Kardinal Coccopalmerio über Homosexualität, Gender-Theorie und weibliche Mode

In Zeiten des Anti-Mißbrauchsgipfels im Vatikan

Interview mit Kardinal Coccopalmerio über Homosexualität in der Kirche, Gender-Theorie und das Gebet.
Interview mit Kardinal Coccopalmerio über Homosexualität in der Kirche, Gender-Theorie und das Gebet.

(Rom) Kar­di­nal Fran­ces­co Coc­co­pal­me­rio, bis April 2018 Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Rates für die Geset­zes­tex­te, bezeich­ne­te in einem Inter­view alle gegen ihn erho­be­nen Vor­wür­fe, Teil der Homo-Lob­by im Vati­kan zu sein, als „falsch“. Mit einem Lächeln habe er auf jede Fra­ge geant­wor­tet, auch auf die Fra­ge, war­um die Vor­wür­fe gegen ihn erho­ben wer­den: „Um vor allem mir zu scha­den und um dem Papst zu scha­den.“

Der Kir­chen­ju­rist Coc­co­pal­me­rio ver­dankt sei­nen Auf­stieg in die hohe kirch­li­che Hier­ar­chie dem „Ante-Papa“ Car­lo Maria Kar­di­nal Mar­ti­ni SJ, des­sen Weih­bi­schof in Mai­land er war. Mit sei­ner Selbst­be­zeich­nung „Ante-Papa“ in bewuß­ter Anleh­nung an „Anti-Papa“ (Gegen­papst) ver­deut­lich­te der Jesu­it Mar­ti­ni sei­nen Anspruch als Gegen­ge­wicht zu Johan­nes Paul II. und als „künf­ti­ger Papst“. Dazu kam es zwar nicht. Mar­ti­ni starb im Som­mer 2012, nicht ohne zuvor noch ener­gisch von Papst Bene­dikt XVI. den Rück­tritt zu ver­lan­gen. Was ihm per­sön­lich nicht gelang, soll­te 2013 einem ande­ren Jesui­ten gelin­gen, den Mar­ti­ni bereits 2005 als Alter­na­ti­ve zur Ver­hin­de­rung von Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger unter­stützt hat­te: Jor­ge Mario Kar­di­nal Ber­go­glio.

Über wel­che Kanä­le auch immer: Es war Bene­dikt XVI., der Coc­co­pal­me­rio 2007 nach Rom hol­te, wo sich die­ser sehr unauf­fäl­lig ver­hielt. Das ändert sich unter Papst Fran­zis­kus. Die neue Linie sag­te dem Prie­ster des Erz­bis­tums Mai­land offen­sicht­lich mehr zu, wie sei­ne öffent­li­chen Ver­tei­di­gun­gen umstrit­te­ner Ent­schei­dun­gen bele­gen.

Im Juni 2017 wur­de Coc­co­pal­me­ri­os Sekre­tär, Msgr. Lui­gi Capoz­zi, von der vati­ka­ni­schen Gen­dar­me­rie bei einer Dro­gen-Homo-Par­ty in sei­ner Woh­nung erwischt. Pikant dar­an war nicht nur die Situa­ti­on, son­dern auch der Umstand, daß sich die Woh­nung im Palast der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on befand. Mit der hat­te das Gan­ze zwar nichts zu tun, dafür aber mit der Tat­sa­che, daß der Palast sowohl vom Vati­kan als auch von Ita­li­en zugäng­lich ist. Offen­bar eine Sicher­heits­lücke, die geeig­net war, Dro­gen und Homo-Gespie­len ins Gebäu­de zu schleu­sen.

Papst Fran­zis­kus igno­rier­te das Ereig­nis, das auch für Coc­co­pal­me­rio kei­ne erkenn­ba­ren Fol­gen hat­te. Aller­dings trat der Kar­di­nal seit­her in der Öffent­lich­keit nicht mehr mit Stel­lung­nah­men in Erschei­nung.

Im Okto­ber 2018, als der groß­teils homo­se­xu­el­le Miß­brauchs­skan­dal von Min­der­jäh­ri­gen durch Kle­ri­ker und die Affä­re McCarrick die Schlag­zei­len, beherrsch­ten, wur­den wei­te­re Details her­um­ge­reicht, die erklä­ren könn­ten, war­um es um den Kar­di­nal so still gewor­den ist: Die kana­di­sche Nach­rich­ten­agen­tur Life­Si­teNews mel­de­te, daß nicht nur der Sekre­tär des Kar­di­nals bei der Dro­gen-Homo-Par­ty erwischt wur­de. Die Gen­dar­men hät­ten auch Coc­co­pal­me­rio selbst in der Woh­nung ange­trof­fen, die­sen aber aus Grün­den der Staats­rä­son schnell aus den Räu­men gescho­ben und den Schlei­er des Schwei­gens dar­über­ge­legt. Ent­spre­chen­de Berich­te über den Vor­fall erreich­ten auch den Papst, der Coc­co­pal­me­rio aber bis zu des­sen 80. Geburts­tag im April 2018 im Amt beließ. Nach den Berich­ten wur­de die Fra­ge laut, ob der Pur­pur­trä­ger län­ger Kar­di­nal blei­ben kön­ne. Papst Fran­zis­kus igno­rier­te die ganz Sache aber wei­ter­hin.

In einem heu­te von Info­Va­ti­ca­na ver­öf­fent­lich­ten Inter­view erklär­te der Kar­di­nal ein Geg­ner der heu­ti­gen „weib­li­chen Mode“ zu sein. Die steht aller­dings der­zeit nicht unbe­dingt im Mit­tel­punkt des Gesche­hens. Zum hin­ge­gen „hei­ßen Eisen“ Homo­se­xua­li­tät, gab sich der Kar­di­nal recht zurück­hal­tend.

Was ihn per­sön­lich betrifft, bestritt er alle homo­se­xu­el­len Anschul­di­gun­gen gegen sei­ne Per­son. Wäre er übri­gens Papst, so Coc­co­pal­me­rio, hät­te er die Dubia-Kar­di­nä­le „zum Ape­ri­tif“ ein­ge­la­den.

Das Inter­view der Jour­na­li­stin Almu­de­na Mar­tí­nez-Bor­diú wur­de zufäl­lig vor dem jüng­sten Flug nach Rom ver­ein­bart und kurz vor dem Miß­brauchs­gip­fel im Vati­kan geführt, an dem Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio, nicht teil­nahm. Das ein­gangs ver­öf­fent­lich­te Foto des Kar­di­nals wur­de anläß­lich des Inter­views auf­ge­nom­men.

Eini­ge Aus­zü­ge:

Mar­tí­nez-Bor­diú: Wer ist Fran­ces­co Coc­co­pal­me­rio?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ich kann mich als Christ defi­nie­ren, der an Jesus glaubt und auf ihn hofft.

Im Alter von 13 Jah­ren ver­spür­te der heu­ti­ge Kar­di­nal erst­mals den Ruf zum Prie­ster­tum.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Hat­ten Sie seit­her Glau­bens­kri­sen?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Viel­leicht nicht wäh­rend mei­nes Lebens… wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jah­re, obwohl ich nicht sagen kann, daß ich eine Kri­se hat­te, aber ich hat­te Ver­su­chun­gen.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Ver­su­chun­gen?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ja, zu den­ken, daß unser Glau­be nicht wahr ist. Ich glau­be, daß wir alle die­se Momen­te der Ver­su­chung haben, die mit der Gna­de des Hei­li­gen Gei­stes über­wun­den wer­den müs­sen. Ich habe kürz­lich einen sehr guten Prie­ster getrof­fen, einen Mis­sio­nar, der mir erzähl­te, daß er gro­ße Glau­bens­kri­sen hat­te, und ich glau­be, daß der Herr sich die­ser Erfah­rung nicht ent­zieht. Wir haben gro­ße Hei­li­ge wie Mut­ter Tere­sa von Kal­kut­ta … oder zuerst wür­de ich die hei­li­ge The­re­se vom Kin­de Jesus nen­nen, die die­se Erfah­run­gen mit der „Nacht des Glau­bens“ gemacht hat­te, eine Ver­dun­ke­lung, als ob der Herr sich voll­stän­dig aus ihrem Leben zurück­ge­zo­gen hät­te. Jesus hat­te die­se Erfah­rung auch am Kreuz.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Die Kar­di­nä­le Brand­mül­ler und Bur­ke haben einen Brief an die Teil­neh­mer des Gip­fels über den sexu­el­len Miß­brauch von Min­der­jäh­ri­gen geschrie­ben. Sie wei­sen dar­in auf „das homo­se­xu­el­le Übel hin, das sich inner­halb der Kir­che aus­ge­brei­tet hat“ und rufen die Bischö­fe auf, beim Tref­fen „das Schwei­gen zu bre­chen“. Erz­bi­schof Charles Sci­clu­na sag­te, daß 80 Pro­zent der sexu­el­len Miß­brauchs­op­fer männ­lich sind. Glau­ben Sie, daß es einen Zusam­men­hang zwi­schen der Homo­se­xua­li­tät und dem kle­ri­ka­len Miß­brauch gibt?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ich bin kein Psy­cho­lo­ge, das hat vie­le Pro­ble­me und ist schwer zu beur­tei­len. Ich könn­te es nicht ein­mal, wenn ich ein Psy­cho­lo­ge wäre. Ich müß­te ein Spe­zia­list in die­sem Bereich sein, daher kann ich kein Urteil abge­ben. Es ist wahr, daß Homo­se­xua­li­tät ver­brei­tet ist, das ist eine noto­ri­sche Tat­sa­che. Daß zwi­schen Homo­se­xua­li­tät und Miß­brauch ein Zusam­men­hang besteht, kann sein, aber ich kann es nicht mit Sicher­heit sagen, weil ich kein Fach­ex­per­te bin.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Den­ken Sie, daß die­ses The­ma beim Gip­fel behan­delt wer­den soll­te?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ich den­ke, daß sie dar­über reden könn­ten, ja. Aber ich weiß nicht, wor­über sie reden wer­den.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Wel­che Maß­nah­men müß­ten Ihrer Mei­nung nach im Hin­blick auf das Übel des Miß­brauchs, an dem die Kir­che lei­det, ergrif­fen wer­den? Wel­che Lösun­gen kann es für die Aus­wahl der Prie­ster­amt­skan­di­da­ten geben?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Die­ses The­ma soll­te unter­sucht und ver­tieft wer­den. Zum Bei­spiel habe ich immer die Not­wen­dig­keit unter­stützt, daß alle, die ins Prie­ster­se­mi­nar ein­tre­ten wol­len, um zu Prie­stern oder Dia­ko­nen geweiht zu wer­den, einer ernst­haf­ten psy­cho­lo­gi­schen Unter­su­chung unter­zo­gen wer­den müs­sen.
Der Kodex des Kir­chen­rechts besagt nur: Wenn der Regens oder der Bischof eine Per­son zum Semi­nar zuläßt, kön­nen nur sie die psy­chi­sche und kör­per­li­che Gesund­heit des Bewer­bers bezeu­gen. Das phy­si­sche Gesund­heits­zeug­nis kann von einem Arzt abge­ge­ben wer­den, aber der psy­chi­sche Test muß von einem Psy­cho­lo­gen, von einem Arzt der Psy­che, durch­ge­führt wer­den. Es ist daher not­wen­dig, daß die­se Prü­fung exi­stiert. Es reicht nicht zu sagen: „Ja, es ist eine Per­son, die gut scheint“. Die Psy­che muß mit einer gewis­sen Auf­merk­sam­keit unter­sucht wer­den, das habe ich immer ver­tre­ten.
Mei­ne Posi­ti­on, die ich für fair hal­te, wur­de immer abge­lehnt: „Es ist nicht not­wen­dig, Man­cher kann die­sen Test machen, aber nicht alle …“ Es ist not­wen­dig, daß die­ser Test durch­ge­führt wird, und daß die Aspek­te jeder Per­sön­lich­keit ange­schaut wer­den.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Und was pas­siert, wenn irgend­wann ent­deckt wird, daß die Per­son psy­chi­sche Pro­ble­me hat?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Sie kön­nen zu ihm sagen: „Schau­en Sie, Sie sind nicht für das Prie­ster­tum geeig­net, und wir dis­pen­sie­ren Sie davon“. Jeder Fall muß betrach­tet wer­den, denn es gibt ein­fa­che Fäl­le, die mit einer The­ra­pie gelöst wer­den kön­nen, und kom­ple­xe­re Fäl­le. Falls es nicht heil­bar ist, kön­nen wir auch sagen: „Es ist nicht Ihr Platz, nicht Ihr Dienst“.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Im Febru­ar 2018 haben Sie ein Buch über das ach­te Kapi­tel des Apo­sto­li­schen Schrei­bens Amo­ris Lae­ti­tia ver­öf­fent­licht. War­um fan­den Sie es not­wen­dig, über die­sen Abschnitt zu spre­chen?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ich habe über die­ses Kapi­tel geschrie­ben, weil es das ist, das eine enge­re Bezie­hung zu mei­ner Spe­zia­li­sie­rung hat. Arbeits­recht, Ver­hal­ten, Absich­ten, Pra­xis. Mei­ne Auf­merk­sam­keit lege ich beson­ders auf die­ses Kapi­tel, weil es ein sehr rei­ches und ziem­lich ver­wir­ren­des Kapi­tel ist.

Mar­tí­nez-Bor­diú: War­um ver­wir­rend?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ver­wir­rend in dem Sin­ne, daß es Din­ge gibt, die kla­rer oder mit grö­ße­rer logi­scher Ord­nung gesagt wer­den hät­ten kön­nen. Manch­mal wird etwas gesagt, was vor­her gesagt wer­den hät­te kön­nen, ande­res, das spä­ter gesagt wer­den hät­te kön­nen. Ich woll­te eine Anlei­tung für die Lek­tü­re schaf­fen, um den Text les­ba­rer und kla­rer zu machen. Aber ich woll­te weder mei­nen Kom­men­tar zum ach­ten Kapi­tel abge­ben noch etwas dem Kapi­tel hin­zu­fü­gen. Ich woll­te nur eine klä­ren­de Anlei­tung für die Lek­tü­re die­ses Tex­tes schaf­fen.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Im Sep­tem­ber 2016 haben vier Kar­di­nä­le eine Stel­lung­nah­me von Papst Fran­zis­kus zu Amo­ris lae­ti­tia gefor­dert. Was mei­nen Sie, war­um der Hei­li­ge Vater bis heu­te nicht auf die Dubia geant­wor­tet hat?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Das ist sei­ne Ent­schei­dung. Ich an sei­ner Stel­le hät­te die vier ange­ru­fen und gesagt: Brü­der, laßt uns einen Kaf­fee, einen Ape­ri­tif oder ein gemein­sa­mes Abend­essen ein­neh­men, um zu reden. Ich hät­te so gehan­delt, aber er scheint anders dar­über zu den­ken.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Im Juni 2017 berich­te­ten die Medi­en, daß die vati­ka­ni­sche Gen­dar­me­rie eine Homo-Orgie mit Dro­gen in den vati­ka­ni­schen Räu­men von Msgr. Lui­gi Capoz­zi, ihrem dama­li­gen Sekre­tär, aus­hob. Eini­ge Mona­te spä­ter ver­si­cher­te ein nord­ame­ri­ka­ni­sches Medi­um, daß auch sie in jener Nacht in der Woh­nung ihres Sekre­tärs ange­trof­fen wur­den. Waren Sie wirk­lich dort?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Alles was gesagt wur­de, ist falsch. Das Unglaub­li­che ist, daß sie sich alles erfun­den haben.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Auch das von Capoz­zi?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Er hat nichts Schlim­mes getan. Sie haben erfun­den, daß es in sei­ner Woh­nung ein Tref­fen zwi­schen Homo­se­xu­el­len gab, mit Dro­gen, und daß ich das nicht wis­sen hät­te kön­nen… Alles falsch, alles erfun­den! Und war­um ist das so? Um in erster Linie mir zu scha­den und um dem Papst zu scha­den.
Wie soll ich sagen… Sie schau­en in die Kurie, in den Vati­kan: Wer ist dort? Es gibt einen wie Coc­co­pal­me­rio, der ein Freund des Pap­stes ist, und dann… Ver­ste­hen Sie das? Lei­der kom­men die Din­ge so. Wenn ihnen einer auf der Stra­ße begeg­net, die Pisto­le zieht und sie erschießt, was kön­nen sie dage­gen tun? Was kön­nen sie dann tun, wenn sie tot sind?
Das Pro­blem ist, daß sie es nicht glau­ben wol­len. Es wur­de demen­tiert, aber von Zeit zu Zeit kommt die­se Sache wie­der hoch. Vor eini­gen Mona­ten gab es Nach­rich­ten zu die­sem Fall, und jetzt gab es ein offi­zi­el­les Demen­ti. Aber wäh­rend die fal­schen Nach­rich­ten immer groß gebracht wer­den, wer­den Rich­tig­stel­lun­gen nur klein gebracht.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Haben Sie Maß­nah­men ergrif­fen gegen die, die das Gegen­teil behaup­ten?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Wir haben nichts der­glei­chen gemacht… Aber es ist trau­rig, daß es so ist.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Was hal­ten Sie von der Gen­der-Ideo­lo­gie, die­ser Strö­mung, die die Exi­stenz bio­lo­gi­scher Unter­schie­de zwi­schen Män­nern und Frau­en und der soge­nann­ten LGBT-Grup­pe bestrei­tet?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Die­se Gen­der-Theo­rie ist sehr kom­plex. Wie ich bereits sag­te, bin ich kein Psy­cho­lo­ge oder Exper­te auf die­sem Gebiet. Das glei­che kann ich jetzt zu die­sem The­ma sagen. Es gibt Din­ge, die von meh­re­ren Exper­ten unter­sucht und ver­tieft wer­den müs­sen. Aber ich den­ke, es gibt eini­ge Din­ge, die nicht ein­fach akzep­tiert wer­den kön­nen. Daß Sie zum Bei­spiel ein Mann sind und dann erklä­ren, daß Sie eine Frau sind, das scheint mir so eine Sache zu sein … Oder zu leug­nen, daß es einen Unter­schied gibt, zumin­dest kör­per­li­cher Art, zwi­schen einem Mann und einer Frau. Eini­ge Din­ge, wie ich mei­ne, kön­nen nicht geleug­net wer­den. „Ich ent­schei­de, daß es kei­nen Unter­schied gibt, dann muß es so sein“, das ist nicht rich­tig.
Ich war in den letz­ten Mona­ten in einem Land in Latein­ame­ri­ka, wo mir etwas gesagt wur­de, was ich nicht wuß­te, und ich war über­rascht, daß es die­se Theo­rie des „Macho“ gibt: der Mann, der die Frau domi­niert. Und sie erklär­ten mir das Bei­spiel eines Man­nes, der mit einer Frau zur Bank kommt, und der Bank­be­am­te war, wenn er mit ihm sprach, respekt­voll und herz­lich. Sobald die Frau ihren Mund öff­ne­te, dreh­te sich der Beam­te weg und hör­te nicht zu. Eine erstaun­li­che Sache. Die­ser gan­ze Teil soll­te stu­diert wer­den.
Ich nut­ze die Gele­gen­heit auch, um zu sagen, daß ich sehr besorgt bin und den­ke, daß wir etwas wegen der weib­li­che Mode tun müs­sen.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Die weib­li­che Mode?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ja. Jetzt, wenn der Som­mer beginnt, kann man auch auf dem Peters­platz sehen, daß all­ge­mein alle Mäd­chen so geklei­det sind, als wären sie am Strand. Für mich ist das kei­ne akzep­ta­ble Sache, weil sie ver­schie­de­ne Reak­tio­nen bei den Män­nern her­vor­ru­fen, die mit Intel­li­genz, Güte und Tugend über­wun­den wer­den kön­nen. Aber war­um sol­len die Men­schen in Schwie­rig­kei­ten gebracht wer­den? Sie soll­ten wis­sen, daß es auch „nicht nor­ma­le“ Men­schen gibt, die nicht die Intel­li­genz und nicht die Tugend haben und leicht fal­len. Hier muß etwas getan wer­den. Die Mäd­chen kön­nen nicht so aus­ge­hen, sie soll­ten sich nicht pro­vo­kant klei­den, damit sie beim ande­ren Geschlecht kei­ne Reak­tio­nen die­ser Art pro­vo­zie­ren. Das soll­te gesagt wer­den. Mei­ne Mei­nung mag popu­lär oder unpo­pu­lär sein, sie scheint mir aber fair zu sein.

Mar­tí­nez-Bor­diú: An die­sem Don­ners­tag [21. Febru­ar] erscheint das Buch „Sodo­ma“ des fran­zö­si­schen Sozio­lo­gen Fré­dé­ric Mar­tel, der nach Inter­views mit höch­sten Wür­den­trä­gern des Vati­kans behaup­tet, daß 80 Pro­zent der geweih­ten Men­schen im Vati­kan Homo­se­xu­el­le sind. Was sagen Sie zu die­ser Behaup­tung?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ich weiß es nicht … Ich fin­de es eine Behaup­tung, die nicht über­zeugt. Es mag Homo­se­xu­el­le geben, die die­se Ten­denz haben und gleich­zei­tig die­sen Zustand über­win­den. Und es kann ande­re geben, die von Zeit zu Zeit in die­se Situa­ti­on gera­ten. Aber ich den­ke, es ist eine über­trie­be­ne Behaup­tung, die eines Bewei­ses bedarf.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Ex-Kar­di­nal McCarrick wur­de lai­siert. Ist der sexu­el­le Miß­brauch ein Bei­spiel, daß die Barm­her­zig­keit durch die Gerech­tig­keit über­wun­den wer­den muß?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Das ist ein The­ma des Straf­rechts. Wenn sie sagen: „Ich muß ver­ge­ben, muß ich auch Barm­her­zig­keit gegen­über denen üben, die schwe­re Sün­der sind“. Gleich­zei­tig muß die Kir­che auch sagen, daß sie nicht ein­ver­stan­den ist, daß die­se Art von Hand­lun­gen nicht gut ist, sie kann nicht akzep­tiert wer­den. Es muß eine Reak­ti­on auf das Böse geben, die sofort gegen die Per­son erfolgt, die Unrecht getan hat.
Wenn sie einer Per­son eine offi­zi­el­le Posi­ti­on, eine Auf­ga­be zuwei­sen, liegt dies dar­an, daß die­se Per­son die ihnen über­tra­ge­ne Funk­ti­on aus­üben soll. Wenn die­se Per­son nicht in der Lage ist, dem nach­zu­kom­men, was ihr über­tra­gen wur­de, gibt es eine Reak­ti­on gegen eine began­ge­ne Ver­feh­lung, aber auch eine Sank­ti­on, bei­spiels­wei­se die Unmög­lich­keit, die Arbeit in der­sel­ben Funk­ti­on fort­zu­set­zen.
Man kann gegen­über der Per­son barm­her­zig sein, aber man muß auch dem Bösen ein Ende set­zen und die Per­son aus der Posi­ti­on ent­fer­nen, die sie erhal­ten hat. Dies wider­spricht nicht der Barm­her­zig­keit, denn die Barm­her­zig­keit kann auch der Per­son mit Nähe, Gebet und auch Freund­schaft gezeigt wer­den. Dies wäre auf der per­sön­li­chen Ebe­ne.
Straf­recht­li­che und ver­wal­tungs­recht­li­che Sank­tio­nen sind öffent­lich. Freund­schaft, Nähe und Gebet sind etwas Pri­va­tes. Sie müs­sen die­se Unter­schei­dung tref­fen. Aber wenn die Kir­che sieht, daß die­ser Prie­ster Miß­brauch began­gen hat, und nichts dage­gen getan wur­de, wür­de es schnell hei­ßen, daß die Kir­che die­ses Ver­hal­ten bil­ligt. Die Reak­ti­on zeigt, daß die­ses Ver­hal­ten falsch ist.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Den­ken Sie, daß man jene zur Ver­ant­wor­tung zie­hen soll­te, die wuß­ten, was pas­siert ist, aber geschwie­gen haben?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich den Fall nicht geprüft habe. Ob sie es wuß­ten oder nicht: Ich kann es nicht sagen. In Bezug auf die­se Din­ge, die­ses Pro­blem, sol­che Ver­hal­tens­wei­sen gedeckt zu haben, kann auch gesagt wer­den… Wenn man ein Kind hat… Sind Sie ver­hei­ra­tet?

Mar­tí­nez-Bor­diú: Nein …

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Nun, wenn Sie ein Kind hät­ten, das Schlim­mes tut, etwas Schwer­wie­gen­des, was ist Ihre unmit­tel­ba­re Reak­ti­on? „Hof­fent­lich weiß es kei­ner, denn ich möch­te, daß mein Sohn respek­tiert wird“. Damit mei­ne ich, daß das kei­ne Ver­schleie­rung ist, die die schlech­te Hand­lung recht­fer­tigt. Es kann auch zuge­deckt wer­den, weil das vie­len Gläu­bi­gen ein Ärger­nis wäre. Dann sagt der Hir­te, der Bischof: „Wir hof­fen, daß es nicht bekannt wird, um einen Skan­dal zu ver­mei­den“.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Aber es wur­de zuge­las­sen, daß McCarrick wei­ter Böses tun konn­te…

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Wenn Zudecken heißt, daß man wei­ter­ma­chen kann, das nicht… Man muß ein­grei­fen und sagen: „Sieh mal, du kannst nicht wei­ter machen, was du tust, ich neh­me dir dein Amt weg“. In die­sem Sinn darf man nicht zudecken. Es kann jedoch auch so ver­stan­den wer­den, daß es auch Arten von Ver­tu­schun­gen geben kann in dem Sinn, zu sagen: „Wir hof­fen, daß es nicht bekannt wird, damit es es kei­nen Skan­dal gibt“. Es kann auch so ver­stan­den wer­den, daß es auch Ver­tu­schun­gen in die­sem Sin­ne gege­ben hat. Wenn es aber bedeu­tet, daß es wei­ter­hin erlaubt ist, das Böse fort­zu­set­zen, dann ist es offen­sicht­lich nicht rich­tig. Sie müs­sen von Fall zu Fall sehen, was pas­siert ist.

Mar­tí­nez-Bor­diú: Papst Fran­zis­kus sag­te am Mitt­woch bei der Gene­ral­au­di­enz, daß „man nicht wie Papa­gei­en beten soll“. Wie beten Sie als Kar­di­nal?

Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio: Ich habe, wie wohl alle Men­schen, eine täg­li­che Gebets­rou­ti­ne. Als Prie­ster feie­re ich die hei­li­ge Mes­se und auch das Stun­den­ge­bet. Dann lege ich viel Wert auf die Lec­tio Divina, einen Teil der Hei­li­gen Schrift, und ich lese sie nicht, als wäre es irgend­ein Buch, son­dern als das Wort Got­tes, als etwas, das Jesus mir in die­sem Moment erzählt. Ich lege auch gro­ßen Wert auf den Besuch beim Aller­hei­lig­sten. In der Regel blei­be ich 15 Minu­ten vor Jesus, weil es eine Freund­schaft erlaubt von Ange­sicht zu Ange­sicht. Und ich wid­me immer eine Zeit des Gebe­tes der Jung­frau, indem ich den Rosen­kranz bete. Und dann gibt es die Beich­te, zu der ich – ich weiß nicht – ein­mal im Monat gehe.

Die Jour­na­li­stin Almu­de­na Mar­tí­nez-Bor­diú füg­te am Ende der Ver­öf­fent­li­chung des Inter­views noch eine per­sön­li­che Ein­schät­zung hin­zu, die auch ange­fügt wer­den soll:

„Es heißt, daß der Blick das Spie­gel­bild der See­le ist, und selbst wenn nur Gott es weiß, schei­nen sei­ne Augen die Wahr­heit zu sagen“.

Der ehe­ma­li­ge Apo­sto­li­sche Nun­ti­us in den USA, Erz­bi­schof Car­lo Maria Viganò, nennt Kar­di­nal Coc­co­pal­me­rio in sei­nem Dos­sier als Ange­hö­ri­gen der Homo-Lob­by. Um so befremd­li­cher war es, daß Papst Fran­zis­kus aus­ge­rech­net ihn Anfang Sep­tem­ber 2018 damit beauf­trag­te, recht­li­che Schritt gegen Erz­bi­schof Viganò zu prü­fen, obwohl der Kar­di­nal direkt Betrof­fe­ner war.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Info­Va­ti­ca­na