Der sehr vertrauliche und zweideutige Dialog zwischen Kirche und Freimaurerei 1968–1972 (1. Teil)

Die Freimaurer wußten bereits dreizehn Jahre vorher Bescheid

Sehr vertraulich, um nicht zu sagen geheim, verliefen die Gespräche zwischen Loge und Kirche von 1968 bis 1972.
Sehr vertraulich, um nicht zu sagen geheim, verliefen die Gespräche zwischen Loge und Kirche von 1968 bis 1972.

Von Pater Pao­lo M. Siano*

1. Der Dialog nach einem Text für Freimaurermeister (1976)

Im Jahr 1976, als seit zwei Jah­ren ein offi­zi­el­ler Dia­log zwi­schen einer Kom­mis­si­on der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land und einer Kom­mis­si­on der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz im Gan­ge war, ver­öf­fent­lich­te der Ham­bur­ger Bau­hüt­ten-Ver­lag eine „Hand­schrift für Brü­der Mei­ster“ im Umfang von 89 Sei­ten mit dem Titel „Die Ver­hand­lun­gen mit der Katho­li­schen Kir­che 1968–1972 (Berich­te – Doku­men­te)“. Quel­len­kund­li­che Arbeit Nr. 9 der Frei­mau­re­ri­schen For­schungs­ge­sell­schaft Qua­tu­or Coro­na­ti e. V., Bay­reuth, her­aus­ge­ge­ben von einer Grup­pe von Frei­mau­rern der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land (VGLvD): Rolf Appel, Karl Hoe­de, Theo­dor Vogel, Ernst Wal­ter. Die Bro­schü­re ver­an­schau­licht den sehr ver­trau­li­chen Dia­log, der zwi­schen 1968 und 1972 zwi­schen Ver­tre­tern der deutsch­spra­chi­gen regu­lä­ren Frei­mau­re­rei (Deutsch­land, Öster­reich und Schweiz) und bestimm­ten Kir­chen­ver­tre­tern stattfand.

Schau­en wir uns die­sen Text an.

Auf Sei­te 5 befin­det sich das Vor­wort von Baron Lud­wig-Peter von Pölnitz (1925–1972), dem dama­li­gen Mei­ster der frei­mau­re­ri­schen For­schungs­lo­ge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 808 zu Bay­reuth (VGLvD).

Der Dia­log der Frei­mau­rer mit der katho­li­schen Kir­che beginnt 1961 und endet 1972 mit einem guten Ergeb­nis für die Frei­mau­rer (vgl. S. 8).

Nach 1945 setz­ten hier und da in Deutsch­land Dia­lo­ge zwi­schen Pfar­rern, Ordens­prie­stern und Frei­mau­rern ein unter dem Ban­ner der Freund­schaft und des Frie­dens… „Das erste Gespräch“ fand zwi­schen dem dama­li­gen Groß­mei­ster der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land, Fried­rich August Pin­kerneil (1890–1967; Groß­mei­ster 1959–1960 und 1962–1963) und dem Jesui­ten Augu­stin Kar­di­nal Bea (1881–1968) statt. Das Tref­fen kam dank der Ver­mitt­lung des Mal­te­ser­rit­ters Graf Ker­s­sen­b­rock zustan­de, der davon über­zeugt war, daß Frei­mau­re­rei und Kir­che ein­an­der viel zu sagen hät­ten… Ein wei­te­rer sehr ver­trau­li­cher Dia­log fand in Öster­reich zwi­schen Kar­di­nal Franz König und dem Frei­mau­rer Kurt Baresch (vgl. S. 10f) statt, über den ich bereits geschrie­ben habe.

Einer der kirch­li­chen För­de­rer des Dia­logs zwi­schen der Kir­che und der Frei­mau­re­rei in den Jah­ren 1968–1972 ist der Ungar Msgr. Johan­nes B. de Toth. Er stu­dier­te an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na. Im Jahr 1933 wur­de er zum Prie­ster geweiht. Er erwarb einen Dok­tor­ti­tel in Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie. Er kehr­te in die Erz­diö­ze­se Esz­ter­gom zurück, wo er ver­schie­de­ne Ämter beklei­de­te, unter ande­rem als Archi­var und Sekre­tär des Erz­bi­schof­pri­mas von Ungarn. Mit dem Auf­kom­men des Kom­mu­nis­mus ver­ließ Msgr. de Toth Ungarn und zog nach Öster­reich. Er war über­zeugt, daß Frei­mau­re­rei und Kir­che ein­an­der näher­ge­bracht wer­den soll­ten, ins­be­son­de­re nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil (vgl. S. 12).

In Rom wird Msgr. de Toth Archi­var am Peters­dom und Kano­ni­ker an der Late­ran­ba­si­li­ka (vgl. S. 12f). Er stu­dier­te die deut­sche Frei­mau­re­rei, ins­be­son­de­re die Schrif­ten des Alt­gro­ß­mei­sters Theo­dor Vogel (1901–1977), den er in Schwein­furt ken­nen­lern­te. Mon­si­gno­re de Toth wur­de Con­sul­tor des Sekre­ta­ri­ats für die Nicht­glau­ben­den unter dem Vor­sitz von Kar­di­nal Franz König. De Toth woll­te einen Dia­log zwi­schen der Kir­che und der Frei­mau­re­rei und wand­te sich daher an den Erz­bi­schof von Wien und an Kar­di­nal Šeper, den dama­li­gen Prä­fek­ten der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re. Mon­si­gno­re de Toth durf­te den Kon­takt zu den Frei­mau­rern auf­recht­erhal­ten. Unter der Lei­tung der Kar­di­nä­le König und Šeper bil­de­te Msgr. de Toth eine Kom­mis­si­on von Katho­li­ken und Frei­mau­rern für den Dia­log zwi­schen der Kir­che und der Frei­mau­re­rei (vgl. S. 13).

In einem Brief vom 21. Okto­ber 1967 schrieb Msgr. de Toth an den ehe­ma­li­gen Groß­mei­ster Theo­dor Vogel, daß die erste anti­frei­mau­re­ri­sche Papst­bul­le „In emi­nen­ti“ (1738) mehr auf poli­ti­schen als auf reli­giö­sen Grün­den beruh­te (vgl. S. 14).

De Toth initi­ier­te auch Kon­tak­te zur Frei­mau­re­rei in den USA und Groß­bri­tan­ni­en (vgl. S. 14f).

Der unga­ri­sche Prä­lat teilt die Posi­tio­nen des Arti­kels über die Frei­mau­re­rei, der im „Theo­lo­gi­schen Lexi­kon“, Ver­lag Her­der, Frei­burg 1960, ver­öf­fent­licht wur­de [viel­leicht ist das genaue Druck­jahr nicht 1960]. Das „Lexi­kon“ unter­schei­det zwi­schen regu­lä­rer und irre­gu­lä­rer Frei­mau­re­rei, ist der Ansicht, daß in den anti­frei­mau­re­ri­schen päpst­li­chen Bul­len „In emi­nen­ti“ (1738) und „Pro­vi­das“ (1751) die Frei­mau­re­rei nicht als häre­tisch, son­dern wegen ihrer Geheim­hal­tung, also eher aus poli­ti­schen Grün­den, ver­ur­teilt wird (vgl. Die Ver­hand­lun­gen, a. a. O., S. 16f). Das „Lexi­kon“ stellt klar, daß Katho­li­ken, die Mit­glie­der „regu­lä­rer“ Frei­mau­re­rei­en sind (z. B. der Natio­na­len Groß­lo­ge von Frank­reich, des Groß­ori­ents von Hai­ti, der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Eng­land, der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land usw.), nicht der anti­frei­mau­re­ri­schen Exkom­mu­ni­ka­ti­on des Canons 2335 unter­lie­gen, da sie nicht anti­kle­ri­kal sind und sich nicht gegen die legi­ti­men bür­ger­li­chen Gewal­ten ver­schwö­ren (vgl. S. 18).

Auf Ver­mitt­lung von Msgr. de Toth fin­det am 14. Okto­ber 1968 in Wien ein Gespräch zwi­schen dem ehe­ma­li­gen Groß­mei­ster Theo­dor Vogel und Kar­di­nal König, Erz­bi­schof von Wien und Vor­sit­zen­der des Sekre­ta­ri­ats für die Nicht­glau­ben­den, statt (vgl. S. 18). Auch Kar­di­nal König wünscht sich einen Dia­log zwi­schen der katho­li­schen Kir­che und der Frei­mau­re­rei und des­halb eine Kom­mis­si­on, die sich aus Ver­tre­tern bei­der Sei­ten zusam­men­setzt. Vogel bevor­zugt eine frei­mau­re­ri­sche Ver­tre­tung des deut­schen Sprach­raums: Deutsch­land, Öster­reich, Schweiz und even­tu­ell Hol­land (vgl. S. 22). Spä­te­stens seit 1958, dem Grün­dungs­jahr der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land, wünscht sich Groß­mei­ster Vogel ein Ende der Feind­schaft der Kir­che gegen­über der Frei­mau­re­rei und damit die Auf­he­bung des Canons 2335 (vgl. S. 25f).

Am 27./28. Dezem­ber 1968 tref­fen sich Mon­si­gno­re de Toth und die Frei­mau­rer Theo­dor Vogel (VGLvD), Karl Hoe­de (VGLvD), Rolf Appel (VGLvD), Kurt Baresch (Groß­lo­ge von Öster­reich: GLvÖ), Alfred Rös­li (Schwei­ze­ri­sche Groß­lo­ge Alpi­na: SGLA) und Fer­di­nand Cap (GLvÖ) in Inns­bruck. Die Ver­samm­lung beginnt mit dem Anzün­den von 3 Ker­zen durch Mon­si­gno­re de Toth, der für jede Ker­ze ein Wort spricht: „Weis­heit“, „Stär­ke“, „Schön­heit“ (d. h. die Namen der 3 frei­mau­re­ri­schen Säu­len oder Lich­ter!), dann öff­net er die Bibel beim ersten Kapi­tel des Johan­nes­evan­ge­li­ums (vgl. S. 29). So ahm­te Mon­si­gno­re de Toth das frei­mau­re­ri­sche Eröff­nungs­ri­tu­al der Loge nach!

Die anwe­sen­den Frei­mau­rer sind sich einig, daß der Gro­ße Bau­mei­ster des Uni­ver­sums nicht kon­fes­sio­nell oder reli­gi­ös kon­no­tiert sein darf, sonst wäre die Frei­mau­re­rei in ihrer Fähig­keit als „Brücken­bau­er“ ein­ge­schränkt, … „Frei­mau­rer als Myste­ri­en­bund“ (vgl. S. 29f).

Die Doku­men­ta­ti­on der For­schungs­lo­ge Qua­tu­or Coro­na­ti über den Dia­log von 1968 bis 1972

Zu den pro­gram­ma­ti­schen Punk­ten, die auf dem Tref­fen in Inns­bruck fest­ge­legt wur­den, gehören:

Alle Angrif­fe, die von bei­den Sei­ten in der Pres­se und in Schrif­ten erschei­nen, zu sam­meln und aus­zu­tau­schen; Miß­ver­ständ­nis­se zu klä­ren und der Wahr­heit zu dienen.

Geeig­ne­te Lite­ra­tur zur Ver­fü­gung zu stel­len, ins­be­son­de­re das Buch des Jesui­ten P. Michel Dierickx, um den Frei­mau­rern eine freund­li­che Dar­stel­lung der Frei­mau­re­rei durch die katho­li­sche Kir­che zu geben (vgl. S. 31).

Am 6. März 1969 schreibt Msgr. de Toth an den ehe­ma­li­gen Groß­mei­ster Vogel, daß es vie­le fal­sche Vor­stel­lun­gen über die Frei­mau­re­rei gebe, vor allem unter dem ita­lie­ni­schen Kle­rus und in der Römi­schen Kurie, und daß es daher not­wen­dig sei, sich direkt an den Papst zu wen­den, um einen Dia­log zwi­schen der Kir­che und der Frei­mau­re­rei zu begin­nen. Kar­di­nal König beschließt, in Über­ein­stim­mung mit Kar­di­nal Šeper, sich direkt an Papst Paul VI. zu wen­den, der ein Memo­ran­dum zum The­ma Frei­mau­re­rei brau­chen wer­de. Msgr. de Toth ersucht Vogel im Namen von Kar­di­nal König, in dem Memo­ran­dum dar­auf hin­zu­wei­sen, daß die Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land (ver­tre­ten durch Vogel) eine von der Mut­ter­groß­lo­ge von Lon­don aner­kann­te regu­lä­re Frei­mau­re­rei sind und daß die Frei­mau­re­rei kei­ne Reli­gi­on, son­dern eine Lebens­stil ist und das huma­ni­tä­re Ide­al der Men­schen­rech­te und der Gewis­sens­frei­heit för­dert (vgl. S. 32f).

Am 28. März 1969 teilt Kar­di­nal König Vogel mit, aus Rom zurück­ge­kehrt zu sein, wo er ein posi­ti­ves Gespräch mit Kar­di­nal Šeper geführt habe. Die Römi­sche Kurie befür­wor­te die Kom­mis­si­on für den Dia­log zwi­schen Kir­chen­män­nern und Frei­mau­rern des deut­schen Sprach­raums (vgl. S. 36).

Am 10. und 11. Mai 1969 fin­det in Augs­burg ein Tref­fen der katho­lisch-frei­mau­re­ri­schen Kom­mis­si­on statt. Anwe­send sind Msgr. de Toth (der ein­zi­ge Geist­li­che) und die Frei­mau­rer Kurt Baresch, Alfred Rös­li, Fer­di­nand Cap, Karl Hoe­de, Ernst Wal­ter und Theo­dor Vogel.

Msgr. de Toth über­bringt den Anwe­sen­den Grü­ße von Kar­di­nal Šeper, der dem Dia­log einen guten Ver­lauf wünsch­te, und auch die Grü­ße des Bischofs von Augs­burg, Msgr Josef Stimpf­le (vgl. S. 39f). Aus dem „Pro­to­koll“ des Tref­fens in Augs­burg geht her­vor, daß zu den Ansprech­part­nern von Msgr. de Toth auch der dama­li­ge Her­aus­ge­ber der deut­schen Frei­mau­rer­zeit­schrift „Wei­ße Lilie“ gehör­te (vgl. S. 40).

Ein wei­te­res Tref­fen erfolgt am 5. und 6. Juli 1969 in der Abtei Ein­sie­deln in der Schweiz. „Ver­tre­ter der Kir­che“: Msgr. de Toth, Prof. Josef Wod­ka (Kir­chen­hi­sto­ri­ker, St. Pöl­ten), Prof. Engel­bert Schwarz­bau­er (Kir­chen­recht­ler, Linz), Prof. Her­bert Vor­grim­ler (aus Frei­burg, Pro­fes­sor für Dog­ma­ti­sche Theo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Luzern, Schü­ler von Karl Rah­ner, ehe­ma­li­ger Sekre­tär der drit­ten Abtei­lung „Pro non-creden­ti­bus“). Ver­tre­ter der deutsch­spra­chi­gen Frei­mau­re­rei: Vogel, Appel, Wal­ter, Hoe­de (für den VGLvD); Baresch und Cap (für die GLvÖ); Kurt Rös­li (für die SGLA). Der dama­li­ge Groß­mei­ster des Groß­ori­ents von Ita­li­en, Gior­da­no Gam­be­ri­ni, ist als Gast anwe­send (vgl. S. 43–53).

Am 21. Febru­ar 1970 tref­fen sich die Frei­mau­rer der Kom­mis­si­on in Nürn­berg: Appel, Hoe­de, Vogel, Wal­ter, Fuma­gal­li, Rös­li, Baresch (vgl. S. 59–61).

Am 17. April 1970 tref­fen die Frei­mau­rer Vogel und Alfred Rös­li (ehe­ma­li­ger Groß­se­kre­tär der SGLA) in Lon­don am Sitz der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Eng­land (UGLE) mit den Frei­mau­rern Fre­re und Sir James Stubbs [Groß­se­kre­tär der UGLE] zusam­men, um sie über den lau­fen­den Dia­log mit der katho­li­schen Kir­che zu infor­mie­ren. Das Ergeb­nis die­ses katho­lisch-frei­mau­re­ri­schen Dia­logs: Die anti­frei­mau­re­ri­schen päpst­li­chen Enzy­kli­ken sind bedeu­tungs­los gewor­den, wes­halb die Revi­si­on des Codex des kano­ni­schen Rechts kei­ne Ver­ur­tei­lung der Frei­mau­re­rei mehr ent­hal­ten wird.

Fre­re und Stubbs hal­ten den Dia­log mit der Kir­che für nütz­lich. Sie geben an, daß die UGLE nicht beab­sich­tigt, sich offi­zi­ell zu betei­li­gen, daß sie aber bereit ist, über Fre­re und Stubbs den deutsch­spra­chi­gen „Brü­dern“ bei dem Dia­log zu hel­fen. Kon­tak­te die­ser Art mit den bei­den eng­li­schen Frei­mau­rern müs­sen pri­vat blei­ben. Fre­re und Stubbs sind bereit zu hel­fen, vor allem, wenn der Moment gekom­men ist, Ent­schei­dung durch die katho­li­sche Kir­che zu for­mu­lie­ren (vgl. S. 64–65).

Der Höhe­punkt des Dia­logs fin­det auf Schloß Lich­ten­au in Ober­öster­reich statt. Das Tref­fen erfolgt vom 3. bis 5. Juli 1970. Das Ergeb­nis ist die „Lich­ten­au­er Erklä­rung“. Kar­di­nal König begrüßt die „Erklä­rung“ und teilt den Frei­mau­rern der Kom­mis­si­on mit, daß im neu­en Codex des kano­ni­schen Rechts die Mit­glied­schaft in der Frei­mau­re­rei sicher nicht mehr ver­ur­teilt wer­den wür­de (vgl. S. 69–71).

Laut der „Lich­ten­au­er Erklä­rung“ sind die anti­frei­mau­re­ri­schen Bul­len der Päp­ste nicht mehr gül­tig, daher sei die Ableh­nung der Frei­mau­re­rei für eine Kir­che, die lehrt, den Bru­der zu lie­ben, nicht mehr zu recht­fer­ti­gen (vgl. S. 76).

Hier ist die Liste der Unter­zeich­ner auf frei­mau­re­ri­scher und katho­li­scher Sei­te (S. 77):

Die freimaurerischen Dialogteilnehmer:

Deutsch­land: Für die Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutschland

  • Dr. Ing. Theo­dor Vogel, Altgroßmeister
  • Rolf Appel, Mit­glied des Senats
  • Ernst Wal­ter, Mit­glied des Senats
  • Dr. Karl Hoe­de, Univ.-Prof. em., Altgroßredner

Schweiz: Für die Schwei­ze­ri­sche Groß­lo­ge ALPINA

  • Dr. Alfred Roes­li, Altgroßsekretär
  • Fran­co Fuma­gal­li, Mei­ster vom Stuhl

Öster­reich: Für die Groß­lo­ge von Österreich

  • Kurt Baresch, Abg. Großmeister
  • Dr. Fer­di­nand Cap, Univ.-Prof., Altstuhlmeister
  • Rüdi­ger Von­wil­ler, Altstuhlmeister

Die Dialogteilnehmer der theolog. Kommission der kath. Kirche

  • Dr. Johan­nes B. de Tóth, Apo­sto­li­scher Pro­to­no­tar, Dom­herr vom Late­ran, Rom
  • Dr. Engel­bert Schwarz­bau­er, Päpst­li­cher Haus­prä­lat, Theo­lo­gie­pro­fes­sor, Linz/​Donau
  • Dr. Her­bert Vor­grim­ler, Univ.-Prof., Luzern-Freiburg

Kurz nach der „Erklä­rung von Lich­ten­au“, im Sep­tem­ber 1970, war sich die Groß­lo­ge von Öster­reich sicher, daß die Kir­che die Posi­ti­on des Kir­chen­rechts gegen­über der Frei­mau­re­rei kor­ri­gie­ren wür­de (vgl. S. 82).

Im Okto­ber 1970 bekräf­tig­te der ehe­ma­li­ge Groß­mei­ster Vogel in einer Kon­fe­renz vor dem dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Gustav Hei­ne­mann, daß Rom (d. h. der Hei­li­ge Stuhl) den Frei­mau­rern ver­spro­chen habe, daß in der neu­en Aus­ga­be des Codex des kano­ni­schen Rechts die Frei­mau­re­rei nicht mehr ver­ur­teilt wer­de (vgl. S. 83).

Die deut­schen Frei­mau­rer der Dia­log­kom­mis­si­on mit der Kir­che tra­fen sich am 2. Janu­ar 1972 und gaben ein Kom­mu­ni­qué an den Hei­li­gen Stuhl her­aus, in dem sie erklä­ren, daß sie ihre Arbeit unab­hän­gig von den öster­rei­chi­schen und schwei­ze­ri­schen Frei­mau­rern der glei­chen Kom­mis­si­on fort­set­zen wol­len (vgl. S. 84).

Am 13. Janu­ar 1972 teil­te der Kor­re­spon­dent der deut­schen Loge Qua­tu­or Coro­na­ti in Bay­reuth von Wien aus die­ser mit, daß im neu­en Codex des kano­ni­schen Rechts der Canon 2335, der die Exkom­mu­ni­ka­ti­on von Katho­li­ken vor­sieht, die der Frei­mau­re­rei ange­hö­ren, nicht mehr auf­schei­nen wer­de. Es wer­de nur einen Pas­sus geben, der besagt, daß Katho­li­ken kei­ner Ver­ei­ni­gung ange­hö­ren dür­fen, wel­che die Kir­che bekämpft und auf ihre Zer­stö­rung hin­ar­bei­tet. Die­se Pas­sa­ge habe jedoch nichts mit Canon 2335 zu tun (vgl. S. 87).

Die Loge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 808 zu Bay­reuth erklärt, daß Kar­di­nal Šeper den Frei­mau­rern wie­der­holt ver­si­cher­te, daß sie zufrie­den sein könn­ten (vgl. S. 87f).

In einem Brief vom 23. Novem­ber 1973 teilt Graf Ker­s­sen­b­rock (der bereits Ver­mitt­ler zwi­schen Kar­di­nal Bea und Groß­mei­ster Pin­kerneil war) dem ehe­ma­li­gen Groß­mei­ster Vogel mit, was ihm Msgr. de Toth in Rom mit­ge­teilt hat­te: Für die neue Aus­ga­be des Codex des kano­ni­schen Rechts gel­te, daß die frei­mau­rer­feind­li­chen Cano­nes „ganz fort­ge­fal­len sind“. Dar­über hin­aus ist Msgr. de Toth der Mei­nung, daß die Strei­chung der frei­mau­rer­feind­li­chen Pas­sa­gen aus dem neu­en Codex des kano­ni­schen Rechts nicht sofort, son­dern erst nach und nach bekannt­ge­ge­ben wer­den soll­te… Ker­s­sen­b­rock stellt fest, daß dies ein gro­ßer Erfolg ist (vgl. S. 88).

So wuß­ten hohe Ver­tre­ter der Frei­mau­re­rei bereits 13 Jah­re vor der Ver­kün­dung des neu­en Codex des kano­ni­schen Rechts (1983), daß die frei­mau­rer­feind­li­chen Cano­nes des 1917 ver­kün­de­ten Codex, die in jenen nach­kon­zi­lia­ren Jah­ren noch in Kraft waren, auf­ge­ho­ben werden.

1973 berich­tet die Kir­chen­zei­tung des Erz­bis­tums Köln über die jüng­sten Äuße­run­gen des Jesui­ten­pa­ters Gio­van­ni Caprile von der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca zum Dia­log zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei: Pater Caprile bekräf­tig­te, daß sich heu­te ein Katho­lik der Frei­mau­re­rei anschlie­ßen kön­ne, daß sich das Kli­ma zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei ver­än­de­re und daß kei­ne ste­ri­le und nutz­lo­se Pole­mik mehr nötig sei, son­dern kon­struk­ti­ver guter Wil­le (vgl. S. 88f).

Am Ende der Publi­ka­ti­on ver­weist die Bay­reu­ther Loge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 808 auf den 1974 begon­ne­nen Dia­log zwi­schen den Ver­ei­nig­ten Groß­lo­gen von Deutsch­land und der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz (vgl. S. 89). Doch im Gegen­satz zu dem sehr ver­trau­li­chen (oder sehr gehei­men) katho­lisch-frei­mau­re­ri­schen Dia­log von 1968–1972 wird der von den deut­schen Frei­mau­rern so sehr gewünsch­te Dia­log von 1974–1980 für die Frei­mau­rer ein ungün­sti­ges Ergeb­nis haben, denn am Ende die­ses Dia­logs wird die Bekräf­ti­gung der Unver­ein­bar­keit zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei ste­hen. Sie­he dazu: Das Frei­mau­rer-Lexi­kon von Eugen Lenn­hoff 33. und Oskar Pos­ner und der Dia­log zwi­schen Kir­che und Frei­mau­re­rei 1974–1980.

(Fort­set­zung folgt)

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/​Corrispondenza Romana

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