Warum die katholische Kirche in Lateinamerika verliert

Eine Reportage des Wall Street Journal

Evangelikale, besonders Pfingstler, erleben seit mehreren Jahrzehnten in Lateinamerika einen ungeahnten Aufstieg, während die katholische Kirche einen Erosionsprozeß erlebt.
Evangelikale, besonders Pfingstler, erleben seit mehreren Jahrzehnten in Lateinamerika einen ungeahnten Aufstieg, während die katholische Kirche einen Erosionsprozeß erlebt.

War­um sind „kon­ser­va­ti­ve Pfingst­ler“ in Latein­ame­ri­ka wei­ter auf „auf dem Vor­marsch“, obwohl seit 2013 der erste Papst regiert, der aus die­ser Welt­ge­gend stammt? Die­ser Fra­ge wid­me­te das Wall Street Jour­nal am 11. Janu­ar eine Repor­ta­ge von Fran­cis X. Roc­ca, Lucia­na Magalhaes und Saman­tha Pear­son. Unter Ver­weis auf aktu­el­le Erhe­bun­gen kün­di­gen sie an, daß die katho­li­sche Kir­che auch in Bra­si­li­en, dem größ­ten katho­li­schen Land der Welt, noch in die­sem Jahr zur Min­der­heit wer­den wird.

Wer gedacht haben soll­te, der gewal­ti­ge Ero­si­ons­pro­zeß auf dem Kon­ti­nent, der vor einem hal­ben Jahr­hun­dert noch als der „katho­lisch­ste“ der Welt galt, wür­de durch den ersten Latein­ame­ri­ka­ner auf dem Papst­thron gestoppt oder gar umge­kehrt wer­den, sah sich bald ent­täuscht. Papst Fran­zis­kus, der sei­ne Hei­mat Argen­ti­ni­en mei­det, sich aber dort und in ande­ren latein­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten bei poli­ti­schen Wah­len ein­mischt, beschleu­nigt den Auf­lö­sungs­pro­zeß, weil er die Beweg­grün­de ver­stärkt, die seit den 70er Jah­ren zur Abwan­de­rung aus der katho­li­schen Kir­che führen.

Das Autoren­trio berich­tet von Tatia­na Apa­re­ci­da de Jesus. Die fünf­fa­che Mut­ter war eine dro­gen­ab­hän­gi­ge Pro­sti­tu­ier­te, bis sie eine klei­ne Pfingst­ge­mein­de in der Innen­stadt von Rio de Janei­ro ken­nen­lern­te, die sich „Hei­li­gung im Herrn“ nennt. Die 41jährige berich­tet, daß der Pastor sie bei der ersten Begeg­nung umarm­te, „ohne etwas zu fra­gen“. Die Frau ließ ihr altes Leben hin­ter sich. Heu­te besucht sie mit ihren Kin­dern jede Woche den Got­tes­dienst in der Gemeinde.

Laut Wall Street Jour­nal haben sich allein seit Beginn der Coro­na-Kri­se eine Mil­li­on Bra­si­lia­ner evan­ge­li­ka­len oder pfingst­li­chen Gemein­den angeschlossen.

Der Wandel

Latein­ame­ri­ka war, seit es Teil der spa­ni­schen bzw. por­tu­gie­si­schen Kro­ne wur­de, ein katho­li­scher Kon­ti­nent. Das änder­te sich erst im ver­gan­ge­nen hal­ben Jahr­hun­dert und dafür gibt es eine Rei­he von Grün­den, von denen längst nicht alle, aber doch wesent­li­che haus­ge­macht sind.

Bra­si­lia­ni­sche Pfingst­ler-Gemein­de mit Geschlechtertrennung

Die Autoren erin­nern an eine Erhe­bung des chi­le­ni­schen Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Lati­no­ba­ro­me­tro im Jahr 2018 (Katho​li​sches​.info berich­te­te), daß es bereits sie­ben Staa­ten gibt – Uru­gu­ay, die Domi­ni­ka­ni­sche Repu­blik und fünf Län­dern in Mit­tel­ame­ri­ka –, die kei­ne katho­li­sche Mehr­heit mehr haben.

„Ein sym­bo­li­scher Mei­len­stein ist, daß Bra­si­li­en, das von allen Län­dern der Welt die mei­sten Katho­li­ken hat, nach Schät­zun­gen von Wis­sen­schaft­lern, die die reli­giö­se Zuge­hö­rig­keit beob­ach­ten, noch in die­sem Jahr zu einem katho­li­schen Min­der­heits­land wer­den wird.“

Im Bun­des­staat Rio de Janei­ro ist das bereits Rea­li­tät. Laut Volks­zäh­lung von 2010 sind dort noch 46 Pro­zent der Bevöl­ke­rung katho­lisch. In den Fave­las, den Armen­vier­teln, sogar nur mehr etwas mehr als ein Drit­tel. José Eustá­quio Diniz Alves, ein füh­ren­der bra­si­lia­ni­scher Demo­graph und ehe­ma­li­ger Pro­fes­sor für Sta­ti­stik, sagt:

„Der Vati­kan ver­liert das größ­te katho­li­sche Land der Welt – das ist ein rie­si­ger Ver­lust, der nicht mehr rück­gän­gig zu machen ist.“

Bei gleich­blei­ben­dem Tem­po wer­den, so Diniz Alves, „Anfang Juli weni­ger als 50 Pro­zent aller Bra­si­lia­ner Katho­li­ken sein“.

„Die Grün­de für die­se Ver­schie­bung sind viel­schich­tig“, so das Wall Street Jour­nal. „Dazu gehö­ren poli­ti­sche Ver­än­de­run­gen, die die Vor­tei­le der katho­li­schen Kir­che gegen­über ande­ren Reli­gio­nen geschmä­lert haben, sowie die zuneh­men­de Säku­la­ri­sie­rung in vie­len Tei­len der Welt. Wäh­rend der Pan­de­mie haben die evan­ge­li­ka­len Kir­chen die sozia­len Medi­en beson­ders effek­tiv genutzt.“

Kri­ti­ker, so die Wirt­schafts­zei­tung, ver­wei­sen dar­auf, daß die katho­li­sche Kir­che nicht in der Lage sei „die reli­giö­sen und sozia­len Bedürf­nis­se vie­ler Men­schen, ins­be­son­de­re der Armen, zu befrie­di­gen. Latein­ame­ri­ka­ner beschrei­ben die katho­li­sche Kir­che oft als unnah­bar gegen­über den all­täg­li­chen Kämpfen“.

Gera­de die­ser Punkt ist viel­schich­tig. Ver­tritt nicht gera­de Fran­zis­kus, wie kein Papst vor ihm, die „Opti­on für die Armen“? Ist es nicht er, der eine „arme Kir­che der Armen“ for­dert? Das Wall Street Jour­nal legt den Fin­ger in die Wunde.

„Das Auf­kom­men der Befrei­ungs­theo­lo­gie in den 1960er und 70er Jah­ren, als die katho­li­sche Kir­che in Latein­ame­ri­ka zuneh­mend ihre Mis­si­on als eine der sozia­len Gerech­tig­keit beton­te und sich dabei in eini­gen Fäl­len auf mar­xi­sti­sche Ideen stütz­te, konn­te der Anzie­hungs­kraft der pro­te­stan­ti­schen Glau­bens­rich­tun­gen nichts entgegensetzen.“

Die Autoren „über­set­zen“ die­se Aus­sa­ge unter Zuhil­fe­nah­me eines „inzwi­schen legen­dä­ren Wit­zes“, des­sen Urhe­ber­schaft unge­klärt ist und sowohl katho­li­schen als auch pro­te­stan­ti­schen Quel­len zuge­schrie­ben wird:

„Die katho­li­sche Kir­che hat sich für die Armen ent­schie­den und die Armen für die Pfingstler.“

Die Repor­ta­ge erwähnt nicht, daß gera­de die bra­si­lia­ni­sche Kir­che bis hin­auf zu den Bischö­fen stark befrei­ungs­theo­lo­gisch geprägt ist. Sie erwähnt aber, daß die Mas­sen­ab­wan­de­rung von Katho­li­ken zu Frei­kir­chen „weit­rei­chen­de sozia­le und poli­ti­sche Fol­gen“ nach sich zieht.

„In Län­dern wie Bra­si­li­en haben Kon­ver­sio­nen zum Pfingst­chri­sten­tum sozi­al­kon­ser­va­ti­ve Ansich­ten aus den Fave­las in die Par­la­ments­sä­le getra­gen und dazu bei­getra­gen, daß der rechts­ge­rich­te­te Prä­si­dent Jair Bol­so­na­ro 2018 an die Macht kam.“

Bol­so­na­ro selbst ist Katho­lik, sei­ne Frau gehört einer evan­ge­li­ka­len Gemein­de an. 

„Pfingst­ler und Evan­ge­li­ka­le sind in sei­nem Kabi­nett stark ver­tre­ten und machen ein Drit­tel der bra­si­lia­ni­schen Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten aus.“

Wäh­rend die tra­di­tio­nel­len Lan­des­kir­chen der Refor­ma­ti­on, ob Luthe­ra­ner, Refor­mier­te oder Angli­ka­ner, in Latein­ame­ri­ka nie wirk­lich Fuß fas­sen konn­ten, erlebt die evan­ge­li­ka­le Bewe­gung, die aus den USA kommt – die Pfingst­be­we­gung ist ein Teil von ihr –, im spa­nisch- und por­tu­gie­sisch­spra­chi­gen Teil des ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents einen uner­war­te­ten Sie­ges­lauf. Die­ser geht mit erheb­li­chen poli­ti­schen und sozia­len Umbrü­chen ein­her, die von man­chen Öko­no­men und Sozio­lo­gen als „Auf­hol­jagd“ bezeich­net wird und den öko­no­mi­schen und sozia­len Anschluß an den soge­nann­ten Westen meint.

Die Autoren sagen es nicht so deut­lich, doch die Hin­wen­dung von Tei­len der katho­li­schen Kir­che zum Mar­xis­mus, dem Her­vor­brin­gen der Befrei­ungs­theo­lo­gie und ihrer „Moder­ni­sie­rung“ nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil war selbst Aus­lö­ser des Ero­si­ons­pro­zes­ses. Ver­stärkt wur­de die­ser durch die US-Regie­rung, die als Alter­na­ti­ve zu Staats­strei­chen und Mili­tär­re­gie­run­gen struk­tu­rel­le Ver­bün­de­te such­te. Aus die­sem Grund för­der­te sie, beson­ders seit den 80er Jah­ren, den Export der evan­ge­li­ka­len Bewe­gung nach Lateinamerika.

Säkularisierung

Neben der Abwan­de­rung zu den Evan­ge­li­ka­len gibt es auch die ersatz­lo­se Abkehr von der katho­li­schen Kir­che. Der Ein­fluß der katho­li­schen Kir­che in den latein­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten nimmt aus bei­den Grün­den ab, die sich teil­wei­se gegen­sei­tig bedin­gen. Die Abtrei­bungs­le­ga­li­sie­rung in Argen­ti­ni­en, der Hei­mat von Papst Fran­zis­kus, spricht Bän­de. Glei­ches gilt noch mehr für Mexi­ko. Obwohl es der Staat ist, in dem die katho­li­sche Kir­che gegen­über dem evan­ge­li­ka­len Pro­te­stan­tis­mus am besten stand­hält, ent­schied der Ober­ste Gerichts­hof im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber, die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der zu entkriminalisieren.

Laut Anga­ben des Vati­kans leben 41 Pro­zent aller Katho­li­ken welt­weit in Latein­ame­ri­ka. Genaue Zah­len gibt es nicht, ent­spre­chend vari­ie­ren die Anga­ben. Alle Sei­ten sind sich aller­dings einig, daß der Pro­zent­satz rück­läu­fig ist. Laut einer Umfra­ge des Pew Rese­arch Cen­ter bekann­ten sich 2014 69 Pro­zent der Latein­ame­ri­ka­ner als Katho­li­ken, obwohl 84 Pro­zent anga­ben, katho­lisch getauft wor­den und in der Kir­che auf­ge­wach­sen zu sein. Neun­zehn Pro­zent bezeich­ne­ten sich als Pro­te­stan­ten. Zwei Drit­tel davon als Pfingstler.

Bra­si­lia­ni­sche Pfingst­ler-Gemein­de als soge­nann­te „Mega Church“

Papst Fran­zis­kus, so das Wall Street Jour­nal, habe sich bereits in sei­ner Zeit als Erz­bi­schof von Bue­nos Aires mit füh­ren­den Ver­tre­tern der Pfingst­be­we­gung und der Evan­ge­li­ka­len getrof­fen. Auch als Papst bemü­he er sich „um eine fried­li­che Koexi­stenz mit Anders­gläu­bi­gen, anstatt die zuneh­men­de Flut riva­li­sie­ren­der Glau­bens­rich­tun­gen zu bekämp­fen“. In die­sem Sin­ne, auch dar­an erin­nern die Autoren, hat­te sich Fran­zis­kus „oft gegen mis­sio­na­ri­sche Bemü­hun­gen aus­ge­spro­chen, die dar­auf abzie­len, Kon­ver­ti­ten zu gewinnen“.

Fran­zis­kus hielt 2019 eine Ama­zo­nas­syn­ode ab, die sich mit einer Teil­re­gi­on Latein­ame­ri­kas befaß­te. Aller­dings, so die Wirt­schafts­zei­tung, sei dabei kaum über den Ver­lust an Gläu­bi­gen gespro­chen wor­den, „obwohl der Bericht einer kirch­li­chen Agen­tur zeig­te, daß 46 Pro­zent der 34 Mil­lio­nen Ein­woh­ner des Ama­zo­nas­ge­biets kei­ne Katho­li­ken sind. Die Ver­samm­lung wid­me­te sich mehr den öko­lo­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen der Regi­on, einem der Haupt­an­lie­gen des der­zei­ti­gen Pontifikats.“

Vielschichtige Verquickungen

Die Autoren erin­nern an den ersten Wan­del, der mit der Unab­hän­gig­keit von Spa­ni­en und Por­tu­gal im frü­hen 19. Jahr­hun­dert ein­setz­te. Die kirch­li­che Hier­ar­chie, eng mit den Kro­nen Spa­ni­ens und Por­tu­gals ver­bun­den, unter­stütz­te die Unab­hän­gig­keits­be­we­gun­gen nicht, was zu einem Bruch mit den Eli­ten der neu­en Repu­bli­ken führ­te. Von ihnen nicht erwähnt wird, daß die Anfüh­rer der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung zumeist Frei­mau­rer waren, was das Miß­trau­en auf kirch­li­cher Sei­te noch ver­grö­ßer­te. Die Fol­ge war, daß die katho­li­sche Kir­che damals den Sta­tus als Staats­re­li­gi­on ver­lor. Wäh­rend auf dem spa­nisch­spra­chi­gen Fest­land des Kon­ti­nents zwi­schen 1809 und 1825 als Staas­form die Repu­blik durch­ge­setzt wur­de, konn­te sich in Bra­si­li­en die Mon­ar­chie bis 1889 hal­ten, was eine bis heu­te nach­wir­ken­de, akti­ve­re katho­lisch-kon­ser­va­ti­ve Strö­mung zur Fol­ge hat­te. Der Gegen­satz zwi­schen Katho­li­ken und Libe­ra­len, der ins­ge­samt die Zeit nach den Unab­hän­gig­keits­er­klä­run­gen präg­te, bedeu­te­te, von Aus­nah­men abge­se­hen, aber kei­ne Abwan­de­rung zu ande­ren Reli­gi­ons­be­kennt­nis­sen. Wirk­li­che Kon­kur­renz auf Glau­bens­ebe­ne erhielt die Kir­che erst mit den Umbrü­chen nach dem Zwei­ten Welt­krieg, die durch sozia­le und poli­ti­sche Auf­brü­che und Unru­hen, sowje­ti­sche Agi­ta­ti­on, das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil und Ame­ri­ka­ni­sie­rung geprägt waren. Seit­her explo­dier­te in man­chen Län­dern die Zahl der Pfingst­ler. In Bra­si­li­en ver­sie­ben­fach­te sie sich auf fast 50 Mil­lio­nen, in Gua­te­ma­la ver­zehn­fach­te sie sich auf fast drei Millionen.

„Die locke­re Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der Pfingst­be­we­gung hat ihr gehol­fen, in den ärm­sten Gegen­den Latein­ame­ri­kas Fuß zu fas­sen, wo die Gemein­den sowohl mate­ri­el­le als auch geist­li­che Hil­fe anbie­ten. Von Lai­en gelei­te­te Kir­chen mit nur weni­gen Dut­zend Fami­li­en orga­ni­sie­ren Spen­den von Reis und Boh­nen für hun­gern­de Fami­li­en, finan­zie­ren Fuß­ball­clubs für Jun­gen, um sie von Dro­gen­ban­den weg­zu­locken, und orga­ni­sie­ren eine pri­va­te Gesund­heits­für­sor­ge als Alter­na­ti­ve zu Bra­si­li­ens maro­den öffent­li­chen Krankenhäusern.“

Laut der PEW-Erhe­bung von 2014 war der am häu­fig­sten genann­te Grund, war­um sich Katho­li­ken der evan­ge­li­ka­len Form des Pro­te­stan­tis­mus anschlos­sen, „eine per­sön­li­che Ver­bin­dung zu Gott“. 81 Pro­zent der Befrag­ten gaben dies an. Fast 60 Pro­zent nann­ten, daß sie in ihrer frei­kirch­li­chen Gemein­de „eine Kir­che gefun­den haben, die den Mit­glie­dern hilft“. Die infor­mel­le Struk­tur der Pfingst- und evan­ge­li­ka­len Kir­chen ermög­li­che einen enge­ren Kon­takt zwi­schen Kir­chen­füh­rern und Gläu­bi­gen, so die Autoren.

Eine bereits 2007 durch­ge­führ­te Stu­die ergab, daß 60 Pro­zent der Evan­ge­li­ka­len mehr als ein­mal in der Woche in die Kir­che gehen, wäh­rend es bei den Katho­li­ken 16 Pro­zent sind. Die Abga­be des Zeh­ents ver­schaff­te den evan­ge­li­ka­len Gemein­schaf­ten in Bra­si­li­en finan­zi­el­le Kraft, „die es ihnen ermög­licht, in arme Vor­städ­te zu expan­die­ren und poli­ti­sche Kam­pa­gnen zu finan­zie­ren“.

In der Innen­stadt von São Pau­lo, der größ­ten Metro­po­le Süd­ame­ri­kas, steht eine 300 Mil­lio­nen Dol­lar teu­re, fik­ti­ve Nach­bil­dung des Salo­mo­ni­schen Tem­pels, ein beton­ge­wor­de­nes Zeug­nis für den kome­ten­haf­ten Auf­stieg der Evan­ge­li­ka­len. Der Tem­pel wur­de 2014 von einer der größ­ten und reich­sten Pfingst­ler­ge­mein­schaf­ten Bra­si­li­ens, der Uni­ver­sel­len Kir­che des König­reichs Got­tes, errich­tet und bie­tet 10.000 Gläu­bi­gen Platz. Für die Errich­tung wur­de soviel Mar­mor aus Isra­el impor­tiert, daß damit zehn Fuß­ball­fel­der aus­ge­legt wer­den hät­ten kön­nen. Dort fin­den aber jede Woche u. a. auch Grup­pen­sit­zun­gen für Paar­the­ra­pie statt, in denen Ehe­leu­ten gehol­fen wird, Kri­sen und Pro­ble­me zu über­win­den, durch Tips, Ver­ge­bung und Heilung.

„Vie­le Pfingst­ler pre­di­gen die ‚Wohl­stands­theo­lo­gie‘ – in den USA eher als Wohl­stands­evan­ge­li­um bekannt –, die davon aus­geht, daß sich Got­tes Gna­de im mate­ri­el­len Wohl­stand widerspiegelt.“

Die evan­ge­li­ka­len Gemein­den sei­en Orte, „an denen man kein schlech­ter Mensch ist, wenn man von etwas Gro­ßem träumt und mehr ver­die­nen will“, wird Josué Valand­ro, der Pastor der Atti­tu­de Church in Rio de Janei­ro, einer evan­ge­li­ka­len Bap­ti­sten­ge­mein­de, zitiert.

Die Rückgewinnung

In den kom­men­den Jah­ren könn­te das Wachs­tum der Pfingst­be­we­gung in Latein­ame­ri­ka zwar eine Ober­gren­ze errei­chen, doch wer­de das ihren Ein­fluß nicht abseh­bar schmälern.

Gut 22 Pro­zent der Katho­li­ken Latein­ame­ri­kas bezeich­nen sich in ihrer inner­kirch­li­chen Zuord­nung als „cha­ris­ma­tisch“. Der bekann­te Lit­ur­gi­ker Don Nico­la Bux, der in der Repor­ta­ge nicht erwähnt wird, hat­te 2013 nach einem Besuch in Bra­si­li­en gesagt: Die Lücken, wel­che durch die Befrei­ungs­theo­lo­gie ent­stan­den sind, könn­ten und soll­ten durch den über­lie­fer­ten Ritus geschlos­sen werden. 

Im Wall Street Jour­nal wird zwar auf­ge­zeigt, daß die Befrei­ungs­theo­lo­gie poli­ti­sche und sozia­le Fra­gen „über die reli­giö­se Erfah­rung gestellt“ habe, aber gleich­zei­tig die Gegen­sei­te als „mili­tan­ter kon­ser­va­ti­ver Katho­li­zis­mus“ dar­ge­stellt wird. Als des­sen Bei­spiel wird Pfar­rer Pau­lo Ricar­do genannt, der die Befrei­ungs­theo­lo­gie als Häre­sie ver­ur­teilt und „Ele­men­te von Bol­so­na­ros Agen­da begei­stert“ unter­stüt­ze. Pau­lo Ricar­do, der den Novus Ordo Mis­sae als „defi­zi­tär“ bezeich­net, Tex­te des Lit­ur­gi­kers Peter Kwas­niew­ski auf por­tu­gie­sisch ver­öf­fent­licht und die Wie­der­auf­nah­me der Dis­kus­si­on über das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil anregt, fol­gen auf Face­book 1,5 Mil­lio­nen Menschen.

Pau­lo Ricar­do de Aze­ve­do Júni­or, Prie­ster der Erz­diö­ze­se Cuia­bá im Staat Mato Grosso, wur­de 1992 von Papst Johan­nes Paul II. zum Prie­ster geweiht. Er gilt als einer der füh­ren­den kon­ser­va­ti­ven Köp­fe Lateinamerikas

Papst Fran­zis­kus, so die Autoren, besuch­te in sei­nem Pon­ti­fi­kat bereits zehn Staa­ten Latein­ame­ri­kas. „Aber er führt ein­deu­tig kei­nen Kreuz­zug, um die Regi­on für den Katho­li­zis­mus zurückzuerobern.“

Das Wall Street Jour­nal schreibt es nicht: Fran­zis­kus gilt Kri­ti­kern selbst als Aus­druck jener Schief­la­ge der Kir­che, die in Latein­ame­ri­ka einen histo­risch bei­spiel­lo­sen Ero­si­ons­pro­zeß aus­lö­ste, wäh­rend er die „Gegen­sei­te“, sowohl die cha­ris­ma­ti­sche als auch die tra­di­tio­na­li­sti­sche igno­riert, kor­ri­giert oder offen bekämpft wie durch das Motu pro­prio Tra­di­tio­nis custo­des.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Youtube/padrericardo.org

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