Nach der EU-Wahl: Die Zukunft Europas und der Kirche – Nachlese und Ausblick

Am Tag nach der Wahl zum EU-Parlament












Papst Franziskus vor dem Europäischen Parlament (25. November 2014): Wie geht es mit der EU und mit der Kirche in Europa weiter?

Von Giuseppe Nardi und Andreas Becker.

Nicht Europa, aber zumindest die EU-Mitgliedsstaaten (noch einschließlich Großbritannien) haben ein neues EU-Parlament gewählt. Es geht, um die „Zukunft Europas“, hieß es im Vorfeld. Auch die Kirche, die sich erstaunlich massiv in den Wahlkampf einbrachte, wird über ihre Zukunft nachdenken müssen. Eine kleine, etwas andere Wahl-Nachlese und ein Ausblick auf die Zukunft Europas (nicht der EU), aber auch der Kirche. Letzteres anhand der Analyse eines laizistischen Philosophen.

Die Wahl zum neuen EU-Parlament brachte eine Reihe von Veränderungen nicht unerheblichen Ausmaßes. Christdemokraten (EVP) und Sozialdemokraten (S&D) verfügen erstmals über keine Mehrheit mehr im neuen Parlament. Der Niedergang der klassischen Volksparteien der Nachkriegszeit ist unübersehbar. Zwei potentielle Koalitionspartner stehen bei Fuß: die Liberalen und die Grünen. Allerdings sind die Fraktionen intern sehr heterogen. Das Spektrum ist breit und oft ein kaum handhabbarer Spagat. Das gilt etwa für die Grünen, bei denen – was in den Projektionen kaum ausgewiesen wird – ein Teil der Fraktion in Wirklichkeit von der EFA gebildet wird, in der die nationalen Minderheiten organisiert sind. Sie bilden lediglich eine Fraktionsgemeinschaft mit den Grünen. In der EVP sind Parteien dabei, wie in Ungarn und Slowenien, die dort stärkste Gruppierung wurden, aber den EU-kritischen Parteien um Salvini näherstehen als Merkels „Wir schaffen das“. Dasselbe gilt für die Liberalen.

Wie sehr von „Europa“ geredet wird, obwohl die EU gemeint ist, aber wie wenig selbst diese EU (geschweige denn Europa) selbst in den Köpfenvon sogenannten Pro-Europäern angekommen ist, zeigt die Wahlberichterstattung in der Bundesrepublik Deutschland. Im Mittelpunkt steht der Wahlerfolg der Grünen, über den sich viele Journalisten sichtlich freuten. Diese Partei und viele Pressevertreter erklären den „Klimaschutz“, was immer das auch sein sollte, zum entscheidenden Thema des grünen Wahlerfolges und der künftigen Politik des EU-Parlaments.

Nicht gesagt wurde, daß die Betonung der 20 Prozent der Grünen in Deutschland reine Nabelschau sind, denn sie machen im EU-Parlament keine drei Prozent aus. In Frankreich sind die Grünen, ein Exportartikel „Made in Germany“ (alias Daniel Cohn Bendit) nur halb so stark. In vielen EU-Mitgliedsstaaten spielen sie überhaupt keine Rolle. Sogar in Schweden, dem Heimatland von Greta Thunberg haben die Grünen verloren, weil in den vergangenen Wochen damit begonnen wurde, die Hintermänner und Strippenzieher von Klima-Greta aufzudecken.

Vor allem spielt der „Klimaschutz“ (und noch einmal: Was immer das sein soll) in vielen EU-Mitgliedsstaaten keine Rolle. Man hat wichtigere Themen, als sich den Luxus grünen Sandkastenspiele aus Realitätsverweigerung und irrationalem Katastrophismus zu leisten. Daß dahinter vor allem ein tunlichst verschwiegenes Milliardengeschäft steckt, man denke an den CO2-Emissionsrechtehandel (nur ein Aspekt), wissen im Volk fast nur Insider. Der grüne Höhenflug funktioniert in der Bundesrepublik auch nur, weil die Medien dieses Thema fleißig reiten. Das Wahlergebnis dementsprechend weniger das Denken der Menschen wider, sondern vor allem die vorgegebene Meinung der Massenmedien.

Die neue EU-Landkarte, die nachdenklich stimmen sollte

Der Blick auf die Landkarte ist demnach wie meist sehr sinnvoll und im konkreten Fall ernüchternd. Österreich ist wegen der engen Verquickung von öffentlichem Diskurs und Wirtschaft zum „deutschen Block“ zu zählen wie die Niederlande und Luxemburg. Der Blick muß darüber hinausgehen, wenn man begreifen will, was gestern wirklich geschehen ist.

Die Kommentatoren haben es am Wahlabend durch die Bank verschwiegen, doch die Realität ist unerbittlich. Pro-EU-Deutschland ist „umzingelt“ von Staaten, in denen EU-kritische Parteien gewonnen haben. Manfred Weber definierte, daß der „Wahlsieger“ jene Partei sei, die stärkste Kraft in einem Land wurde. Demnach muß gesagt werden, daß Berlin von einem Cordon EU-kritischer Staaten umgeben ist. Das gilt vor allem für die drei größten EU-Mitgliedsstaaten hinter Deutschland.

In Großbritannien siegte Nigel Farage mit seiner Brexit Party. Er wurde nach Mandaten sogar stärkste Partei im EU-Parlament. In Italien siegte Matteo Salvini mit seiner Lega und wurde zweitstärkste Partei im EU-Parlament. In Frankreich siegte Marine Le Pen mit ihrem Rassemblement National. In Belgien siegten die flämischen Nationalisten, in Polen die katholisch-konservative PiS und in Ungarn und Slowenien zwar EVP-Parteien, die aber Salvini und seiner Allianz näher stehen, als der bisherigen EU-Mehrheit. Das gilt für Viktor Orban uns seine Fidesz und für den Wahlsieger in Slowenien, der wiederum Orban nahesteht.

Diese „Einkreisung“ mögen bundesdeutsche Politiker und Medien vor ihren Bürgern geheimhalten können, an der Wirklichkeit können sie damit aber nichts ändern. Diese Zweiteilung der EU in einen deutsch-geführten Block auf der einen Seite, dem fast alle anderen, relevanten Staaten gegenüberstehen, sollte die Alarmglocken läuten lassen, daß etwas an der verbreiteten Pro-EU-Rhetorik des „Miteinander“, „Aufeinanderzugehen“, „Gemeinsam“ nicht ganz stimmen kann.

Vor allem ist es Berlin in der Geschichte nicht bekommen, wenn es von Staaten umgeben war, dessen stärkste politische Kräfte sich in einem Interessenskonflikt mit Deutschland sahen. Hier würde ein Moment des Innehaltens und des nüchternen Nachdenkens not tun. Es wäre allemal empfehlenswerter als ein ungerührtes „Weiter so“, das schnell als rücksichtslos empfunden werden könnte. Unverständnis hilft nicht weiter, sondern Analyse und Faktenbezug: Der Aufstiege beispielsweise von Salvini in Italien ist nicht zuletzt ein, wenn auch ungewolltes Produkt von Brüssel und Berlin.

Und noch ein Wort zu Österreich. Die österreichischen Wähler haben mehr Verstand bewiesen als so mancher Politiker. Sie haben den Versuch, die demokratisch gewählte Regierung mit schmutzigen Methoden aus dem Hinterhalt abzuschießen, nicht gutgeheißen. Durch unkluges Handeln von Bundeskanzler Sebastian Kurz kann die bisherige Regierungskoalition gegen den Willen der österreichischen Mehrheit dennoch zu einem unerwarteten Ende kommen. Dabei lehnen zwei Drittel der Österreicher Neuwahlen ab, schließlich haben sie den bürgerlichen Parteien erst Ende 2017 einen klaren Regierungsauftrag erteilt. Die Frage nach dem Cui bono des hinterhältigen Videos wird nach dem Wahltag nach einer Klärung verlangen. Von links geheuchelte Empörung, die durch deren Medienkontrolle zum Sturm aufgeblasen wurde, ändert nichts daran, daß die einzige Straftat an der Sache, eine mit krimineller Energie, von langer Hand geplante Lockvogel-Falle ist. Selbst CDU-Politikern dämmerte es, nach SPD- und Grünen-Politiker von Berlin aus sich mit unfaßbarer Arroganz in Österreichs Innenpolitik einmischten und Rücktritte und Neuwahlen forderten, daß Gefahr im Verzug ist. Was bleibt schließlich von der Demokratie, der Volksherrschaft, wenn mit schmutzigen Methoden selbst die minimale Bürgerbeteiligung (der Souverän Bürger darf ja nur alle vier bis fünf Jahre einmal bei Wahlen ein Kreuzchen machen) ad absurdum geführt werden kann, weil vom Wähler beauftragte Mehrheiten aus dem Hinterhalt abgeschossen werden können, weil sie bestimmten Kreise nicht genehm sind. Tatsache ist, daß die SPÖ und die ihnen nahestehenden Medien (allen voran der öffentlich-rechtliche ORF) erstaunlich gut auf die „Video-Bombe aus Ibiza“ vorbereitet waren. Man erinnere sich: Vor den Parlamentswahlen 2017 war bekanntgeworden, daß eben diese SPÖ mit schmutzigen Kampagnen (Dirty Campaigning) der ÖVP und der FPÖ aus dem Hinterhalt zu schaden versuchte. Die Sache flog auf, weil der Wahlkampfstratege Tal Silberstein (die, die im Dunkeln sitzen, sieht man nicht) wegen anderer zweifelhafter Geschäfte in Israel verhaftet wurde. Das Ibiza-Video wurde drei Wochen vor Silbersteins Verhaftung aufgenommen und dürfte eigentlich schon für die Parlamentswahlen 2017 geplant gewesen sein. Damals kam dann aber alles etwas anders.

In Italien, was eine Erwähnung wert ist, haben weder die Liberalen noch die Grünen noch die radikale Linken den Einzug in das Europaparlament geschafft. Die Lega ist mit fast 35 Prozent der Stimmen der große Wahlsieger. Salvini wäre nicht Salvini und seine Popularität nicht die, die sie ist, wenn er nicht gleich nach der Wahl den Rosenkranz geküßt hätte. Die Sache mag deutscher Nüchternheit ungewöhnlich Erscheinen, sollte aber aus der Perspektive der Italiener bewertet werden. Zur Erinnerung: Weil er die heiligen Patrone Europas, das Unbefleckte Herz Mariens und den Rosenkranz im erwähnt hatte, war er nicht nur von Liberalen und Linken mit Spott überschüttet worden, sondern auch von Bischöfen und Papst-Vertrauten attackiert worden. Er beharrte nun darauf, küßte den Rosenkranz und dankte – allen zum Trotz – dem Himmel.

Die Politisierung der Kirche ist eine Sackgasse

Die Politisierung der Kirche, wie sie unter Papst Franziskus stattfindet, führte bisher in eine Sackgasse. Die Parteien (der Linken), die dem derzeitigen Papst sympathisch sind, wollen von Religion im öffentlichen Raum nichts wissen. Und die Parteien, die der Religion auch im öffentlichen Raum Sichtbarkeit verschaffen, sind dem Papst und seinen Vertrauten unsympathisch. Es ist eine seltsame Scherenbewegung, die hier stattfindet. Salvini ist seit gestern nicht nur in Italien, sondern auch auf EU-Ebene zu einer zentralen Figur des politischen und insgesamt des öffentlichen Lebens geworden.

Schuhkuß von Papst Franziskus (südsudanesische Parteiführer) und Matteo-Salvini (Lega) mit dem Evangelium und dem Rosenkranz (jeweils 2019).

Wie will und wird nun aber die Kirche auf diese Situation reagieren? Papst Franziskus, seine Vertrauten und auf sein Geheiß hin auch etliche Bischöfe in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten haben sich vor den Wahlen weit aus dem Fenster gelehnt. Die Folgen? Bei vielen praktizierenden Katholiken hat dies enttäuschtes und verärgertes Staunen ausgelöst. Bei der kirchenfernen Linken hingegen erfreutes Staunen. Wer hätte sich vor wenigen Jahren auf dieser Seite träumen lassen, einmal vom Papst und Vorsitzenden der Bischofskonferenzen Wahlhilfe zu bekommen. Für Franziskus sind „Recht auf Migration“ und der ominöse „Klimaschutz“ die zentralen Themen. Genau so behaupten es die Grünen. Eine ungewöhnliche Allianz.

Noch etwas läßt sich daraus ablesen und dürfte oder sollte unter Europas Katholiken nachdenklich stimmen. Unter dem argentinischen Papst interessiert sich der Vatikan immer weniger für Europa. Eine linksorientierte EU ist dem Papst zwar sympathisch, aber wirkliche Sympathien für Europa und den Westen hegt er nicht. Den Abgeordneten in Straßburg schrieb er bei seinem Besuch ins Stammbuch, daß Europa mehr einem EU-Opa gleiche. Mit anderen Worten: Dieses Europa stirbt, und – weit erstaunlicher – den Papst scheint es nicht sonderlich zu stören. Und was den übrigen Westen betrifft, arbeitet er ohnehin eifrig an der Zurückdrängung des US-Einflusses.

Zugegeben: Besonders erfolgreich war die politische Strategie, des „Politikers auf dem Papstthron“ bisher nicht. Das macht die ganze Sache noch bedenklicher, denn diese „politische Agenda“ bringt nicht nur Unruhe in die Katholizität, sondern trägt die Spaltung in die katholischen Gemeinschaften hinein. In Italien haben sich in der Endphase des Wahlkampfes Klöster hinreißen lassen, Transparente gegen Salvini und die Lega auszuhängen, hergestellt wie sie von der radikalen Linken und der Antifa bekannt sind. Die darauf aufgesprühten Parolen stammten aus eben diesem Lager und waren entsprechend polarisierend. Eine solche Form des Politaktivismus gab es bisher nicht. Vor allem erstaunt, daß Klosterfrauen in überalterten Konventen so handeln. Insider sprechen am konkreten Beispiel eines Klosters in Apulien davon, daß die Ordensfrauen in Wirklichkeit wenig Ahnung vom politischen Geschehen hätten, aber „von oben“ eine Weisung bekommen hätten. Dergleichen ist auch aus Österreich bekannt, wo Kardinal Christoph Schönborn bei den Bundespräsidentenwahlen 2016 wie aus zuverlässiger Quelle zu hören war, die Frauenklöster aufforderte, den linksgrünen Kandidaten Alexander Van der Bellen zu wählen. Abtreibungsbefürwortung oder Logenmitgliedschaft, um nur zwei Aspekte zu nennen, spielten für die kirchliche Hierarchie offensichtlich keine Rolle. Die solchermaßen in Bewegung gesetzte fromm-katholische Wahlhilfe gab am Wahltag den Ausschlag.

Und die Zukunft der Kirche in Europa?

In Italien haben sich zwei Politikwissenschaftler, Angelo Panebianco und Sergio Belardinelli, mit der Zukunft Europas und der Kirche befaßt. Beide, Panebianco als Katholik, Belardinelli als Laizist, sehen den freiheitlichen Rechtsstaat als größte Errungenschaft Europas. Beide sehen diesen als direktes Ergebnis der christlichen Tradition. Während Panebianco die Frage mehr unter dem geopolitischen Gesichtspunkt analysiert, geht Belardinellis Blick mehr auf den kulturellen und religiösen Aspekt ein. Beide versuchen auch einen Ausblick in die Zukunft, wie es im Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und Europa weitergehen könnte. An dieser Stelle soll vor allem Belardinellis Analyse interessieren.

Der Laizist Belardinelli legt seinen Überlegungen das Denken des jüdischen Philosophen Leo Strauß (1899–1973) zugrunde. Der Zionist Strauß schrieb bereits Anfang der 30er Jahre, daß er auf die Frage, ob er Deutscher oder Jude sei, antworten würde, er sei Jude. 1932 verließ er das Deutsche Reich ging allerdings nicht nach Palästina, sondern in die USA. Sein dort entfaltetes wissenschaftliches Wirken ging von der Grundüberzeugung eines unüberwindlichen Gegensatzes zwischen Jerusalem und Athen aus. Die noch um die Zeit Jesu akute Frage eines hellenistischen Judentums entschied er, wenn auch mit großem zeitlichen Abstand, eindeutig. Der Faktor Zeit spielte deshalb keine Rolle, weil die für ihn zentralen Wirkkräfte unverändert waren. Jerusalem steht laut Strauß für Offenbarung und Glaube, Athen für Philosophie und Vernunft. Strauß betonte zugleich allerdings, daß genau dieser Gegensatz „das vitale Geheimnis des Abendlandes“ sei.

Belardinelli schließt daraus in seinem Buch „Die katholische Kirche und Europa“, daß das große Drama unserer Zeit darin bestehe, daß dieser befruchtende Gegensatz zwischen Glaube und Vernunft aufgehört habe. Er sei erloschen, weil er sich in einer Art einvernehmlichen Arrangements aufgelöst habe. Damit aber habe sich Europa, gemeint ist das Abendland – heute allgemein Westen genannt –, seiner alles bewegenden Vitalität, seines Motors beraubt. Mit Blick auf die Athen-Jerusalem-Definition von Strauß schreibt der italienische Philosoph:

„Ein Europa, das sich von der Kirche löst und die Kirche, die sich von Europa löst, verkörpern auf paradigmatische Weise die Entleerung der ‚Vitalität‘ beider Städte“.

Die Kirche scheint zudem unter dem derzeitigen Papst „einen Großteil der Stereotype aufzugreifen, die hauptverantwortlich für die Krise Europas sind“.

Belardinelli nennt folgendes Beispiel:

„Nehmen wir einmal an, es stimme, daß das Lehramt der Vorgänger von Papst Franziskus zu sehr auf die sogenannten ‚nicht verhandelbaren‘ Werte konzentriert war wie Leben und Familie. Sind wir aber sicher, daß die nunmehrige Bevorzugung anderer Themen wie Umweltschutz, Kapitalismuskritik und Dritte Welt ein Schritt vorwärts ist? […] Ich habe den Eindruck, daß die Kritik an bestimmten Übeln, die heute durch die Kirche erfolgt, zu ‚menschlich‘ ist.“

Die „prophetische“ Bedeutung der kirchlichen Kritik an Mißständen werde dadurch abgeschwächt, wenn sie sich nicht mehr auf ihre Kernthemen bezieht, sondern sich auf das Gebiet umstrittener Fragen begebe.

„Sie erscheint dadurch zu sehr an die Logik der Welt gebunden, zu politisch und zu wenig eschatologisch.“

Die Kirche vermittle heute den Eindruck, so Belardinelli, zu sehr in einen „modischen Moralismus“ zu fallen, „dem eine Art von Unfähigkeit zugrunde zu liegen scheint, zwischen Religion, Moral und Politik unterscheiden zu können“. Gerade die Fähigkeit dieser Unterscheidung sei aber eine der größten Errungenschaften der europäischen, sprich christlichen Zivilisation.

Zur Erklärung nennt er folgendes Beispiel:

„Wenn die katholische Kirche sich zur Trägerin eines Willkommens-Botschaft zum Schutz der Menschenwürde unabhängig von seiner Religion oder Kultur macht, verteidigt sie das Beste an der europäischen Identität. Wenn sie dies aber tut, ohne die Konsequenzen dieses Handelns zu berücksichtigen, die ein unkontrollierter Migrationsfluß für die europäischen Staaten haben kann, beweise sie einen besorgniserregenden Mangel an politischem Realitätsbewußtsein […], der von keiner anderen Seite, weder von den europäischen Institutionen noch von den Nationalstaaten kompensiert wird. Europa erscheint dadurch wie ein Kontinent, der selbstvergessen abgleitet, und das genau in dem Moment, in dem sich auf der geopolitischen Ebene verstärkt ein Akteur in den Vordergrund drängt, für den Pluralismus und Freiheit keine Selbstverständlichkeit sind: der Islam. Aus islamischen Staaten kommt der Großteil jener, die an Europas Türen klopfen; islamisch ist der Terrorismus, der in den vergangenen Jahren eine blutige Spur durch Europas Städte gezogen hat; islamisch sind die Länder, die die Existenz Israels in Frage stellen. Kurzum: Der Islam ist der Katalysator der Hauptprobleme unserer Zeit.“

Die Kirche braucht „ein differenziertes Angebot“

In Anlehnung an den Philosophen Niklas Luhmann (1927–1998) empfiehlt Belardinelli, daß die Kirche gut daran täte, in ihrem Angebot zu unterscheiden zwischen jenen, die Gott suchen, und jenen, die Identität, Kultur und natürliche Ordnung suchen, um daraus soziales, politisches oder auch wirtschaftliches Handeln abzuleiten. Die Bedeutung des Glaubens für das soziale Zusammenleben und die Gesellschaft „sind unbestritten“, so der Philosoph. Rechtsstaat, Marktwirtschaft, Wissenschaft und Technik seien die bedeutendsten Ergebnisse der christlichen Gesellschaft. Sie konnten im jüdisch-christlichen Kontext entstehen, weil ihnen hier (und nur hier) die nötige Entfaltungsmöglichkeit geboten wurde. Alles diese Errungenschaften seien aber nur „Zusätze“ zum Wesentlichen. Das Wesentliche der christlichen Zivilisation sei das Bewußtsein, daß es etwas Größeres gibt, nämlich „das Verständnis von Gott“.

Daraus ergebe sich, daß die „säkulare“ Gesellschaft einen „dringenden Bedarf“ habe, daß „jemand von Gott spricht“ und zwar „mit einer Sprache, die nicht zu weltlich ist“. Es gehe dabei nicht um den „Gott der Philosophen“, sondern „um den Gott Abrahams und Jesu Christi“.

„Ein Gott, der nicht allmächtig und nicht der Schöpfer der Welt ist, kann nicht Gott sein. Wie Leo Strauß und Joseph Ratzinger verstanden haben, um nur zwei bedeutende Namen zu nennen. Die Welt hat nur Sinn, weil sie von Gott erschaffen wurde. Damit dieser Gott kirchliches und soziales Leben im Zusammenleben der Menschen hervorbringt, braucht es vor allem Glauben.“

Wenn Europa also wieder Lebenskraft gewinnen wolle, sei der Weg, den es zu gehen habe, eindeutig vorgezeichnet. Europa müsse wieder den Faden des befruchtenden Konflikts zwischen Vernunft und Glauben aufgreifen, denn darin liege „das Geheimnis von Europas Vitalität“ in der Geschichte. Das erschließe sich auch aus dem Umkehrschluß:

„Das Gegenteil ist sowohl die politische als auch die religiöse Erschlaffung, die das eigentliche Problem des heutigen Europas ist.“

Text: Giuseppe Nardi/Andreas Becker
Bild: MiL

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11 Kommentare

  1. Zwei Punkte:

    „Jerusalem steht laut Strauß für Offenbarung und Glaube, Athen für Philosophie und Vernunft.“ Wir sind dabei auch Römer, stehen für Recht und Maß.

    Die allererste und entscheidende Umorientierung, wortwörtlich, geschieht am Altar. Wendet sich der Priester wieder – mit der Gemeinde, dem Volk – Gott zu, ist alles gewonnen.

  2. „Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“ (https://de.wikiquote.org/wiki/Robert_Habeck)

    Dieses Zitat von Volker Habeck aus dem Jahre 2010 offenbart die traurige Gesinnung des Bundesvorsitzenden einer Partei, welcher jeder 5. Deutsche Wähler seine Stimme gab. Es ist das Ergebnis einer Medien-Hysterie (aus meiner Sicht schon Meinungsdiktatur), die das Thema Umwelt zu einer Ersatz-Religion hochstilisiert. Konservative, EU-kritische Auffassungen wurden pauschal in die rechts-nationale Ecke abgeschoben.

    Die SPD unter Frau Nahles hat eine verdiente Quittung erhalten. Viel tiefer kann diese alte deutsche Partei eigentlich nicht mehr sinken, deren soziale Ausrichtung bereits mit Helmut Schmidt brüchig wurde, was Politiker à la Clement und Schröder beherzt im Sinne einer Hinwendung zur „Neuen Mitte“ fortsetzten.

    Merkel ist nunmehr eine untergehende Sonne und Herr Weber kommt eher als der geschickte, politisch vorsichtige Karrierist rüber denn als Persönlichkeit von dem Format eines EU-Kommissars, ohne dass ich damit „Jean-Claude“ als jahrzehntelangem Hüter einer Steueroase zu Lasten anderer EU-Staaten eine besondere Bedeutung beimesse. Frau Kramp-Karrenbauer, in die ich noch gewisse Hoffnungen setze, konnte sich bisher in der Öffentlichkeit nicht ausreichend profilieren. Auch die CDU wurde von der massiven medialen Aufputschung des in sich berechtigten Umweltthemas eingeholt.

    Die deutschen Liberalen haben Glück gehabt, dass sie trotz des glücklosen Auftritts von Frau Beer noch einigermaßen erfolgreich abschnitten. Aber mit welcher Botschaft wollen sie das durch und durch marktliberalisierte Europa noch erbauen? Sie haben keine Kernthemen mehr, schmieden sich notvoll ein „Patchwork-Programm“ mit liberalem Anstrich.

    Nun zu der Partei, die ich favorisiere: Die AfD. Nicht wegen eines zahlenmäßig geringen rechten Mobs, der sich von Anfang an diese Partei gehängt hatte, sondern wegen eines vernünftigen Wahlprogramms, das jedes CDU-Mitglied noch vor 15 Jahren gerne unterschrieben hätte. Insofern hätte ich mir ein besseres Ergebnis für die AfD gewünscht.

  3. Könnten Sie bitte die genauen Angaben zum zitierten Buch von Sergio Belardinelli über die katholische Kirche heute und Europa nennen wie Verlag, und wo dieses Buch bestellt werden kann.

    • Die Angaben lauten:
      Angelo Panebianco/Sergio Belardinelli: „All’alba di un nuovo mondo“, Verlag Il Mulino, Bologna 2019. 132 Seiten, Der Preis variiert je Anbieter zwischen ca. 8,90 – 10,90 Euro.

      Die gedruckte Ausgabe müßte über den italienischen Buchhandel bezogen werden. Über Amazon (deutsch) gibt es die Kindle-Ausgabe (5,95 Euro).

  4. Papst Franziskus hat es nicht erkannt: Dieses Europa hat Feinde:
    1) Die Volksrepublik China.
    2) Der Homosexualismus
    3) Der Islam
    4) Die Freimaurerei und ihre Nachfolgeorganisationen (Scientology, Bilderberger, B’nai B’Rith)
    5) Der Nationalkatholizismus (Polen, Kroatien, Deutschland)
    6) Der Protestantismus
    und 7) Der katholische Modernismus.
    Alle diese hofiert der Papst.
    Wenn es gilt, daß man sagt: „Vox Populi – Vox Dei“, und nicht glaubt, daß es Gott gibt und er in die Geschichte eingreift, wie es S. E. Bernard Fellay in Fulda 2016 auf dramatische Weise gepredigt hat, der verkennt schließlich das Volk und verliert es, wie es die Sozialdemokraten, die Christdemokraten und Liberale gerade erleben. Dann laufen die einen den Grün-Nazis und Klimafaschisiten hinterher, während sich die anderen nach einem kleineren, überschaubareren Regierungsbereich sehnt, eben den Nationalstaat. Und diese sind die Populisten, die das Staatsvolk höher schätzen als irgendwelche Ideologien, die das Wasser nicht halten können, wie der Liberalismus, der falsche Konservativismus und Sozialismus und Kommunismus sowieso.
    Europa wacht auf, es wird so eigentlich nur noch mit Hilfe von Extremisten regierbar werden – so wie es das System im Moment vorsieht. Diese sind die Grünen, die neuen Nazis. Wenn diese an die Macht kommen, ist mit der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung sowieso zu Ende, da sie zutiefst antiparlamentarisch und prinzipienlos sind, wenn man vom Dogma der Klimaerwärmung absieht. Für einen einzigen Eisbär sind diese Menschen bereit, tausende von Kindern im Mutterleib abschlachten zu lassen, Kreißsäle in KZs umzuwandeln und so zu agieren, wie es ihre maoistischen Vorbilder in der VR China ja getan haben. Aus dem „Recht auf Reproduktive Gesundheit“ wird dann alsbald die Pflicht zur „Reproduktiven Gsundheit“. Das ist so sicher wie das Amen und die Allerheiligste Dreifaltigkeit.

  5. Das heutige Europa bekämpft seine christliche Identität, und die heutige Kirche mit Papst Franziskus bekämpft den Glauben. Es scheint geradezu eine Lust zu sein, alles zu zerstören. Dazu bietet sich als Komplize der Islam an, der nichts anderes als Destruktion kennt, da er sich an die Stelle des wahren Gottes seinen eigenen Gott geschaffen hat.
    Diese sog. Europawahlen zeigen einen großenteils stark zersplitterten, kranken Kontinent, der jeden Kompaß, also letztlich den christlichen, verloren hat. In Italien aber scheint sich eine Umkehr zum Guten abzuzeichnen und das läßt hoffen. Papst Franziskus hat die Wahlen in Italien verloren: er ist dort mit seiner Politik gescheitert. Ihm wurden seine Grenzen aufgezeigt. Lange kann er sich nicht mehr halten.

  6. Ich sehe nicht so pessimistisch in die Zukunft der politischen EU wie meine Vorposter hier in diesem Thread.

    Solange wir eine Demokratie mit entsprechenden Wahlen haben, wachsen für keine Partei – auch nicht für die Grünen – die Bäume in den Himmel.

    EVP und Sozialisten im EU-Parlament können nun nicht mehr alleine zusammen weitermachen, sondern brauchen mindestens eine weitere Partei zur Koalition. M.E. besser sogar 2, nämlich Grüne und Liberale, dann wäre das Kräftegleichgewicht besser austariert; allerdings auch die Konnten sind und erschwert.

    Von den Nationalisten wie AfD, FPÖ, Lega und anderen, egal wie und mit wem sie sich zusammenschließen, halte ich nichts – eine Rückkehr zu den alten Nationalstaaten befördert nur nationale Egoisten und ist dem Frieden in Europa langfristig nicht dienlich.

    • Was nutzen demokratische Wahlen, wenn die Mächtigen Volksentscheidungen kippen oder beliebig wiederholen lassen und sogar Regierungen zu stürzen vermögen? Auch hat, gerade was die Themen der Grünen angeht, sich längst ein inquisitorischer Tonfall etabliert, der Schlimmeres infolge befürchten läßt. Hier hat sich Ungutes bereits tief eingefressen.

    • Und ich halte nichts von den Befürwortern eines Europa, wie wir es jetzt schon haben, mit diesem total unchristlichen „Superparlament“ im freimaurerisch geprägten Brüssel.
      Ich bin wieder für eine Stärkung aller einzelnen Nationalstaaten in Europa (für eine Selbstbestimmung der jeweiligen Völker) und für eine Beschneidung der derzeitigen Kompetenzen Brüssels.
      Ein weiterso befördert nur europäische Egoisten (Globalisten), die die bereits jetzt schon eingeschränkten Freiheiten der Bürger der einzelnen europäischen Länder als Endziel (schleichend) komplett abschaffen wollen.

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