Kriegstreibende Kräfte im 30jährigen Krieg

Der Dreißigjährige Krieg – Ursachen, Verlauf und Folgen (2)

30jähriger Krieg: Schlacht am Weißen Berg mit dem Sieg der Katholischen Liga über die protestanischen Rebellen.
30jähriger Krieg: Schlacht am Weißen Berg mit dem Sieg der Katholischen Liga über die protestanischen Rebellen.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker*

Der Herr­schafts­be­reich der Habs­bur­ger im Süd­osten des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches hat­te einen Son­der­sta­tus unter den dama­li­gen deut­schen Mäch­ten. Er war ein Kon­glo­me­rat von vie­len Län­dern mit eige­nen Tra­di­tio­nen: Die soge­nann­ten Erb­lan­de mit Ober- und Nie­der­öster­reich sowie Inner­öster­reich und Vor­der­öster­reich wur­den viel­fach von habs­bur­gi­schen Erz­her­zö­gen regiert. Die Län­der der böh­misch-habs­bur­gi­schen Kro­ne mit dem Kern­land Böh­men, dazu Mäh­ren, Schle­si­en und die bei­den Lau­sit­zen bil­de­ten einen eigen­stän­di­gen Herr­schafts­ver­band. Dazu kamen die Län­der der unga­ri­schen Kro­ne mit Ungarn sowie umkämpf­ten Sla­wen­ge­bie­ten mit Kroa­ten, Slo­we­nen und ande­ren Volks­chaf­ten und Städ­ten an der Adria.

Johann von Tilly (1559–1632)
Johann von Til­ly (1559–1632)

Inner­halb der rei­chen böh­mi­schen Län­der hat­ten sich städ­ti­sche Bür­ger­schaf­ten und Adel im 16. Jahr­hun­dert zum grö­ße­ren Teil den pro­te­stan­ti­schen Deno­mi­na­tio­nen zuge­wandt, die Tsche­chen vor allem hus­si­ti­scher, die Deut­schen vor­wie­gend luthe­ri­scher oder cal­vi­ni­sti­scher Rich­tung. In den Jah­ren nach dem Augs­bur­ger Reli­gi­ons­frie­den muss­ten die dama­li­gen habs­bur­gi­schen Köni­ge von Böh­men den pro­te­stan­ti­schen Stän­den den Frei­brief der Con­fes­sio Bohe­mi­ca zuge­ste­hen. Noch wei­ter­ge­hen­de „Frei­stel­lun­gen“ in kon­fes­sio­nel­len Fra­gen hat­te man Kai­ser Rudolf II. 1609 mit dem „Maje­stäts­brief“ abge­run­gen. Mit die­sen reli­giö­sen Ansprü­chen ging ein stän­di­sches Auto­no­mie­be­stre­ben ein­her. In den Jahr­zehn­ten des „Lan­gen Tür­ken­kriegs“ bis 1600 sowie des habs­bur­gi­schen Bru­der­zwi­stes zwi­schen Kai­ser Rudolf und sei­nem Oppo­nen­ten und spä­te­rem Nach­fol­ger Mat­thi­as konn­ten die Stän­de wei­te­re Zuge­ständ­nis­se der Selbst­ver­wal­tung errin­gen bis hin zu mili­tä­ri­schen „Defen­sio­nen“. Die­se stän­di­schen Ansät­ze tra­fen aller­dings nach 1600 auf die Gegen­kräf­te der habs­bur­gi­schen Zen­tral­macht, die – wie in den mei­sten Ter­ri­to­ri­al­staa­ten der dama­li­gen Zeit – eine stär­ke­re und ein­heit­li­che­re Ver­wal­tung zum Ziel hat­ten bis hin zum abso­lu­ti­sti­schen Herr­schafts­an­spruch der könig­li­chen „Sou­ve­rä­ni­tät“. Die böh­mi­schen Köni­ge und Kai­ser – Mat­thi­as ab 1611/12 und sei­nem Nach­fol­ger Fer­di­nand II. ab 1618/19 – ver­stärk­ten die­se Ten­denz, auch in kon­fes­sio­nel­len Fra­gen.

Die böh­mi­sche Situa­ti­on bezüg­lich Stän­de­rech­te und Kon­fes­si­ons­fra­gen war aber nicht ver­gleich­bar mit den nörd­li­chen Nie­der­lan­den, die sich – ange­führt von einem cal­vi­ni­sti­schen Patri­zi­at und durch radi­ka­le Unter­drückung der Reli­gi­on der eige­nen, haupt­säch­lich katho­li­schen und im Osten auch luthe­ri­schen Bevöl­ke­rung – seit 1568 im Zustand der Rebel­li­on befan­den. Auch im Ver­gleich zum Reich, in dem seit dem Reichs­tag von 1608 die insti­tu­tio­nel­len Ver­hand­lungs­fo­ren blockiert und damit der Gesprächs­fa­den zwi­schen zer­strit­te­nen Par­tei­un­gen abge­ris­sen war stan­den die böh­mi­schen Kon­flikt­par­tei­en bis 1618 in einem ste­ti­gen Aus­hand­lungs­pro­zess.

War­um konn­te es unter die­sen ver­gleichs­wei­se gün­sti­gen Umstän­den zum Aus­bruch des 30jährigen Kriegs kom­men? Wer waren die kriegs­trei­ben­den Kräf­te in Böh­men?

Der Prager Fenstersturz als Signal zum Staatsumsturz

1618 nahm der böh­mi­sche Adel einen klei­nen loka­len Kon­flikt zum Anlass für den gro­ßen Bruch mit König, Kai­ser und Reich: Die Pro­te­stan­ten hat­ten auf unsi­che­rer Rechts­grund­la­ge zwei neugläu­bi­ge Kir­chen­ge­bäu­de errich­tet, von denen die Regie­rung die Schlie­ßung for­der­te und spä­ter auch voll­zog. Auf zähe Ver­hand­lun­gen zu die­sem Streit­punkt folg­ten zwei unau­to­ri­sier­te Stän­de­ver­samm­lun­gen mit Auf­lö­sungs­or­der des Königs. Im Mai 1618 setz­te sich eine klei­ne Grup­pe von radi­ka­li­sier­ten Adli­gen durch mit ihrer Linie, statt zu ver­han­deln in die offe­ne Rebel­li­on über­zu­ge­hen. Die böh­mi­sche „Akti­ons­par­tei“ ver­such­te am Pra­ger Regie­rungs­sitz die bei­den könig­li­chen Statt­hal­ter und den Kanz­lei­se­kre­tär durch Fen­ster­sturz zu töten. Dass die drei den Sturz über knapp 18 Meter „auf stei­ni­gen Grund“ über­leb­ten, war nicht geplant. Neben der böh­mi­schen Tra­di­ti­on seit den Hus­si­ten­krie­gen hat­te der Fen­ster­sturz auch eine reli­gi­ös-kon­fes­sio­nel­le Kom­po­nen­te. In einer bibli­schen Geschich­te fand man einen Prä­ze­denz­fall für den neue­ren gewalt­tä­ti­gen Ket­zer­sturz: Die göt­zen­die­ne­ri­sche Ise­bel, Köni­gin des Nord­reichs Isra­el, war durch einen töd­li­chen Fen­ster­sturz bestraft wor­den.

Die bild­star­ke Signal­wir­kung der Akti­on war gewollt. Sie soll­te den Anfang einer offe­nen Rebel­li­on gegen die recht­mä­ßi­ge Regie­rung mar­kie­ren. Die Auf­stän­di­schen erklär­ten die könig­li­chen Beam­ten für abge­setzt und bil­de­ten eine neue Direk­to­ri­al­re­gie­rung. In den ersten Hand­lungs­an­wei­sun­gen nutz­te die neue Regie­rung die stän­di­sche Steu­er­ho­heit für die Aus­he­bung von eige­nen Trup­pen und Rüstun­gen. Sie knüpf­te Ver­bin­dun­gen mit eben­falls auf­stän­di­schen öster­rei­chi­schen und unga­ri­schen Stän­den sowie dem sie­ben­bür­gi­schen „Unru­he­stif­ter“ Gabor Beth­len. Die ver­bün­de­ten Trup­pen zogen zwei­mal über Böh­mens Gren­zen hin­aus in Rich­tung Wien, um die habs­bur­gi­sche Haupt­stadt zu bela­gern. Im Juli 1619 grün­de­ten die böh­mi­schen Ver­tre­ter mit den Stän­den von Mäh­ren, Schle­si­en und den zwei Lau­sit­zen einen Kon­fö­de­ra­ti­ons­staat mit einem „König­tum von Got­tes und der Stän­de Gna­den“. Einen Monat spä­ter setz­ten die Stän­de Erz­her­zog Fer­di­nand als böh­mi­schen König förm­lich ab. Direkt danach wähl­ten sie den cal­vi­ni­sti­schen, pfäl­zi­schen Kur­für­sten Fried­rich V. als neu­es Staats­ober­haupt. Etwa gleich­zei­tig wur­de der abge­setz­te, habs­bur­gi­sche König von den deut­schen Kur­für­sten in Frank­furt als neu­er Kai­ser gewählt und instal­liert.

Die letz­te­ren Ereig­nis­se: Kriegs­füh­rung der böh­mi­schen Stän­de gegen ihren recht­mä­ßi­gen Für­sten und Abset­zung eines deut­schen Königs und Kur­für­sten waren uner­hör­te Rebel­lio­nen, die alle deut­schen Herr­scher auf­schreck­ten. Ins­be­son­de­re die luthe­ri­schen Für­sten mit ihrer Auf­fas­sung von gott­ge­ge­be­ner Obrig­keit ver­ab­scheu­ten den Pra­ger Putsch. Dass die böh­mi­schen Stän­de dann mit dem kur­pfäl­zi­schen Cal­vi­ni­sten den radi­kal­sten Ver­tre­ter der pro­te­stan­ti­schen „Akti­ons­par­tei“ zum König wähl­ten, ver­stärk­te die Abwen­dung der mei­sten evan­ge­li­schen Herr­scher. Das deut­sche Mili­tär­bünd­nis der Pro­te­stan­ten, die „Uni­on“ von 1608, lehn­te die Unter­stüt­zung ihrer rebel­li­schen Glau­bens­brü­der ab. Der säch­si­sche Kur­fürst als aner­kann­ter Spre­cher der luthe­ri­schen Für­sten unter­stütz­te expli­zit den abge­setz­ten böh­mi­schen König und neu­ge­wähl­ten Kai­ser Fer­di­nand II. im Krieg gegen die böh­mi­schen Auf­stän­di­schen. Der fand im bay­ri­schen Her­zog Maxi­mi­li­an I. als Anfüh­rer der katho­li­schen Liga den ent­schei­den­den Ver­bün­de­ten für die Schlacht am Wei­ßen Berg vor Prag im Novem­ber 1620, als das Heer der Katho­li­schen Liga unter Gene­ral Til­ly die böh­mi­schen Stän­de­trup­pen ver­nich­tend schlug.

Schlacht am Weißen Berg bei Prag im November 1620
Schlacht am Wei­ßen Berg bei Prag im Novem­ber 1620

Welche Erkenntnisse ergeben sich aus dieser Anfangsphase des 30jährigen Krieges?

Die erste Pha­se der 30jährigen Kriegs hat­ten die pro­te­stan­ti­schen böh­mi­schen Stän­de mut­wil­lig ange­zet­telt aus einem loka­len Anlass und zu einem staats­um­stür­zen­den Aggres­si­ons­krieg gegen die Habs­bur­ger Herr­scher aus­ge­wei­tet. Mit der Abset­zung ihres Königs und der Wahl eines deut­schen Kur­für­sten ver­letz­ten die Böh­men Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en des Reichs, brüs­kier­ten ihre kon­fes­sio­nel­len Ver­bün­de­ten in den ande­ren deut­schen Län­dern und zogen den Rück­erobe­rungs­krieg von Kai­ser Fer­di­nand und der Liga auf sich. Der böh­mi­sche Krieg hat­te in die­ser Kon­stel­la­ti­on Aus­wir­kun­gen auf das gan­ze Reich.

Der recht­mä­ßi­ge böh­mi­sche König und deut­sche Kai­ser, Fer­di­nand II., ließ nach der Schlacht am Wei­ßen Berg 27 der „Rädels­füh­rer“ des Auf­stands als Hoch­ver­rä­ter hin­rich­ten. Die Län­de­rei­en der Exe­ku­tier­ten, Geflo­he­nen und Rebel­li­on­s­un­ter­stüt­zer wur­den ein­ge­zo­gen. Etwa die Hälf­te des böh­mi­schen Grund­be­sit­zes kam dadurch an katho­li­sche Adli­ge – unter ande­rem an die Fami­lie Wal­len­stein. 1624 ließ Fer­di­nand, unter Beru­fung auf den nach wie vor gül­ti­gen Augs­bur­ger Reli­gi­ons­frie­den von 1555, das katho­li­sche Bekennt­nis zur ein­zig legi­ti­men Reli­gi­on erklä­ren nach der For­mel: cujus regio, ejus reli­gio. 1627 ent­mach­te­te er die Stän­de und regier­te nun­mehr allein über die böh­mi­schen Län­der. Alle die­se Maß­nah­men ent­spra­chen der abso­lu­ti­sti­schen Poli­tik­ten­denz der dama­li­gen Zeit – auch bei pro­te­stan­ti­sche Für­sten, von denen sie im Zuge der Refor­ma­ti­on gegen die kai­ser­li­che Reichs­ge­walt ange­sto­ßen wor­den war –, ihre Ter­ri­to­ri­al­staa­ten in unum­schränk­te Herr­schaf­ten zu über­füh­ren.

Nicht recht­mä­ßig und ein poli­ti­scher Feh­ler war Fer­di­nands Ver­spre­chen an den bay­ri­schen Her­zog, bei Krieg und Sieg über den Win­ter­kö­nig Fried­rich V. von der Pfalz, ihm die pfäl­zi­sche Kur­wür­de zu über­tra­gen. Mit dem Ent­zug der Kur­wür­de ver­stieß er gegen Reichs- und Reichs­tags­recht. Damit beschä­dig­te er sei­ne kai­ser­li­che Auto­ri­tät und die Reichs­ver­fas­sung. Wich­ti­ge Ver­bün­de­te wie der säch­si­sche Kur­fürst wur­den ver­grätzt.

Schon vor der Äch­tung des Kur­für­sten hat­ten 1620 Trup­pen aus dem habs­bur­gi­schen Spa­ni­en – der spa­ni­sche König und der Kai­ser waren Vet­tern und ent­stamm­ten der bei­den von Kai­ser Karl V. und Kai­ser Fer­di­nand I., zwei Brü­dern, gegrün­de­ten habs­bur­gi­schen Lini­en –, als Hil­fe­lei­stung für den Kai­ser die links­rhei­ni­schen Pfalz­ge­bie­te erobert. Die Spa­ni­er zogen 1621 wie­der nach Flan­dern ab. 1622 ver­such­ten drei Hee­re von pro­te­stan­ti­schen Für­sten die Pfalz zurück­zu­er­obern. Nach wech­seln­dem Kriegs­glück wur­den sie 1623 von dem katho­li­schen Liga-Heer unter dem Ober­be­fehl Her­zog Maxi­mi­li­ans I. von Bay­ern und dem Gene­ral­leut­nant Til­ly geschla­gen und nach Nord­deutsch­land ver­trie­ben. Der Bay­ern­her­zog nahm als sei­ne Kriegs­beu­te die Ober­pfalz in Besitz. Mit dem Kampf um die Kur­pfalz war der böh­mi­sche Krieg end­gül­tig zu einem Krieg im Reich gewor­den.

Ausländische Kriegstreiber schüren den Krieg

1625 zeig­te sich die erste gro­ße Wel­le der aus­län­di­schen Ein­mi­schung in die deut­schen Macht­kon­stel­la­tio­nen. Frank­reich initi­ier­te die Haa­ger Alli­anz zwi­schen Eng­land, Hol­land und Däne­mark als ein anti-habs­bur­gi­sches Bünd­nis, um die gewach­se­ne ligi­stisch-katho­li­sche Macht in Süd­deutsch­land ein­zu­däm­men. Mit Sub­si­di­en der Alli­anz-Mäch­te soll­te der däni­sche König Chri­sti­an IV. in Nord­deutsch­land ein Heer auf­stel­len. Der Dänen­kö­nig war als Her­zog von Hol­stein ein legi­ti­mer Akteur im nie­der­säch­si­schen Reichs­kreis. Aber ent­ge­gen dem Reichs­recht und dem Beschluss der Reichs­kreis­stän­de führ­te Chri­sti­an sein Heer zur Erobe­rung in den west­fä­lisch-nie­der­rhei­ni­schen Reichs­kreis, um für sei­nen Sohn Städ­te und Regio­nen zu gewin­nen. Seit den kur­pfäl­zi­schen Feld­zü­gen hat­ten sich die kriegs­füh­ren­den Her­ren mehr und mehr von Rechts­ti­teln und ethi­schen Begrün­dun­gen für einen berech­tig­ten Krieg (justum bel­lum) gelöst. Der Kampf ging nur noch um Erobe­run­gen oder stra­te­gi­sche Macht­po­si­tio­nen. Die Erfol­ge der einen Sei­te zogen die grö­ße­ren Mili­tär­an­stren­gun­gen der ande­ren Sei­te nach sich. Der Krieg ent­wickel­te sich zu einem unre­gu­lier­ten Selbst­läu­fer – 30 Jah­re lang.

Der Dänen­kö­nig plan­te, mit dem Part­ner­heer des Ernst von Man­stein über Thü­rin­gen nach Süd­deutsch­land vor­zu­sto­ßen. In die­ser Bedro­hungs­si­tua­ti­on bekam der Kai­ser das Ange­bot des böh­mi­schen Adli­gen Albrecht Wen­zel von Wal­len­stein, eigent­lich von Wald­stein, auf eige­ne Kosten ein Heer von 50.000 Mann zur Ver­fü­gung zu stel­len. Schon im April 1526 schlug Gene­ral Wal­len­stein das Heer von Man­stein und ver­folg­te des­sen neu­auf­ge­stell­te Trup­pen bis nach Ungarn. Im August brach­te das Liga-Heer unter Til­ly dem Dänen­kö­nig eine ver­nich­ten­de Nie­der­la­ge bei. Ein Jahr spä­ter erober­te Wal­len­stein die nord­deut­schen Regio­nen ein­schließ­lich des däni­schen Jüt­lands. Im Frie­dens­ver­trag von Lübeck muss­te sich Däne­mark vom deut­schen Kriegs­schau­platz ver­ab­schie­den.

Ähn­lich wie 1623 mit Fried­rich von der Pfalz setz­te der Kai­ser den Her­zog von Meck­len­burg als Ver­bün­de­ten des Dänen­kö­nigs ab und über­trug das Her­zog­tum auf Wal­len­stein, auch um damit sei­ne Kriegs­schul­den bei ihm zu bezah­len. Die­se reichs­recht­lich unge­deck­te Macht­tat Fer­di­nands soll­te ver­häng­nis­vol­le Fol­gen haben: Das Miss­trau­en der Reichs­für­sten – auch der katho­li­schen – gegen den Macht­zu­wachs des mili­tä­ri­schen Empor­kömm­lings Wal­len­stein wur­de so stark, dass der Kai­ser den Feld­herrn ent­las­sen muss­te. Zugleich war der Wider­stands­wil­le der pro­te­stan­ti­schen Mäch­te erneut ange­facht.

Aber zunächst plan­te Kai­ser Fer­di­nand – 1628 auf dem Höhe­punkt sei­ner Macht – das katho­li­sche Anlie­gen seit den Jah­ren ab 1600 durch­zu­set­zen. Mit dem Resti­tu­ti­ons­edikt vom März 1629 soll­ten alle unrecht­mä­ßi­gen Inbe­sitz­nah­men der Pro­te­stan­ten seit dem Frie­dens­ver­trag von 1555 resti­tu­iert wer­den. Das betraf einer­seits die sie­ben nord­deut­schen Bis­tü­mer ein­schließ­lich der Erz­bis­tü­mer Bre­men und Mag­de­burg, des Wei­te­ren etwa 500 säku­la­ri­sier­te Abtei­en und Klo­ster­gü­ter in Süd­west­deutsch­land. Zum Drit­ten setz­te der Kai­ser die nicht durch den Augs­bur­ger Reichs­frie­den legi­ti­mier­ten cal­vi­ni­sti­schen Herr­schaf­ten vor die Alter­na­ti­ve, ent­we­der zum Luther­tum zu kon­ver­tie­ren oder auf­ge­löst zu wer­den. Fer­di­nand und sein Hof­rat konn­ten ihre Rechts­in­ter­pre­ta­ti­on auf alte Kam­mer­ge­richts­ur­tei­le stüt­zen. Doch die­ser for­mal­recht­li­chen Aus­le­gung und Exe­ku­ti­on durch „kai­ser­li­che Macht­voll­kom­men­heit“ haf­te­te der reichs­recht­li­che Man­gel an, dass bei sol­chen weit­rei­chen­den Maß­nah­men der Reichs­tag und das Kam­mer­ge­richt betei­ligt sein muss­ten. Außer­dem hat­te der Kai­ser bei der Ent­mach­tung des pfäl­zi­schen Kur­für­sten selbst Prin­zi­pi­en der Reichs­ver­fas­sung ver­letzt. Dadurch war sei­ne Rechts­au­to­ri­tät geschwächt. Beschluss und Durch­set­zung des Resti­tu­ti­ons­edikts wirk­ten wie der Akt eines abso­lu­ti­sti­schen Herr­schers – eine Macht­fül­le, die dem Kai­ser im Rah­men der Reichs­ver­fas­sung par­tout nicht zukam.

Invasion des Schwedenheeres

Auf die­sem Hin­ter­grund erschien den bedräng­ten Pro­te­stan­ten die Lan­dung des schwe­di­schen Königs Gustav Adolf im Som­mer 1630 wie der apo­ka­lyp­ti­sche Ret­ter und Heils­brin­ger. So jeden­falls woll­te es eine Flut von pro­te­stan­ti­schen Flug­blät­tern sehen.

Protestantisches Flugblatt: König Gustav Adolf als gottgesandter Retter
Pro­te­stan­ti­sches Flug­blatt: König Gustav Adolf als gott­ge­sand­ter Ret­ter

Aber die Kriegsta­tio­nen und Expan­si­ons­rich­tung des schwe­di­schen Hee­res zeig­ten eine eher stra­te­gisch-poli­ti­sche Kriegsper­spek­ti­ve an: Im ersten Jahr sei­ner Inva­si­on erober­te Gustav Adolf die deut­schen Ost­see­re­gio­nen, die Schwe­den spä­ter im West­fä­li­schen Frie­den als Land­beu­te dem Reich ent­riss. In der zwei­ten Pha­se durch­zo­gen die inzwi­schen ange­wach­se­nen schwe­disch-pro­te­stan­ti­schen Trup­pen mit­tel­deut­sche Regio­nen. In der letz­ten Kriegs­de­ka­de kämpf­ten die schwe­di­schen Feld­her­ren, deren Heer durch fran­zö­si­sche Sub­si­di­en und mili­tä­ri­sche Schüt­zen­hil­fe auf zeit­wei­se 140.000 Mann ange­wach­sen war, in Süd­deutsch­land, beson­ders in Öster­reich und Böh­men, um die Vor­herr­schaft. Die Ein­nah­me der habs­bur­gi­schen Haupt-Städ­te Prag und Wien war damals zum Grei­fen nahe. Das mach­te die Posi­ti­on der Schwe­den bei den Frie­dens­ver­hand­lun­gen so stark, dass sie neben der Land­beu­te von Kai­ser und Reich eine Kriegs­ab­lö­se­sum­me von fünf Mil­lio­nen Talern ver­lang­ten und durch­set­zen konn­ten. Dabei hät­ten gerech­ter­wei­se die Schwe­den als aggres­si­ve Inva­so­ren und Zer­stö­rer von schät­zungs­wei­se 2.000 Bur­gen und Schlös­sern, 18.000 Dör­fern und 1.500 Städ­ten hohe Sum­men von Kriegs­ent­schä­di­gung an das Deut­sche Reich zah­len müs­sen.

Die Schwe­den führ­ten kei­nen Reli­gi­ons­krieg. Allein schon der spä­te­re Kriegs­pakt mit dem katho­li­schen Frank­reich sprach dage­gen. In dem Kriegs­ma­ni­fest zur Recht­fer­ti­gung sei­ner Inva­si­on führ­te Gustav Adolf ein hal­bes Dut­zend Kriegs­grün­de auf, aber nicht ein Wort zu Reli­gi­on und Kon­fes­si­on. Neue­re histo­ri­sche Ana­ly­sen zei­gen die impe­ria­li­sti­schen Moti­ve und Zie­le des Schwe­den­kö­nigs auf. Der hat­te schon die bal­ti­schen Küsten­re­gio­nen erobert und nach­ein­an­der die Hafen­zöl­le von Düna, Memel, Weich­sel und Oder in sei­ne Kriegs­kas­se umge­lei­tet, als er bei Rügen lan­de­te. Dabei war die Beherr­schung der Ost­see­kü­ste für den „Rex Gotorum“ – so sei­ne Selbst­be­zeich­nung – nur das Sprung­brett für wei­te­re Groß­macht­plä­ne. Gustav Adolf insze­nier­te sich selbst in Gewän­dern der goti­schen Völ­ker­wan­de­rungs­kö­ni­ge. Selbst in einer Rede vor dem deut­schen Reichs­tag ver­wies er auf die Erobe­rungs­zü­ge der goti­schen Ahnen, die nur des­halb nicht ganz Euro­pa erobert hät­ten, um den Schwe­den noch etwas zu tun übrig zu las­sen. Das Goten-Nar­ra­tiv bil­de­te seit dem 16. Jahr­hun­dert ein wich­ti­ges Bin­de­mit­tel für die natio­na­le Iden­ti­tät der Schwe­den. Für den König war es dar­über hin­aus die ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung für sei­ne Expan­si­ons­plä­ne. In einem mul­ti­po­la­ren Euro­pa, in dem die alten Mäch­te wie Spa­ni­en, Frank­reich und der deut­sche Kai­ser mit den neu auf­stre­ben­den Mäch­ten wie Eng­land, die Nie­der­lan­de, Däne­mark und Russ­land um öko­no­mi­sche Ein­fluss­ge­bie­te und poli­ti­sche Vor­macht­stel­lun­gen kämpf­ten, sah der Goten­kö­nig sei­ne Groß­macht­plä­ne als eben­so berech­tigt an.

Nach die­ser Dar­stel­lung von Kriegs­ab­schnit­ten soll zum Schluss der all­ge­mei­nen Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den: Was waren die Trieb­kräf­te, die die­sen fata­len Zer­stö­rungs­krieg über 30 Jah­re am Lau­fen hiel­ten?

1. Landnahme und Gebietsbeute

  • Auch für deut­sche Für­sten waren Land­nah­men wich­ti­ge Kriegs­zie­le. So bestand Bran­den­burg dar­auf, als Ersatz für das an Schwe­den gefal­le­ne Vor­pom­mern, die wider­recht­lich säku­la­ri­sier­ten Bis­tü­mer Min­den, Hal­ber­stadt und Mag­de­burg in Besitz zu neh­men. Hes­sen-Kas­sel konn­te wegen sei­ner star­ken Mili­tär­prä­senz bis zum Kriegs­en­de den Zugriff auf das Stift Hers­feld durch­set­zen.

2. Strategische Großmachtinteressen

  • Die schwe­disch-goti­schen Groß­macht­plä­ne für Mit­tel­eu­ro­pa wur­den schon beschrie­ben. Sie sind zu ergän­zen und zu bestä­ti­gen durch die Ein­ord­nung der Inva­si­on nach Deutsch­land in die elf impe­ria­li­sti­schen Krie­ge Schwe­dens gegen Russ­land von 1320 bis 1809. König Gustav Adolf hat­te 20 Jah­re vor sei­nem Ein­fall ins Reich die schwe­di­schen Trup­pen schon ein­mal tief in ein frem­des Land geführt – zu einem Erobe­rungs­krieg bis vor die Tore Mos­kaus. Im Frie­dens­schluss 1617 konn­te er die rus­sisch-bal­ti­schen Ost­see­ge­bie­te (Est­land, Liv­land und Ingerman­land) ver­ein­nah­men. Das soll­te ein Prä­ze­denz­fall wer­den: Die Par­al­le­le zu Krieg und Kriegs­beu­te im deutsch-römi­schen Reich ist unver­kenn­bar.

Als die Schwe­den ab 1633 ganz Süd­deutsch­land und den Ober­rhein beherrsch­ten, kamen eben­falls spa­ni­sche Trup­pen dem kai­ser­li­chen und bay­ri­schen Heer zu Hil­fe. Sie besieg­ten das schwe­disch-pro­te­stan­ti­sche Heer ver­nich­tend bei Nörd­lin­gen.

  • Die­se Nie­der­la­ge der Schwe­den beweg­te dann aller­dings den fran­zö­si­schen Kanz­ler, Kar­di­nal Riche­lieu, 1635 zum Kriegs­ein­tritt, wodurch der Krieg in die letz­te und schreck­lich­ste Pha­se ver­län­gert wur­de. Frank­reich stand als „aller­christ­lich­ster König“ oder als „Haupt der Chri­sten­heit“ seit Beginn des 16. Jahr­hun­derts in Dau­er­kon­kur­renz zum uni­ver­sa­li­sti­schen Kai­ser­tum der Habs­bur­ger. Bereits in den Krie­gen zwi­schen Franz I. gegen Kai­ser Karl V. unter­stütz­te der fran­zö­si­sche König stets die deut­schen pro­te­stan­ti­schen Für­sten. An das Muster die­ser Kriegs­kon­stel­la­ti­on knüpf­te Hein­rich IV. wie­der an, als er 1610 ein gro­ßes Heer in Nord­frank­reich auf­stell­te mit dem Ziel, nach dem Jülich-Kle­vi­schen Erb­fol­ge­krieg die spa­ni­schen Nie­der­lan­de anzu­grei­fen. Auch der Angriff Däne­marks 1625 auf mit­tel­west­li­che Für­sten­tü­mer erfolg­te von Frank­reich diplo­ma­tisch ein­ge­lei­tet und finan­zi­ell unter­stützt. Schließ­lich för­der­te der umtrie­bi­ge Riche­lieu die anti­habs­bur­gi­sche Kriegs­al­li­anz zwi­schen Schwe­den und Pro­te­stan­ten mit Sub­si­di­en, bevor er selbst sei­ne Trup­pen an der Sei­te Schwe­dens auf den deut­schen Kriegs­schau­platz schick­te.
Landsknechte erstürmen eine Stadt
Lands­knech­te erstür­men eine Stadt

3. Krieg ernährt den Krieg

Eine wei­te­re kriegs­för­dern­de und ‑ver­län­gern­de Wir­kung ist in dem dama­li­gen, von Wal­len­stein gepräg­ten Hand­lungs­prin­zip aus­zu­ma­chen: Der Krieg ernährt den Krieg. „Die Hee­res­ver­sor­gung wur­de aus dem Land requi­riert, in dem man gera­de stand. Jede neue Erobe­rung brach­te Beu­te oder Abstands­zah­lun­gen der bela­ger­ten Städ­te. Das gesam­te System der Kriegs­fi­nan­zie­rung aus Fremd- und Dritt­mit­teln, Brand­schat­zun­gen, Requi­rie­run­gen, Kon­fis­ka­tio­nen, Kon­tri­bu­tio­nen, Schutz­ge­büh­ren, Satis­fak­tio­nen und Asse­ku­ran­zen war eine Ein­nah­me­quel­le, die die Hee­re vor­wärts trieb“ – und den Krieg am Lau­fen hielt.* Erläu­te­run­gen am Bei­spiel Wal­len­stein: Der Her­zog von Fried­land hat­te dem Kai­ser ange­bo­ten, ein gan­zes Heer von 24.000 Sol­da­ten auf eige­ne Kosten bereit­zu­stel­len. Er vor­fi­nan­zier­te die Auf­stel­lung der Armee über das nie­der­län­di­sche Bank­haus De Wit­te. Der Kai­ser soll­te den Sold über­neh­men, was er bei dem spä­te­ren 100.000 Mann-Heer gar nicht konn­te und sei­nen Feld­herrn des­halb mit dem Her­zog­tum Meck­len­burg ent­schä­dig­te. Für den Unter­halt der Armee griff Wal­len­stein auf das System der Natu­ra­li­en­re­qui­rie­rung von den Bau­ern zurück, das sich schon vor­her durch­ge­setzt hat­te. Neu war, dass er von den Kom­mu­nen, Städ­ten und Herr­schaf­ten der jewei­li­gen Kriegs­re­gi­on selbst fest­ge­setz­te „Kon­tri­bu­tio­nen“ in Geld for­der­te für Sold­zah­lun­gen und Aus­rü­stun­gen. Die­ses steu­er­ar­ti­ge Finan­zie­rungs­sy­stem über­nah­men spä­ter auch die Schwe­den. Im Ergeb­nis waren die Res­sour­cen der Kriegs­re­gio­nen durch Natu­ral­lie­fe­run­gen und Kon­tri­bu­tio­nen nach eini­ger Zeit so aus­ge­presst, dass sich allein schon aus die­sem Grund der Zwang ergab zur Ver­la­ge­rung und Fort­füh­rung des Krie­ges auf ande­re Regio­nen.

Lite­ra­tur:

Peter C. Hart­mann, Flo­ri­an Schul­ler (Hg.): Der drei­ssig­jäh­ri­ge Krieg. Facet­ten einer fol­gen­rei­chen Epo­che, 2010, Son­der­aus­ga­be 2018; dar­in:* Johan­nes Burk­hardt: War­um hat Gustav Adolf in den 30jährigen Krieg ein­ge­grif­fen?

Bil­der: Wiki­me­dia Com­mons

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Der Dreißigjährige Krieg – Ursachen, Verlauf und Folgen

Teil 1: Kriegs­trei­ber und Trieb­kräf­te zum 30jährigen Krieg