Von der streitenden zur politisierenden Kirche

Vittori Messori: „Der Eindruck eines Papstes, der das Depositum fidei nicht verteidigt“

Assisi in Umbrien, wo gestern gewählt wurde und auch die politisierenden Franziskaner eine Niederlage erlitten.
Assisi in Umbrien, wo gestern gewählt wurde und auch die politisierenden Franziskaner eine Niederlage erlitten.

(Rom) Papst Fran­zis­kus hat die Kir­che von einer strei­ten­den Kir­che – ein Ter­mi­nus, den die nach­kon­zi­lia­re Kir­che nicht mehr mag – zu einer poli­ti­sie­ren­den Kir­che gemacht. Die­sen Ein­druck gewin­nen Beob­ach­ter, wenn sie die Stel­lung­nah­men der Bischofs­kon­fe­ren­zen lesen, ob in Ber­lin oder Rom. Als Vor­sit­zen­den der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz setz­te Fran­zis­kus Msgr. Gual­tie­ro Bas­set­ti ein, den Erz­bi­schof von Perugia, den er auch zum Kar­di­nal kre­ierte. Perugia ist die Haupt­stadt von Umbri­en, dem Land, aus dem der hei­li­ge Franz von Assi­si stamm­te. Dort kam es gestern zu einem poli­ti­schen Erd­be­ben, das auch eine Nie­der­la­ge für die poli­ti­sie­ren­den Prä­la­ten und den ideo­lo­gi­sier­ten Kle­rus à la Anto­nio Spa­daro SJ von der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca und der Fran­zis­ka­ner von Assi­si ist.

Das ist nur eine Prä­mis­se, da die gest­ri­ge Wahl mit dem Abschluß der Ama­zo­nas­syn­ode zusam­men­fiel und sich Erz­bi­schof Bas­set­ti und P. Spa­daro für und mehr noch gegen eine bestimm­te Wahl­ent­schei­dung aus­spra­chen. Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis soll eine klei­ne Klam­mer auf­ge­tan werden:

Umbri­en ist seit über hun­dert Jah­ren eine rote Hoch­burg. Eine Zeit, die nur durch die Dik­ta­tur des Faschis­mus unter­bro­chen wur­de. Seit gestern ist die­se Vor­herr­schaft Geschich­te. Die bis­her regie­ren­den Links­de­mo­kra­ten (PD) hal­bier­ten ihren Wäh­ler­an­teil von 43 auf 22 Pro­zent. Glei­ches ent­schied der Wäh­ler für die Fünf­ster­ne­be­we­gung (M5S), die von 14 auf 7 Pro­zent ein­brach. Bei­de Par­tei­en schlos­sen vor zwei Mona­ten eine Koali­ti­on und regie­ren seit­her Ita­li­en mit dem „Segen“ Brüs­sels. Selbst ein Bünd­nis bei­der Par­tei­en, das erst­mals bei Land­tags­wah­len erprobt wur­de, konn­te den Absturz nicht verhindern.

Die Koali­ti­on in Rom und das Bünd­nis in Perugia kamen aus Angst vor Matteo Sal­vi­ni und sei­ner Lega zustan­de.

Sal­vi­ni, bis Ende Som­mer Innen­mi­ni­ster und stell­ver­tre­ten­der Mini­ster­prä­si­dent Ita­li­ens, und die Lega waren durch einen flie­gen­den Koali­ti­ons­wech­sel der Fünf­ster­ne­be­we­gung aus der ita­lie­ni­schen Regie­rung ver­drängt wor­den. Die Fünf­ster­ne­be­we­gung, wegen der star­ken Zuwäch­se des dama­li­gen Regie­rungs­part­ners Lega, ner­vös gewor­den, hat­te sich – laut Lega – von Brüs­sel „ein­kau­fen“ las­sen. Es waren die Stim­men der bis dahin EU-kri­ti­schen Fünf­ster­ne­be­we­gung, die Ursu­la von der Ley­en im ver­gan­ge­nen Juli den Posten der EU-Kom­mis­si­on­prä­si­den­tin ver­schaff­te. „Da wuß­ten wir, daß die Fünf­ster­ne­be­we­gung die Sei­ten gewech­selt hat­te“, so Loren­zo Fon­ta­na (Lega), ein tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Katho­lik, der bis Anfang Sep­tem­ber Mini­ster für euro­päi­sche Ange­le­gen­hei­ten war. Sal­vi­ni war zur sel­ben Zeit von den USA fal­len­ge­las­sen wor­den, weil er sich beim Besuch von Xi Jing­ping im Früh­jahr zu weit für die „Neue Sei­den­stra­ße“ aus dem Fen­ster gelehnt hatte. 

Da Sal­vi­nis For­de­rung nach Neu­wah­len bis­her nicht erfüllt wur­de, schließ­lich müs­sen zu vie­le der der­zei­ti­gen Abge­ord­ne­ten der neu­en Regie­rungs­mehr­heit mit dem Ver­lust ihres Man­da­tes rech­nen, blick­te alles gebannt auf die Regio­nal­wah­len in Umbri­en. Soll­te Sal­vi­ni dort der gro­ße Coup gelin­gen und sogar eine der tra­di­tio­nel­len roten Hoch­bur­gen Mit­tel­ita­li­ens gewin­nen, wäre alles mög­lich. Und tat­säch­lich, es ist alles mög­lich. Das Husa­ren­stück ist geglückt. Mit über 37 Pro­zent der Stim­men wur­de die Lega weit­aus stärk­ste Par­tei. 2015 waren es nur 14 Pro­zent gewe­sen, und die gal­ten damals schon als Sen­sa­ti­on. Das von Sal­vi­ni geschmie­de­te Rechts­bünd­nis erziel­te zusam­men über 57 Prozent.

Die Regie­rung in Rom aus PD und M5S ist dadurch mas­siv geschwächt. Es ist offen­sicht­lich gewor­den, daß sie ohne den nöti­gen Rück­halt im Volk regiert. Die Ner­vo­si­tät im Regie­rungs­la­ger ist nicht mehr zu über­se­hen. Im Dezem­ber wird in Kala­bri­en gewählt, eben­falls der­zeit links­re­giert. Der PD fürch­tet nun aber vor allem um die Emi­lia-Roma­gna, das Herz­stück sei­ner Macht. Dort wird 2020 gewählt. Ihr Ver­lust wäre, als wür­de die SPD Bre­men oder die SPÖ Wien verlieren. 

Und was hat die Wahl zum Regio­nal­par­la­ment von Umbri­en mit der Kir­che zu tun? Sehr viel. Es geht um die Aus­rich­tung des Pon­ti­fi­kats, die eben­so am Ama­zo­nas wie in Assi­si sehr poli­tisch ist. 

Auch die poli­ti­sie­ren­den Kir­chen­ver­tre­ter haben gestern eine Nie­der­la­ge erlit­ten, da sie sich öffent­lich einer ver­däch­ti­gen Sei­te anschlie­ßen und mehr noch eine ande­re Sei­te angrei­fen. Der Angriff gilt den Par­tei­en rechts der Mit­te, die einen Kurs von Sou­ve­rä­ni­tät und Selbst­be­stim­mung steu­ern. Par­tei­en, die nicht bereit sind, Euro­pa und ihre Hei­mat ohne wei­te­res ande­ren Völ­kern und dem Islam zu über­las­sen. Eine Hal­tung, die von den Kir­chen­ver­tre­tern, die der­zeit das Sagen haben, wie P. Spa­daro beschimpft wird.

In der Tages­zei­tung La Veri­tà ist heu­te ein aus­führ­li­ches Inter­view mit dem katho­li­schen Schrift­stel­ler Vit­to­rio Mess­o­ri erschie­nen. Mess­o­ri war immer ein Mann der lei­se­ren Töne. Umso bemer­kens­wer­ter ist sei­ne heu­ti­ge Aus­sa­ge, den Ein­druck zu haben, daß der regie­ren­de Papst nicht mehr das Depo­si­tum fidei ver­tei­di­ge. Sein Inter­view stellt die poli­ti­sie­ren­de Kir­che in einen grö­ße­ren Kontext.

Eini­ge Aus­zü­ge aus dem Interview:

Vit­to­rio Mess­o­ri: Heu­te, mit Ber­go­glio, hat man den Ein­druck, daß man auf irgend­ei­ne Wei­se Hand an die Glau­bens­leh­re legen will. Der Papst ist der Bewah­rer und Hüter des Depo­si­tum fidei. Nach dem Kon­zil haben drei gro­ße Päp­ste, Paul VI., Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI., den Geist, mit dem das Evan­ge­li­um zu lesen und zu leben ist, stark moder­ni­siert, aber sie gin­gen nie soweit, die Glau­bens­leh­re anzurühren.

La Veri­tà: Und Papst Franziskus?

Vit­to­rio Mess­o­ri: Der Ein­druck ist, daß Ber­go­glio Hand an das legt, was ein Papst hin­ge­gen zu ver­tei­di­gen hät­te. Die Glau­bens­leh­re, so wie sie in 2000 Jah­ren der Ver­tie­fung ent­wickelt wur­de, wird dem Papst anver­traut, damit er sie ver­tei­digt und nicht, damit er sie ändert. Ber­go­glio selbst hat jüngst zuge­ge­ben, daß man­che über ein Schis­ma nach­den­ken. Das sei aber etwas, was er nicht fürchte.

La Veri­tà: Was haben Sie für einen Eindruck?

Vit­to­rio Mess­o­ri: Ein Schis­ma wird es nicht geben, aber es herrscht gro­ße Unru­he, weil wir den ersten Papst erle­ben, der vie­le Male dem Evan­ge­li­um eine Les­art zu geben scheint, die nicht der Tra­di­ti­on folgt. 

Text: Andre­as Becker
Über­set­zung des Inter­views: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­pe­dia

3 Kommentare

  1. Kir­che ist dabei nicht nur Tra­di­ti­on, also eine human­hi­sto­ri­sche, gepfleg­te Les­art, Richt­schnur und Ritua­li­tät. Sie wur­de von Chri­stus! gegründet.
    Die Kräf­te, die hier ver­bün­det gegen­ar­bei­ten, lie­ben ihn nicht, wol­len ihn nicht und bekämp­fen sei­nen Anspruch als Got­tes Sohn.
    Die Art, wie das statt­fin­det, über­bor­det sich in Bos­heit, nie dage­we­sen unverschämt.
    Wann das Maß voll ist?
    Mir per­sön­lich reicht es schon län­ger. Aber mei­ne Ver­zweif­lung und manch­mal auch Wut sind ja nun nicht maßgeblich.

    Viel­leicht Ninive?
    Also das büßen­de Ninive.
    Aber woher sol­len hier noch ver­stän­di­ge Staats­len­ker oder Prie­ster her­kom­men für so ein Ninive.Grundlage für so eine Gei­stes­form ist Lie­be und die Fähig­keit dar­aus sei­nen Ver­stand zu gebrau­chen. Die Links­ideo­lo­gen und ihre System­die­ner haben weder die­se Lie­be, noch sol­chen dar­auf begrün­de­ten, mit der Gabe ihres Intel­lekts befä­hig­ten Ver­stand über­haupt noch. Sie sind erkal­tet und nur noch mit dem Erhalt oder der Aus­brei­tung ihrer Macht­struk­tu­ren beschäftigt.

  2. Die Kir­che des neu­en Advents, des Pfingst­ler­tums, die­je­ni­ge die nach dem Räu­ber­kon­zil geformt wur­de, ist ein Kon­glo­me­rat der Belie­big­keit geworden.
    Die Päp­ste von Joh.23 an haben dar­an maß­geb­lich mitgewirkt.
    Es wur­de alles ver­än­dert, kaum etwas Wich­ti­ges wur­de ausgelassen.
    Die Mis­si­on wur­de been­det und der Dia­log ein­ge­führt, Ergeb­nis bekannt.
    Die fun­da­men­tal­sten For­de­run­gen Chri­sti wur­den rela­ti­viert, er wur­de ent­my­tho­lo­gi­siert und dem jewei­li­gen „Hel­den“ des Zeitgeistes
    angepasst.
    Man wun­dert sich, dass es über­haupt noch Gläu­bi­ge gibt.

    • Die Kir­che war immer eine strei­ten­de zumin­dest bis zum Pon­ti­fi­kat von Johan­nes XXIII und dem Konzil.
      Aber wir haben nun das Jah­re 2019 und müs­sen die Fra­ge stel­len, wie geht es weiter:
      Was erfolgt nun? der wei­te­re und end­gül­ti­ge Zer­fall Euro­pas? Wel­che Lösun­gen für -> Bre­x­it -> Grie­chen­land? -> Ita­li­en -> Spa­ni­en -> Frank­reich  wo wer­den wir poli­tisch hin­ge­führt? Was wird uns als Neu­ord­nung erklärt wer­den? Gibt es nur mehr eine glo­ba­li­sier­te Welt? Die mora­li­sche Stim­me in Rom, die wah­re Herr­sche­rin, die letz­te und wah­re Auto­ri­tät der Welt schwin­det, ver­schweigt, buhlt mit der Poli­tik und schafft sich selbst ab. Sie erklärt nicht und schweigt bei der Wahr­heits­fra­ge, ihrem eigent­li­chem Thema.
      Vie­les deu­tet dar­auf hin. Dass die Kir­che kei­ne strei­ten­de mehr ist und sein wird.
      In die­sem Sin­ne ver­si­cher­te der Poli­tik­be­ra­ter des Pap­stes San­chez Soron­do , daß die Mensch­heit der­zeit „einen magi­schen Moment“ erlebt, weil „zum ersten Mal das Lehr­amt des Pap­stes, das dem Evan­ge­li­um folgt( bes­ser fol­gen soll­te), mit dem Lehr­amt der Ver­ein­ten Natio­nen übereinstimmt“.
      (Die­se Aus­sa­gen tätig­te der Kanz­ler im Rah­men sei­ner Rede beim Som­mer­kurs „La preg­un­ta de Dios en la uni­ver­sidad“ (Die Got­tes­fra­ge an der Uni­ver­si­tät) der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Valen­cia in Spanien.
      Die­sen Gedan­ken­gang unter­strich auch Fran­zis­kus in sei­ner Weih­nacht­an­spra­che. in der er mit fol­gen­den Wor­ten unre­flek­tiert zur Brü­der­lich­keit“ auf­rief: „Brü­der­lich­keit zwi­schen Men­schen jeder Nati­on und Kultur.Brüderlichkeit zwi­schen Men­schen mit ver­schie­de­nen Ideen, die aber fähig sind, ein­an­der zu ach­ten und zuzu­hö­ren. Brü­der­lich­keit zwi­schen Men­schen ver­schie­de­ner Reli­gio­nen. […] Unse­re Ver­schie­den­heit scha­det uns also nicht, sie bedeu­tet kei­ne Gefahr; sie ist viel­mehr ein Reich­tum. Es ist wie bei einem Künst­ler, der ein Mosa­ik gestal­ten will: Es ist bes­ser, Stei­ne mit vie­len Far­ben zur Ver­fü­gung zu haben, als nur mit weni­gen Far­ben zu arbeiten!
      Er ver­gaß zu sagen, dass es wirk­li­che Brü­der­lich­keit nur unter Aner­ken­nung des gemein­sa­men Vaters gibt, eines Vaters, der aner­kannt wer­den muss in allem, was er uns offen­bart hat, in sei­ner Lie­be aber auch in sei­ner Gerech­tig­keit und vor allem in sei­nem Sohn, den er zu uns gesandt hat und der ans Kreuz geschla­gen wurde.
      Die­se Weih­nachts­bot­schaft führ­te am 7. Janu­ar zu fol­gen­der Reak­ti­on der Freimaurerei:
      Auf die­se Weih­nachts­an­spra­che ver­kün­de­te die Groß­lo­ge von Spa­ni­en auf ihrer Internetseite:
      „Alle Frei­mau­rer der Welt schlie­ßen sich die­sem Auf­ruf von Papst Fran­zis­kus für eine ‚Brü­der­lich­keit zwi­schen Men­schen ver­schie­de­ner Reli­gio­nen‘ an“. Wenn dem so ist, wie Fran­zis­kus und San­chez Soron­do sagen, muss hier genau die Fra­ge gestellt wer­den, gibt es dann noch eine vom Papst in Stell­ver­tre­tung Chri­sti geführ­te Kir­che, die für die Wahr­heit Got­tes als Höch­stes Gut ein­tritt und die auch nur die offen­bar­te und von der Kir­che ver­tei­dig­te Wahr­heit als letz­te Wahr­heit lehrt? Wenn das Lehr­amt des Pap­stes mit dem Lehr­amt der Ver­ein­ten Natio­nen der ver­ein­ten Natio­nen über­ein­stim­men soll­te. Eine strei­ten­de Kir­che spricht anders zur Welt, als eine nur mehr politisierende.

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