Die Verwirrung der vatikanischen Medien

Die Kommunikationspolitik von Papst Franziskus

(Rom) Die Medi­en des Vati­kans befin­den sich „in völ­li­ger Ver­wir­rung“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster: „Doch dem Papst gefällt das so.“ Am 19. Janu­ar ver­kün­de­te Papst Fran­zis­kus, laut vati­ka­ni­schen Medi­en, die „explo­si­ve Sen­sa­ti­on“, daß Jesus Chri­stus beim Letz­ten Abend­mahl „zwei Sakra­men­te“ ein­ge­setzt habe: die Eucha­ri­stie und die Fuß­wa­schung. „Unglaub­lich, aber wahr“, so Magi­ster. Und (fast) nie­mand bemerk­te es.

Der Grund dafür ist, daß sich die sen­sa­tio­nel­le Bot­schaft in einem wenig beach­te­ten Text befand. Am 19. Janu­ar über­mit­tel­te Papst Fran­zis­kus eine Video­bot­schaft an die Teil­neh­mer „des natio­na­len Tref­fens von Bischö­fen und Prie­stern in Vene­zue­la“. Fran­zis­kus bedien­te sich dar­in sei­ner spa­ni­schen Mut­ter­spra­che. Der Hei­li­ge Stuhl ver­öf­fent­lich­te Über­set­zun­gen in eng­li­scher, fran­zö­si­scher, ita­lie­ni­scher und por­tu­gie­si­scher Sprache.

Laut der ita­lie­ni­schen Über­set­zung, immer­hin die fak­ti­sche Refe­renz­spra­che des Hei­li­gen Stuhls, sag­te Fran­zis­kus, Jesus Chri­stus habe beim Letz­ten Abend­mahl auch die Fuß­wa­schung als „Sakra­ment“ ein­ge­setzt. Das aber hie­ße, daß es nicht sie­ben, son­dern acht Sakra­men­te gäbe.

Viel­leicht erschien die­se „Mög­lich­keit“ eini­gen Medi­en­leu­ten des Vati­kans nicht ganz unplau­si­bel. Seit sei­ner Wahl 2013 mach­te Papst Fran­zis­kus näm­lich die hei­li­ge Lit­ur­gie des Grün­don­ners­tags unsicht­bar. Anstatt den ersten Tag des Tri­du­um Sacrum in sei­ner Bischofs­kir­che mit sei­nem Bis­tum zu zele­brie­ren, besucht er jedes Jahr unter Aus­schluß der Öffent­lich­keit eine geschlos­se­ne Ein­rich­tung, meist ein Gefäng­nis. Durch die beglei­ten­de Bericht­erstat­tung wur­de die Geste der Fuß­wa­schung, die von Bedeu­tung, aber nicht das zen­tra­le Ele­ment des Grün­don­ners­tags ist, immer stär­ker in den Vor­der­grund gerückt. Soll­te die Behaup­tung eines ach­ten Sakra­ments gar die­ser Linie folgen?

Im Ori­gi­nal der Bot­schaft sprach Fran­zis­kus aber nicht von „dos Sacra­ment­os“ (zwei Sakra­men­ten), son­dern von „dos insti­tu­cio­nes“. Die Stel­le wur­de spä­ter auch in der ita­lie­ni­schen Fas­sung mit „zwei insti­tu­ti­ven Akten“ über­setzt. Magi­ster bemerk­te dazu:

„Daß der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­schi­ne des Vati­kans ein sol­cher Feh­ler unter­läuft, über­rascht uns. Aber es gibt noch viel mehr. Das ist nur ein Frag­ment eines all­ge­mei­ne­ren Zustan­des der Verwirrung.“

Drei Tage zuvor, am 16. Janu­ar, hat­te Fran­zis­kus den Prä­fek­ten des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­ums, Pao­lo Ruf­fi­ni, emp­fan­gen. Zehn Tage spä­ter wur­de am 23. Janu­ar die jähr­li­che Bot­schaft des Pap­stes zum Welt­tag der Sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel mit den übli­chen Tira­den gegen „Fake News“ ver­öf­fent­licht. „Die Leh­ren, die der Vati­kan in die­ser Sache zieht, sind aber nicht ein­wand­frei“, so Magi­ster, der eini­ge Bei­spie­le dafür anführt.

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In den ersten Tagen des Jah­res 2021 star­te­te Papst Fran­zis­kus „mit Feu­er und Flam­me“. Am 2. Janu­ar ver­öf­fent­lich­te die Gazzet­ta del­lo Sport, die größ­te Sport­ta­ges­zei­tung der Welt, ein gro­ßes Inter­view mit ihm. Dar­auf folg­te Fran­zis­kus als Titel­ge­schich­te der Monats­zeit­schrift Vani­ty Fair und dann als Son­der­teil in der inter­na­tio­nal ton­an­ge­ben­den Mode­zeit­schrift Vogue. Am 10. Janu­ar schließ­lich wur­de von Cana­le 5, dem größ­ten pri­va­ten Fern­seh­sen­der Ita­li­ens, ein „Exklu­siv­in­ter­view“ des Pap­stes von 45 Minu­ten Län­ge ausgestrahlt.

Die Medi­en­ar­beit des Vati­kans scheint per­fekt zu funk­tio­nie­ren. „Doch ein Blick hin­ter die Kulis­sen offen­bart ein ande­res Bild“, so Magister.

Die Ver­öf­fent­li­chun­gen in Vani­ty Fair und Vogue schei­nen zumin­dest teil­wei­se mit dem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­um abge­spro­chen gewe­sen. Das deu­ten ent­spre­chen­de Hin­wei­se von Andrea Tor­ni­el­li, Chef­re­dak­teur mit Richt­li­ni­en- und Koor­di­nie­rungs­be­fug­nis für alle Vati­kan­me­di­en, und von P. Anto­nio Spa­daro, dem Schrift­lei­ter der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca, an. Bei­de gehö­ren zum engen Ver­trau­ten­kreis des Papstes.

Das Inter­view der Gazzet­ta del­lo Sport wur­de jedoch von ganz ande­rer Sei­te ein­ge­fä­delt, von Don Mar­co Poz­za, dem Gefäng­nis­ka­plan von Padua. Don Poz­za steht in kei­nem Zusam­men­hang mit den vati­ka­ni­schen Medi­en und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stel­len, ist aber seit gut drei Jah­ren der von Fran­zis­kus bevor­zug­te Medi­en­ak­ti­vist. Einem grö­ße­ren Publi­kum wur­de Poz­za durch meh­re­re Inter­views mit Papst Fran­zis­kus bekannt, die von TV2000, dem Fern­seh­sen­der der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, gesen­det wur­den. Auf eines die­ser Inter­views geht es zurück, daß in der ita­lie­ni­schen Volks­spra­che die vor­letz­te Bit­te des Vater­un­sers geän­dert wur­de. Die Ände­rung erfolg­te nicht, weil es dafür eine Anwei­sung des Pap­stes oder der römi­schen Kon­gre­ga­ti­on für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung gab, son­dern allein des­halb, weil Fran­zis­kus in dem Fern­seh­in­ter­view erklär­te, mit der For­mu­lie­rung des Vater­un­sers nicht zufrie­den zu sein.

Da das Inter­view mit der Gazzet­ta del­lo Sport an den vati­ka­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­auf­trag­ten vor­bei erfolg­te, wur­de es von den Vati­kan­me­di­en mit kei­nem Wort gewür­digt. Am 3. Janu­ar beklag­te Don Poz­za die­ses Schwei­gen auf sei­nem per­sön­li­chen Blog samt einer Anspie­lung, daß das einer „Zen­sur“ des Pap­stes gleichkomme.

Nicht nur Don Poz­za han­delt für den Papst an den zustän­di­gen Stel­len im Vati­kan vor­bei, son­dern auch Fran­zis­kus selbst tut das. Nach­dem die Gazzet­ta del­lo Sport das Inter­view abge­druckt hat­te, griff Fran­zis­kus zum Tele­fon und rief in der Redak­ti­on an, um ihr zu gra­tu­lie­ren. Öffent­lich­keits­ar­beit mit Brei­ten­wir­kung: Doch die Zustän­di­gen im Vati­kan erfuh­ren es erst aus der Zeitung.

Das Inter­view mit Cana­le 5, das zen­tra­le Aus­sa­gen des Pap­stes zur Coro­na-Imp­fung ent­hält, orga­ni­sier­te Fran­zis­kus per­sön­lich. Er setz­te sich direkt mit sei­nem Inter­view­er Fabio Mar­che­se Rago­na in Ver­bin­dung und ver­ein­bar­te mit die­sem den Ter­min für die Auf­zeich­nun­gen in San­ta Mar­ta. Übri­gens auch in die­sem Fall mit Unter­stüt­zung von Don Poz­za, der dann auch Stu­dio­gast des Sen­ders war, um das Inter­view am Tag der Aus­strah­lung zu kom­men­tie­ren und die dar­in getä­tig­ten Aus­sa­gen des Pap­stes zu unter­stüt­zen, auch jene, daß es eine „mora­li­sche Pflicht“ zur Coro­na-Imp­fung gebe. Dabei hat­te Mit­te Dezem­ber 2020 die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on die Ein­füh­rung einer Impf­pflicht mit Bil­li­gung von Fran­zis­kus aus­drück­lich abge­lehnt. Die Ableh­nung einer gesetz­li­chen Impf­pflicht bei gleich­zei­ti­ger Behaup­tung einer mora­li­schen Impf­pflicht wird von Beob­ach­tern jener päpst­li­chen „Raf­fi­nes­se“ zuge­schrie­ben, ver­steckt durch die Hin­ter­tür doch errei­chen zu wol­len, was man offi­zi­ell an der Vor­der­tür ablehnt.

Waren bis­her alle Inter­views von Medi­en­mit­ar­bei­tern des Vati­kans auf­ge­zeich­net, geschnit­ten und kon­trol­liert wor­den, mach­te Cana­le 5 dies­mal die Auf­nah­men selbst und ohne jede Betei­li­gung vati­ka­ni­scher Stel­len. Fran­zis­kus selbst hat­te es mög­lich gemacht.

Immer mit Unter­stüt­zung von Don Poz­za und außer­va­ti­ka­ni­schen Medi­en­leu­ten wer­den dem­nächst von Cana­le 9, dem ita­lie­ni­schen Kanal von Dis­co­very, wei­te­re Inter­views mit Papst Fran­zis­kus aus­ge­strahlt wer­den. Dabei wird es um die vier Kar­di­nal­tu­gen­den und die drei Gött­li­chen Tugen­den gehen. Erst recht am Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­um vor­bei erfolg­te die Ent­ste­hung von gleich vier neu­en Fil­men mit dem Papst, die von Net­flix pro­du­ziert und gesen­det werden.

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Ein wei­te­rer bei­spiel­haf­ter Fall waren zwi­schen Novem­ber und Dezem­ber Breit­sei­ten gegen die Abtrei­bung, die Fran­zis­kus in eini­gen Pri­vat­brie­fen an argen­ti­ni­sche Freun­de abfeu­er­te, als das Par­la­ment sei­ner Hei­mat über die Lega­li­sie­rung der Tötung unge­bo­re­ner Kin­der abstimm­te.

Der Inhalt die­ser Brie­fe wur­de nicht von Fran­zis­kus, son­dern von den Emp­fän­gern bekannt­ge­macht. Fran­zis­kus selbst hüll­te sich öffent­lich und offi­zi­ell sowohl vor als auch nach der Ver­ab­schie­dung des Geset­zes in Schweigen. 

Magi­ster hat­te in der Ver­gan­gen­heit dar­auf auf­merk­sam gemacht, daß Fran­zis­kus, wenn er, sel­ten genug, gegen die Abtrei­bung Stel­lung nimmt, von den Medi­en igno­riert wird. Über sei­ne Brie­fe nach Argen­ti­ni­en berich­te­ten nicht ein­mal die Vati­kan­me­di­en. Sei­ne Stel­lung­nah­men zur Abtrei­bungs­fra­ge wer­den von welt­li­chen Medi­en kon­se­quent über­gan­gen, wäh­rend sie ihm anson­sten brei­ten und wohl­wol­len­den Raum schenken.

Der Annah­me, es hand­le sich dabei um eine Art von Zen­sur, wider­sprach am 17. Dezem­ber der argen­ti­ni­sche Phi­lo­soph José Arturo Quar­r­a­ci­no, des­sen Zuschrift Magi­ster auf sei­nem Blog Set­ti­mo Cie­lo ver­öf­fent­lich­te. Der Phi­lo­soph ist ein Nef­fe von Kar­di­nal Anto­nio Quar­r­a­ci­no, dem Vor­gän­ger Ber­go­gli­os als Erz­bi­schof von Bue­nos Aires. Kar­di­nal Quar­r­a­ci­no mach­te Ber­go­gli­os Auf­stieg mög­lich, indem er ihn zunächst von Rom als sei­nen Weih­bi­schof und dann als sei­nen Koad­ju­tor mit Nach­fol­ge­recht erbat.

Sein Nef­fe José Arturo Quar­r­a­ci­no empör­te sich, daß Fran­zis­kus zwar gele­gent­lich har­te Wor­te gegen die Abtrei­bung äußert, das aber so tue, daß sie in den gro­ßen Medi­en kei­ne Reso­nanz fin­den und die brei­te Öffent­lich­keit gar nicht errei­chen kön­nen. Der Papst wer­de in der Abtrei­bungs­fra­ge nicht Opfer einer Medi­en­zen­sur, son­dern pas­se sich selbst der Tabui­sie­rung der Lebens­rechts­fra­ge an. Anders gesagt: Das Schwei­gen in der Abtrei­bungs­fra­ge ist ein päpst­li­ches Ziel selbst dann, wenn er mit star­ken Wor­ten die Abtrei­bung verurteilt.

Dabei beklag­te Fran­zis­kus in einem sei­ner Pri­vat­brie­fe selbst, daß man durch die Medi­en nicht erfah­re, was er, der Papst, sage. Man erfah­re nur, „was sie sagen, daß ich sage“ oder nur vom „Hören­sa­gen“. Des­halb bevor­zu­ge er Inter­views, um ohne Ver­mitt­lung direkt mit dem Volk zu kommunizieren. 

Damit scheint Fran­zis­kus recht­fer­ti­gen zu wol­len, was er in der Abtrei­bungs­fra­ge selbst anstrebt, denn in sei­nen Inter­views spricht er The­men wie die Abtrei­bungs­fra­ge nicht an. Dar­in bestä­tigt sich, daß das Schwei­gen dazu von ihm bewußt gewählt ist. 

Poli­ti­ker wie Alber­to Fernán­dez, der amtie­ren­de link­s­pe­ro­ni­sti­sche Staats­prä­si­dent von Argen­ti­ni­en, der soeben die Abtrei­bung lega­li­sier­te, und der soeben ange­lob­te neue US-Prä­si­dent Joe Biden, der als Ver­tre­ter des links­li­be­ra­len Estab­lish­ments sogleich ankün­dig­te, das „Recht“ auf Abtrei­bung auch im letz­ten Win­kel der Erde durch­set­zen zu wol­len, wis­sen das päpst­li­che Schwei­gen sicher zu schätzen.

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Aber es gibt Inter­view und Inter­view. Einen ganz spe­zi­el­len Fall stel­len die zahl­rei­chen Gesprä­che des Pap­stes mit sei­nem Freund, dem Athe­isten Euge­nio Scal­fa­ri, dar. Seit der päpst­li­chen Amts­ein­füh­rung fan­den zehn sol­cher Gesprä­che statt. Zu fast allen ging die Initia­ti­ve von Fran­zis­kus aus. Scal­fa­ri, der stolz auf die unun­ter­bro­che­ne Linie von Frei­mau­rern in sei­ner Fami­lie seit sei­nem Urur­groß­va­ter ist, bringt anschlie­ßend aus dem Gedächt­nis zu Papier, was Fran­zis­kus ihm anver­trau­te. Her­aus­ge­kom­men ist:

  • daß es kei­ne Höl­le gibt,
  • daß Gott nicht katho­lisch ist,
  • daß alle Reli­gio­nen in Wirk­lich­keit eins sind,
  • daß Jesus nicht Gott ist …

Nach jedem Inter­view warn­te anfangs das Pres­se­amt des Vati­kans, damals noch unter der Lei­tung von Vati­kan­spre­cher Pater Fede­r­i­co Lom­bar­di, die Wor­te, die der bekann­te Jour­na­list dem Papst zuschrieb, mit Vor­sicht zu genie­ßen. Dann aber kapi­tu­lier­te das Pres­se­amt und schwieg zu den Scal­fa­ri-Ver­öf­fent­li­chun­gen. Von Fran­zis­kus war näm­lich auch intern weder ein Demen­ti noch eine Klä­rung der häre­ti­schen Aus­sa­gen zu bekom­men. Magi­ster erin­nert dar­an, daß nur noch ein­mal vor­sich­tig Stel­lung bezo­gen wur­de, als die Lon­do­ner Times titel­te: „Der Papst schafft die Höl­le ab“. Ins­ge­samt merkt der Vati­ka­nist dazu an:

„Aber Fran­zis­kus gefällt es so. Und auch Scalfari.“

Der jüng­ste Fran­zis­kus-Leit­ar­ti­kel aus der Feder Scal­fa­ris stammt vom 22. Novem­ber 2020, um über­schweng­lich zu berich­ten, daß sich der Papst tele­fo­nisch bei ihm für sei­nen Leit­ar­ti­kel über ihr jüng­stes Gespräch bedankt hatte.

Am sel­ben 20. Novem­ber, als Scal­fa­ri sein Papst-Gespräch publi­zier­te, ent­hüll­te die New Yor­ker Jesui­ten­zeit­schrift Ame­ri­ca, die sich ganz auf Ber­go­glio-Linie befin­det, ein ande­res Tele­fon­ge­spräch des Pap­stes. In den Tagen zuvor hat­te Fran­zis­kus einen ande­ren Freund ange­ru­fen, den Sozia­li­sten Evo Mora­les. Mora­les war nach fast vier­zehn­jäh­ri­ger Amts­zeit als Staats­prä­si­dent Ende 2019 zum Rück­tritt gezwun­gen wor­den. Sei­ne Par­tei konn­te inzwi­schen aber die Macht im Land zurück­ge­win­nen. Der Wahl­sieg war auch der Anlaß für den päpst­li­chen Tele­fon­an­ruf. Fran­zis­kus gra­tu­lier­te Mora­les zur Rück­kehr an die Macht. Daß die Bischö­fe Boli­vi­ens die Ideo­lo­gie und Poli­tik von Mora­les und des­sen Par­tei ganz anders beur­tei­len, weil er wie­der­holt gegen die Kir­che vor­ging, scheint den Papst in San­ta Mar­ta nicht zu kümmern.

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Wie ver­wirrt die Medi­en­ver­ant­wort­li­chen im Vati­kan sind, zeigt noch ein ande­res jüng­stes Bei­spiel. Grund für die Ver­wir­rung sind nicht nur die Eigen­mäch­tig­kei­ten des Pap­stes, der an den offi­zi­el­len Stel­len vor­bei han­delt. Es ist vor allem sein „salop­per“ Umgang mit der kirch­li­chen Leh­re. Dar­an war bereits Vati­kan­spre­cher Pater Fede­r­i­co Lom­bar­di geschei­tert. Da das Pres­se­amt über eigen­wil­li­ge Stel­lung­nah­men des Pap­stes nicht infor­miert war, konn­te es auch nicht über­zeugt demen­tie­ren, denn Lom­bar­di kann­te zwar die Leh­re der Kir­che, aber er konn­te man­gels Infor­ma­tio­nen nicht sicher sein, daß etwa von Scal­fa­ri behaup­te­te Son­der­leh­ren nicht doch aus dem Mund von Fran­zis­kus stamm­ten, dem er dann mit einem Demen­ti in den Rücken fal­len würde.

Der jüdi­sche, israe­lisch-ame­ri­ka­ni­sche Regis­seur Jew­ge­ni Afin­jew­ski, ein beken­nen­der Homo­se­xu­el­ler, stell­te bei den Film­fest­spie­len in Rom sei­nen Doku­men­tar­film „Fran­ces­co“ über den Papst vor. Dar­in ist Fran­zis­kus mit der Aus­sa­ge zu hören:

„Homo­se­xu­el­le … haben das Recht auf eine Fami­lie … Was wir errei­chen müs­sen, ist ein Gesetz der ein­ge­tra­ge­nen Partnerschaften“.

In Wirk­lich­keit waren die­se Wor­te eine Mon­ta­ge von Frag­men­ten eines frü­he­ren Inter­views das Fran­zis­kus der mexi­ka­ni­schen Jour­na­li­stin Valen­ti­na Alazra­ki gege­ben hat­te. Sei­ner­zeit war das Inter­view vom vati­ka­ni­schen Fern­seh­zen­trum geschnit­ten und kon­trol­liert wor­den. Aus noch unge­klär­tem Grund wur­de Afin­jew­ski jedoch das voll­stän­di­ge Ori­gi­nal­ma­te­ri­al zur Ver­fü­gung gestellt und von die­sem bear­bei­tet. Im Ori­gi­nal fin­det sich die erwähn­te Aus­sa­ge des Pap­stes nicht, was Magi­ster zur Fra­ge veranlaßte.

„Wie reagier­ten die Ver­ant­wort­li­chen des Vati­kans ange­sichts die­ser offen­sicht­li­chen Mani­pu­la­ti­on der Papstworte?“

Die Reak­ti­on war völ­li­ges Schwei­gen. Dabei wur­de am 22. Okto­ber in den Vati­ka­ni­schen Gär­ten in Anwe­sen­heit von Pao­lo Ruf­fi­ni, dem Prä­fek­ten des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­ums, Afin­jew­ski der Kineo Movie for Huma­ni­ty Award über­reicht – und das aus­ge­rech­net für sei­nen Doku­men­tar­film „Fran­ces­co“.

Auch Fran­zis­kus hat­te nichts zu bean­stan­den, als er Afin­jew­ski am Tag zuvor fest­lich in Audi­enz emp­fing und für den Regis­seur eigens eine Geburts­tags­tor­te zube­rei­ten ließ.

Erst zehn Tage spä­ter wur­de eine „schüch­ter­ne, ver­spä­te­te und halb­ge­hei­me Rich­tig­stel­lung“ bekannt, so Magi­ster, und das eher zufäl­lig. Der Apo­sto­li­sche Nun­ti­us in Mexi­ko, Erz­bi­schof Fran­co Cop­po­la, ver­öf­fent­lich­te auf sei­nem Face­book-Zugang eine „Prä­zi­sie­rung zum Ver­ständ­nis eini­ger Aus­sa­gen des Pap­stes im Doku­men­tar­film ‚Fran­ces­co‘“. Die­se war vom vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­at ver­trau­lich an die Nun­tien auf der gan­zen Welt geschickt worden.

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Auch im Zusam­men­hang mit dem Kampf für die Demo­kra­tie in Hong­kong wur­de die Ver­wir­rung der Vati­kan­me­di­en sichtbar.

Am Sonn­tag, dem 5. Juli hat­te das Pres­se­amt eine Stun­de vor dem Ange­lus den akkre­di­tier­ten Jour­na­li­sten wie gewöhn­lich die schrift­lich vor­be­rei­te­te Kurzan­spra­che des Pap­stes über­ge­ben. Dar­in war die erste vor­sich­ti­ge Unter­stüt­zung für die Demo­kra­tie­be­we­gung ent­hal­ten, nach­dem Fran­zis­kus mona­te­lang zu den Ereig­nis­sen in Hong­kong geschwie­gen hat­te. Der Absatz umfaß­te zwölf Zei­len, die vom Staats­se­kre­ta­ri­at in diplo­ma­ti­scher Spra­che for­mu­liert waren.

Als Fran­zis­kus am Fen­ster des Apo­sto­li­schen Pala­stes den Text ver­las, über­sprang er jedoch die­sen Absatz und zwar zur Gän­ze. Magi­ster ist über­zeugt, daß der Papst dies nach Durch­sicht des Tex­tes kur­zer­hand selbst so ent­schie­den haben dürfte.

Die Vor­fall hat­te zur Fol­ge, daß das Pres­se­amt seit­her auch den akkre­di­tier­ten Jour­na­li­sten die Tex­te der Kurzan­spra­che nach dem Ange­lus nicht mehr vor­ab zugäng­lich macht.

Zu Hong­kong schweigt Fran­zis­kus bis zum heu­ti­gen Tag trotz zahl­rei­cher Bit­ten, Auf­for­de­run­gen und Pro­te­ste, die ihn errei­chen, dar­un­ter jene von Lord Chri­sto­pher Pat­ten, dem letz­ten bri­ti­schen Gou­ver­neur der ein­sti­gen Kron­ko­lo­nie. Pat­ten ist Kanz­ler der Uni­ver­si­tät Oxford und Mit­glied des bri­ti­schen Ober­hau­ses. Von 2011 bis 2014 war er Prä­si­dent des BBC Trust und orga­ni­sier­te als Katho­lik 2010 den ersten Besuch eines katho­li­schen Kir­chen­ober­haup­tes im Ver­ei­nig­ten König­reich. 2014 ernann­te ihn Fran­zis­kus zum Vor­sit­zen­den der Kom­mis­si­on für die Reform der Vatikanmedien.

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Die letz­te Per­le die­ser Magi­ster-Antho­lo­gie. Die Pres­se­mit­tei­lung des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes vom 6. März 2020 lautete:

„Sei­ne Hei­lig­keit Fran­zis­kus hat den Vor­schlag des Kar­di­nal­s­ra­tes und des Wirt­schafts­ra­tes ange­nom­men und die Ein­rich­tung der ‚Gene­ral­di­rek­ti­on des Per­so­nals‘ in der Abtei­lung für all­ge­mei­ne Ange­le­gen­hei­ten des Staats­se­kre­ta­ri­ats angeordnet.“

In der Erklä­rung wur­den genaue Anga­ben zu den Befug­nis­sen des neu­en Amtes gemacht. Und sie ende­te mit der fei­er­li­chen Aussage:

„Dies ist ein sehr wich­ti­ger Schritt auf dem vom Hei­li­gen Vater ein­ge­lei­te­ten Reformweg.“

Aber nichts davon stimm­te. Am Tag danach muß­te das Pres­se­amt mit­tei­len, daß die Errich­tung des neu­en Amtes erst ein Vor­schlag eini­ger Kar­di­nä­le war, den der Papst erst stu­die­ren wer­de. Soll­te er die Errich­tung für ange­mes­sen hal­ten, wer­de er das mit einem Motu pro­prio zu gege­be­nem Zeit­punkt tun. 

Die Hin­ter­grün­de die­ses Durch­ein­an­ders sind nicht bekannt. Tat­sa­che ist jedoch, daß es ein sol­ches Motu pro­prio bald ein Jahr danach noch immer nicht gibt.

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Magi­ster ver­weist nicht nur auf die Häu­fung sol­cher Pan­nen, die von der „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­schi­ne“ des Vati­kans pro­du­ziert wer­den. Er beklagt auch einen Abbau des Infor­ma­ti­ons­flus­ses, der zuvor selbst­ver­ständ­lich war.

  • Seit Fran­zis­kus Papst ist, wer­den weder die Namen der Syn­oda­len, die in der Syn­ode das Wort ergrei­fen, noch Zusam­men­fas­sun­gen ihrer Wort­mel­dun­gen ver­öf­fent­licht, wie das frü­her täg­lich der Fall war. Dabei spie­len die 1965 ein­ge­führ­ten Syn­oden im der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kat, wie es heißt, eine weit grö­ße­re Rol­le als unter sei­nen Vorgängern.
  • Unter Fran­zis­kus wer­den kei­ne Jah­res­bi­lan­zen des Hei­li­gen Stuhls und des Gover­na­to­rats der Vati­kan­stadt mehr veröffentlicht.
  • Unter Fran­zis­kus wer­den kei­ne Jah­res­bi­lan­zen des Peters­pfen­nigs mehr veröffentlicht.
  • Bei den im Tages­bul­le­tin des Pres­se­am­tes ver­öf­fent­lich­ten Rück­trit­ten von Bischö­fen wird kein Grund mehr angeführt.
  • Anders als in der Ver­gan­gen­heit wer­den die Teil­neh­mer­zah­len bei den Gene­ral­au­di­en­zen und dem sonn­täg­li­chen Ange­lus nicht mehr angegeben.
  • Der letz­te Band, in denen jedes Jahr die Akti­vi­tä­ten des Hei­li­gen Stuhls in den vor­her­ge­hen­den zwölf Mona­ten ver­öf­fent­licht wur­den, ist 2015 erschie­nen. Seit­her nicht mehr.
  • Die Anspra­che zur Eröff­nung des Gerichts­jah­res der vati­ka­ni­schen Justiz „wird ein Jahr ver­öf­fent­licht, ein Jahr nicht. Nie­mand weiß, aus wel­chem Grund“, so Magister.
  • Der Osser­va­to­re Roma­no in der ita­lie­ni­schen Tages­zei­tungs-Aus­ga­be ist mona­te­lang nicht erschie­nen, wofür das Coro­na­vi­rus ver­ant­wort­lich gemacht wur­de. Nun wird er wie­der gedruckt, ist aber aus fast allen Zei­tungs­ki­os­ken ver­schwun­den. Der Preis für das Jah­res­abon­ne­ment wur­de dra­stisch auf 450 Euro erhöht (für das Aus­land sogar auf 750 Euro). Nicht ein­mal mehr im Pres­se­amt lie­gen Exem­pla­re auf. Und die Online-Aus­ga­be ist wegen der Art der Ver­öf­fent­li­chung prak­tisch unlesbar.

Das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­um, des­sen erster Prä­fekt wegen der Mani­pu­la­ton eines Brie­fes von Bene­dikt XVI. stürz­te, wur­de von Fran­zis­kus errich­tet. Es scheint jedoch, als wür­de sich sei­ne Abnei­gung gegen Insti­tu­tio­nen sogar gegen die von ihm selbst geschaf­fe­nen rich­ten. Obwohl die­ses Dikaste­ri­um die Öffent­lich­keits­ar­beit koor­di­nie­ren soll­te, läuft viel an ihm vor­bei, und Fran­zis­kus steht dabei in der ersten Rei­he. Er ergreift ger­ne selbst die Initia­ti­ve und bin­det die zustän­di­gen Stel­len nicht ein, oder er bedient sich infor­mel­ler Mit­ar­bei­ter wie Don Poz­za anstatt des von ihm ein­ge­setz­ten Prä­fek­ten Ruf­fi­ni oder des eben­falls von ihm ernann­ten Chef­re­dak­teurs Tornielli. 

Magi­ster schließt mit einer Feststellung:

„Ende 2018 tra­ten zwei geschätz­te Jour­na­li­sten wie Greg Bur­ke und Palo­ma Gar­cía Oveje­ro als Direk­tor und Vize-Direk­tor des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes zurück. Sie hat­ten gese­hen und alles verstanden.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Set­ti­mo Cielo

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