Islamisierung der europäischen Menschenrechte und andere Verwirrungen

Das Bekenntnis zum religiösen Relativismus

Papst Franziskus beim „interreligiösen Treffen“ in Abu Dhabi (4. Februar 2019).
Papst Franziskus beim „interreligiösen Treffen“ in Abu Dhabi (4. Februar 2019).

Ein Gast­kom­men­tar von Hubert Hecker.

Die gemein­sa­me Erklä­rung von Papst Fran­zis­kus und dem Kai­ro­er Groß­i­mam Ahmad Moha­mad Al-Tay­y­ep in Abu Dha­bi ist als Ergeb­nis von einem hal­ben Dut­zend Kon­fe­ren­zen zwi­schen katho­li­schen und mus­li­mi­schen Exper­ten­grup­pen anzu­se­hen. In dem vor­lie­gen­den Dia­log­do­ku­ment wer­den vor allem die gemein­sa­men sozia­len Per­spek­ti­ven fort­ge­schrie­ben – etwa im Ver­weis auf die „Fami­lie als grund­le­gen­der Kern der Gesell­schaft“ oder den „Schutz der Kin­der­rech­te, in einer fami­liä­ren Umge­bung auf­zu­wach­sen“. Die Wer­te von Gerech­tig­keit und Frie­den wer­den beschwo­ren. Man wie­der­holt die Bedeu­tung von Tole­ranz und Dia­log der Reli­gio­nen.

Neu jedoch und gera­de­zu revo­lu­tio­när ist die Aus­sa­ge: „Die Frei­heit ist ein Recht jedes Men­schen: ein jeder genießt Bekenntnis‑, Gedanken‑, Mei­nungs- und Hand­lungs­frei­heit“. Mit die­sem Satz wer­den erst­mals von mus­li­mi­scher Sei­te die uni­ver­sa­len Men­schen­rech­te aner­kannt. Die Bedeu­tung der Men­schen­rechts­an­er­ken­nung ist ver­gleich­bar mit den Selbst­ver­pflich­tun­gen von 35 Ost- und West-Staa­ten in der KSZE-Schluss­ak­te von 1975 in Hel­sin­ki, auf die sich damals Dis­si­den­ten im Sowjet­block beru­fen konn­ten. Im Fall von Abu Dha­bi dür­fen Chri­sten auf Respekt und Tole­ranz von ihren mus­li­mi­schen Nach­barn hof­fen. Wich­ti­ger noch ist das Ver­spre­chen vol­ler staats­bür­ger­li­cher Gleich­be­rech­ti­gung: Bür­ger­rech­te in Gleich­heit mit allen Staats­bür­gern, also für Mus­li­me und Chri­sten.

Aller­dings spie­gelt die Gemein­sa­me Erklä­rung nur einen klei­nen Sek­tor der sun­ni­ti­schen Welt wie­der – etwa von Ägyp­ten und den Emi­ra­ten. Das min­dert ihre Bedeu­tung und Reich­wei­te. In Sau­di Ara­bi­en und sei­nen waha­bi­ti­schen Depen­den­zen in Afri­ka und Asi­en, in Paki­stan und Indo­ne­si­en wer­den Chri­sten wei­ter­hin als Bür­ger zwei­ter Klas­se behan­delt, schi­ka­niert und ver­folgt. Der schii­ti­sche Islam im Iran und Irak zeigt sich eben­falls aggres­siv-dschi­ha­di­stisch.

Noch schwer­wie­gen­der ist die Ein­schrän­kung, dass die Erklä­rung an zwei wei­te­ren Stel­len die unan­tast­ba­ren Men­schen­rech­te von Natur aus wie­der negiert. Sie defi­niert die Grund­frei­hei­ten zu gött­li­chen Gna­den­ga­ben um, wie das in der Kai­ro­er Men­schen­rechts­er­klä­rung des Islam von 1990 vor­ge­prägt war. Mensch­li­che Frei­heit und Wür­de wer­den als Geschenk Got­tes behaup­tet. Nach mus­li­mi­scher Auf­fas­sung ste­hen alle Got­tes­ga­ben unter dem Scha­ria-Vor­be­halt: Das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit gilt nur inso­fern, als die Koran-Vor­ga­ben nicht das Gegen­teil fest­le­gen. Das Geschenk des Lebens beinhal­tet eben kein Recht auf Leben. Eine gött­li­che Gabe kann auch wie­der genom­men wer­den.

Dar­in besteht der fun­da­men­ta­le Unter­schied zwi­schen dem isla­mi­schen Kul­tur­kreis und dem christ­lich gepräg­ten Euro­pa. Die natur­recht­lich begrün­de­te Men­schen­wür­de und Men­schen­rech­te gehö­ren zur DNA des Abend­lan­des. Basie­rend auf der Phi­lo­so­phie der Stoa, in Ansät­zen in der Scho­la­stik ent­hal­ten, von spa­ni­schen Domi­ni­ka­nern zur Völ­ker­rechts­theo­rie aus­ge­baut, wur­den die glei­chen Rech­te aller Men­schen von Natur aus von den euro­päi­schen Früh­auf­klä­rern Gro­ti­us, Pufen­dorf, Tho­ma­si­us und John Locke all­ge­mein­gül­tig for­mu­liert. Die­se Ent­wick­lung zeich­ne­te Papst Bene­dikt XVI. in sei­ner Bun­des­tags­re­de nach. Fran­zis­kus dage­gen opfert leicht­fer­tig eine zen­tra­le Dimen­si­on der euro­päi­schen Iden­ti­tät für sei­ne Dia­log­po­li­tik. Sei­ne Isla­mi­sie­rung der Men­schen­rech­te ist ein Ver­rat am christ­li­chen Abend­land.

Eine Anpas­sung an isla­mi­sche Regeln ist auch bei der Pas­sa­ge über die Stel­lung der Frau fest­zu­stel­len. Der Text ver­mei­det den men­schen­recht­li­chen Grund­satz, dass Män­ner und Frau­en die glei­chen Rech­te haben. Bekannt­lich legen Koran und Scha­ria fest, dass die Frau in sozia­len und fami­li­en­recht­li­chen Fra­gen eine min­der­recht­li­che Stel­lung hat und stets einer männ­li­chen Per­son unter­tä­nig zu sein hat. Das wird von den Mus­li­men und auch in der Erklä­rung als eigen­stän­di­ge „Wür­de der Frau“ kaschiert.

Ein bedeu­ten­der Anteil in dem Dia­log-Doku­ment nimmt die Absa­ge an Gewalt, Feind­se­lig­keit und Ter­ro­ris­mus im Namen der Reli­gio­nen ein. Damit setzt sich der gemä­ßig­te Islam gegen die vie­len dschi­ha­di­sti­schen Strö­mun­gen ab. Das ist zu begrü­ßen. Dann aller­dings kommt eine sehr zwei­fel­haf­te Begrün­dung: Das Phä­no­men der reli­gi­ös moti­vier­ten Gewalt in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart sei ein Miss­brauch, der „nichts mit der Wahr­heit der Reli­gi­on zu tun“ habe. Für das Chri­sten­tum stimmt die­se Aus­sa­ge, denn in sei­ner Grund­schrift gibt es kei­ne Basis für Gewalt­tä­tig­kei­ten von christ­li­cher Sei­te. Im Koran dage­gen rufen zahl­rei­che Stel­len zu Feind­schaft, Hass, Abwer­tung und Kampf gegen Ungläu­bi­ge auf – auch gegen Juden und Chri­sten: „Ihr Gläu­bi­gen, kämpft gegen die Ungläu­bi­gen, die in eurer Nähe sind. Sie sol­len von eurer Sei­te Här­te erfah­ren“ (Sure 9,123). 200 Mal wir das Wort „Töten“ im Koran als Impe­ra­tiv gebraucht. „Wenn die hei­li­gen Mona­te abge­lau­fen sind, dann tötet die Poly­the­isten, wo immer ihr sie fin­det. Greift sie an, bela­gert sie und lau­ert ihnen auf jedem Wege auf (Sure 9,5).“ Der Islam wird auf die Dau­er nicht davor her­um­kom­men, eine kri­ti­sche Distanz zu den Gewalt­pas­sa­gen des Koran her­aus­zu­ar­bei­ten. Wenn aber – wie in der Erklä­rung — die Schwert­ver­se des Korans und die aggres­si­ve Kriegs­füh­rung Moham­meds ein­fach geleug­net wer­den, hilft das den gemä­ßig­ten Mus­li­men nicht wei­ter. Denn der Rück­griff auf die aggres­si­ven Pas­sa­gen der isla­mi­schen Grund­schrift wird immer wie­der neue dschi­ha­di­sti­sche Grup­pen her­vor­brin­gen. Eine Frie­dens­stra­te­gie ohne Auf­ar­bei­tung der kora­ni­schen Schwert­ver­se kann nicht dau­er­haft sein. Papst Fran­zis­kus för­dert die isla­mi­sche Wahr­heits­ver­tu­schung.

Der Satz mit dem größ­ten Ver­wir­rungs­fak­tor lau­tet: „Der Plu­ra­lis­mus und die Ver­schie­den­heit in Bezug auf Reli­gi­on, Haut­far­be, Geschlecht, Eth­nie und Spra­che ent­spre­chen einem wei­sen gött­li­chen Wil­len, mit dem Gott die Men­schen erschaf­fen hat.“ Mit der The­se, der Plu­ra­lis­mus der Reli­gio­nen sei Got­tes Wil­le, hat Papst Fran­zis­kus einen häre­ti­schen Satz unter­schrie­ben. Er leug­net damit die Wahr­heit des Chri­sten­tums, die sich auf den ein­zig wah­ren Erlö­ser Jesus Chri­stus grün­det: „Ich bin der Weg, die Wahr­heit und das Leben. Nie­mand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6). Die Apo­stel und Kir­chen­vä­ter hat­ten nie den Auf­trag, das Chri­sten­tum als wei­te­ren Kult in den Kos­mos der anti­ken Reli­gi­on ein­zu­glie­dern, son­dern alle Völ­ker und Reli­gio­nen für den einen wah­ren Glau­ben zu gewin­nen. Das Kon­zil lehr­te: „Chri­stus allein ist Mitt­ler und Weg zum Heil, der in sei­nem Lei­be, der Kir­che, uns gegen­wär­tig wird.“ Zuletzt hat das kirch­li­che Lehr­amt in dem Mil­le­ni­ums­do­ku­ment „Domi­nus Jesus“ aus­drück­lich die Plu­ra­lis­mus­theo­rie der Reli­gio­nen ver­ur­teilt, als wenn die Kir­che nur ein Heils­weg neben denen ande­rer Reli­gio­nen wäre.

In dem Bekennt­nis zum reli­giö­sen Rela­ti­vis­mus wird letzt­lich der Grund klar, war­um sich Fran­zis­kus stets gegen christ­li­che Mis­si­on aus­spricht. Denn nach der Plu­ra­lis­mus­theo­rie hät­ten die Anhän­ger aller Reli­gio­nen und sogar Athe­isten ihren eige­nen Heils­weg zu Gott. Sie wür­den eben­so in den Him­mel kom­men wie Chri­sten, wenn sie nur ihrem Gewis­sen folg­ten. Das sag­te der Papst gegen­über dem Got­tes­leug­ner Euge­nio Scal­fa­ri.

Text: Hubert Hecker
Bild: Vatican.va (Screen­shot)

4 Kommentare

  1. „Der schii­ti­sche Islam im Iran und Irak zeigt sich eben­falls aggres­siv-dschi­ha­di­stisch“ — Wür­de der Aut­hor Krie­ge des Westens nicht mal als „gerech­ter Krieg“ im christ­li­chen Sinn nen­nen?

  2. Es gibt nur eine Reli­gi­on, das ist das Chri­sten­tum mit dem drei­ei­n­i­gen Gott: Gott Vater Gott Sohn und hei­li­ger Geist. Jesu ist der Weg, die Wahr­heit und das Leben, nur durch ihn kom­men wir zur Ewig­keit.

    • Genau. Es gibt drei Etap­pen der Offen­ba­rung:

      1) in der Feu­er­säu­le, die Isra­el beglei­tet.
      2) in Gesetz und Pro­phe­ten

      Bei 1) und 2) bleibt Gott noch außer­halb des Men­schen.

      3) Bis er end­lich in Jesus Chri­stus, also im Men­schen selbst, Gestalt annimmt und Woh­nung (an-)nimmt.

  3. @ Inge
    Da haben Sie völ­lig Recht, lei­der teilt der Kle­rus, bis in höch­ste Ämter Ihre Mei­nung nicht mehr!

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