Die Seuchenbilder aus dem Petersdom und die Sorgen des Päpstlichen Kulturrats

Corona-Blüten

Bilder der Lächerlichkeit: Seit 18. Mai ist der Petersdom nach 68 Tagen der Schließung wieder offen. Zuvor wurde die größte Kirche der Christenheit massiv desinfiziert, als handle es sich um ein Seuchengebiet.
Bilder der Lächerlichkeit: Seit 18. Mai ist der Petersdom nach 68 Tagen der Schließung wieder offen. Zuvor wurde die größte Kirche der Christenheit massiv desinfiziert, als handle es sich um ein Seuchengebiet.

(Rom) Der Päpst­li­che Kul­tur­rat sorgt sich. Er sorgt sich aller­dings nicht, daß durch die staat­li­chen Coro­na-Maß­nah­men das Kul­tur­le­ben zum Erlie­gen gebracht wur­de, son­dern um Coro­na-Rein­lich­keit, die rich­ti­ge Des­in­fi­zie­rung von kirch­li­chen Gegen­stän­den, die Teil des kul­tu­rel­len Erbes sind, und deren Schutz vor Des­in­fek­ti­ons­über­ei­fer. Dazu ver­öf­fent­lich­te er in drei Spra­chen „Emp­feh­lun­gen ange­sichts der Alarm­si­tua­ti­on wegen COVID-19 zur Instand­hal­tung, Rei­ni­gung und Des­in­fek­ti­on des kul­tu­rel­len Erbes“. Ob es dabei auch das Vor­ge­hen im Peters­dom im Blick hat­te?

Auf der Inter­net­sei­te des römi­schen Dikaste­ri­ums heißt es:

„Der Päpst­li­che Kul­tur­rat hat sei­ne Wur­zeln im Zwei­ten Vati­ca­num und bie­tet ein offe­nes Fen­ster in die wei­te, viel­fäl­ti­ge, unru­hi­ge und sehr rei­che Welt der Kul­tur“

Und wei­ter:

„Die Pasto­ral­kon­sti­tu­ti­on Gau­di­um et Spes (1965) brach­te voll und ganz die Not­wen­dig­keit zum Aus­druck, daß sich die Kir­che den auf­tre­ten­den Her­aus­for­de­run­gen der zeit­ge­nös­si­schen Kul­tur stellt. Die Per­spek­ti­ve eines krea­ti­ven und tief­grei­fen­den Dia­logs über­nimmt dabei eine ent­schei­den­de Rol­le als wesent­li­ches Instru­ment des gegen­sei­ti­gen Ken­nen­ler­nens, der rea­len Begeg­nung und der gegen­sei­ti­gen Befruch­tung.“

Sei­ne Auf­ga­ben lau­ten:

„Der Päpst­li­che Kul­tur­rat ist das Dikaste­ri­um der Römi­schen Kurie, das den Papst bei der Begeg­nung zwi­schen dem Evan­ge­li­um und den Kul­tu­ren und in den Bezie­hun­gen der Kir­che und des Hei­li­gen Stuhls zur Kul­tur­welt unter­stützt. Ziel ist es, einen auf­rich­ti­gen Dia­log wie­der­auf­zu­neh­men, damit die Ver­tre­ter der Wis­sen­schaft, Lite­ra­tur und Kunst sich von der Kir­che als authen­ti­scher Suchen­der nach Wahr­heit, Güte und Schön­heit aner­kannt füh­len.“

So errich­te­te Papst Paul VI. am 9. April 1965 das Sekre­ta­ri­at für die Nicht­glau­ben­den, das 1988 in Päpst­li­cher Rat für den Dia­log mit den Nicht­glau­ben­den umbe­nannt wur­de. Am 20. Mai 1982 schuf Papst Johan­nes Paul II. den Päpst­li­chen Kul­tur­rat. Die­sem glie­der­te er 1993 den Päpst­li­chen Rat für den Dia­log mit den Nicht­glau­ben­den ein. Papst Bene­dikt XVI. leg­te 2012 auch die Päpst­li­che Kom­mis­si­on für die Kul­tur­gü­ter der Kir­che mit dem Päpst­li­chen Kul­tur­rat zusam­men, wäh­rend er den Bereich der Nicht­glau­ben­den 2007, nach sei­ner berühm­ten Regens­bur­ger Rede, aus­glie­der­te und an den dafür neu­errich­te­ten Päpst­li­chen Rat für den Inter­re­li­giö­sen Dia­log über­trug.

Die „Emp­feh­lun­gen“ in Kurz­fas­sung

Soweit die Rah­men­be­din­gun­gen. Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Kul­tur­rats ist seit 2007 Kar­di­nal Gian­fran­co Rava­si, der unter Bene­dikt XVI. in Anse­hen stand, wenn­gleich nicht alle genau wuß­ten wes­halb. Unter Papst Fran­zis­kus konn­te er trotz viel­fäl­ti­ger Bemü­hun­gen jedoch kei­nen wirk­li­chen Draht zu San­ta Mar­ta fin­den.

2014 hat­te ihn Fran­zis­kus für wei­te­re fünf Jah­re im Amt bestä­tigt. Das Man­dat lief im ver­gan­ge­nen Jahr aus. Eine Ver­län­ge­rung scheint nicht in Sicht. Viel­mehr ste­hen bereits Anwär­ter auf die Nach­fol­ge bereit, dar­un­ter José Tolen­ti­no Cala­ça de Men­don­ça, dem Fran­zis­kus im ver­gan­ge­nen Febru­ar das Kar­di­nal­spur­pur ver­lieh.

Das Kul­tur­le­ben (Thea­ter, Kon­zert, Muse­um usw.) wur­de durch die staat­li­chen Coro­na-Maß­nah­men im März zum Erlie­gen gebracht. Die bis­her bekannt­ge­ge­be­nen „Locke­run­gen“ sind zuviel zum Ster­ben und zu wenig zum Über­le­ben. Doch dazu war vom Päpst­li­chen Kul­tur­rat bis­her nichts zu hören. Er ver­laut­bar­te nun hin­ge­gen:

„Es wur­de von ver­schie­de­nen Sei­ten berich­tet, daß die Des­in­fek­ti­on von Räu­men, Gewän­dern und hei­li­gen Gefä­ßen für den Got­tes­dienst, die in die­ser Not­si­tua­ti­on erfor­der­lich ist und wahr­schein­lich noch lan­ge Zeit not­wen­dig sein wird, in eini­gen Fäl­len unter Ver­wen­dung von Rei­ni­gungs­mit­teln erfolg­te, die für Kunst­ge­gen­stän­de und Kul­tur­gü­ter nicht geeig­net sind.
Wir ver­öf­fent­li­chen im Fol­gen­den ein Doku­ment, das nicht vom Päpst­li­chen Kul­tur­rat erstellt wur­de, aber von ihm geteilt wird und sehr ein­fa­che und not­wen­di­ge Hin­wei­se bie­tet, um zu ver­mei­den, daß die wert­voll­sten und emp­find­lich­sten Gegen­stän­de unse­rer Kir­chen irrever­si­bel beschä­digt wer­den.
Vor allem Prie­stern oder Kir­chen­ver­ant­wort­li­chen wird emp­foh­len, sich ins­be­son­de­re in den hei­kel­sten Fäl­len an das zustän­di­ge Amt für das kul­tu­rel­le Erbe ihrer Diö­ze­se oder an die zustän­di­ge staat­li­che Auf­sicht zu wen­den.“

Übereifer beim Desinfizieren

Das ange­spro­che­ne Pro­blem mag zunächst erstau­nen, ist aber nicht ganz von der Hand zu wei­sen, da in eini­gen Welt­ge­gen­den ein Des­in­fek­ti­ons­über­ei­fer wütet. Die vom Kul­tur­rat aus­ge­ge­be­nen „Emp­feh­lun­gen“ umfas­sen fünf Sei­ten mit detail­lier­ten Anga­ben zur Des­in­fek­ti­on von Kir­chen und ande­ren Räum­lich­kei­ten und der dar­in ent­hal­te­nen Gegen­stän­de. Hin­ter­grund ist die vor allem in Ita­li­en der­zeit weit­ver­brei­te­te Pra­xis, in gro­ßem Stil offe­ne und geschlos­se­ne Räu­me zu des­in­fi­zie­ren. Dazu gehö­ren öffent­li­che Stra­ßen und Plät­ze gan­zer Städ­te, aber auch Kir­chen. Ob der Kul­tur­rat dabei auch an den Vati­kan dach­te?

Der Seba­stia­ni­al­tar im Peters­dom: Wo Papst Fran­zis­kus am Mon­tag über dem Grab von Johan­nes Paul II. die Mes­se kurz vor der Öff­nung zele­brier­te, wur­de zuvor des­in­fi­ziert.

Nach die­sem Muster ging man näm­lich auch dort vor. Obwohl der Zugang zum Kir­chen­staat Anfang März her­me­tisch abge­rie­gelt wur­de und zehn Wochen lang weder Gläu­bi­ge noch Tou­ri­sten den Peters­platz und den Peters­dom besu­chen durf­ten, wur­de auch die­ser von Des­in­fek­ti­ons­trupps gerei­nigt. Par­al­lel zu Ita­li­en öff­ne­te auch der Vati­kan am ver­gan­ge­nen Mon­tag, dem 18. Mai wie­der den Zutritt. Das Grab des Apo­stel­für­sten Petrus darf seit­her wie­der besucht wer­den.

Der Zeit­punkt der Öff­nung stellt eine der zahl­rei­chen Kurio­si­tä­ten in der Fra­ge der Coro­na-Maß­nah­men dar. Das Bis­tum des Pap­stes wand­te welt­weit die radi­kal­sten Maß­nah­men an. Am 12. März wur­den alle Kir­chen und Kapel­len geschlos­sen, auch für das per­sön­li­che Gebet. Nach Pro­te­sten wur­den am 13. März zumin­dest die Pfarr­kir­chen wie­der geöff­net. Das bedeu­te­te den­noch, daß in Rom, der „Stadt der Kir­chen“, beson­ders in der Alt­stadt vie­le Kir­chen gesperrt blie­ben. Dicht mach­te auch der Vati­kan. Ein Zutritt zum Peters­dom war unter­sagt. Als Ita­li­ens Regie­rung für den 4. Mai Locke­run­gen ankün­dig­te, hoff­ten und dräng­ten die Bischö­fe, am Sonn­tag, dem 3. Mai bereits öffent­li­che Got­tes­dien­ste wie­der­zu­las­sen zu kön­nen. Die Regie­rung woll­te davon aber nichts wis­sen. Es kam zu Pro­te­sten und Ver­hand­lun­gen, bei denen der Hei­li­ge Stuhl ver­mit­tel­te. Am Ende einig­te man sich auf den 18. Mai, was dies­mal von der Regie­rung auch ein­ge­hal­ten wur­de. Nur, zumin­dest der Vati­kan hät­te den Peters­dom bereits am 3. oder 4. Mai öff­nen kön­nen. Er hät­te damit ein Zei­chen gege­ben und den Gläu­bi­gen eine Hei­mat. Vor allem ist der Hei­li­ge Stuhl in sei­nen Ent­schei­dun­gen völ­lig unab­hän­gig von jenen Ita­li­ens. Doch Papst Fran­zis­kus woll­te nicht. Der Peters­dom blieb gesperrt und wur­de erst geöff­net, als Ita­li­en am 18. Mai wie­der öffent­li­che Got­tes­dien­ste erlaub­te.

So etwas hat­te die berühm­te, 700 Jah­re alte Bron­ze­sta­tue des Apo­stel­für­sten Petrus noch nicht erlebt: Des­in­fek­ti­on pur.

Zuvor wur­de der Peters­dom von Trupps gründ­lich des­in­fi­ziert, war­um auch immer. Das dazu ver­brei­te­te Foto­ma­te­ri­al lie­fert ein Bild der Lächer­lich­keit. Der Peters­dom war 68 Tage gesperrt, doch der Vati­kan zeig­te ihn wie ein hoch kon­ta­mi­nier­tes Risi­ko­ge­biet. Bil­der sagen bekannt­lich mehr als tau­send Wör­ter. War­um aber sol­che Bil­der? Wer woll­te sie? Die Bil­der erzeu­gen Angst, ver­mit­teln Unsi­cher­heit und sug­ge­rie­ren ein Gefah­ren­sze­na­rio, das es in die­ser Form nicht gibt. Vor allem wird der hei­li­ge Ort mit dem Grab des Apo­stel­für­sten Petrus als Seu­chen­ge­biet dar­ge­stellt.

Am 13. Mai gab die WHO bekannt, daß es kei­nen Beweis für die zunächst behaup­te­te Ansteckung durch Ober­flä­chen gibt. Den­noch emp­fiehlt sie sicher­heits­hal­ber Wasch­becken, Toi­let­ten, elek­tro­ni­sche Gerä­te und Hand­läu­fe zu des­in­fi­zie­ren. Zugleich rät sie aber vom Ver­sprü­hen von Des­in­fek­ti­ons­mit­teln ab, wie es in Ost­asi­en und Ita­li­en geschieht. Das gel­te laut Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on sowohl für Flä­chen im Frei­en als auch in Gebäu­den. In vie­len Fäl­len sei eine sol­che Akti­on sinn­los, das Risi­ko einer mög­li­chen Gefähr­dung von Men­schen viel­mehr grö­ßer als der Nut­zen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va (Screen­shots)

5 Kommentare

  1. Μηδὲν ἄγαν „Nichts im Über­maß!“ stand auf einer Säu­le des Tem­pels von Del­phi und soll auf Solon zurück­ge­hen. Dies ist auch die erste
    Reak­ti­on auf den Bericht zu dem The­ma. Aber soviel Unsinn kommt her­aus, wenn Nicht­fach­leu­te zu selbst­er­nann­ten Fachleuten(Hygienikern) wer­den. Es wird bekannt­lich alles des­in­fi­ziert, patho­ge­ne und nicht patho­ge­ne Kei­me, das gan­ze Qeco­sy­stem der Kei­me. Nach mög­li­chem Scha­den wird nicht gefragt.

  2. Ein biß­chen Iro­nie: Neben dem Fuß der Sta­tue des Apo­stel­für­sten Petrus soll­te man Des­in­fek­ti­ons­mit­tel hin­stel­len, daß nach jedem Kuß der Fuß des­in­fi­ziert wer­den kann. 😉

  3. „Bil­der der Lächer­lich­keit: Seit 18. Mai ist der Peters­dom nach 68 Tagen der Schlie­ßung wie­der offen. Zuvor wur­de die größ­te Kir­che der Chri­sten­heit mas­siv des­in­fi­ziert, als hand­le es sich um ein Seu­chen­ge­biet.“
    Das sind kei­ne Bil­der der Lächer­lich­keit. Hier wird mit vol­ler Über­le­gung das Myste­ri­um der Hei­li­gen Kir­che Jesu Chri­sti ange­grif­fen. Die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf den Glau­ben der Katho­li­ken wird enorm sein. Bald wer­den sie ver­su­chen Mari­en­wall­fahrts­or­te zu des­in­fi­zie­ren. Der Angriff läuft. Lasst euch nicht täu­schen von ihrem Geschwätz das sie um unse­re Gesund­heit besorgt sind.
    Per Mari­am ad Chri­stum,

  4. Lie­ber Shu­ca, wenn ich all die­se sehe, das Hl Mess­op­fer grund­los besei­tigt, dann als Not­lö­sung Ein­tritts­kar­ten, fra­ge ich mich nach den Zei­chen der Zeit und den­ke an Matthae­us 24:15
    „Wenn ihr nun sehen wer­det den Greu­el der Ver­wü­stung (davon gesagt ist durch den Pro­phe­ten Dani­el), daß er steht an der hei­li­gen Stät­te (wer das liest, der mer­ke dar­auf!)“ eben­so erin­ne­re ich an an Dani­el 9,27 und 12,11dort steht:„die Gott­lo­sen alle werden’s nicht ach­ten; aber die Ver­stän­di­gen werden’s ach­ten. 11Und von der Zeit an, wenn das täg­li­che Opfer abge­tan und ein Greu­el; der Ver­wü­stung auf­ge­rich­tet wird, sind tau­send zwei­hun­dert­und­neun­zig Tage. 12 Wohl dem, der da war­tet und erreicht tau­send drei­hun­dert und fünf­und­drei­ßig Tage!…“ Die Zei­len beschrei­ben nicht mehr und nicht weni­ger als die Abschaf­fung des Hl. Opfers

  5. War­um nicht inzen­sie­ren statt (che­misch) des­in­fi­zie­ren? Weih­rauch des­in­fi­ziert doch auch. Jeden­falls hat­te inzen­sie­ren in der Kir­che eine lan­ge und alt­ehr­wür­di­ge Tra­di­ti­on — wenig­stens bis zur Lit­ur­gie­re­form von 1970. Und im Unter­schied zu dem Mala­ria-Medi­ka­ment, mit dem sich US-Prä­si­dent Trump gegen Covid-19 zu schüt­zen ver­sucht, hat der Weih­rauch kei­ner­lei schäd­li­che (Neben-)Wirkung. Vom ange­neh­men Duft ganz zu schwei­gen.

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