Kardinal Burke: „Anlaß zur tiefsten Besorgnis“

Die neuen Anordnungen zur Meßzelebration im Petersdom

Raymond Kardinal Burke, bis 2014 nach dem Papst der höchste Richter der katholischen Kirche, äußert seine Bedenken zur Neuordnung der Meßzelebrationen im Petersdom, die in einer Woche in Kraft treten sollen.
Raymond Kardinal Burke, bis 2014 nach dem Papst der höchste Richter der katholischen Kirche, äußert seine Bedenken zur Neuordnung der Meßzelebrationen im Petersdom, die in einer Woche in Kraft treten sollen.

Auf die Anwei­sun­gen des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats bezüg­lich der Meß­ze­le­bra­tio­nen im Peters­dom reagier­te Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke mit fol­gen­der Stel­lung­nah­me, die von ihm auch in deut­scher Spra­che ver­öf­fent­licht wurde:

Stellungnahme

Am 12. März 2021 hat die Erste Sek­ti­on (für die All­ge­mei­nen Ange­le­gen­hei­ten) des Staats­se­kre­ta­ri­ats von Papst Fran­zis­kus ein Doku­ment ver­öf­fent­licht, das bestimm­te Anord­nun­gen bezüg­lich der Dar­brin­gung der hl. Mes­se in der päpst­li­chen Basi­li­ka Sankt Peter im Vati­kan ent­hält. Das Doku­ment rich­tet sich an den außer­or­dent­li­chen Kom­mis­sar der Dom­bau­hüt­te von St. Peter (Com­mis­sa­rio Stra­or­di­na­rio del­la Fab­bri­ca di San Pie­tro), das für die Pfle­ge der päpst­li­chen Basi­li­ka zustän­di­ge kano­ni­sche Insti­tut, an die Kano­ni­ker des Vati­kan­ka­pi­tels (Cano­ni­ci del Capi­to­lo Vati­ca­no) und an das Amt für lit­ur­gi­sche Fei­ern der Basi­li­ka (Ser­vi­zio Cele­bra­zio­ni lit­ur­gi­che del­la Basi­li­ca). Sowohl die Form als auch der Inhalt des Doku­ments berech­ti­gen zu der tief­sten Sor­ge der Gläu­bi­gen und v. a. der Prie­ster. Die­se Sor­ge rich­tet sich nicht nur auf die päpst­li­che Basi­li­ka St. Peter, son­dern auch auf die Welt­kir­che, da die päpst­li­che Basi­li­ka St. Peter in beson­de­rer Wei­se die geist­li­che Hei­mat aller Katho­li­ken ist und als sol­che ein Vor­bild für die lit­ur­gi­sche Dis­zi­plin der Teil­kir­chen sein sollte.

Was die Form des Doku­ments betrifft, so gibt es meh­re­re Bedenken.

  1. Es han­delt sich um ein nicht unter­schrie­be­nes Doku­ment der Ersten Sek­ti­on des Staats­se­kre­ta­ri­ats, ohne Pro­to­koll­num­mer, das den hei­lig­sten Aspekt des kirch­li­chen Lebens, die Fei­er der hl. Mes­se, regeln soll. Es trägt das Sie­gel der Ersten Sek­ti­on mit Initia­len. Obwohl das Doku­ment authen­tisch, d. h. nicht gefälscht zu sein scheint, kann man nicht davon aus­ge­hen, dass es ein Doku­ment ist, das gül­ti­ge Rechts­vor­schrif­ten für die Hei­li­ge Lit­ur­gie enthält.
  2. Das Staats­se­kre­ta­ri­at ist nicht zustän­dig für die lit­ur­gi­sche Dis­zi­plin der Kir­che und ins­be­son­de­re für die lit­ur­gi­sche Dis­zi­plin an der Basi­li­ka St. Peter im Vati­kan. Mit Recht fragt man, mit wel­cher Auto­ri­tät das Staats­se­kre­ta­ri­at Richt­li­ni­en erlas­sen hat, die der Dis­zi­plin der Welt­kir­che wider­spre­chen. Eine wei­te­re Fra­ge betrifft den Pro­zess, der zur Ver­öf­fent­li­chung eines sol­chen ano­ma­len Doku­ments geführt hat.
  3. Ange­sichts der Inkom­pe­tenz des Staats­se­kre­ta­ri­ats in die­ser Ange­le­gen­heit haben die Gläu­bi­gen das Recht zu erfah­ren, wel­che zustän­di­ge Auto­ri­tät dem Staats­se­kre­ta­ri­at das Man­dat erteilt hat, die Hei­li­ge Lit­ur­gie zu regeln, d. h. Richt­li­ni­en für die Abhal­tung der hl. Mes­se in der päpst­li­chen Basi­li­ka St. Peter zu erlassen.
  4. Die päpst­li­che Basi­li­ka St. Peter im Vati­kan hat jetzt einen Kar­di­nal-Erz­prie­ster, aber das betref­fen­de Doku­ment wird ihm nicht offi­zi­ell mit­ge­teilt. Es wird auch nicht auf sei­ne Ver­ant­wor­tung für die lit­ur­gi­sche Dis­zi­plin in der ihm anver­trau­ten Basi­li­ka hingewiesen.

Auch der Inhalt des Doku­ments gibt Anlass zu tief­ster Besorgnis.

  1. Das Doku­ment unter­stellt, dass die hl. Mes­sen in der Basi­li­ka St. Peter gegen­wär­tig in einer Atmo­sphä­re ange­bo­ten wer­den, der es in gewis­sem Maße an inne­rer Samm­lung und lit­ur­gi­schem Deko­rum („di rac­co­gli­men­to e di deco­ro“) man­gelt. Dies ist sicher­lich nicht mei­ne Erfah­rung. Ich ken­ne vie­le Prie­ster, die in Rom leben und Rom besu­chen, die die hl. Mes­se im Peters­dom gefei­ert haben oder regel­mä­ßig fei­ern. Wäh­rend sie mir gegen­über ihre tie­fe Dank­bar­keit für die Mög­lich­keit aus­ge­drückt haben, die hl. Mes­se in der Basi­li­ka zu fei­ern, haben sie mit kei­ner Bemer­kung ange­deu­tet, dass die Atmo­sphä­re, in der sie die hl. Mes­se in der Basi­li­ka gefei­ert haben, in irgend­ei­ner Wei­se die Ehr­furcht, die inne­re Samm­lung und die Wür­de ver­mis­sen ließ, die dem Sakra­ment der Sakra­men­te gebührt.
  2. Das Doku­ment schreibt den Prie­stern, die die hl. Mes­se im Peters­dom dar­brin­gen wol­len, die Kon­ze­le­bra­ti­on vor, was dem uni­ver­sa­len Kir­chen­recht wider­spricht und die pri­mä­re Pflicht des ein­zel­nen Prie­sters, täg­lich die hl. Mes­se für das Heil der Welt dar­zu­brin­gen, unge­recht­fer­tigt beein­träch­tigt (Can. 902). In wel­cher Kir­che wür­de ein Prie­ster mehr als in der Basi­li­ka St. Peter die hl. Mes­se dar­brin­gen wol­len, die die voll­kom­men­ste und umfas­send­ste Art und Wei­se ist, in der er sei­ne prie­ster­li­che Sen­dung aus­übt. Wenn ein ein­zel­ner Prie­ster die hl. Mes­se in der Basi­li­ka dar­brin­gen möch­te, wird er, sobald die betref­fen­den Richt­li­ni­en in Kraft sind, gezwun­gen sein, zu kon­ze­le­brie­ren, was gegen sei­ne Frei­heit ver­stößt, die hl. Mes­se indi­vi­du­ell darzubringen.
  3. Was die indi­vi­du­el­le Dar­brin­gung der hei­li­gen Mes­se betrifft, so ist zu beach­ten, dass es sich nicht nur um ein Recht des Prie­sters han­delt, son­dern auch um eine gro­ße geist­li­che Frucht für die gan­ze Kir­che, da die unend­li­chen Ver­dien­ste des hl. Mess­op­fers in einer unse­rer end­li­chen und zeit­li­chen Natur ange­mes­se­nen Wei­se stär­ker und umfas­sen­der zur Anwen­dung kom­men. Es ist hilf­reich, über die Leh­re des Kon­zils von Tri­ent nach­zu­den­ken, die sich auf die Situa­ti­on eines Prie­sters bezieht, der die hl. Mes­se dar­bringt, ohne dass irgend­ein Mit­glied der Gläu­bi­gen die hei­li­ge Kom­mu­ni­on emp­fängt. Bezüg­lich der Teil­nah­me der Gläu­bi­gen an der hl. Mes­se lehrt das Kon­zil: „Das hei­li­ge Kon­zil möch­te gewiss, dass die bei jeder Mes­se anwe­sen­den Gläu­bi­gen nicht nur durch geist­li­che Andacht, son­dern auch durch den sakra­men­ta­len Emp­fang der Eucha­ri­stie an ihr teil­neh­men, damit die Früch­te die­ses hei­lig­sten Opfers ihnen in vol­lem Umfang zuteil­wer­den.“ Wei­ter heißt es: „Wenn dies aber nicht immer geschieht, so ver­ur­teilt das Kon­zil [sie] des­halb nicht als pri­va­te und uner­laub­te Mes­sen [Can. 8], in denen nur der Prie­ster kom­mu­ni­ziert. Viel­mehr bil­ligt und lobt es sie, denn auch sie sind als wahr­haft gemein­schaft­li­che Mes­sen zu betrach­ten, zum einen, weil das Volk in ihnen geist­lich kom­mu­ni­ziert, zum ande­ren, weil sie von einem offi­zi­el­len Die­ner der Kir­che gefei­ert wer­den, nicht für sich allein, son­dern für alle Gläu­bi­gen, die zum Leib Chri­sti gehö­ren“ (Ses­si­on XXII, Kapi­tel 6). Es ist fer­ner zu beach­ten, dass ein Prie­ster die hl. Mes­se nie­mals allein dar­bringt, auch wenn sonst nie­mand phy­sisch anwe­send ist, denn die Engel und die Hei­li­gen assi­stie­ren bei jedem hei­li­gen Mess­op­fer (Can. 903).
  4. In Bezug auf die Außer­or­dent­li­che Form des Römi­schen Ritus, die das Doku­ment fälsch­li­cher­wei­se den Außer­or­dent­li­chen Ritus nennt, spricht das Doku­ment von „auto­ri­sier­ten Prie­stern“, aber kein Prie­ster mit gutem Ruf braucht eine Auto­ri­sie­rung, um die hl. Mes­se nach der Außer­or­dent­li­chen Form des Römi­schen Ritus zu fei­ern (Motu Pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum, Art. 2). Dar­über hin­aus beschränkt das Doku­ment die Dar­brin­gung der hl. Mes­se nach der Außer­or­dent­li­chen Form oder dem Usus Anti­qui­or des Römi­schen Ritus in der päpst­li­chen Basi­li­ka St. Peter auf die Kle­men­ti­ni­sche Kapel­le, und zwar auf vier fest­ge­leg­te Zei­ten. Soll also ange­nom­men wer­den, dass jeden Tag nur vier Prie­ster die hl. Mes­se nach dem Usus Anti­qui­or in der päpst­li­chen Basi­li­ka St. Peter fei­ern dür­fen? Da das uni­ver­sa­le Kir­chen­recht dem ein­zel­nen Prie­ster unter sol­chen Umstän­den erlaubt, die hl. Mes­se ent­we­der nach der Ordent­li­chen Form (Usus Recen­ti­or) oder nach der Außer­or­dent­li­chen Form (Usus Anti­qui­or) zu fei­ern, ver­stößt die frag­li­che Richt­li­nie direkt gegen das uni­ver­sa­le Kirchenrecht.
  5. Das Doku­ment schreibt auch vor, dass die kon­ze­le­brier­ten Mes­sen durch den Dienst von Lek­to­ren und Kan­to­ren lit­ur­gisch belebt wer­den (sia­no ani­ma­te lit­ur­gi­ca­men­te). Die lit­ur­gi­sche Dis­zi­plin der Kir­che sieht zwar den Dienst von Lek­to­ren und Kan­to­ren vor, doch ist es nicht ihre Auf­ga­be, die Hei­li­ge Lit­ur­gie zu bele­ben. Chri­stus allein, in des­sen Per­son der Prie­ster han­delt, belebt die Hei­li­ge Lit­ur­gie. Aus die­sem Grund soll­te man nicht den­ken, dass die indi­vi­du­el­le Dar­brin­gung der hl. Mes­se irgend­wie weni­ger beseelt sei — im wah­ren geist­li­chen Sinn — als die kon­ze­le­brier­te Messe.
  6. Um des katho­li­schen Glau­bens und um der rech­ten Ord­nung der Hei­li­gen Lit­ur­gie wil­len, die der höch­ste und voll­kom­men­ste Aus­druck des Lebens der Kir­che in Chri­stus ist, soll­te das betref­fen­de Doku­ment sofort, d. h. vor sei­nem geplan­ten Inkraft­tre­ten am 22. März die­ses Jah­res, auf­ge­ho­ben wer­den. Dar­über hin­aus soll­te das Den­ken, das einem sol­chen Doku­ment zugrun­de liegt, kor­ri­giert und gleich­zei­tig die Dis­zi­plin der Gesamt­kir­che und die ihr zugrun­de lie­gen­de lit­ur­gi­sche Leh­re den Gläu­bi­gen dar­ge­legt werden.

Schließ­lich erkennt die kirch­li­che Dis­zi­plin das Recht, ja die Pflicht der Christ­gläu­bi­gen an, ihren Hir­ten ihre Besorg­nis über Ange­le­gen­hei­ten, die das Wohl der Kir­che betref­fen, mit­zu­tei­len, und eben­so, die­se Besorg­nis allen Christ­gläu­bi­gen mit­zu­tei­len (Can. 212 § 3). In Anbe­tracht des Ern­stes der Situa­ti­on, die das frag­li­che Doku­ment dar­stellt, hof­fe ich, dass vie­le der Christ­gläu­bi­gen, für die der Peters­dom in einem beson­de­ren Sinn ihre Mut­ter­kir­che ist, und v. a. vie­le Prie­ster aus der gan­zen Welt Papst Fran­zis­kus und sei­nem Staats­se­kre­ta­ri­at ihren star­ken Ein­spruch gegen das frag­li­che Doku­ment kund­tun werden.

+ Ray­mond Leo Kar­di­nal BURKE
Rom, 13. März 2021

Bild: cardinalburke.com (Screen­shot)

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2 Kommentare

  1. Vergelt´s Gott Herr Kar­di­nal Burke!

    Einen Punkt möch­te ich ergänzen:
    Jede Hei­li­ge Mes­se der Kir­che ist eine Opfer­mes­se zur Genug­tu­ung des Vaters, sie hat einen unend­li­chen Wert, völ­lig unab­hän­gig davon, ob Gläu­bi­ge mit­fei­ern oder nicht. Des­halb hal­te ich die Kon­ze­le­bra­ti­on für eine bewusst gewoll­te Ver­rin­ge­rung der täg­li­chen Opfer, eine Berau­bung zum Scha­den der gan­zen Welt. Die Kon­ze­le­bra­ti­on darf nie­mals ver­pflich­tend wer­den. Man stel­le sich die Aus­wir­kun­gen vor, z.B. Mis­sio­na­re dür­fen dann in abwe­gi­gen Gegen­den kei­ne Hei­li­ge Opfer­mes­se mehr fei­ern — unmensch­lich. Sie darf auch nicht in St. Peter ver­pflich­tend wer­den, denn dann beginnt der Fisch vom Kopf her an zu stinken.

  2. Alle die­se Ver­ir­run­gen und Frag­wür­dig­kei­ten bestär­ken die Gläu­bi­gen in den Befürch­tun­gen über den Zustand des Hei­li­gen Stuhls zu Rom. Kann ein Papst, der offen­sicht­lich das Kar­di­nal­staats­se­kre­ta­ri­at als Dikaste­ri­um für die Got­tes­dien­ste in der Basi­li­ka des Apo­stel­für­sten im Vati­kan ein­set­zen? Wer hat das Sagen in der Kir­che? Laut dem Annu­a­rio Pon­ti­fi­ca­le ist er gera­de ein­mal zum Pastor Uni­ver­sa­lis Toti­us Eccle­siae Roma­na gewählt. Die­sen Titel hat er noch. Dies schließt aber im dog­ma­ti­schen Sin­ne das „Munus Petrinum“ nicht mit ein, das dar­in besteht „Vica­ri­us Jesu Chri­sti“ zu sein. Es besteht zumin­dest mate­ri­ell eine Situa­ti­on, die der Sedis­va­kanz ähn­lich ist oder ihr ent­spricht. Wenn nun das Kar­di­nal­staats­e­kre­ta­ri­at damit befaßt ist, den Hei­li­gen Ordo an der Basi­li­ka der Basi­li­ken zu ord­nen, wozu die­nen dann noch die Ämter des Erz­prie­sters der Basi­li­ka, des Päpst­li­chen Zere­mo­ni­en­mei­sters, des Lei­ters der Dom­bau­hüt­te und letzt­lich das Dikaste­ri­um für die Got­tes­dien­ste und Sakramentendisziplin?
    Hat etwa doch ein Putsch 2019 statt­ge­fun­den, und Jor­ge Mario Ber­go­glio aka Fran­cis­cus PP ist nur noch Mario­net­te des Kard­nials­staats­se­kre­ta­ri­ats? Besteht nicht dann fak­tisch ein Schis­ma zwi­schen der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und der Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on auf der einen Sei­te und dem Kar­di­nals­staats­se­kre­ta­ri­ats und der ande­ren Dikaste­ri­en auf der ande­ren Sei­te? Dann wäre eigent­lich Ray­mond Kar­di­nal Bur­ke ver­pflich­tet ein „Admo­ni­tum Fra­ter­na­le“ an den Papst zu rich­ten oder er hat zu erklä­ren, daß „Sedes Roma­na vacat!“

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