Die Unbekannte „Volk“ – Papst Franziskus enthüllt, wer ihm den „Pueblo“-Mythos erzählt hat

Rodolfo Kusch (1922-1979), der Stichwortgeber für das "Volksverständnis" von Papst Franziskus
Rodolfo Kusch (1922-1979), der Stichwortgeber für das "Volksverständnis" von Papst Franziskus

(Rom) In Dominique Woltons Buch „Politik und Gesellschaft“, das zwölf Gespräche des französischen Soziologen mit Papst Franziskus enthält und Anfang September erschienen ist, findet sich nicht nur die Enthüllung, daß Papst Franziskus am Ende seiner Amtszeit als Jesuitenprovinzial von Argentinien, die Hilfe einer jüdischen Psychologin in Anspruch nahm und daß es „zu traditionalistische Kreise“ in der Kirche gebe. „In der Mitte des ersten Kapitels nennt Jorge Mario Bergoglio auch erstmals den Namen des Anthropologen, der ihn mit dem Konzept vom ‚Volk‘ inspiriert hat“, so der Vatikanist Sandro Magister.

Das Volk: „mythisch“ oder „mystisch“?

Wolton gibt die Aussage von Franziskus wie folgt wieder:

„Es gibt einen Denker, den Sie lesen sollten: Rodolfo Kusch, ein Deutscher, der im Nordwesten Argentiniens lebte, ein sehr guter Philosoph und Anthropologe. Er hat eine Sache verständlich gemacht: daß das Wort ‚Volk‘ kein logisches Wort ist. Es ist ein mythisches Wort. Man kann nicht logisch von einem Volk sprechen, weil man nur eine Beschreibung geben würde. Um ein Volk zu verstehen, zu verstehen, welches die Werte dieses Volkes sind, muß man in den Geist, das Herz, die Arbeit, die Geschichte und den Mythos seiner Tradition eintreten. Dieser Punkt liegt der sogenannten Theologie ‚des Volkes‘ wirklich zugrunde, das heißt, mit dem Volk gehen, schauen, wie es sich ausdrückt. Diese Unterscheidung ist wichtig. Das Volk ist nicht eine logische Kategorie. Es ist eine mythische Kategorie.“

Einige Seiten später kehrt Franziskus noch einmal auf das Thema zurück, um den Osservatore Romano dafür zu tadeln, daß er sein Denken entstellt habe.

„Ich habe es gesagt und wiederhole es: Das Wort ‚Volk‘ ist kein logisches Konzept, es ist ein mythisches Konzept. Nicht mystisch, sondern mythisch. […] Ich habe einmal ‚mythisch‘ gesagt und die vom Osservatore Romano haben sich unabsichtlich in der Übersetzung geirrt, indem sie von ‚mystischem Volk‘ sprachen. Und wissen Sie warum? Weil sie nicht verstanden haben, was mit mythisches Volk gemeint ist. Sie haben sich gesagt: Nein, es ist der Papst, der sich geirrt hat. Wir schreiben ‚mystisch‘!“

„Tatsächlich ist es so passiert“, so Magister. Auf dem Rückflug von Mexiko am 17. Februar 2016 sagte Franziskus auf der gewohnten fliegenden Pressekonferenz, wobei er italienisch sprach, daß „das Wort ‚Volk‘ nicht eine logische, sondern eine mythische Kategorie ist.“

Am nächsten Tag gab der Osservatore Romano die Papstworte jedoch mit „mystisch“ wieder. Dasselbe geschah in den offiziellen Übersetzungen durch den Heiligen Stuhl, die noch heute auf der Internetseite des Vatikans nachgelesen werden können. In der deutschen Übersetzung steht dort:

„Und ein Volk kann man nicht einfach erklären, weil das Wort ‚Volk‘ nicht eine logische Kategorie, sondern eine mystische ist.“

Das Video der Pressekonferenz bestätigt die in Woltons Buch geäußerte Kritik des Papstes. Bei Minute 52‘29‘‘ ist deutlich zu hören, daß Franziskus nicht „mystisch“, sondern „mythisch“ sagte.

„Es braucht einen Mythos, um die Welt zu verstehen“

„Franziskus hat schnell von dem vertauschten Wort erfahren“, so Magister. Im Interview vom 6. Juli „mit seinem Getreuen“, P. Antonio Spadaro, Schriftleiter der Civiltà  Cattolica, bemühte er sich , die Sache geradezubiegen. Das Interview wurde dann an erster Stelle im Sammelband seiner Predigten und Ansprachen als Erzbischof von Buenos Aires diesen vorangestellt.

„Es gibt ein sehr mißhandeltes Wort: man spricht viel von Populismus, von populistischer Politik, populistischen Programmen. Das ist aber ein Fehler. Volk ist weder eine logische Kategorie noch eine mystische Kategorie, wenn wir sie in dem Sinn verstehen, daß alles, was das Volk tut, gut sei, oder in dem Sinn, daß das Volk eine engelgleiche Kategorie sei. Nein! Es ist, wenn schon, eine mythische Kategorie. Ich wiederhole: mythisch. Volk ist eine geschichtliche und mythische Kategorie. Das Volk entsteht in einem Prozeß, mit Einsatz im Blick auf ein gemeinsames Ziel oder Projekt. Die Geschichte wird von diesem Prozeß von Generationen gemacht, die im Volk aufeinander folgen. Es braucht einen Mythos, um die Welt zu verstehen. Wenn man erklärt, was ein Volk ist, verwendet man logische Kategorien, weil man erklären soll: die braucht es, natürlich. Aber man erklärt so nicht den Sinn der Volkszugehörigkeit. Das Wort Volk hat etwas mehr, das nicht auf logische Weise erklärt werden kann. Teil eines Volkes zu sein, heißt, Teil einer gemeinsamen Identität zu sein, die aus sozialen und kulturellen Bindungen besteht. Und das ist keine automatische Sache, im Gegenteil: Es ist ein langsamer, schwieriger Prozeß hin zu einem gemeinsamen Projekt.“

Rodolfo Kusch
Rodolfo Kusch

Der Osservatore Romano veröffentlichte am 11. November 2016, bei der Vorstellung des Sammelbandes, diese Richtigstellung vollinhaltlich, aber „wahrscheinlich ohne zu bemerken, daß er selbst damit gemeint war“, so Magister.

Auch der Übersetzungsdienst des Heiligen Stuhls und die Verantwortlichen für die offizielle Internetseite des Vatikans haben bisher nicht davon Kenntnis genommen, da man dort immer noch „mystisch“ statt „mythisch“ lesen kann.

Anfang September kam dann Woltons Gesprächsbuch in den Buchhandel, aber nach wie vor ist diese Stelle niemandem aufgefallen, weshalb auch keine Korrektur in der offiziellen Veröffentlichung der päpstlichen Texte vorgenommen wurde.

„Jedenfalls hat dieses ‚qui pro quo‘ auch einen Nutzen gebracht: Es bot Papst Franziskus Gelegenheit den Sinn und die Wurzeln seines Populismus zu erklären, in dem der Unterschied zwischen ‚mythisch‘ und ‚mystisch‘ letztlich gar nicht so groß ist, wie man schon seit längerem feststellen konnte“, so Magister.

Papst Franziskus und die „Machtübernahme des ‚Volkes der Ausgeschlossenen‘ über die demokratischen Regeln hinaus“

Rodolfo Kusch und das mythische Volk „als alternatives Modell zum europäischen Denken und Kapitalismus“

Die Nennung von Rodolfo Kusch, eigentlich Günther Rodolfo Kusch (1922-1979), als Stichwortgeber des Papstes, rückt diese Person in den Fokus.

Kusch, als Sohn von Deutschen in Buenos Aires geboren, ab 1948 Professor der Philosophie an der staatlichen Universität von Buenos Aires (UBA), war in seinen anthropologischen Schriften und Theaterstücken maßgeblich von Martin Heidegger beeinflußt. Kusch, der das philosophische Denken im Lateinamerika der 60er und 70er Jahre stark prägte, war auf der Suche nach einer Verwurzelung der Philosophie auf amerikanischem Boden. Gemeint war damit eine Abkehr vom westlichen, europäischen Denken. Die damalige Zeit war auch in Lateinamerika, von der Sowjetunion gefördert, vom „Entkolonialisierungsprozeß“ geprägt, obwohl der amerikanische Subkontinent im eigentlichen Sinn davon gar nicht betroffen war.

"America Profunda" (1962)
„America Profunda“ (1962)

Als Vertreter einer „Amerikanischen Philosophie“, wobei „Unser Amerika“ vordringlich Lateinamerika meint, wollte Kusch den Beweis erbringen, daß dieses Lateinamerika fähig ist, ein „eigenes“ Denken hervorzubringen, das als „alternatives zivilisatorisches Modell“ (Miguel Mazzeo) zum Westen und zum Kapitalismus dienen sollte. In diesem „amerikanischen Selbstbewußtsein“, das entwickelt werden sollte, wurde „plebejisch“ mit „populär“ gleichgesetzt. Kuschs Denken war eine „semantisch subversive, epistemologisch rebellische“ Philosophie, die durch die Ablehnung eines „vorgefertigten Denkens“ (europäisches Denken) und die Überwindung „kolonialer Sichtweisen“ bestimmt war, so Mazzeo((Miguel Mazzeo, Historiker an der Universität von Buenos Aires und der Universität von Lanus, in: Debates urgentes, III, Nr. 4, 2014 63ff)).

Zwar hielt Kusch – im Gegensatz zur damaligen Mode in bestimmten intellektuellen Kreisen Lateinamerikas – Distanz zum Marxismus, allerdings nur deshalb, weil er auch ihn für ein Produkt des europäischen Denkens hielt. Daher übte er auch Kritik an Che Guevaras Versuchen, das Modell der sozialistischen Revolution Kubas in andere lateinamerikanische Staaten zu exportieren, weil er Guevaras Identifizierung mit „Unserem Amerika“ bezweifelte.

Kusch sprach sogar von „marxistischer Infiltration“, was ihm linke Kreise sehr übel nahmen und rechte Kreise auf ihn aufmerksam machte. Beide Seiten hatten dabei aber einiges mißverstanden. Wenn Kusch den Linksperonismus ablehnte, dann wegen dessen marxistischer (und somit in seinen Augen europäischer) Fixierung. Um so deutlicher berief sich der Rechtsperonismus auf den Anthropologen, dem Kusch eine „authentische Sensibilität“ für die autochthone Sache attestierte, der – laut Miguel Mazzeo – jedoch in Kuschs Rhetorik vom „Volk“ einiges an „obskurer Mystik“ hineininterpretiert habe. Die Unterscheidung zwischen Mythos und Mystik scheint also nicht erst heute im Denken von Papst Franziskus manches Mißverständnis zu provozieren.

Was heute Marxisten an Kusch anerkennen, ist neben seinem Einsatz für die „Emanzipation der Völker“ (vom Kapitalismus), daß er Marx (ebenso wie auch Freud) das Verdienst zuerkannte, ein neues „Seinsbewußtsein“ geschaffen zu haben. Im Falle von Marx, weil der Kommunismus laut Kusch der „Gemeinschaft“ besondere Bedeutung zuerkenne.

Einen Schwerpunkt seiner Werke bildete die Betonung eines neuen Volksbegriffes, wofür „Gründungsmythen“ eine zentrale Rolle spielten (Dina V. Picotti de Cámara). In einem Geschichtsrevisionismus sollte das europäische Geschichtsbild (und die europäische Geschichte) in Lateinamerika zurückgedrängt bis eliminiert und durch indigene „Wurzeln“ ersetzt werden, aus denen sich in einem kontinuierlichen Prozeß ein neues „Volk“ konstituiert.

Insgesamt rückte die indigene Bevölkerung in den Mittelpunkt, die eine „eigene Stimme“ der Mitbestimmung im politischen Kontext entfalten sollte, der von Weißen und Mestizen bestimmt wurde. Mehr noch sollten sie zum Modell des neuen Denkens werden, da Kusch sie „im Frieden mit der Natur, die sie umgibt“ wähnte und „von einem Mythos bewegt“, so Magister. Das „europäische“ oder „westliche“ Denken hielt er für intolerant und unfähig, die indigenen Völker zu verstehen. „Auch deshalb fand sich Kusch am Rand der Kultur der vorherrschenden Elite wieder, während er in Bergoglio einen Bewunderer fand“, so Magister.

Von Kusch über Scannone zu Bergoglio?

Nichts sagt Franziskus im Wolton-Buch, wie er zu den Schriften Kuschs kam. Sie könnten ihm von seinem Lehrer, dem Jesuiten Juan Carlos Scannone, empfohlen worden sein. Von ihm ist eine starke Beeinflussung durch Kusch bekannt.

Scannone ist ein Vertreter der sogenannten „Argentinischen Schule“ der Befreiungstheologie. die sich „Volkstheologie“ nennt. Diese „Theologie des Volkes“ erwähnte Franziskus auch gegenüber Wolton. Im Oktober 2013 meldete sich Scannone mit einem Aufsatz in der Civiltà  Cattolica zu Wort und trat für eine Rehabilitierung der Befreiungstheologie ein. Ein Vorgang, der in einem direkten Zusammenhang mit der Wahl seines Schülers Bergoglio zum Papst zu sehen ist. Um so mehr als jeder Aufsatz in der römischen Jesuitenzeitschrift vom Vatikan genehmigt werden muß. Der Jesuit gebrauchte dabei nicht den belasteten Begriff Befreiungstheologie, sondern sprach von einer „Befreiungsphilosophie“. Mit ihr hänge Franziskus‘ „Option für die Armen“ zusammen, so Scanone.

Zu den Auswirkungen des Denkens, das unter anderem von Kusch seit den 60er Jahre verbreitet wurde, gehört auch der derzeit in den USA stattfindende linke und teils rassistisch motivierte Bildersturm gegen Denkmäler der Gründungsväter oder historisch bedeutender Gestalten der US-Geschichte von Christoph Columbus über George Washington bis General Robert Lee, die alle bezichtigt werden, auf irgendeine Weise das „europäische Gift“ nach Amerika getragen zu haben. Die Theorien Kuschs, mit der praktischen Umsetzung konfrontiert, propagieren zwar eine Verwurzelung in einem mythischen (oder mystischen?) Boden, der in Wirklichkeit aber vor allem eine Entwurzelung will. Auch vom (europäischen) Christentum?

Die wichtigsten anthropologischen Schriften von Rodolfo Kusch:

América Profunda (1962)
Indios, porteños y dioses (1966)
El pensamiento indà­gena y popular en América (1975)
Geocultura del hombre americano (1976)

und Theaterstücke:

Tango
Credo errante
La muerte del Chacho
La leyenda de Juan Moreira

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Untref/Settimo Cielo

3 Kommentare

  1. Kusch lehnte das europäische, das westliche Denken ab, will also eine Entwurzelung vom Europäischen.
    Mytisch soll verwurzelt werden und in einem kontinuierlichen Prozeß ein neues „Volk“ konstituiert werden.
    In einem Geschichtsrevisionismus sollte das europäische Geschichtsbild (und die europäische Geschichte) in Lateinamerika zurückgedrängt bis eliminiert werden.
    Zu den Auswirkungen des Denkens, das unter anderem von Kusch seit den 60er Jahre verbreitet wurde, gehört auch der derzeit in den USA stattfindende linke und teils rassistisch motivierte Bildersturm gegen Denkmäler der Gründungsväter oder historisch bedeutender Gestalten der US-Geschichte von Christoph Columbus über George Washington bis General Robert Lee, die alle bezichtigt werden, auf irgendeine Weise das „europäische Gift“ nach Amerika getragen zu haben.
    Jetzt verstehe ich, was der Papst jetzt umsetzt.
    Deshalb will er politisch mit der UNO in einem Prozeß das neue Volk für die neue Weltordnung schaffen und sich vom europäischen Christentum entwurzelnd will er in einem Prozeß die neue Einheitsreligion schaffen mit deutlichen Aspekten des Friedens mit der Natur, mit Mutter Erde und Umweltschutz. Deshalb mag er keine Tradition und neigt zum Bildersturm hinsichtlich der europäischen tridentinischen Heilige Messe und der europäischen Papstgewänder und -gemächer.
    Ich lehne das Denken von Kusch ab. Vor allem muss die Lehre der katholischen Kirche vor einem Prozess der Änderung geschützt werden.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*