Fluctuat, nec mergitur – Ostern entgegen

Notre-Dame de Paris

Hinweis in Notre-Dame de Paris auf die Stelle, an der sich Paul Claudel bekehrte.
Hinweis in Notre-Dame de Paris auf die Stelle, an der sich Paul Claudel bekehrte.

Von einer Katho­li­kin

Was am Kar­mon­tag in Paris geschah, hat sich tief in die Her­zen der Men­schen ein­ge­gra­ben. Als am Abend lodern­de Flam­men aus dem Dach­stuhl der Kathe­dra­le von Not­re-Dame schlu­gen und zum Infer­no wur­den, herrsch­ten Trau­er, Erschüt­te­rung, Fas­sungs­lo­sig­keit.

In den fran­zö­si­schen Son­der­sen­dun­gen ver­such­te man, den Schock zu ver­ar­bei­ten. Inter­views, Kom­men­ta­re,  Berich­te. Man ist erschüt­tert, daß das Herz der Stadt, die See­le Frank­reichs, ja Euro­pas, das Schmuck­stück goti­scher Bau­kunst, der Kri­stal­li­sa­ti­ons­punkt des kol­lek­ti­ven kul­tu­rel­len und geschicht­li­chen Gedächt­nis­ses einer Nati­on in weni­gen Stun­den ein Raub der Flam­men wird. Man fühlt mit den Katho­li­ken, die einen sym­bol­träch­ti­gen Ort hoher christ­li­cher Spi­ri­tua­li­tät ver­lie­ren.

Ich atme auf, als man sagt, daß das Aller­hei­lig­ste und die Dor­nen­kro­ne Jesu geret­tet sei­en. Die Kame­ra fängt klei­ne Grup­pen beten­der und sin­gen­der Men­schen ein. Die Pari­ser Bür­ger­mei­ste­rin ist vor Ort, der Erz­bi­schof spricht, Prä­si­dent Macron hält eine Rede. Natür­lich ist es rich­tig, der Nati­on Mut zuzu­spre­chen, natür­lich ist es rich­tig, den auf­op­fe­rungs­vol­len Ein­satz der Feu­er­wehr­leu­te zu wür­di­gen. Doch ohne Betrof­fen­heits­rhe­to­rik geht es auch dies­mal nicht. Und der Schluß­satz hat das Zeug, einen innen­po­li­tisch schwä­cheln­den Prä­si­den­ten Plus­punk­te sam­meln zu las­sen. Er ver­spricht den Fran­zo­sen rhe­to­risch rou­ti­niert, die Kathe­dra­le wie­der­auf­bau­en zu las­sen.

Ich schal­te aus. Es ist bes­ser zu beten. Not­re-Dame de Paris, das ist auch mei­ne Kir­che. Die Mes­se wer­de ich nun nicht mehr dort besu­chen kön­nen, die wun­der­vol­le Orgel nicht mehr hören, das Sal­ve Regi­na nicht mehr bei der Sta­tue der Got­tes­mut­ter mit­sin­gen. Sie sehe ich vor mir, wäh­rend ich den Rosen­kranz bete. Der Innen­raum der Kathe­dra­le ist aus­ge­löscht, aber die äuße­re Struk­tur konn­te geret­tet wer­den. Ich wer­de mich viel­leicht nie mehr an den Pfei­ler leh­nen an der Stel­le, an der Paul Clau­del, der gro­ße katho­li­sche Schrift­stel­ler Frank­reichs, am 25. Dezem­ber 1886 als 18jähriger stand und beim Erklin­gen des Magni­fi­kats sei­ne Bekeh­rung erfuhr.

J’é­ta­is moi-même debout dans la foule, près du second pilier à l’en­trée du chœur à droi­te du côté de la sacri­stie. Et c’est alors que se pro­dui­sit l’é­vé­ne­ment qui domi­ne tou­te ma vie. En un instant mon cœur fut tou­ché et je crus.“  

Er stand nahe beim zwei­ten Pfei­ler vor dem Chor rechts auf der Sei­te der Sakri­stei. So beschreibt er spä­ter den Ort, an dem sich wäh­rend des Magni­fi­kats in ihm das ereig­ne­te, was sein gan­zes Leben bestimmt hat:

„Mein Herz wur­de berührt und ich glaub­te.“

Ich bin sicher, er hät­te gese­hen. Er hät­te ver­stan­den, daß die­ses höl­li­sche Infer­no nicht ein­fach nur ein Brand war. Er hät­te gespürt, was so vie­le nicht sehen, nicht ver­ste­hen wol­len.

Prä­si­dent Macron ver­spricht: Wir wer­den die­se Kathe­dra­le gemein­sam wie­der­auf­bau­en. Er macht es zur Schick­sals­fra­ge der Fran­zo­sen. Le destin. Ein gro­ßes Wort. Aber es klingt hohl aus sei­nem Mun­de.

Wünscht man sich den­noch, daß es gelin­gen möge? Viel­leicht wer­den Archi­tek­ten und Bau­mei­ster sie tat­säch­lich wie­der erste­hen las­sen. Wenn die gemein­sa­me Kraft­an­stren­gung gelingt, kann das Monu­ment der­einst vom Auf­bau­wil­len einer gro­ßen Nati­on kün­den. Doch wenn der Glau­be fehlt, in dem Genera­tio­nen von Mei­stern und Künst­lern und Arbei­tern die­se Kir­che zur Ehre Got­tes bau­ten, wird sie nicht mehr stein­ge­wor­de­nes Glau­bens­zeug­nis sein. Dann wird in eini­gen Jahr­zehn­ten eine neue Kir­che geweiht wer­den, für die es kei­ne Gläu­bi­gen mehr geben wird. Weil die Zahl der prak­ti­zie­ren­den Katho­li­ken nicht nur in Frank­reich auf einem Tief­punkt ange­kom­men sein wird.

Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent hat zuge­sagt, man wer­de die Kathe­dra­le wie­der­auf­bau­en, in nur fünf Jah­ren. Schö­ner als zuvor. Das mag Bal­sam auf die See­le einer poli­tisch und wirt­schaft­lich zutiefst ver­un­si­cher­ten Nati­on sein. Hier zeigt sich aber auch die gan­ze mensch­li­che Ver­mes­sen­heit. Die­se Kathe­dra­le wird nie mehr so sein, wie war. Sie war schön nicht nur wegen ihrer Kunst­wer­ke und ihrer voll­ende­ten goti­schen Form, sie war schön, weil sie ein Got­tes­haus war, das Genera­tio­nen von Men­schen gebaut hat­ten, zur Ehre Got­tes und für die Men­schen, die in ihm Sei­ne hei­li­ge Gegen­wart erleb­ten und die erha­be­ne Schön­heit des Sakral­baus und der hei­li­gen Lit­ur­gie als etwas zutiefst Gott Ange­mes­se­nes erfuh­ren. Wer sie wie­der auf­baut, kann sie nicht schö­ner machen als sie war.

Die­se Kir­che und die Kir­che Chri­sti auf­zu­bau­en bedeu­tet, die Schä­den zu erfas­sen, die Kir­che zu rei­ni­gen, sie zu kon­so­li­die­ren, sie auf­zu­bau­en — immer im Blick auf die eine Wahr­heit des Evan­ge­li­ums und nicht zur Errei­chung irdi­scher Zie­le oder zur Ver­wirk­li­chung inter­es­sen­ge­lei­te­ter indi­vi­du­el­ler Vor­stel­lun­gen von Kir­che.

Paul Clau­del besuch­te täg­lich die hei­li­ge Mes­se, bete­te den Rosen­kranz, ver­brach­te viel Zeit mit der Anbe­tung des Aller­hei­lig­sten und war erfüllt davon, von der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums zu spre­chen. Wer wird es ihm gleich­tun?  Wird ein Ruck durch die Kir­che gehen? Wer­den unse­re Hir­ten uns end­lich wie­der füh­ren? Die Kir­che sicher durch die Gefah­ren der Zei­ten steu­ern?

Fluc­tuat, nec mer­gi­tur.

Es ist der Spruch im Wap­pen der Stadt Paris. Und treibt sie auch im Sturm auf den Wogen, so wird sie doch nicht unter­ge­hen. Die Kir­che wur­de ein Raub der Flam­men. Aber sie steht. Ver­letzt, ver­wun­det,  mah­nend, kla­gend. Zei­chen­haft. Mehr als ein Sym­bol. Zum Beginn der Kar­wo­che. Das Aller­hei­lig­ste und die Dor­nen­kro­ne wur­den von einem Prie­ster geret­tet. SEINE KIRCHE wird nicht unter­ge­hen. Jesus hat es uns zuge­sagt.  Beten wir, opfern wir, fasten wir, süh­nen wir.  Gehen wir Ostern ent­ge­gen, der Auf­er­ste­hung.  Wir wis­sen, SEIN Licht hat über Leid und Tod und Dun­kel­heit gesiegt.

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1 Kommentar

  1. Ich habe Not­re-Dame nicht gese­hen und wer­de sie wie­der auf­ge­baut nicht mehr sehen.
    Es traf mich wie ein Schlag — Not­re-Dame brennt! Mil­lio­nen Fran­zo­sen und Abend­län­dern ging es sicher eben­so.
    Nicht-Gläu­bi­ge in Frank­reich bau­en die Kir­che wie­der auf. Ob das gut geht?

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