Biographie eines Friedensdiplomaten – Fürst Johann Ludwig von Nassau-Hadamar

Der Dreißigjährige Krieg – Ursachen, Verlauf und Folgen (4)

Beschwörung des Westfälischen Friedens (Gerard ter Borch, 1648)
Beschwörung des Westfälischen Friedens (Gerard ter Borch, 1648)

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker*.

Im Jah­re 1638 ernann­te Kai­ser Fer­di­nand III. Graf Johann Lud­wig von Nas­sau-Hada­mar zum Gene­ral­be­voll­mäch­tig­ten für die Frie­dens­ver­hand­lun­gen, um den damals schon 20 Jah­re wäh­ren­den Krieg zu been­den. Als „lega­tus ple­ni­po­ten­tia­ri­us“ muss­te der kai­ser­li­che Gesand­te noch wei­te­re zehn Jah­re an Ver­hand­lun­gen teil­neh­men, bis der Frie­dens­schluss 1648 mög­lich wur­de. Was waren die Fak­to­ren, die den Gra­fen der rela­tiv klei­nen nas­saui­schen Herr­schaft im Wester­wald für die­se Auf­ga­be der kai­ser­li­chen Ver­hand­lungs­füh­rung befä­hig­ten?

Bei den kriegs­füh­ren­den Mäch­ten kann­te sich der nas­saui­sche Graf gut aus: Am fran­zö­si­schen Königs­hof hat­te er ein Drei­vier­tel­jahr geweilt und die könig­li­che Macht­po­li­tik stu­diert. Dem schwe­di­schen König und sei­nen Kom­man­dan­ten war er 1632 in Frank­furt begeg­net. In den Nie­der­lan­den führ­ten sein Halb­bru­der Casi­mir und sein Nef­fe Moritz den Krieg an. Vie­le luthe­ri­sche, cal­vi­ni­sti­sche und katho­li­sche Für­sten hat­te er per­sön­lich auf sei­nen bei­den Kava­liers­rei­sen ken­nen­ge­lernt. Johann Lud­wig beherrsch­te die Ver­hand­lungs­spra­chen Latein und Fran­zö­sisch per­fekt. Als Mit­glied im kai­ser­li­chen Reichs­hof­rat hat­te er sich bei einer schwie­ri­gen diplo­ma­ti­schen Mis­si­on bewährt.

Ausbildung, Studium und Bildungsreise

Johann Lud­wig erhielt eine soli­de Schul- und Stu­di­en­aus­bil­dung in Dil­len­burg (Hof­schu­le), dem damals noch zum Reich gehö­ren­den Sedan (Adels­aka­de­mie) und der cal­vi­ni­sti­schen Hoch­schu­le in Genf.

Gebäude der Adelsakademie von Sedan
Gebäu­de der Adels­aka­de­mie von Sedan
  • Dabei wur­de der jun­ge Graf in die Tugend­leh­re für Für­sten ein­ge­führt. Bei den Übun­gen zu histo­ri­schen Stof­fen leg­te man Wert auf die mora­li­sche Hal­tung von Herr­schen­den. Die macht-ego­isti­schen Regeln Mac­chia­vel­lis bil­de­ten dazu den kri­ti­schen Gegen­pol.
  • Zahl­rei­che Stu­di­en­tex­te aus den Büchern des Eras­mus von Rot­ter­dam sind für den jun­gen Prin­zen­schü­ler belegt. Dar­in wur­den die Vor­zü­ge des Frie­dens und die Nach­tei­le des Krie­ges her­aus­ge­stellt. In einem Auf­satz Johann Lud­wigs über Frie­den und Ein­tracht („de pace et con­cordia“) bezieht er sich mehr­fach auf die Tole­ranz- und Aus­gleichs­po­li­tik des huma­ni­sti­schen Gelehr­ten. Das Resü­mee von des­sen Frie­dens­päd­ago­gik und Frie­dens­po­li­tik ist in einem Zitat zusam­men­ge­fasst: „Der Frie­de ist das Beste, was die Natur dem Men­schen schenkt“. Die­ser Vers zier­te in sei­ner Kurz­fas­sung Pax opti­ma rer­um den Tür­sturz zum Frie­dens­saal der Stadt Mün­ster, in dem der West­fä­li­sche Frie­den besie­gelt wur­de. Er wur­de im Zwei­ten Welt­krieg bei einem alli­ier­ten Bom­ben­an­griff zer­stört (heu­te als ver­ein­fach­ter Nach­bau zu sehen).

Der ein Drei­vier­tel­jahr dau­ern­de Auf­ent­halt am Hof des fran­zö­si­schen Königs Hein­rich IV. dürf­te das poli­ti­sche Welt­bild des 17jährigen Gra­fen ent­schei­dend geprägt haben: Der Bour­bo­ne kon­ver­tier­te vom Cal­vi­nis­mus zum Katho­li­zis­mus. Er been­de­te einen reli­gi­ons­ba­sier­ten Bür­ger­krieg, indem er mit Tole­ranz­po­li­tik den Kon­fes­sio­nen­streit ent­schärf­te, die Zen­tral­macht mit­hil­fe von Bür­ger­tum und nie­de­rem Adel stärk­te und den Hoch­adel unter höfi­scher Kon­trol­le hielt.

Anschlie­ßend besuch­te Johann Lud­wig den spa­ni­schen Gou­ver­neurs­hof in Brüs­sel – in den Frie­dens­jah­ren des spa­nisch-nie­der­län­di­schen Krie­ges. Es folg­ten Besu­che in den deut­schen Reichs­städ­ten und Für­sten­hö­fen: Hes­sen, West­fa­len, Braun­schweig, Bre­men, Ham­burg, Her­zog­tum Hol­stein, wo er dem herr­schen­den däni­schen König „sei­ne Reve­renz erwies“. Johann Lud­wig zog wei­ter ins Her­zog­tum Meck­len­burg und Kur­für­sten­tum Bran­den­burg, von dort nach Dres­den, ins böh­mi­sche Prag, über Pas­sau, Regens­burg nach Nürn­berg und Hes­sen-Kas­sel.

1612 mach­te der Hada­ma­rer Graf dem gewähl­ten Kai­ser Mat­thi­as in Frank­furt sei­ne Auf­war­tung. Im glei­chen Jahr weil­te er auf Ein­la­dung sei­nes Cou­sins, ehe­ma­li­gen Sedan-Mit­schü­lers und dama­li­gen Kur­für­sten Fried­rich V. von der Pfalz ein hal­bes Jahr in Lon­don. Dort hat­te sich der spä­te­re Win­ter­kö­nig von Böh­men mit der eng­li­schen Königs­toch­ter Eli­sa­beth Stuart ver­mählt, Toch­ter des angli­ka­ni­schen Königs Jakob I., Enke­lin Maria Stuarts, die nach Eli­sa­beth I. benannt war.

Gegen kriegerischen Fanatismus

Die wohl wich­tig­ste Lebens­er­fah­rung für sei­ne spä­te­re Tole­ranz- und Frie­dens­po­li­tik mach­te Johann Lud­wig bei sei­nen krie­ge­ri­schen Ver­wand­ten in den Nie­der­lan­den, die er 1613 besuch­te – und dann nie mehr. Der jun­ge Graf war im Gei­ste des Rot­ter­da­mer Eras­mus gegen Fana­tis­mus, Gewalt und Kriegs­trei­be­rei erzo­gen wor­den. Die­ser Huma­nis­mus stand im Gegen­satz zu Luthers mar­tia­li­schen The­sen vom „Wort Got­tes als Krieg unse­res Herr­gotts, der damit nicht auf­hö­ren wird, bis er alle Fein­de sei­nes Wor­tes zuschan­den gemacht hat“ – so Mar­tin Luther in sei­ner Schrift gegen Eras­mus von Rot­ter­dam.

Erst recht bei den Cal­vi­ni­sten Hol­lands unter der Füh­rung von Johann Lud­wigs Bru­der Casi­mir und sei­nem Nef­fen Moritz mach­te sich fana­ti­scher Extre­mis­mus breit. Der zeig­te sich etwa in der cal­vi­ni­sti­schen Paro­le: „Luthe­ra­ner aus­ja­gen, Katho­li­ken tot­schla­gen“. Die Anfüh­rer der gemä­ßig­ten Refor­mier­ten wur­den als Ket­zer und Ver­rä­ter gebrand­markt, ein­ge­sperrt, gefol­tert und hin­ge­rich­tet. Der gro­ße Völ­ker­rechts­ge­lehr­te Hugo Gro­ti­us konn­te sich nur durch Flucht die­sem Schick­sal ent­zie­hen. Doch die Fana­ti­ker soll­ten nicht das letz­te Wort haben. Denn bei den west­fä­li­schen Frie­dens­ver­hand­lun­gen spiel­ten die Regeln aus Gro­ti­us’ Werk „De jure bel­lis ac pacis“ eine wich­ti­ge Rol­le. Noch grund­le­gen­der war dafür die ire­ni­sche Ver­mitt­lungs­hal­tung des Huma­ni­sten Eras­mus.

reformierter Bildersturm in katholischen Kirchen
Refor­mier­ter Bil­der­sturm in katho­li­schen Kir­chen

Konversion Graf Johann Ludwigs

Nach sei­ner Bil­dungs­rei­se hei­ra­te­te Johann Lud­wig 1617 die Grä­fin Ursu­la von Schaum­burg-Lip­pe. Im glei­chen Jahr nahm er sei­ne ererb­te Graf­schaft Nas­sau-Hada­mar in Besitz. 1629 droh­te allen nas­saui­schen Gra­fen ein Pro­zess am Kai­ser­hof wegen Maje­stäts­be­lei­di­gung. Sie hat­ten 1620 den pfäl­zi­schen Kur­für­sten im Krieg um die Pfalz mit zehn Pan­zer­rei­tern unter­stützt.

Im Som­mer 1629 wur­de Johann Lud­wig von sei­nen Brü­dern beauf­tragt, beim Kai­ser in Wien den anste­hen­den Pro­zess abzu­schla­gen. Durch Für­spre­cher­brie­fe von katho­li­schen Für­sten und Gene­ral Til­ly war ein posi­ti­ver Aus­gang für das rela­tiv klei­ne Delikt zu erwar­ten. Ein ver­schwä­ger­ter Graf aus dem Lip­pi­schen hat­te vor­her schon bei einer ähn­li­chen Ankla­ge Frei­spruch erwirkt. Es gab kei­nen Anlass, mit wei­te­ren Demuts­ak­ten – etwa einer Kon­ver­si­on – den Kai­ser mil­de zu stim­men.

Johann Lud­wig hat­te sich seit der kai­ser­li­chen Resti­tu­ti­ons­dro­hung von 1628 per­sön­lich mit dem luthe­ri­schen, dem refor­mier­ten wie auch dem katho­li­schen Glau­ben beschäf­tigt. Er ließ sich von der „Hohen Schu­le“ in Her­born eine Auf­stel­lung über Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de der drei Kon­fes­sio­nen erstel­len. Seit „etli­chen Jar“ – so im Brief an sei­ne Frau – hat­te er über katho­li­sche Glau­bens­fra­gen dis­ku­tiert – mit dem Kur­für­sten von Trier, den Koblen­zern Kart­häu­sern und dem Main­zer Jesui­ten­pa­ter und Uni­ver­si­täts­rek­tor Johann Rein­hard Zieg­ler, der selbst ein Kon­ver­tit vom Cal­vi­nis­mus war.

Persönliches Glaubensbekenntnis

Im Som­mer 1629 führ­te der Wie­ner Pater Wil­helm Lamor­mai­ni SJ Johann Lud­wig in die katho­li­sche Glau­bens­leh­re ein. 14 Tage prüf­te er sein Gewis­sen, „ob und inwie­weit ich mich der Kon­fes­si­on anschlie­ßen kann.“ Das Ergeb­nis sei­ner Gewis­sens­prü­fun­gen leg­te Graf Johann Lud­wig in einem län­ge­ren Glau­bens­be­kennt­nis mit acht Punk­ten nie­der. Das Doku­ment bestä­tigt sei­ne per­sön­li­che, ernst­haf­te und tief­grün­di­ge Glau­bens­ent­schei­dung. Zugleich besei­tigt die Text­lek­tü­re Zwei­fel an den lau­te­ren Moti­ven des Gra­fen bei sei­ner Kon­ver­si­on

In den noch cal­vi­ni­stisch gefärb­ten Ein­lei­tungs­for­mu­lie­run­gen sei­nes Bekennt­nis­ses spricht Johann Lud­wig das Glau­bens­ver­trau­en zu Gott aus, dass um der Ver­dien­ste Chri­sti wil­len alle sei­ne Sün­den ver­zie­hen sind. Ent­schei­dend katho­lisch ist aber dann die Erläu­te­rung, dass Gebe­te und ein buß­fer­ti­ges Leben nicht als blo­ße Glau­bens­fol­gen ent­wer­tet wer­den: Sakra­men­te und gute Wer­ke sind die heils­not­wen­di­gen Mit­tel der mensch­li­chen Mit­wir­kung. Mit eige­nen Wor­ten und Ver­glei­chen eig­ne­te sich der Kon­ver­tit die katho­li­sche Leh­re an – von der Beich­te, der Trans­sub­stan­tia­ti­on, des Mess­op­fers: Die Sakra­men­te wie Schöpf­ei­mer, mit denen der Gläu­bi­ge aus dem Brun­nen der zuge­sag­ten Gna­den und Ver­dien­ste Chri­sti schöpft zur Stär­kung des Glau­bens auf dem Weg zur ewi­gen Selig­keit. In deut­li­cher Abgren­zung zu Luther und der strik­ten Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re Cal­vins hob er den gott­ge­schaf­fe­nen frei­en Wil­len her­vor, der mit Got­tes Gna­de und Bei­stand Gutes bewir­ken kann. Die kri­ti­sier­te Anru­fung – „nicht Anbet­tung“ – Mari­ens, von Engeln und Hei­li­gen sind gut und berech­tigt. Wenn man schon mensch­lich einen guten Freund um Hil­fe bit­tet – wie viel mehr dann die Hei­li­gen als Freun­de Got­tes? Im Gegen­satz zur unsicht­ba­ren Kir­che Luthers bekann­te sich der Kon­ver­tit zur „sicht­ba­ren Kirch und zu Chri­sti sicht­ba­rem Statt­hal­ter“.

Zu Schmähungen der Verwandten geduldiges Erklären der katholischen Lehre …

Nach sei­ner Rück­rei­se von Wien klag­ten ihn sei­ne Geschwi­ster und Ver­wand­ten an: Die katho­li­sche Kir­che wür­de mit Leh­re, Sakra­men­ten und Zere­mo­nien von Gott und dem Erlö­ser weg­füh­ren; die Katho­li­ken wür­den Maria, Bil­der und Kru­zi­fi­xe anbe­ten; die Prie­ster wür­den im Mess­op­fer das ein­zi­ge Opfer Christ mul­ti­pli­zie­ren; die guten Ver­dienst-Wer­ke der Gläu­bi­gen wür­den Chri­sti Werk schmä­lern ….

Der Graf wies die Zerr­bil­der des katho­li­schen Glau­bens zurück. Zum andern erklär­te er detail­liert – viel­fach in Bil­dern – die Kern­stücke der katho­li­schen Leh­re. Schließ­lich mach­te er dar­auf auf­merk­sam, dass vie­le Cal­vi­ni­sten in ihrem per­sön­li­chen Glau­bens­le­ben auf dem Weg zum Katho­li­zis­mus sei­en. Ein bered­tes Bei­spiel dafür fand er in sei­ner Frau Ursu­la, die „durch ihre Wer­ke der Näch­sten­lie­be und ihre Für­sor­ge für die Armen schon recht katho­lisch“ sei. Denn der strik­te Cal­vi­nis­mus lehnt Armen­un­ter­stüt­zung ab.

… ohne konfessionelle Polemik

Graf Johann Lud­wig zeig­te sich gefe­stigt im Glau­ben sei­ner Vor­vä­ter. Er hat­te es nicht nötig, kon­fes­sio­nell zu pole­mi­sie­ren wie man­che sei­ner cal­vi­ni­sti­schen Ver­wand­ten. Auf­grund sei­ner sou­ve­rä­nen Über­zeu­gung und bei allem Ein­satz für die Wahr­heit der katho­li­schen Leh­re zeig­te er Tole­ranz. Für Frau, Töch­ter und Hof­da­men stell­te er einen pro­te­stan­ti­schen Pre­di­ger ab. Zum Besuch des Hada­ma­rer Jesui­ten-Gym­na­si­ums lud er aus­drück­lich Schü­ler aus pro­te­stan­ti­schen Gebie­ten sowie Juden­kin­der ein.

Schloß Hadamar
Schloß Hada­mar

Sei­ne über­zeu­gen­de Glau­bens­hal­tung war wohl auch der Haupt­grund dafür, dass die Ein­woh­ner sei­ner Graf­schaft in recht kur­zer Zeit für den katho­li­schen Glau­ben gewon­nen wer­den konn­ten. Nach dem Augs­bur­ger Reli­gi­ons­frie­den von 1555 hät­te Graf Johann Lud­wig das Recht gehabt, die Unter­ta­nen sei­nes Lan­des (‚regio’) per fürst­li­chem Erlass auf die neue ‚reli­gio’ zu ver­pflich­ten. So hat­ten es sein Vater Johann VI. mit der cal­vi­ni­sti­schen Kon­fes­si­on gehand­habt und sein Groß­va­ter Wil­helm mit der Ein­füh­rung des luthe­ri­schen Bekennt­nis­ses.

Der Hada­ma­rer Graf dage­gen ging den moder­nen Weg der mis­sio­na­ri­schen Über­zeu­gung. An 31. Janu­ar 1630 rief er die Ein­woh­ner Hada­mars im Schloss­hof zusam­men und lei­te­te mit sei­ner eige­nen Rede die Remis­sio­nie­rung sei­ner Graf­schaft ein. Die zwölf cal­vi­ni­sti­schen Pre­di­ger der Graf­schaft durf­ten unter Bei­be­hal­tung der Ein­künf­te in ihren Pfarr­häu­sern blei­ben, bis sie eine neue Stel­le außer­halb der Graf­schaft gefun­den hat­ten.

Jesuiten-Mission in der Grafschaft

Im Lau­fe des Febru­ars 1630 über­nah­men fünf Jesui­ten­pa­tres aus Koblenz die Mis­si­ons­pre­dig­ten in den Orten der Graf­schaft. Die Mes­se konn­ten sie jedoch nicht fei­ern. Denn die Cal­vi­ni­sten hat­ten mit ihrem „Bil­der­sturm“ die Kir­chen und Kapel­len des Lan­des rest­los von sakra­len und bild­li­chen Gegen­stän­den leer­ge­fegt.

Der Graf ging damit vor­an, sei­ne Schloss­ka­pel­le mit den katho­li­schen Insi­gni­en aus­zu­stat­ten: Altar­stein, Knie­bän­ke, Orgel, Taber­na­kel, Ewi­ges Licht, Kom­mu­ni­on­bank, Mon­stranz, Ker­zen, auch Mess­ge­wän­der, Chor­klei­dung für Prie­ster und Mess­die­ner. In den Dör­fern forsch­te die Bevöl­ke­rung nach der aus­ge­räum­ten Kir­chen­aus­stat­tung: Man för­der­te ver­steck­te Kru­zi­fi­xe, Schel­len, Bil­der her­vor und brach­te sogar Fah­nen und Hei­li­gen­sta­tu­en zurück.

Ein­woh­ner des Dor­fes Wei­er ver­klag­ten ihren Pre­di­ger auf Neu­kauf des von ihm ver­scher­bel­ten Sil­ber­kel­ches. Die Ahl­ba­cher hol­ten den Altar­stein ihrer Kir­che aus einem Gar­ten zurück. Die Lah­rer wuss­ten noch, dass der Tauf­stein ihrer Kir­che zu einer Vieh­trän­ke gemacht wor­den war. Zum Abschluss die­ser Resti­tu­ti­on waren 10 Kir­chen, 23 Kapel­len und 38 Altä­re dem katho­li­schen Kul­tus zurück­ge­ge­ben.

Neben der fei­er­li­chen Sonn­tags­mes­se wur­den die Sakra­men­te der Beich­te und Ehe­schlie­ßung wie­der ein­ge­führt; wei­ter­hin das Ange­lus-Läu­ten und ‑Gebet, die Bitt‑, Him­mel­fahrts- und Fron­leich­nams­pro­zes­sio­nen, Kreuz­weg­an­dach­ten, Fasten- und Absti­nenz­ta­ge, Mari­en- und Hei­li­gen­ver­eh­rung. Die Jesui­ten mach­ten mit den katho­li­schen Riten und Sakra­men­ta­li­en ver­traut: Kreuz­zei­chen und Knie­beu­ge, Aschen­kreuz und Weih­was­ser, beglei­tet mit Kate­che­se, Pre­digt und Gespräch. Nach einem Jahr Jesui­ten­mis­si­on waren „2315 Erwach­se­ne für Gott und Kir­che zurück­ge­won­nen“, resü­mier­te der Jesui­ten-Chro­nist von Hada­mar, „allein durch Pre­digt und Gespräch“. Denn „nie­mand wur­de gegen sei­nen Wil­len von der Irr­leh­re befreit“. Graf Johann Lud­wig konn­te sich rüh­men, dass kei­ner sei­ner Unter­ta­nen das Recht auf Aus­wan­de­rung in Anspruch genom­men hat­te – außer sein Sekre­tär Spren­ger, dem der Graf selbst in Dietz eine neue Stel­le besorgt hat­te. Die schnel­le Annah­me der katho­li­schen Glau­bens­leh­re durch Land­be­woh­ner war inso­fern über­ra­schend, weil in der Graf­schaft schon 100 Jah­ren vor­her die luthe­ri­sche Leh­re ein­ge­führt wor­den war. Ab 1577 wur­de die Bevöl­ke­rung von cal­vi­ni­sti­schen Pfar­rern bepre­digt. Der Reli­gi­ons­wech­sel durch fürst­li­che Ver­ord­nung war offen­sicht­lich nicht tief­grei­fend gewe­sen.

Die erfolg­rei­che Remis­sio­nie­rung war sicher­lich auch den klu­gen Mis­sio­nie­rungs­re­geln der Jesui­ten geschul­det, die – ent­ge­gen pro­te­stan­ti­scher Het­ze und Vor­ur­tei­le – sehr mode­rat vor­gin­gen. So leg­ten damals die Mis­si­ons­re­geln der Gene­ral­lei­tung in Rom Fol­gen­des fest:

  • Ziel der Mis­si­on ist die Bekeh­rung der Irre­ge­lei­te­ten und die För­de­rung der Katho­li­ken.
  • Die Mit­tel sol­len bestehen in Pre­digt, kate­che­ti­schen Gesprä­chen, Unter­rich­tung der Kin­der und Sakra­men­ten­spen­dung.
  • Abgren­zen­de Kon­tro­vers­theo­lo­gie ist in Pre­dig­ten nicht erwünscht. Unser Glau­ben ist in ein­fa­chen Wor­ten dar­zu­le­gen. Das Vor­ge­brach­te soll nur mit der Schrift (und nicht mit den Schrif­ten der Kir­chen­vä­ter und Theo­lo­gen) belegt wer­den. Von Schimp­fen und Schmä­hen der Irr­leh­rer soll man sich ganz und gar fern­hal­ten.
  • Bei der Kate­che­se sol­len die Patres die Glau­bens­wahr­hei­ten mit Ent­spre­chun­gen der Erfah­rung und All­tags­ver­nunft dar­le­gen. Man soll dar­aus vie­le Ver­glei­che und Bei­spie­le ent­neh­men, um die Leh­re für Alt und Jung anspre­chend zu machen. Vor Plump­heit, Schmutz und Unbe­schei­den­heit wird gewarnt.
  • Die Patres sol­len mög­lichst auch die Häu­ser auf­su­chen, um mit gro­ßer Freund­lich­keit über Fra­gen des Glau­bens und der Sit­te zu spre­chen. Beson­ders acht­sam soll man in Gesprä­chen mit ein­fluss­rei­chen Dorf­be­woh­nern sein. Mit Sorg­falt sol­len die Älte­sten, Geschwo­re­nen, Armen­pfle­ger und Kir­chen­rech­ner aus­ge­sucht und belehrt wer­den. Als klu­ge und mensch­kun­di­ge Mis­sio­na­re sol­len sie vor Schmeich­lern und Ein­schlei­chern Abstand hal­ten und sich eben­falls vor frem­den Strei­tig­kei­ten und Her­ab­set­zun­gen fern­hal­ten ….

Leib- und Seelsorge unter Kriegsbedingungen

1631/32 spür­te die Hada­ma­rer Graf­schaft den Druck der Hee­re von Schwe­den und deut­schen Pro­te­stan­ten. Die Jesui­ten als die meist­ge­hass­ten Kle­ri­ker muss­ten sich aus Sicher­heits­grün­den nach Koblenz zurück­zie­hen. An deren Stel­le kamen Fran­zis­ka­ner aus Lim­burg, die weni­ger ange­fein­det waren. In den Jah­ren 1633 bis 1636 muss­ten sich alle Geist­li­chen aus den Wester­wald­dör­fern wegen Erpres­sungs­über­fäl­len zurück­zie­hen. Das Hada­ma­rer Land litt unter Pest, Plün­de­run­gen und Ver­hee­run­gen durch die Sol­da­tes­ka, war von Hun­gers­nö­ten und Man­gel­krank­hei­ten geplagt.

Ein Bild des Grau­ens erleb­ten drei Jesui­ten-Patres bei ihrer Rück­kehr in die Dör­fer:

„Gan­ze Häu­ser­zei­len waren nie­der­ge­brannt oder stan­den leer, die Ein­woh­ner waren geflo­hen oder an Pest gestor­ben. Ande­re Häu­ser waren wie Höh­len ver­fal­len.“

Die Patres ver­such­ten zuerst den Kran­ken und Gesun­den Nah­rung zu ver­schaf­fen. Mit Ruck­säcken zogen sie durch weni­ger bela­ste­te Dör­fer und Städ­te, um zunächst für die Lei­ber zu sor­gen. Spä­ter began­nen sie die Pre­dig­ten, Mess­fei­ern und den Kate­chis­mus­un­ter­richt wie­der auf­zu­neh­men.

P. Rut­ger Hes­sel­mann war vom Stand­ort Hada­mar aus für die Seel­sor­ge der Pfar­rei Lahr zustän­dig. 1636/37 nahm in die­ser Ort­schaft die Pest epi­de­mi­sche Aus­ma­ße an. Dar­auf­hin ließ sich der Jesui­ten­pa­ter in Lahr nie­der. Er küm­mer­te sich dort ganz um die Kran­ken und Ster­ben­den. „Man sah ihn oft Grä­ber aus­he­ben, wenn ande­re fehl­ten, und auf sei­nen Schul­tern die Lei­ber der Toten zur Bestat­tung tra­gen“ – so die Jesui­ten­chro­nik.

„Unter die­sen Wer­ken der christ­li­chen Näch­sten­lie­be zog er sich selbst die Pest zu, so dass er am 30. April 1637 sei­ne an Ver­dien­sten rei­che See­le aus­hauch­te. Sein Leib harrt in der Pfarr­kir­che von Hada­mar auf die Auf­er­ste­hung.“

Der Schrift­stel­ler Wil­helm Hein­rich Riehl hat aus die­sen Hin­wei­sen Mit­te des 19. Jahr­hun­derts eine Novel­le gestal­tet. Unter dem Titel; „Die Wer­ke der Barm­her­zig­keit“ setz­te der evan­ge­li­sche Novel­list dem katho­li­schen Jesui­ten­pa­ter ein lite­ra­ri­sche Denk­mal.

Literarisches Denkmal für P. Rutger Hasselmann SJ
Lite­ra­ri­sches Denk­mal für P. Rut­ger Hes­sel­mann SJ

Zehn Jahre Friedensdiplomat

Seit Okto­ber 1638 war Graf Johann Lud­wig als kai­ser­li­cher Gene­ral­be­voll­mäch­tig­ter zu den Vor­ver­hand­lun­gen für den end­gül­ti­gen Frie­dens­pro­zess gesandt. Nach fünf Jah­ren Ver­hand­lun­gen um Teil­neh­mer, Ter­ri­to­ri­en, Ver­hand­lungs­re­geln einig­te man sich auf die Kon­gres­sor­te Mün­ster und Osna­brück. Im Juni 1643 zog Johann Lud­wig mit sei­ner Gesandt­schaft in Mün­ster ein und bezog Quar­tier. Es soll­te aber noch zwei Jah­re dau­ern bis zum eigent­li­chen Ver­hand­lungs­pro­zess ab 1645. Der Grund waren Rang- und Ver­fah­rens­strei­tig­kei­ten.

Graf Johann Lud­wig von Nas­sau-Hada­mar als kai­ser­li­cher Gesand­ter in Mün­ster

1645 schick­te Kai­ser Fer­di­nand III., damals in äußerst bedräng­ter Kriegs­la­ge, als Koor­di­na­tor für bei­de Ver­hand­lungs­or­te sei­nen ersten Mini­ster und Gehei­men Käm­me­rer Reichs­graf Maxi­mi­li­an von und zu Trautt­man­s­dorff mit neu­en Instruk­tio­nen nach Mün­ster. Der neue Chef­un­ter­händ­ler leg­te 1647 einen umfang­rei­chen Frie­dens­ver­trags­ent­wurf zu ver­schie­de­nen Kom­ple­xen vor. In die­sen Ent­wür­fen waren die Grund­zü­ge der spä­te­ren Frie­dens­ver­trä­ge vor­ge­zeich­net. Doch bei der Ver­öf­fent­li­chung ver­hiel­ten sich die mei­sten Reichs­stän­de und auch katho­li­sche Für­sten skep­tisch bis ableh­nend. Ent­täuscht leg­te Trautt­man­s­dorff sein Amt nie­der und rei­ste nach Wien zurück. Die wei­te­ren Ver­hand­lun­gen auf der Basis der „Trauttmansdorffianum“-Entwürfe führ­ten Graf Johann Lud­wig von Nas­sau- Hada­mar und sein juri­sti­scher Bera­ter Isaak Volmar wei­ter bis zum erfolg­rei­chen Abschluss im Okto­ber 1648.

Johann Lud­wig hat­te eben­falls ent­schei­den­den Anteil am ersten Mün­ste­ra­ner Frie­dens­schluss im Janu­ar 1648 zwi­schen Spa­ni­en und den Nie­der­lan­den. Denn als Die­ner der Habs­bur­ger und naher Ver­wand­ter der nie­der­län­di­schen Statt­hal­ter war er der idea­le Ver­mitt­ler. Dafür nahm ihn der spa­ni­sche König in den Orden vom Gol­de­nen Vlies auf. Er wur­de zum 420. Rit­ter des habs­bur­gisch-bur­gun­di­schen Ordens inve­stiert.

Beim Öffent­li­chen Eid­schwur auf den spa­nisch-nie­der­län­di­schen Frie­den im Frie­dens­saal von Mün­ster war Graf Johann Lud­wig als Ver­hand­lungs­füh­rer des Kai­sers wegen Krank­heit nicht anwe­send.

Johann Lud­wig unter­zeich­ne­te in sei­nem Mün­ste­ra­ner Quar­tier den Frie­dens­ver­trag zwi­schen Frank­reich, dem Kai­ser und dem Reich. Das Signa­tur­da­tum vom 24. Okto­ber 1648 galt als Abschluss des Frie­dens­pro­zes­ses. Die Unter­schrift „Johan­nes Ludo­vi­cus comes de Nas­saw“ fin­det sich an erster Stel­le unter dem Ver­trags­text. Die­se Vor­rang­stel­lung bei den Unter­schrif­ten signa­li­siert, dass der Hada­ma­rer Graf als Gene­ral­be­voll­mäch­tig­ter des Kai­sers auch bei dem Haupt­frie­dens­ver­trag von Mün­ster eine her­aus­ra­gen­de Rol­le spiel­te.

Grab von Fürst Johann Ludwig von Nassau-Hadamar
Grab von Fürst Johann Lud­wig von Nas­sau-Hada­mar (1590–1653)

Johann Lud­wigs Sohn Her­mann Otto war die Ehre zuteil, als Frie­dens­rei­ter­bo­te dem Kai­ser in Wien die Ver­trä­ge zu über­brin­gen. Der Graf selbst kam erst im Herbst 1649 in sei­ne Graf­schaft Hada­mar zurück, nach­dem er sei­ne Ver­bind­lich­kei­ten in Mün­ster regu­liert hat­te. Die Schul­den im Dien­ste der Frie­dens­di­plo­ma­tie hat­ten ihn schon vor­her gezwun­gen, sein gräf­li­ches Tafel­sil­ber zu ver­kau­fen: Die Herr­schaft Ester­au und die Vog­tei Issel­bach gin­gen für 63.000 Gul­den an den kai­ser­li­chen Feld­mar­schall Peter Melan­der aus Nie­derha­da­mar über.

Nach­dem der Graf 1650 für sei­ne Ver­dien­ste bei den zehn­jäh­ri­gen Frie­dens­ver­hand­lun­gen in den Reichs­für­sten­stand erho­ben wor­den war, erhielt er eine kai­ser­li­che Ent­schä­di­gung von 150.000 Gul­den. Die­se Sum­me setz­ten Johann Lud­wig und sein Sohn und Nach­fol­ger Moritz Hein­rich auch für den Wie­der­auf­bau des kriegs­ge­schun­de­nen Lan­des ein.

Am 10. März 1653 starb Johann Lud­wig. Man setz­te ihn in der Fami­li­en­gruft der Hada­ma­rer Lieb­frau­en­kir­che bei: ein glau­bens­star­ker Katho­lik, klu­ger Fürst und Frie­dens­po­li­ti­ker im Gei­ste des Eras­mus von Rot­ter­dam.

*Hubert Hecker, ehe­ma­li­ger Leh­rer der Fürst-Johann-Lud­wig-Schu­le, die der Namens­ge­ber 1650 als Jesui­ten­gym­na­si­um gegrün­det hat­te

Lite­ra­tur:

  • Mat­thi­as Theo­dor Kloft, Ingrid Krupp, Wal­ter Michel, Wal­ter Ruders­dorf: 1648. Lega­tus Ple­ni­po­ten­tia­ri­us Graf Johann Lud­wig von Nas­sau-Hada­mar und der West­fä­li­sche Frie­den, Her­aus­ge­ge­ben von der Kul­tur­ver­ei­ni­gung Hada­mar, Lim­burg 1999
  • Wal­ter Michel: Die Kon­ver­si­on des Gra­fen Johann Lud­wig von Nas­sau-Hada­mar im Jah­re 1629, in: Archiv für mit­tel­rhei­ni­sche Kir­chen­ge­schich­te Band 20, 1968, S. 71–102
  • Wal­ter Michel: Brie­fe zur Kon­ver­si­on des Gra­fen Johann Lud­wig von Nas­sau-Hada­mar (1629/30), in: Archiv für mit­tel­rhei­ni­sche Kir­chen­ge­schich­te Band 42, 1990, S. 285–302

Text: Hubert Hecker
Bilder:Wikicommons/
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