Armer Kerl, was hast du nur durch­ge­macht!“ Aber es ist nicht so tra­gisch, Papst zu sein. Man kann ein guter Seel­sor­ger sein.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Viel­leicht wür­de er ihn so betrach­ten, wie wir alle ihn betrach­ten: Er wür­de ihn entdecken.

Fran­zis­kus: Ja, viel­leicht. Aber es ist mir nicht in den Sinn gekom­men, mir die­se Fra­ge zu stel­len, sie zu beant­wor­ten. Ich wer­de dar­über nachdenken.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Haben Sie das Gefühl, daß Sie sich als Papst sehr ver­än­dert haben?

Fran­zis­kus: Man­che Leu­te sagen mir, daß Din­ge, die in mei­ner Per­sön­lich­keit keim­ten, an die Ober­flä­che kamen. daß ich barm­her­zi­ger gewor­den bin. In mei­nem Leben gab es stren­ge Pha­sen, in denen ich zuviel ver­lang­te. Dann wur­de mir klar, daß man die­sen Weg nicht ein­schla­gen kann, daß man wis­sen muß, wie man führt. Es ist die­se Väter­lich­keit, die Gott hat. Es gibt ein sehr schö­nes nea­po­li­ta­ni­sches Lied, das beschreibt, was ein nea­po­li­ta­ni­scher Vater ist. Es heißt: „Der Vater weiß, was mit dir geschieht, aber er tut so, als wüß­te er es nicht“. Ein Vater weiß, wie man auf ande­re war­tet. Er weiß, was mit dir geschieht, aber er schafft es, daß du von allein gehst, er war­tet auf dich, als ob nichts gesche­hen wäre. Das ist ein biß­chen das, was ich heu­te an die­sem Ber­go­glio kri­ti­sie­ren wür­de, der zu einem bestimm­ten Zeit­punkt, nicht immer, als Bischof etwas wohl­wol­len­der war. Aber als Jesu­it war ich sehr streng. Und das Leben ist sehr schön mit Got­tes Art, immer zu hof­fen. Wis­sen, aber so tun, als wüß­te man es nicht, und es rei­fen las­sen. Es ist eine der schön­sten Weis­hei­ten, die uns das Leben schenkt.

Ber­nar­da Llo­ren­te (Télam): Es scheint Ihnen gut zu gehen, Fran­zis­kus. Wer­den wir den Papst und Fran­zis­kus noch eine Wei­le haben?

Fran­zis­kus: Das ent­schei­det der oben.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nardi


Kurze Anmerkungen

von Giu­sep­pe Nardi

Das lang­at­mi­ge Inter­view zeich­net sich bedau­er­li­cher­wei­se vor allem durch zwei Fak­to­ren aus: viel Wor­te, wenig Sub­stanz und Hori­zon­ta­les ohne Ver­ti­ka­les. Damit könn­te man ent­täuscht zur Tages­ord­nung über­ge­hen. Eini­ge Fra­gen sei­en aber erlaubt: 

Gibt es für einen Papst wirk­lich nichts Wich­ti­ge­res zu sagen? Woher bezieht Fran­zis­kus sei­ne Gewiß­heit, daß Afri­ka „drin­gend Impf­stoff“ brau­che? Woher bezieht er sei­ne Gewiß­heit einer Muta­ti­on von Coro­na­vi­ren von einer Erkäl­tung zum… ja, wozu eigent­lich… zum „Kil­ler­vi­rus“? Woher bezieht er die Gewiß­heit sei­nes kli­ma­hy­ste­ri­schen Nar­ra­tivs? War­um wider­spricht sich Fran­zis­kus damit selbst noch im sel­ben Inter­view, indem er ver­langt zu unter­schei­den zwi­schen dem, „was ist“, und dem, von dem jemand nur „denkt“, daß es ist? Eben­so­we­nig scheint er den Wider­spruch zu erken­nen, wenn er außer­halb eines christ­li­chen Kon­tex­tes von einer uner­bitt­li­chen Natur redet, die „nie ver­gibt“, „Tri­but“ ver­langt, sich also „rächt“, aber zugleich die Coro­na-Imp­fung mit gen­ma­ni­pu­lie­ren­den Seren pro­pa­giert, von denen nie­mand sagen kann, was sie im Kör­per ver­ur­sa­chen, und die­se „Imp­fung“, die kei­ne ist, sei­nen eige­nen Unter­ge­be­nen sogar unter Andro­hung der Ent­las­sung aufzwingt.

Fran­zis­kus spricht in einem Auf­guß von Coro­na, Kli­ma und Des­in­for­ma­ti­on, ohne die Stol­per­stei­ne zu bemer­ken, weder für sich noch für die Men­schen, die er durch sei­ne Anlei­tung dar­über stol­pern läßt. 

Was er zu Covid und Kli­ma mit jener Gewiß­heit ver­kün­det, mit denen er Glau­bens­wahr­hei­ten ver­kün­den soll­te, macht ihn vom Glau­bens­ver­kün­di­ger zum Ideo­lo­gen, der nicht Sci­ence (Wis­sen­schaft), son­dern Sci­ence Fic­tion von sich gibt. 

Er igno­riert, daß inzwi­schen der Nach­weis erbracht wur­de, daß SARS-CoV‑2 aus dem Labor stammt. Damit aber zer­fal­len alle sei­ne Aus­sa­gen zu Staub, beson­ders die skur­ri­le War­nung, ja nicht zum Zustand vor Coro­na zurück­zu­keh­ren. Eine sol­che War­nung kann­te man bis­her nur von… ja, von Leu­ten wie Klaus Schwab & Co. Wäre Coro­na ein natür­li­ches Virus, war­um soll­te man nach des­sen inzwi­schen erfolg­tem Abflau­en nicht zur Nor­ma­li­tät zurück­keh­ren? Hier scheint sich, um es guar­an­go wie Fran­zis­kus zu sagen, der Hund in den eige­nen Schwanz zu bei­ßen. Die ein­zig logisch Fol­ge­rung dar­aus müß­te also die mah­nen­de For­de­rung nach einer stren­gen Äch­tung so gefähr­li­cher For­schun­gen sein. Doch dazu schweigt sich Fran­zis­kus aus.

Eben­so wur­de die CO2 zuge­schrie­be­ne Rele­vanz für die angeb­lich men­schen­ge­mach­te Erd­er­wär­mung wider­legt. Neue­re Wis­sen­schafts­mo­del­le wei­sen in eine ganz ande­re, ent­spann­te Rich­tung, die vor allem eines tun, was Fran­zis­kus zwar ein­for­dert, aber selbst nicht beher­zigt: die Wirk­lich­keit anzuerkennen. 

Anmer­kun­gen zu einer in den Papst­wor­ten anklin­gen­den Mythi­sie­rung der Natur sol­len an die­ser Stel­le unter­blei­ben. Bedenk­li­cher ist sei­ne Beru­fung auf Rodol­fo Kusch. Sie­he dazu: Die Unbe­kann­te „Volk“ – Papst Fran­zis­kus ent­hüllt, wer ihm den „Pueblo“-Mythos erzählt hat.

Was macht Fran­zis­kus also? Er spricht nur bei­läu­fig von Gott und gar nicht von Chri­stus. Er gibt eini­ge mehr oder weni­ger nütz­li­che Tipps und dafür umso mehr Pla­ti­tü­den von sich. Er spricht vor­wie­gend über Poli­tik, reha­bi­li­tiert wie­der ein­mal Eugen Dre­wer­mann (Vézelay), natür­lich ohne ihn beim Namen zu nen­nen, und bedient, wo er kon­kre­ter wird, kein genui­nes, aber prä­zi­ses Nar­ra­tiv, jenes der star­ken Mäch­te, jenes Estab­lish­ments, das direkt mit Namen wie Klaus Schwab, Bill Gates oder Geor­ge Soros und dem links­li­be­ra­len Polit-Estab­lishem­ts der EU und der USA in Ver­bin­dung gebracht wer­den kann.

Und noch etwas fällt auf und schmerzt: Fran­zis­kus ver­mied es erneut, das Jahr­hun­dert­ur­teil des Ober­sten Gerichts­ho­fes der USA für das Lebens­recht unge­bo­re­ner Kin­der und gegen die Abtrei­bung anzu­spre­chen, geschwei­ge denn zu loben und zugun­sten des ele­men­tar­sten aller Rech­te, des Lebens­rechts, zu nüt­zen. Doch obwohl Fran­zis­kus sel­ber sagt, durch das Inter­view gehört zu wer­den, emp­fiehlt er statt­des­sen, Rodol­fo Kusch zu lesen.

Was bleibt von dem Main­stream-Inter­view? Der unan­ge­neh­me Bei­geschmack, durch die Lek­tü­re die eige­ne Zeit ver­geu­det zu haben. Und das ist traurig.

Fran­zis­kus gefällt es nicht, wie die Welt die Pan­de­mie über­win­det. Da kommt einem ein Auf­satz des unver­ges­se­nen Rechts­phi­lo­so­phen Mario Palma­ro in den Sinn, mit dem er am 9. Okto­ber 2013 erklär­te, war­um ihm die­ser Papst „nicht gefällt“.

Bild: Télam (Screen­shots)

Print Friendly, PDF & Email

3 Kommentare

  1. Dan­ke für ihren Kom­men­tar, sehr geehr­ter Herr Nar­di. Dem ist Nichts hinzuzufügen!

  2. Wenn nicht ein­mal die sog. Fach­leu­te der Medi­zin, der Viro­lo­gie usw. eine Ahnung haben wie man eigent­lich sol­che oder auch ande­re Viren bekämp­fen müss­te, wie soll der Papst das dann wis­sen. Der plap­pert ja nur nach, was die oben genann­ten Leu­ten daher­sa­gen, die nur eines kön­nen, wenn über­haupt: Die Sym­pto­me bekämp­fen mit allen Neben­wir­kun­gen, die es dadurch geben kann.

  3. Lan­ges Inter­view, ver­hält­nis­mä­ßig wenig Inhalt und die­ser dann auch wenig erfreu­lich. Wir müs­sen also im Ein­klang mit der Natur leben, sonst sind wir ver­lo­ren. Ich dach­te eigent­lich, dass es zunächst ein­mal um das Heil der See­le gin­ge und es dem­entspre­chend ange­ra­ten wäre, im Ein­klang mit Gott (=in sei­ner Gna­de) zu leben, um nicht ver­lo­ren zu gehen und das dem, der in die­ser Wei­se mit Gott lebt, nichts zum Schlech­ten gerei­chen könnte.
    Und hin­sicht­lich der Ret­tung hät­te ich auch eher ver­mu­tet, dass man sie bei Gott suchen müss­te und nicht bei der Jugend, noch dazu bei einer, die wei­test­ge­hend nicht mehr christ­lich ist und nicht zur Mes­se kommt, wie ihm ein Prie­ster sag­te (Was will uns der Papst eigent­lich mit die­ser Pas­sa­ge sagen, einen prä­zi­sen Inhalt der Aus­sa­ge kann ich nicht erken­nen. Der Ein­druck, der ver­mit­telt wird, ist, dass der Besuch der Hl. Mes­se nicht all­zu wich­tig ist. Und wenn man das, was zum Mess­be­such gesagt wird, auf das Ver­hält­nis zur Kir­che ins­ge­samt über­tra­gen darf, was erlaubt scheint, da die Lage dies­be­züg­lich bei den Jugend­li­chen ja auch nicht bes­ser aus­sieht als beim Mess­be­such, dann zeigt sich, dass durch Abwer­tung der Kir­che und über­mä­ßi­ge Auf­wer­tung der Jugend die Din­ge völ­lig auf den Kopf gestellt sind: nicht die Jugend soll auf die Kir­che blicken, ihr und damit Chri­stus fol­gen und so geret­tet wer­den, son­dern alle (unter­schieds­los auch alle Katho­li­ken und deren Ober­haupt) sol­len auf die Jugend blicken und von ihr Ret­tung erhoffen). 

    Die Aus­sa­ge des Pap­stes, er glau­be, dass alle Men­schen gut sind, könn­te man ja zunächst ein­mal inso­fern erfreu­lich fin­den, dass unter den Begriff „alle Men­schen“ ja wohl auch jene gehö­ren, die der über­lie­fer­ten Lit­ur­gie sowie dem über­lie­fer­ten Glau­ben fol­gen, sie scheint aber in die­ser Undif­fe­ren­ziert­heit gera­de in einem Inter­view in der welt­li­chen Pres­se, von dem nicht nur die­je­ni­gen Notiz neh­men, bei denen der katho­li­sche Glau­be vor­aus­ge­setzt wer­den kann (was heu­te natür­lich fak­tisch unter den Katho­li­ken auch nicht mehr mög­lich ist), nicht ange­mes­sen ange­sichts der Tat­sa­che, dass jeder außer Jesus und Maria der Erb­sün­de unter­wor­fen ist (mei­nes Wis­sens auch die Urein­woh­ner im Ama­zo­nas­ge­biet), die von der ursprüng­li­chen Güte des Men­schen sehr viel zer­stört hat. Des­halb ist es auch klar, dass es kei­nen Anlass zu über­trie­be­nem Opti­mis­mus gibt, weder all­ge­mein noch hin­sicht­lich der Jugend noch hin­sicht­lich irgend­wel­cher angeb­lich so har­mo­nisch mit der Natur leben­der Ureinwohner.

Kommentare sind deaktiviert.