Die Profanierung des Sakralen – Stuttgarter Kirchen im „Laborversuch“

"St. Maria als..." Experimentierfeld der Praktischen Theologie












Stuttgarter Labor: „St. Maria als...“
Stuttgarter Labor: „St. Maria als...“

Von einer Katholikin.

„Zarte Pflanze – Kirche im Laborversuch“. Unter diesem Titel erfährt man in der Ausgabe 28/2019 (14.Juli) der Wochenzeitung Katholisches Sonntagsblatt der Diözese Rottenburg-Stuttgart, wie in einer säkularisierten Gesellschaft Kirche in der Großstadt „funktioniert“ und man Sinnsucher ansprechen kann. Die Rhetorik ist bekannt: Die„veränderte Lebenswelt der Menschen von heute“ erfordere „alternative Gottesdienstformen, kreative Ideen und Experimente“. Stadtdekan Dr. Christian Hermes reagiert mit einer Anpassung der Kirche auf den „Wandel“ und das Schwinden der Gemeindebindung und will dabei auf die „liturgische Kultur achten“. Nightfever, Taizégebete und Lobpreis sind da schon Klassiker. Doch dabei blieb es nicht.

Wohlgemerkt: Es geht im folgenden um Sakralräume mit dem Allerheiligsten im Tabernakel und mit dem Altar, auf dem regelmäßig das heilige Meßopfer dargebracht wird. Wobei zu befürchten steht, daß der Opferbegriff für den Stadtdekan und den Pastoralreferenten von St. Maria, Andreas Hofstetter-Straka, nur noch den „wenigen Frommen“ zuzuordnen ist, auf die der Pastoralreferent schlecht zu sprechen ist, weil sie es gewagt haben, Unterschriften gegen die sakrilegische Fremdnutzung der Kirche St. Maria zu sammeln und an ihren Bischof zu schreiben.

„St. Maria ist eine Kirche für alle und kein Clubraum für ein paar wenige Fromme“, so der Pastoralreferent.

Für diese Frommen wurde das Stuttgarter pastorale Konzept zum Leidensweg. Nicht wenige, sondern 540 Gläubige schrieben Mitte Oktober 2018 in ihrer Not an Bischof Fürst und baten ihn um Hilfe.

Was war geschehen?

Begonnen hatte es vor zwei Jahren. Im Rahmen einer notwendig gewordenen Innenraumsanierung rief man 2017  in Zusammenarbeit mit dem Verein Stadtlücken, der „Leerstellen“ in der Stadt beleben will, einen Ideenwettbewerb aus mit dem Titel: „Wir haben eine Kirche – haben Sie eine Idee?“ Daraus entwickelte sich das Projekt „St. Maria als“.
St. Maria als Location für Trampolinspringen und Technokonzerte. Nichts war unmöglich im seiner Kirchenbänke beraubten Sakralraum: Paartanz, Yoga-Kurse, Turnen, heidnische Kulte, man kochte, aß und trank… Die Liste ist lang.

Tango in der Kirche
Tango in der Kirche

Pastoralreferent Hofstetter-Straka, Stadtdekan Hermes und eine Projektteamgruppe der Gemeinde waren und sind treibende Kraft hinter dem Projekt. Der Pastoralreferent nimmt „das Wirken Gottes“ in der Welt wahr und sieht darin inzwischen sogar ganz „die missio dei, Gottes Mission“. Und Stadtdekan Hermes vertraut darauf, „dass Gottes Geist auch außerhalb der traditionellen Formen wirken kann, manchmal sogar noch besser als dort“. Das ist eine Relativierung der geistgewirkten Gnaden der Heiligen Messe und eine Inhaftnahme Gottes für die selbstherrliche Umsetzung gottloser Pläne. St. Maria wurde nicht einfach nur zur „offenen Kirche“, sondern auch zum Kultort okkultistischer und heidnischer Veranstaltungen, z.B. mit dem Legen von Engelorakelkarten auf dem Altar und Karten einer hinduistischen Göttin vor dem Altar, und damit zum Ort schwerster Sünde wider Gott und Sein Erstes Gebot.

Zarte Pflanze – Kirche im Laborversuch

Es liegt kein Segen auf der menschlichen Hybris, sich eine eigene Kirche zu züchten, die das Zeug hat zum alles überwuchernden Unkraut. Weil man weiß, daß viele Katholiken inzwischen zu allem Ja und Amen sagen, nur nicht zur wahren Kirche Christi, ist es kein Problem, wenn im Sonntagsblatt die „wenigen Frommen“ als „selbsternannte Bessergläubige“ beschimpft werden, und der Stadtdekan von Rosenkranzgruppen und Anbetungsstunden spricht, als wären sie das Überflüssigste auf der Welt.

Der Herr wägt aber beim Gericht nicht die Zahl derer, die in das Kirchengebäude kommen, um Workshopangebote wahrzunehmen und Events zu besuchen, sondern die, die anbeten und opfern, und sei die Herde noch so klein.

Vorschlag Pommesbude
Vorschlag Pommesbude

Wenn man in vielen Gemeinden über viele Jahre den Gläubigen Ehrfurcht und Frömmigkeit geradezu abtrainiert und die Verweltlichung in die Kirche hineingetragen hat, nachdem man den Menschen immer mehr ins Zentrum der Liturgie gerückt hatte, darf man sich über die Folgen nicht wundern. Die offenen Kirchentüren, die niederschwelligen Angebote in St. Maria und die  „46 Veranstaltungen im Kirchenraum“ im letzten Jahr sind eine sichtbare Folge, und sie haben offensichtlich nicht dazu geführt, daß die Menschen vermehrt zur Heiligen Messe kommen.

Pikanterweise nennt nämlich Bischof Fürst in seinem Antwortschreiben vom 9. Mai 2019 die kontinuierlich gesunkene „durchschnittliche Besucherzahl des Sonntagsgottesdienstes“, die zuletzt bei etwa 70 Personen (diese Information scheint er eingeholt zu haben!) gelegen habe, als Grund dafür, daß sich „die Frage eines Nutzungskonzeptes, das über die gemeindlich-liturgische Nutzung hinausgeht“, überhaupt stellt. Die Frommen sind also selbst schuld, weil es ihrer nicht mehr genug gibt.

Bischof Fürst spielt in der Tragödie „St. Maria als“ keine rühmliche Rolle.

Die Gläubigen, die sich verzweifelt an ihn wandten, enttäuscht er, da er ihnen wirkliche pastorale Fürsorge vorenthält. Er ist Herausgeber der Wochenzeitung Katholisches Sonntagsblatt, in dem fromme Gläubige herabgewürdigt werden. Als Vorsitzender der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz ist für ihn die Printausgabe der Bistumszeitung eine wichtige Säule der Kommunikation zwischen Kirche und Gläubigen. Im aktuellen Fall wird den Gläubigen allerdings kommuniziert, daß Frommsein – oder nennen wir es auch wahrhaft Katholischsein – nicht erwünscht ist. Er selbst kommuniziert nicht mit Gläubigen, wenn sie denn nicht eine monatelang ausbleibende persönliche Reaktion mit Nachdruck einfordern. Die Stuttgarter taten das, und die Projektverantwortlichen mußten schließlich einräumen, „dass es aus Unachtsamkeit zu teilweise Nutzungen kam, die der Würde des Raumes und der Heiligen Orte nicht angemessen waren“. Man wolle nun den Vorschlag ‚St. Maria als internationale Kirche‚ weiterverfolgen und alle weiteren Entwicklungen würden „eng mit der Diözesanleitung abgestimmt sein“. Soweit der Bischof in seinem Schreiben vom 9. Mai.

Was ist von dieser Zusage zu halten? Am 29.Juni fand zum wiederholten Mal in St. Maria ein Kleiderflohmarkt mit Verköstigung statt.

Unachtsamkeit?

Nein, es ist nicht vorbei. Im aktuellen Katholischen Sonntagsblatt erfährt man, daß sich der Stadtdekan „durch solche Störmanöver [der Frommen] nicht beirren“ lasse. Eine reine Farce. Man räumt etwas ein und im gleichen Atemzug „ärgert sich Pastoralreferent Hofstetter-Straka“ über die frommen Petitionsschreiber gegen den Kirchenmißbrauch. Stadtdekan Hermes rechnet laut Sonntagsblatt sogar damit, daß auch das entstehende spirituelle Zentrum, die „Station S“ in St. Fidelis (ein weiterer ‚Laborversuch‘), von „rechter Seite“ angegriffen werden könnte. Diese politische Etikettierung frommer Gläubiger ist Populismus pur und zeigt, wes (Un)-Geistes Kind die für die Stuttgarter Laborversuche Verantwortlichen sind, die „aus Unachtsamkeit“ (!) Heilige Orte mißbrauchen.

Trampolinspringen in der Kirche
Trampolinspringen in der Kirche

Von der Deutschen Bischofskonferenz, an die sich die Katholiken auch gewandt hatten, ist keine Hilfe zu erwarten. Lapidar verweist man aus dem Sekretariat auf die kurze Rottenburger Empfangsbestätigung von Ende Januar und die darin zugesagte Veränderung einiger „Details“ zur Sicherstellung des katholischen Charakters der Kirche. Das verhinderte aber nicht eine Tanzperformance gegen Eintritt am Aschermittwoch!

Werden Kirchen also weiterhin ein Clubraum für kirchenfremde Events sein oder endlich wieder uneingeschränkt das sein können, was sie sind? Wohnstatt Jesu Christi in der konsekrierten Hostie und Ort der heiligen Messe, des Gebets, der Rosenkranzgruppen und Anbetungsstunden.

Im Kanonischen Recht heißt es dazu:

(Can.1220, §1) Alle, die es angeht, haben dafür zu sorgen, daß in den Kirchen jene Sauberkeit und Zierde gewahrt werden, die einem Gotteshaus ziemen, und daß von ihm ferngehalten wird, was mit der Heiligkeit des Ortes unvereinbar ist.

Can. 1210 — An einem heiligen Ort darf nur das zugelassen werden, was der Ausübung oder Förderung von Gottesdienst, Frömmigkeit und Gottesverehrung dient, und ist das verboten, was mit der Heiligkeit des Ortes unvereinbar ist. Der Ordinarius kann aber im Einzelfall einen anderen, der Heiligkeit des Ortes jedoch nicht entgegenstehenden Gebrauch gestatten.

Can. 1211 — Heilige Orte werden geschändet durch dort geschehene, schwer verletzende, mit Ärgernis für die Gläubigen verbundene Handlungen, die nach dem Urteil des Ortsordinarius so schwer und der Heiligkeit des Ortes entgegen sind, daß es nicht mehr erlaubt ist, an ihnen Gottesdienst zu halten, bis die Schändung durch einen Bußritus nach Maßgabe der liturgischen Bücher behoben ist.

In Anbetracht der sakrilegischen Aktionen in St. Maria wäre es also die Pflicht des Diözesanbischofs, dem Treiben Einhalt zu gebieten, einen Bußritus durchzuführen und ggf. die Kirche und den Altar neu zu konsekrieren.

Doch Bischof Fürst hat sich die Herangehensweise der Praktischen Theologie zu eigen gemacht und betont in seinem Brief die Relevanz des Projekts für die Auslotung der „Grenzbereiche und Übergänge des Sakralen und Profanen“.

Die nichtsakrale Heiligkeit des Profanen

Essen in der Kirche
Essen in der Kirche

Genau das ist nämlich der Ansatz der katholisch-theologischen Fakultät Tübingen  (Lehrstuhl für Praktische Theologie, Prof. Dr. Michael Schüßler), die im Rahmen einer wissenschaftlichen Forschungskooperation mit „St. Maria als“ im März 2019 pastoraltheologische Konzeptideen für die Kirche erstellte. Dort liest man von einem „dritten Weg, jenseits der Sakralisierung und Profanierung von liturgischen Räumen“ und der „nichtsakralen Heiligkeit auch des Profanen“ und hält „hybride Kirchenräume wie St. Maria“ für eine zukunftsweisende Nutzungschanche, die ihre Berechtigung in „frühchristlichen Ritualpraktiken des Herrenmahls in den ‚Wohnzimmern‘ wohlhabender Christinnen und Christen“ finde.

In einem Paper des Lehrstuhls für Praktische Theologie zu „St. Maria als… – Leerstellen als kreatives Konzept urbaner Pastoral“ (Michael Schüßler/Theresa Schweighofer) heißt es warnend:

„Groß scheint der Druck, die Leerstelle St. Maria schnell wieder als religiösen Ort zu vereindeutigen und für gemeindliche bzw. pastoralplanerische Konzepte zu verzwecken.“

Diese Vereindeutigung fordern die Gläubigen in ihrem Brief an den Bischof und die DBK. Doch wenn Bischöfe und Praktische Theologie zusammengehen, werden die niederschwelligen Angebote im Multifunktionsraum Kirche weitergehen und auch die „Sakramentale Ritenkreativität“ wird kein Ende nehmen.

Am Sonntag, den 14. Juli, fand in St. Maria eine Lesung mit Klangbegleitung durch einen Schamanen und „Klangheiler“ statt.  Ist das ein Vorgeschmack auf die spirituellen Angebote der im Advent öffnenden „Station S“ in St. Fidelis?  Die Ankündigung ist in der Tat deutlich: Neben (sic!) Eucharistie wird es dann dort die unterschiedlichsten Angeboten geben: Körperwahrnehmungskurse, Spiritualität durch Kunst, Literatur, Musik und vieles mehr. Eucharistie als ein Angebot unter vielen. Die Kirche als Kraftort für Suchende. Dann auch dort wie in St. Maria Stühle statt Kirchenbänke. Knien vor Gott nicht mehr erwünscht. „S“ für Satan? Die Türen sind jedenfalls schon einmal weit geöffnet.

Bild: St. Maria als (Screenshots)

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4 Kommentare

  1. Zum letzten Absatz dieses höchst aufschlussreichen Beitrags:

    Liebe Katholikin, es ist weitaus mehr als nur ein Vorgeschmack auf das, was auch in der „Station S“ in St. Fidelis (das „S“ scheint hier wirklich für „Satan“ zu stehen) ab Advent zu erwarten ist. Es ist vor allem auch ein Vorgeschmack auf das, was im Zuge der Amazonas-Synode auch in anderen Diözesen hierzulande zu erwarten und zu befürchten ist. Der DBK-Vorsitzende Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, und sein treuer Gefolgsmann Franz Jung, Bischof von Würzburg, haben sich schon wiederholt für Gottesdienst-Experimente – beispielsweise Tanzdarbietungen um den Altar herum – starkgemacht. Man müsse eben „neue Formen des Gottesdienstes wagen, um die Menschen wieder anzusprechen“ (und in die Kirchen zu locken), heißt es zur Begründung. Ob’s wohl gelingen wird?

    Übrigens: Papst Franziskus selbst hat in seiner unseligen gemeinsamen Erklärung mit dem Kairoer Großimam in Abu Dhabi im Februar dieses Jahres indirekt dem Einzug des Schamanentums in die Kirche Jesu Christi bereits Tür und Tor geöffnet. Der Tanz ums „goldene Kalb“ ist eröffnet.

  2. Ein professioneller Ingenieur, der sich so über Gesetze, Vorschriften und Normen hinwegsetzt wie Bischof Fürst (und leider nicht nur er…) das tut, würde aus der Kammer ausgeschlossen und seinen Titel verlieren. Überall auf der Welt – und zurecht!
    Aber in der Kirche, da ist das ja anders, die Kirche ist ja experimentierfreudig!
    Stellen wir uns einmal vor, wir würden solche „neue Formen“ auch anderswo ausleben wollen: Amtsgerichtssaal als…, Landratsamt als…, Stadtparlament als…, Polizeipräsidium als…
    Die katholische Kirche in Deutschland läuft der Welt nicht hinterher, nein sie ist die Vordenkerin und Erfinderin einer neuen Kultur: Nichts ist mehr eindeutig, nichts ist mehr falsch und vor allem: nichts ist mehr heilig! Sie ist offen für alles und jeden (außer einer ist fromm und glaubt noch „das Alte“!), erfindet eine neue Sprache (was bitte ist „vereindeutigen“ oder „verzwecken“?) und bereitet so dem neuen Babylon den Weg. God help us!!

  3. Alternative Gottesdienstformen? Wie wäre es mit der Einführung der tridentinischen Messe? Das wäre doch eine wirkliche Alternative zu dem hier angeführten Humbug.

    • Genau das wollte ich auch schon empfehlen, und zwar die tridentinische Liturgie für die regelmäßige Werktagsmesse, als stille Messe einmal wöchentlich, als feierliches Hochamt an den Sonn- und Feiertagen, und ebenso regelmäßig Vesper- und Complet-Angebote, Aussetzung des Allerheiligsten in der Monstranz, Erteilung des eucharistischen Segens.

      Und wenn es begleitende Kulturangebote sein müssen, was für eine Großstadt durchaus sinnvoll wäre: Warum nicht regelmäßig geistliche und andere, die Seele erhebende Konzerte anstatt üblicher Volkshochschul-Angebote. Das wäre eine echte Alternative etwa zur satanisch-schrillen Techno, wäre Entweltlichung statt Verweltlichung, wäre wirksame und heilsame Hinführung zu Gott. Das Angebot an entsprechenden Musikwerken ist ja nahezu unerschöpflich.

      So könnte sich St. Maria in Stuttgart langsam, aber sicher zu einem neuen geistlich-geistigen Zentrum für die Stadt und das Umland entwickeln und Vorbild für andere Großstädte sein. Aber so wie es momentan aussieht, will man lieber ein Zeitgeist-Zentrum schaffen nach den Träumen eines nach Selbstverwirklichung strebenden Pastoralreferenten. Doch das wird mit Sicherheit schiefgehen.

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