„Die Göttliche Vorsehung zwingt Benedikt XVI. das Debakel mitanzusehen, das er ausgelöst hat“

Roberto de Mattei zum neuen Buch von Antonio Socci

Was ist das „Geheimnis von Benedikt XVI.“? Roberto de Mattei widerspricht der Kernthese des neuen Buches von Antonio Socci.
Was ist das „Geheimnis von Benedikt XVI.“? Roberto de Mattei widerspricht der Kernthese des neuen Buches von Antonio Socci.

(Rom) Anto­nio Soc­ci, einer der bekann­te­sten Jour­na­li­sten Ita­li­ens leg­te vor kur­zem ein neu­es Buch vor: „Das Geheim­nis Bene­dikts XVI. War­um er noch Papst ist“. Dar­in kehrt er nicht, wie der Titel ver­mu­ten las­sen könn­te, zu sei­ner The­se zurück, mit der er zwi­schen 2014 und 2016 die Gül­tig­keit der Wahl von Papst Fran­zis­kus in Fra­ge stell­te. Er greift aber die Mut­ma­ßung auf, daß Bene­dikt XVI. noch immer Papst sei, wenn auch in einer ande­ren, „rät­sel­haf­ten“, ja „mysti­schen“ Form. Am 4. Janu­ar ver­öf­fent­lich­te Catho­lic Fami­ly News eine Bespre­chung des Buches durch den Histo­ri­ker Rober­to de Mattei, der Soc­ci in wesent­li­chen Punk­ten widerspricht.

„Das Geheimnis Benedikts XVI.“ – Soccis Thesen halten dem Anspruch nicht stand

Von Rober­to de Mattei*

 „Die Hei­li­ge Mut­ter Kir­che befin­det sich in einer Kri­se, die in ihrer gan­zen Geschich­te bei­spiel­los ist.“

Rober­to de Mattei

Die­ses Bild des Theo­lo­gen Sera­fi­no M. Lan­zet­ta, mit dem das jüng­ste Buch von Anto­nio Soc­ci „Das Geheim­nis von Bene­dikt XVI. War­um er noch Papst ist“ (Il segre­to di Bene­det­to XVI. Per­ché è anco­ra Papa, Riz­zo­li, Mai­land 2018) beginnt, reizt jeden zur Lek­tü­re, der die Natur der Kri­se und die mög­li­chen Aus­we­ge dar­aus bes­ser ver­ste­hen will.

Soc­ci ist ein bril­lan­ter Jour­na­list, der bereits drei Bücher der kirch­li­chen Ent­wick­lung unter Papst Fran­zis­kus gewid­met hat: „Er ist nicht Fran­zis­kus. Die Kir­che im gro­ßen Sturm“ (Non è Fran­ces­co. La Chie­sa nella gran­de tem­pe­sta, Riz­zo­li, Mai­land 2014), „Die letz­te Pro­phe­zei­ung” (La pro­fe­zia fina­le, Riz­zo­li, Mai­land 2016) und nun „Das Geheim­nis von Bene­dikt XVI.

Von die­sen drei Büchern ist das zwei­te das beste, vor allem im genau mit Quel­len beleg­ten Teil, in dem er die umstrit­ten­sten Hand­lun­gen und Wor­te der ersten drei Regie­rungs­jah­re von Papst Fran­zis­kus einer akri­bi­schen Unter­su­chung unter­zieht. Im jüng­sten Buch ent­fal­tet Soc­ci hin­ge­gen sei­ne bereits im Buch „Er ist nicht Fran­zis­kus“ vor­ge­leg­te The­se, laut der die Wahl von Jor­ge Mario Ber­go­glio frag­lich, ja viel­leicht sogar ungül­tig sei, und Bene­dikt XVI. noch immer Papst ist, weil er nicht ganz auf das Petrus­amt ver­zich­tet habe. Sein Rück­tritt vom Papst­tum sei nur „rela­tiv“, so Soc­ci, denn er habe ihn so ver­stan­den, „noch Papst zu blei­ben, wenn auch auf rät­sel­haf­te Wei­se und in einer bis­her unbe­kann­ten Form, die nicht erklärt wur­de (zumin­dest nicht bis zu einem bestimm­ten Datum)“. (1)

Die universale Anerkennung von Papst Franziskus

Zu den Zwei­feln an der Wahl von Kar­di­nal Ber­go­glio ist aller­dings, jen­seits juri­sti­scher Spitz­fin­dig­kei­ten, anzu­mer­ken, daß es kei­nen Kar­di­nal gab, der Teil­neh­mer des Kon­kla­ves von 2013 war, der Zwei­fel an der Gül­tig­keit die­ser Wahl äußer­te. Die gan­ze Kir­che hat Fran­zis­kus als recht­mä­ßi­gen Papst akzep­tiert und aner­kannt, und laut Kir­chen­recht ist die ein­deu­ti­ge uni­ver­sa­lis eccle­siae adhae­sio Zei­chen und unfehl­ba­re Wir­kung einer gül­ti­gen Wahl und eines recht­mä­ßi­gen Pon­ti­fi­kats. Frau Prof. Geral­di­na Boni ver­weist in ihrer gründ­li­chen Stu­die „Über einen Ver­zicht. Die Ent­schei­dung von Papst Bene­dikt XVI. und das Recht“ (2) auf die gel­ten­den kano­ni­schen Kon­sti­tu­tio­nen, laut denen eine Wahl, die das Ergeb­nis eines Aus­gleichs oder von Abma­chun­gen, Ver­spre­chun­gen oder ande­ren Ver­pflich­tun­gen jeder Art ist, wie die mög­li­che Pla­nung der Wahl von Kar­di­nal Ber­go­glio, nicht ungül­tig ist.

Was Frau Prof. Boni schreibt, stimmt mit dem über­ein, was Robert Sis­coe und John Sal­za auf der Grund­la­ge der bedeu­tend­sten Theo­lo­gen und Kano­ni­sten anmerkten:

„Es ist all­ge­mei­ne Leh­re der Kir­che, daß die ein­deu­ti­ge und uni­ver­sa­le Akzep­tanz eines Pap­stes die unfehl­ba­re Gewiß­heit sei­ner Recht­mä­ßig­keit dar­stellt.“ (3)

Es gibt kei­nen Zwei­fel, daß ein Papst das Recht hat, zurück­zu­tre­ten. Der neue Codex des Kir­chen­rechts regelt den even­tu­el­len Amts­ver­zicht des Pap­stes im Can. 332 § 2 mit den Worten: 

„Falls der Papst auf sein Amt ver­zich­ten soll­te, ist zur Gül­tig­keit ver­langt, daß der Ver­zicht frei geschieht und hin­rei­chend kund­ge­macht, nicht jedoch, daß er von irgend­wem ange­nom­men wird.“

Der Amts­ver­zicht von Bene­dikt XVI. geschah frei und wur­de hin­rei­chend kund­ge­macht. Soll­te auf Bene­dikt XVI. Druck aus­ge­übt wor­den sein, hät­te er es sagen oder zumin­dest zu ver­ste­hen geben müs­sen. In sei­nen „Letz­ten Gesprä­chen“ mit Peter See­wald (Droemer, Mün­chen 2016) erklär­te er aber das Gegen­teil, indem er bekräf­tig­te, daß sei­ne Ent­schei­dung völ­lig frei und ohne jeden Zwang erfolgte.

Die Moralität des Amtsverzichts von Papst Benedikt

Der Schritt von Bene­dikt XVI., der aus theo­lo­gi­scher und kir­chen­recht­li­cher Sicht völ­lig legi­tim ist, zeigt sich zugleich aber als völ­li­ger Bruch mit der Tra­di­ti­on und der Pra­xis der Kir­che und ist des­halb mora­lisch zu bean­stan­den. Der Rück­tritt eines Pap­stes ist kano­nisch prop­ter neces­si­tatem vel uti­li­tatem Eccle­siae uni­ver­sa­lis (zum Wohl der Welt­kir­che) mög­lich. Damit er aber mora­lisch zuläs­sig ist, bedarf es einer ius­ta cau­sa, andern­falls ist der Schritt zwar gül­tig, wäre aber mora­lisch ver­werf­lich und wür­de eine schwe­re Schuld vor Gott dar­stel­len. In kei­nem Ver­hält­nis zum Ernst des Aktes scheint aber der Grund, den Bene­dikt XVI. selbst am 11. Febru­ar 2013 nannte:

„Aber die Welt, die sich so schnell ver­än­dert, wird heu­te durch Fra­gen, die für das Leben des Glau­bens von gro­ßer Bedeu­tung sind, hin- und her­ge­wor­fen. Um trotz­dem das Schiff­lein Petri zu steu­ern und das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den, ist sowohl die Kraft des Kör­pers als auch die Kraft des Gei­stes not­wen­dig, eine Kraft, die in den ver­gan­ge­nen Mona­ten in mir der­art abge­nom­men hat, daß ich mein Unver­mö­gen erken­nen muß.“

Soc­ci kennt die kano­ni­sche Leh­re und schreibt dazu:

„Da Bene­dikt XVI. kei­ne außer­ge­wöhn­li­chen Moti­ve nennt, und es nicht denk­bar scheint, daß er ‚schwe­re Schuld‘ auf sich laden woll­te, gibt es – schließt man den Zwang aus – nur zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der han­delt es sich nicht um einen wirk­li­chen Ver­zicht auf das Papst­tum, oder die außer­ge­wöhn­li­chen Grün­de wur­den nicht genannt“. (4)

Man ver­steht nicht, war­um Soc­ci a prio­ri die Mög­lich­keit einer „schwe­ren Schuld“ von Bene­dikt XVI. aus­schließt. Lei­der han­delt es sich genau dar­um. Die Ent­schei­dung von Papst Bene­dikt hat eine bei­spiel­lo­se Situa­ti­on geschaf­fen. In den Augen der Welt han­del­te es sich um ein Entsa­kra­li­sie­ren des Petrusam­tes, das wie ein Unter­neh­men ver­stan­den wird, wo der Prä­si­dent aus Alter­grün­den, oder weil er sich phy­sisch zu schwach fühlt, zurück­tre­ten kann. Prof. Gian Enri­co Rus­co­ni merk­te an, daß Bene­dikt XVI. „mit sei­ner Ent­schei­dung zurück­zu­tre­ten, sagt, daß es kei­nen beson­de­ren Schutz des Hei­li­gen Gei­stes gibt, der die men­ta­le und psy­chi­sche Festig­keit des Stell­ver­tre­ters Chri­sti auf Erden garan­tie­ren kann, wenn er von Alter oder Krank­heit heim­ge­sucht wird“. (5)

Die Päp­ste wur­den in der Geschich­te immer erst im hohen Alter und häu­fig bei schlech­ter phy­si­scher Ver­fas­sung gewählt, ohne daß ihnen die Medi­zin ihrer Zeit hel­fen konn­te, wie es hin­ge­gen heu­te der Fall ist. Den­noch haben sie nie auf die Aus­übung ihres Auf­trags ver­zich­tet. Das phy­si­sche Wohl­erge­ben war nie ein Regie­rungs­kri­te­ri­um für die Kirche.

Historische Beispiele

Der alte Erz­bi­schof von Goa in Indi­en, gebrech­lich und von vie­len Lei­den geplagt, bat den Papst, ihn von sei­nem Amt zu ent­bin­den. Pius V. ant­wor­te­te ihm aber, daß er als guter Sol­dat auf dem Feld zu ster­ben habe. Um ihm Mut zu machen, erin­ner­te er ihn an sei­ne eige­nen Lei­den mit den Worten:

„Wir emp­fin­den brü­der­li­ches Mit­ge­fühl, daß Ihr, alt wie Ihr seid, Euch wegen so vie­ler Ent­beh­run­gen inmit­ten so vie­ler Gefah­ren müde fühlt. Bedenkt aber, daß Lei­den der nor­ma­le Weg ist, der in den Him­mel führt, und daß wir den Platz nicht ver­las­sen dür­fen, den uns die Vor­se­hung zuge­wie­sen hat. Glaubt Ihr denn, daß wir inmit­ten so vie­ler Sor­gen und so gro­ßer Ver­ant­wor­tung nicht auch manch­mal des Lebens müde sind? Und daß wir nicht auch wün­schen, zu unse­rem ursprüng­li­chen Sta­tus eines ein­fa­chen Ordens­man­nes zurück­zu­keh­ren? Den­noch sind wir ent­schlos­sen, unser Joch nicht abzu­schüt­teln, son­dern es mutig zu tra­gen, bis uns Gott zu sich rufen wird. Ver­zich­tet daher auf jede Hoff­nung, Euch in ein ruhi­ge­res Leben zurück­zie­hen zu können.“

Am 10. Sep­tem­ber 1571, weni­ge Tage vor der Schlacht von Lepan­to, rich­te­te der­sel­be hei­li­ge Pius V. einen bewe­gen­den Brief an den Groß­mei­ster der Mal­te­ser­rit­ter, Pie­tro del Mon­te, in dem er, um dem alten Heer­füh­rer Mut zu machen, schrieb: 

„Ihr wißt ohne Zwei­fel, daß mein Kreuz schwe­rer ist als das Eure, daß mir inzwi­schen die Kräf­te feh­len, und wie zahl­reich jene sind, die mich zum Erlie­gen brin­gen wol­len. Ich hät­te bereits auf­ge­ge­ben und hät­te auf mei­ne Wür­de ver­zich­tet (wor­an ich mehr als ein­mal dach­te), wenn ich es nicht geliebt hät­te, mich lie­ber ganz in die Hän­de des Mei­sters zu bege­ben, der sag­te: Wer mir nach­fol­gen will, der ver­leug­ne sich selbst.“

Die Abdan­kung von Bene­dikt XVI. läßt kei­ne Selbst­ver­leug­nung erken­nen, wie sie in den Wor­ten des hei­li­gen Pius V. zum Aus­druck kommt, son­dern spie­gelt viel­mehr den Geist der Selbst­auf­ga­be wider, wie er unter den Kir­chen­män­ner unse­rer Zeit anzu­tref­fen ist. Es ist der Ver­zicht, den höch­sten Auf­trag aus­zu­füh­ren, den ein Mensch auf Erden aus­füh­ren kann: Die Kir­che Chri­sti zu lei­ten. Es ist die Flucht des­sen vor den Wöl­fen, der in sei­ner ersten Pre­digt am 24. April 2005 gesagt hatte: 

„Betet für mich, daß ich nicht furcht­sam vor den Wöl­fen fliehe.“

Die letzte öffentliche Ansprache von Benedikt XVI. – ein Punkt der Zerrissenheit

Anto­nio Soc­ci zitiert die letz­te offi­zi­el­le und öffent­li­che Anspra­che des Pon­ti­fi­kats von Bene­dikt XVI. am 27. Febru­ar 2013, in der er über sein Amt sprach:

„Das Schwe­re der Ent­schei­dung lag gera­de auch dar­in, daß ich nun vom Herrn immer und für immer bean­sprucht war. […]Das ‚immer‘ ist auch ein ‚für immer‘ – es gibt kei­ne Rück­kehr ins Pri­va­te. Mei­ne Ent­schei­dung, auf die akti­ve Aus­füh­rung des Amtes zu ver­zich­ten, nimmt dies nicht zurück.“

Dazu Soc­ci:

„Eine bri­san­te Aus­sa­ge, denn wenn Bene­dikt mit die­sem Akt nur ‚auf die akti­ve Aus­übung des Amtes‘ ver­zich­tet hat, bedeu­tet das, daß er nicht beab­sich­tig­te, auf das Amt an sich zu ver­zich­ten. (…) Im Licht sei­ner letz­ten Anspra­che ver­steht man, war­um Joseph Ratz­in­ger im ‚Bezirk des Petrus‘ blieb, nach wie vor als Bene­dikt XVI. unter­schreibt, sich als ‚eme­ri­tier­ter Papst‘ bezeich­net, die päpst­li­chen heral­di­schen Insi­gni­en gebraucht und sich wei­ter­hin als Papst klei­det.“ (6)

Nimmt man die­se Behaup­tung wört­lich, wie Soc­ci es tut, dann ist sie theo­lo­gisch falsch. Durch die Wahl erhält der Papst die höch­ste Juris­dik­ti­on, aber kein Sakra­ment, mit dem ihm ein unaus­lösch­li­cher Stem­pel auf­ge­drückt wird. Das Papst­tum ist nicht ein spi­ri­tu­el­ler oder sakra­men­ta­ler Zustand, son­dern viel­mehr ein „Amt“ oder genau­er eine Institution.

Laut der Ekkle­sio­lo­gie des Zwei­ten Vati­ca­num ist die Kir­che hin­ge­gen in erster Linie „Sakra­ment“ und muß ihrer insti­tu­tio­nel­len Dimen­si­on ent­klei­det wer­den. Man ver­gißt dabei, daß der Papst auf­grund sei­ner Bischofs­wei­he jedem ande­ren Bischof gleich ist, aber auf­grund sei­nes Amtes, das ihm die vol­le Juris­dik­ti­on über alle Bischö­fe der Welt sichert, ob ein­zeln oder in ihrer Gesamt­heit, über jedem ande­ren Bischof steht.

Violi und Msgr. Gänswein tragen zur Verwirrung bei

Soc­ci beruft sich auch auf die umstrit­te­ne Stu­die von Prof. Ste­fa­no Vio­li „Der Ver­zicht von Bene­dikt XVI. Zwi­schen Geschich­te, Recht und Gewis­sen“ (La rin­un­cia di Bene­det­to XVI. Tra sto­ria, dirit­to e cosci­en­za, in: Rivi­sta Teo­lo­gi­ca di Luga­no, Nr. 2/2013, S. 203–214), die eine Unter­schei­dung ein­führt zwi­schen dem „Amt“, auf das Bene­dikt XVI. ver­zich­tet habe, und dem Petri­ni­schen Munus, das er wei­ter­hin innehabe.

Die abson­der­li­chen The­sen Vio­lis schei­nen Erz­bi­schof Georg Gäns­wein, den Sekre­tär von Bene­dikt XVI., bei sei­ner Rede am 20. Mai 2016 an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na inspi­riert zu haben, wo er sagte: 

„Seit dem 11. Febru­ar 2013 ist das Papst­amt des­halb nicht mehr, was es vor­her war. Fun­da­ment der katho­li­schen Kir­che wird es blei­ben. Doch die­sen Grund hat Bene­dikt XVI. nach­hal­tig ver­än­dert in sei­nem Aus­nah­me­pon­ti­fi­kat […]. Seit der Wahl sei­nes Nach­fol­gers Fran­zis­kus am 13. März 2013 gibt es also kei­ne zwei Päp­ste, aber de fac­to ein erwei­ter­tes Amt – mit einem akti­ven und einem kon­tem­pla­ti­ven Teil­ha­ber. Dar­um hat Bene­dikt XVI. weder den wei­ßen Talar noch sei­nen Namen abge­legt. Dar­um ist sei­ne kor­rek­te Anre­de auch heu­te noch ‚Hei­li­ger Vater‘, und dar­um zog er sich auch nicht in ein abge­le­ge­nes Klo­ster zurück, son­dern in das Inne­re des Vati­kans – als sei er nur bei­sei­te getre­ten, um sei­nem Nach­fol­ger und einer neu­en Etap­pe in der Geschich­te des Papst­tums Raum zu geben […].“

Bene­dikt habe auf sein Juris­dik­ti­ons­amt ver­zich­tet, wie Soc­ci betont, übe aber wei­ter­hin „das in höch­stem Maße spi­ri­tu­el­le Wesen des Petri­ni­schen Munus“ aus. (7) Sein Ver­zicht ver­wand­le den päpst­li­chen Dienst in ein Aus­nah­me­pon­ti­fi­kat, um den Begriff von Erz­bi­schof Gäns­wein auf­zu­grei­fen. Soc­ci schreibt:

„Bene­dikt XVI. hat­te nicht die Absicht, das Papst­tum auf­zu­ge­ben, und er hat auch nicht sei­ne Annah­me des Amtes vom April 2005 zurück­ge­nom­men (die er sogar für ‚unwi­der­ruf­lich‘ hält). Daher ist er – nach aller Logik – noch immer Papst“. (8)

„Es gibt objek­tiv einen ‚Aus­nah­me­zu­stand‘, nach Msgr. Gäns­wein sogar ein ‚Aus­nah­me­pon­ti­fi­kat‘, das eine völ­li­ge Aus­nah­me­si­tua­ti­on in der Geschich­te der Kir­che und der Welt vor­aus­setzt.“ (9).

Zu den besten Arbei­ten, die einen sol­chen Ver­such einer Neu­de­fi­ni­ti­on des päpst­li­chen Pri­mats ent­kräf­ten, gehört der sorg­fäl­ti­ge Auf­satz von Kar­di­nal Wal­ter Brand­mül­ler mit dem Titel „Renun­tia­tio Papae. Eini­ge kir­chen­rechts­ge­schicht­li­che Über­le­gun­gen” (Renun­tia­tio Papae. Alcu­ne rif­les­sio­ni sto­ri­co-cano­ni­sti­che, in: Archi­vio Giurid­ico, 3–4 (2016), S. 655–674). Die Tra­di­ti­on und die Pra­xis der Kir­che bezeu­gen ein­deu­tig, so der Kar­di­nal, daß nur einer Papst ist, und zwar einer allein, und sei­ne Voll­macht in ihrer Ein­heit unteil­bar ist. 

„Das Wesent­li­che des Papst­tums ist von der Hei­li­gen Schrift und der authen­ti­schen Tra­di­ti­on so ein­deu­tig defi­niert, daß kein Papst berech­tigt ist, sein Amt neu zu defi­nie­ren.“ (10)

Soll­te Bene­dikt XVI. wirk­lich mei­nen, gleich­zei­tig mit Fran­zis­kus Papst zu sein, wür­de er also die Glau­bens­wahr­heit leug­nen, daß es nur einen Stell­ver­tre­ter Chri­sti gibt, und müß­te als Häre­ti­ker betrach­tet oder der Häre­sie ver­däch­tigt werden.

Ande­rer­seits: Wenn der wah­re Papst nicht Fran­zis­kus, son­dern Bene­dikt wäre, müß­te dies jemand fest­stel­len, doch kein Bischof oder Kar­di­nal hat das je getan. Die Fol­gen wären ver­hee­rend. Was wür­de beim Tod von Bene­dikt XVI. pas­sie­ren? Müß­te ein Kon­kla­ve abge­hal­ten wer­den, wäh­rend Papst Fran­zis­kus noch auf dem päpst­li­chen Stuhl sitzt? Und wenn Fran­zis­kus wirk­lich ein Gegen­papst wäre, wer wür­de bei sei­nem Tod den wah­ren Papst wäh­len, da die gro­ße Zahl von Kar­di­nä­len, die von ihm ernannt wur­de, als ungül­tig betrach­tet wer­den müßte?

Soc­ci behaup­tet nicht, daß es zwei Päp­ste gibt, auch nicht, daß Fran­zis­kus ein Gegen­papst ist, aber unter den Katho­li­ken herrscht dies­be­züg­lich viel Ver­wir­rung. Und wenn er als guter Jour­na­list ein Pro­blem auf­wer­fen und nicht eine theo­lo­gi­sche The­se behaup­ten will, muß man sich fra­gen, ob sein Buch dazu bei­trägt, Klar­heit zu schaf­fen, oder noch mehr Ver­wir­rung zu stif­ten, vor allem auf den letz­ten Sei­ten sei­nes Werkes.

Der Rücktritt von Benedikt: eine mystische Mission?

Für Soc­ci muß der Ver­zicht von Bene­dikt XVI. auf sein Pon­ti­fi­kat als eine mysti­sche Ent­schei­dung gese­hen werden. 

„Wir ste­hen vor einem wirk­li­chen Ruf Got­tes, dem Ruf zu einer Mis­si­on“. (11)

Um wel­che Mis­si­on han­delt es sich dabei?

„Bene­dikt läßt die bedroh­te Her­de nicht im Stich. Er ist im Gebet in sei­ner Ere­mi­ta­ge, um für die Kir­che und für die Welt ein­zu­tre­ten, und sein Trost und sei­ne erhel­len­de Leh­re ergie­ßen sich über tau­send Bäche“. (12)

Die schwei­gen­de Gestalt Bene­dikts sei, laut Soc­ci, eine „Gegen­wart“ im „Bezirk des Petrus“, die Schis­men und Spal­tun­gen abwen­det, den Vor­marsch der Revo­lu­ti­on bremst und den Frie­den in der Welt sichert. 

Die „mysti­sche“ Mis­si­on von Bene­dikt XVI. ist dem­nach eine poli­ti­sche Mis­si­on, die Soc­ci am Ende sei­nes Buches so beschreibt:

„Hier sieht man die Grö­ße von Bene­dikts Ent­wurf: In einem wahn­haf­ten, histo­ri­schen Moment, in dem der immer mehr ent­christ­lich­te Westen absur­der­wei­se Ruß­land zurück­ge­wie­sen und ange­grif­fen hat (das end­lich freie und wie­der christ­lich gewor­de­ne Ruß­land), und es aus­zu­gren­zen ver­such­te, indem es in die asia­ti­sche Iso­la­ti­on zurück­ge­drängt oder dem kom­mu­ni­sti­schen Chi­na in die Arme getrie­ben wer­den soll­te, ziel­te der Dia­log, den der Papst mit der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che begon­nen hat­te, auf die Ver­wirk­li­chung des Trau­mes von Johan­nes Paul II.: ein Euro­pa der Völ­ker, die durch ihre christ­li­chen Wur­zeln vom Atlan­tik bis zum Ural geeint sind.“ (13)

Der Mysti­zis­mus, den Soc­ci Bene­dikt XVI. zuschreibt, scheint aller­dings mehr eine phan­ta­sie­vol­le, lite­ra­ri­sche Sug­ge­sti­on des Autors zu sein, der in sei­nem Buch die gro­ße theo­lo­gi­sche Debat­te zwi­schen Moder­nis­mus und Anti­mo­der­nis­mus eben­so über­geht, wie er das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil und sei­ne dra­ma­ti­schen Fol­gen igno­riert. Das Papst­tum wird sei­ner insti­tu­tio­nel­len Dimen­si­on ent­klei­det und „per­so­na­li­siert“. Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. ver­kör­pern das „Gute“, Fran­zis­kus ist hin­ge­gen Aus­druck des „Bösen“. In Wirk­lich­keit ist die Ver­bin­dung zwi­schen Fran­zis­kus und sei­nen Vor­gän­gern weit enger, als Soc­ci sich vor­stel­len kann, nicht zuletzt auch des­halb, weil es erst der leicht­sin­ni­ge Amts­ver­zicht von Bene­dikt XVI. war, der Kar­di­nal Ber­go­glio den Weg ebnete.

Die jüng­sten Foto­gra­fien von Bene­dikt XVI. zei­gen einen erschöpf­ten Mann, der von der Gött­li­chen Vor­se­hung gezwun­gen wird, dem von ihm aus­ge­lö­sten Deba­kel zuzu­se­hen. Jor­ge Mario Ber­go­glio, der Besieg­te des Kon­kla­ves von 2005, ist zum Sie­ger im Kon­kla­ve von 2013 gewor­den, und Bene­dikt XVI., der Sie­ger des ersten Kon­kla­ves, geht aus der Geschich­te als der gro­ße Ver­lie­rer hervor.

Ich schät­ze Anto­nio Soc­ci wegen sei­nes ech­ten katho­li­schen Glau­bens und wegen sei­ner Unab­hän­gig­keit des Den­kens. Ich tei­le sein stren­ges Urteil über Papst Fran­zis­kus, aber der Amts­ver­zicht von Bene­dikt XVI., die er als Mis­si­on sieht, ist für mich ein Sym­bol für die Kapi­tu­la­ti­on der Kir­che vor der Welt.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: „Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti“, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Radio Libera/Vatican.va (Screen­shots)

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(1) Anto­nio Soc­ci, Il segre­to di Bene­det­to XVI, Riz­zo­li, Mila­no 2018, S. 82.

(2) Geral­di­na Boni, Sopra una rin­un­cia. La deci­sio­ne di papa Bene­det­to XVI e il dirit­to, Bono­nia Uni­ver­si­ty Press, Bolo­gna 2015.

(3) Robert Sis­coe / John­Sal­za, Is Fran­cis or Bene­dict the True Pope?, Auf­satz in zwei Tei­len, in: Catho­lic Fami­ly News, Sep­tem­ber-Okto­ber 2016.

(4) Soc­ci: Il segre­to, S. 101f.

(5) Gian Enri­co Rus­co­ni, Teo­lo­gia lai­ca. La rivo­lu­zio­ne di Bene­det­to, in: La Stam­pa v. 12. Febru­ar 2013.

(6) Soc­ci: Il segre­to, S. 83.

(7) Soc­ci: Il segre­to, S. 106.

(8) Soc­ci: Il segre­to, S. 121.

(9) Soc­ci: Il segre­to, S. 149f.

(10) Card. Wal­ter Brand­mül­ler, Renun­tia­tio Papae. Alcu­ne rif­les­sio­ni sto­ri­co-cano­ni­sti­che, in: Archi­vio Giurid­ico, 3–4 (2016), S. 660.

(11) Soc­ci: Il segre­to, S. 144.

(12) Soc­ci: Il segre­to, S. 163.

(13) Soc­ci: Il segre­to, S. 199.

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