Der Tod von Paul VI.

Paul VI.
Paul VI. war einer „der Hauptverantwortlichen für den Flächenbrand, der heute um sich greift“.

Von Rober­to de Mattei*

Im Monat August jährt sich zum 40. Mal der Tod von Gio­van­ni Bat­ti­sta Mon­ti­ni, der unter dem Namen Paul VI. von 1963 bis 1978 Papst war. Sein Pon­ti­fi­kat ver­än­der­te das Leben der Kir­che im 20. Jahr­hun­dert.

Liberal und jansenistisch geprägtes Umfeld

Gio­van­ni Bat­ti­sta Mon­ti­ni wur­de am 26. Sep­tem­ber 1897 in Con­ce­sio in der ita­lie­ni­schen Pro­vinz Bre­scia gebo­ren. Sein fami­liä­res Umfeld war stark vom Libe­ra­lis­mus und von einer jan­se­ni­sti­schen Ader geprägt, die im lit­ur­gi­schen Bereich zum Aus­druck kam. Auf sei­ne For­mung wirk­te sich zudem in sei­ner Jugend der moder­ni­sten­freund­li­che Lit­ur­gis­mus des Ora­to­ria­ner­pa­ters Giu­lio Bevil­ac­qua aus, der sein See­len­hir­te war, und den er 1965 zum Kar­di­nal erhob.

Am 19. Mai 1920 emp­fing der jun­ge Mon­ti­ni im Alter von erst 22 Jah­ren die Prie­ster­wei­he, ohne auf­grund sei­ner schwa­chen Gesund­heit das Theo­lo­gie­stu­di­um im Prie­ster­se­mi­nar absol­viert zu haben. Nach Rom gekom­men, wur­de er an das vati­ka­ni­sche Staats­se­kre­ta­ri­at beru­fen und zum geist­li­chen Assi­sten­ten des Katho­li­schen Ita­lie­ni­schen Hoch­schul­bun­des (FUCI, Feder­a­zio­ne Uni­ver­si­ta­ria Cat­to­li­ci Ita­lia­ni) ernannt, eine Auf­ga­be, die ihn inten­siv for­der­te, von der er aber wegen sei­ner „inno­va­ti­ven“ lit­ur­gi­schen Ansich­ten und einer star­ken Nei­gung zur „Poli­ti­sie­rung“ der Jugend wie­der abge­zo­gen wur­de.

Sein Vater, Gior­gio Mon­ti­ni, war Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter der Ita­lie­ni­schen Volks­par­tei (PPI, Par­ti­to Popola­re Ita­lia­no), wes­halb die Poli­tik zusam­men mit der Lit­ur­gie immer eine sei­ner größ­ten Lei­den­schaf­ten blieb.

Die „Wegbeförderung“ zum Erzbischof von Mailand

Im Dezem­ber 1937 wur­de Msgr. Mon­ti­ni als Nach­fol­ger von Msgr. Amle­to Tar­di­ni zum Sub­sti­tu­ten des Staats­se­kre­tärs beför­dert. Er ver­füg­te – außer weni­gen Mona­ten, die er an der Nun­tia­tur in War­schau ver­bracht hat­te – über kei­ne diplo­ma­ti­sche Erfah­rung, arbei­te­te aber fast unun­ter­bro­chen im Staats­se­kre­ta­ri­at, bis ihn Pius XII. 1954 zum Erz­bi­schof von Mai­land ernann­te, ohne ihm den Kar­di­nals­hut zu ver­lei­hen. Die Beför­de­rung war in Wirk­lich­keit eine „Weg­be­för­de­rung“, deren Grün­de nach wie vor nicht geklärt sind.

Laut Kar­di­nal Siri wur­de er nach einem nega­ti­ven Urteil einer Geheim­kom­mis­si­on nach Mai­land geschickt, die von Pius XII. ein­ge­setzt wor­den war, der das Ver­trau­en in sei­nen Sub­sti­tu­ten ver­lo­ren hat­te, nach­dem die­ser den Vor­sit­zen­den der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der Katho­li­schen Akti­on, Mario Ros­si, pro­te­giert hat­te, der sich für eine Öff­nung der Kir­che in Rich­tung Sozia­lis­mus und Kom­mu­nis­mus stark gemacht hat­te. Kar­di­nal Casa­ro­li ver­trau­te dem Vati­ka­ni­sten Andrea Tor­ni­el­li an, daß sich das Ver­hält­nis des Pap­stes zu sei­nem Mit­ar­bei­ter zer­rüt­te­te, weil Mon­ti­ni ohne Wis­sen von Pius XII. Kon­tak­te zu Krei­sen der poli­ti­schen Lin­ken Ita­li­ens unter­hal­ten hat­te.

Aus dem Brief­wech­sel von Msgr. Mon­ti­ni mit Don Giu­sep­pe De Luca kann man schlie­ßen, daß der Sub­sti­tut über den römi­schen Prie­ster Kon­tak­te mit den Katho-Kom­mu­ni­sten und eini­gen Tei­len der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens (KPI) unter­hielt. Der Histo­ri­ker Andrea Ric­car­di erin­ner­te dar­an, daß eini­ge Bischofs­er­nen­nun­gen in Litau­en Anlaß für Stim­men gaben, die eine Treu­lo­sig­keit Mon­ti­nis in den Bezie­hun­gen zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Sowjet­uni­on behaup­te­ten. Die­se Stim­men gehen auf einen „Geheim­be­richt“ des fran­zö­si­schen Oberst Clau­de Arnould zurück, der gebe­ten wor­den war, wegen der Wei­ter­ga­be ver­trau­li­cher Infor­ma­tio­nen des Staats­se­kre­ta­ri­ats an kom­mu­ni­sti­sche Regie­rung des Ostens zu ermit­teln. Arnould hat­te in Msgr. Mon­ti­ni und sei­ner Entou­ra­ge die Ver­ant­wort­li­chen für die undich­te Stel­le aus­fin­dig gemacht, und damit den Vati­kan beun­ru­higt.

Bewunderer der Nouvelle Théologie

Sicher ist, daß der Erz­bi­schof von Mai­land ein Pro­gres­sist und Bewun­de­rer der Nou­vel­le Théo­lo­gie und des „inte­gra­len Huma­nis­mus“ von Jac­ques Mari­tain war. Nach dem Tod von Papst Pacel­li am 15. Dezem­ber 1958 erhob ihn der neue Papst, Johan­nes XXIII., in den Kar­di­nal­s­rang und ermög­lich­te ihm damit die Teil­nah­me am näch­sten Kon­kla­ve. Als 1962 das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil eröff­net wur­de, rech­ne­ten Jour­na­li­sten den Namen des Erz­bi­schofs von Mai­land zu den Herol­den des Pro­gres­sis­mus wie die Kar­di­nä­le König, Erz­bi­schof von Wien, Frings, Erz­bi­schof von Köln, Döpf­ner, Erz­bi­schof von Mün­chen, Alfrink, Erz­bi­schof von Utrecht, und Sue­n­ens, Erz­bi­schof von Brüs­sel. Msgr. Hel­der Cama­ra berich­tet im Buch „Brie­fe aus dem Kon­zil. Nacht­wa­chen im Kampf um das Zwei­te Vati­ka­num“ (deut­sche Aus­ga­be: Edi­ti­on Exo­dus, Luzern 2016) von sei­ner Begeg­nung mit Kar­di­nal Sue­n­ens, bei der sie sich auf den Namen Mon­ti­nis als geeig­net­sten Nach­fol­ger für Johan­nes XXIII. einig­ten.

Nach dem Tod von Papst Ron­cal­li, am 3. Juni 1963, kam es im Kon­kla­ve zu einer har­ten Kon­fron­ta­ti­on. Trotz der star­ken Oppo­si­ti­on von Kar­di­nal Otta­via­ni wur­de am 21. Juni Kar­di­nal Mon­ti­ni mit dem Namen Paul VI. auf den Stuhl des Petrus gewählt. Am 22. Juni wand­te sich der neue Papst mit sei­ner ersten Radio­bot­schaft an „die gesam­te Mensch­heits­fa­mi­lie“ und kün­dig­te an, daß die Fort­set­zung des Öku­me­ni­schen Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils vor­ran­gi­ger Teil sei­nes Pon­ti­fi­kats sein wer­de. Am fol­gen­den Tag rief er beim Ange­lus auf dem Peters­platz Kar­di­nal Sue­n­ens am Fen­ster des Apo­sto­li­schen Pala­stes an sei­ne Sei­te, den er mit der füh­ren­den Rol­le bei der Lei­tung der Kon­zils­ar­bei­ten beauf­trag­te.

Die Linksöffnung

Der Papst unter­stütz­te von Anfang an die „Links­öff­nung“ der Christ­de­mo­kra­ten (DC, Demo­cra­zia Cri­stia­na), die am 23. Novem­ber 1963 unter der Füh­rung von Aldo Moro erst­mals eine Regie­rung mit den Sozia­li­sten bil­de­te. Min­de­stens zwei­mal stütz­te Papst Mon­ti­ni in den Jah­ren 1963 und 1964 mit eini­gen Arti­keln im Osser­va­to­re Roma­no das poli­ti­sche Han­deln Moros.

Paul VI. war es, der auf dem Kon­zil 1965 per­sön­lich die Initia­ti­ve von fast 500 Kon­zils­vä­tern blockier­te, die eine Ver­ur­tei­lung des Kom­mu­nis­mus ver­lang­ten. Auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne unter­stütz­te der Papst wie schon sein Vor­gän­ger die soge­nann­te Ost­po­li­tik, die den kom­mu­ni­sti­schen Regi­men in Ost­eu­ro­pa die Hand reich­te.

Eines der nam­haf­te­sten Opfer die­ser Poli­tik wur­de Kar­di­nal Józ­sef Mindszen­ty, der nach der Nie­der­schla­gung des unga­ri­schen Auf­stan­des von 1956 sich in die ame­ri­ka­ni­sche Bot­schaft in Buda­pest geflüch­tet hat­te und jedes Abkom­men mit den kom­mu­ni­sti­schen Regie­run­gen ent­schie­den ablehn­te. Als Paul VI. sei­nen Ver­zicht auf den Titel des Erz­bi­schofs von Esz­ter­gom und des Pri­mas von Ungarn wünsch­te, erteil­te ihm der Kar­di­nal eine respekt­vol­le, aber ein­deu­ti­ge Absa­ge. Paul VI. über­nahm dann selbst die Ver­ant­wor­tung, den Stuhl des Erz­bi­schof-Pri­mas für vakant zu erklä­ren und Kar­di­nal Mindszen­ty am 18. Novem­ber 1973 sei­ne Abset­zung als Erz­bi­schof mit­zu­tei­len. Das war ein Skan­dal, der Epo­che mach­te.

Hauptarbeitsfeld Liturgie

In sei­ner Rede zur Eröff­nung der zwei­ten Sit­zungs­pe­ri­ode des Kon­zils, am 29. Sep­tem­ber 1963, benann­te Paul VI. die Lit­ur­gie als ein Haupt­ar­beits­feld für die Kon­zils­vä­ter. Man hat ver­sucht, Msgr. Anni­ba­le Bugni­ni zum „Urhe­ber“ der Lit­ur­gie­re­form zu machen, als habe er dabei gegen den Wil­len von Paul VI. gehan­delt. In Wirk­lich­keit, wie Bugni­ni selbst bezeug­te, ent­stand die neue Lit­ur­gie in enger Zusam­men­ar­beit zwi­schen dem Laza­ri­sten und Paul VI.

„Wie vie­le Abend­stun­den“, erin­ner­te sich Msgr. Bugni­ni, „habe ich mit ihm ver­bracht, indem wir gemein­sam die zahl­rei­chen, oft umfang­rei­chen Dos­siers stu­dier­ten, die sich auf sei­nem Schreib­tisch türm­ten! Er las und bedach­te Zei­le für Zei­le, Wort für Wort, indem er zu allem schwarz, rot oder blau sei­ne Anmer­kun­gen hin­zu­füg­te und gege­be­nen­falls auch mit der für ihn typi­schen Dia­lek­tik kri­ti­sier­te, die imstan­de war, zum sel­ben Punkt zehn Fra­gen zu for­mu­lie­ren.“

Die­se ech­te Revo­lu­ti­on gelang­te in die Kir­che über die Aus­ar­bei­tung des neu­en Ordo Mis­sae, den Paul VI. am 3. April 1969 pro­mul­gier­te. Bereits im Sep­tem­ber 1969 leg­ten die Kar­di­nä­le Otta­via­ni und Bac­ci dem Papst eine Kur­ze kri­ti­sche Unter­su­chung des neu­en „Ordo Mis­sae“ vor, die von einer inter­na­tio­na­len Grup­pe von Theo­lo­gen erstellt wor­den war. Dar­in wur­de bekräf­tigt, daß „der Novus Ordo Mis­sae […] sowohl im Gan­zen wie in den Ein­zel­hei­ten ein auf­fal­len­des Abrücken von der katho­li­schen Theo­lo­gie der hei­li­gen Mes­se dar(stellt), wie sie in der XXII. Sit­zung des Kon­zils von Tri­ent for­mu­liert wur­de“.

„Gekommen ist ein Tag des Sturms und der Finsternis“

Paul VI. ent­ging nicht, was in jenen dra­ma­ti­schen Jah­ren geschah. Am 18. Janu­ar 1967 über­reich­te ihm Kar­di­nal Jour­net die Emp­feh­lun­gen Mari­tains für ein neu­es „Glau­bens­be­kennt­nis“, das die Grund­wahr­hei­ten des Chri­sten­tums wie­der­her­stel­len soll­te, die durch die Jah­re nach dem Kon­zil unter­gra­ben wor­den waren. Bei die­ser Gele­gen­heit bat Paul VI. den Schwei­zer Kar­di­nal um sei­ne Beur­tei­lung der Lage der Kir­che. „Tra­gisch“, lau­te­te die lapi­da­re Ant­wort Jour­nets. Am 7. Dezem­ber 1968 fand Paul VI. in einer Anspra­che im Lom­bar­di­schen Semi­nar beein­drucken­de Wor­te:

„Die Kir­che macht heu­te einen Moment der Unru­he durch. Man­che üben sich in Selbst­kri­tik, die man fast Selbst­zer­stö­rung nen­nen könn­te. Es ist wie ein inne­rer Umbruch, den sich nie­mand nach dem Kon­zil erwar­tet hät­te.“

Drei Jah­re spä­ter, am 29. Juni 1972, stell­te Paul VI. mit Blick auf den Zustand der Kir­che mit eben­sol­cher Klar­heit fest:

„[…] den Ein­druck zu haben, daß durch irgend­ei­nen Spalt der Rauch Satans, in den Tem­pel Got­tes ein­ge­drun­gen sei. […] Man glaub­te, daß nach dem Kon­zil ein Son­nen­tag für die Geschich­te der Kir­che kom­men wür­de. Gekom­men ist statt­des­sen ein Wol­ken­tag, ein Tag des Sturms, der Fin­ster­nis, der Suche und der Unsi­cher­heit.“

Um die Kri­se zu über­win­den, ver­folg­te der Papst die poli­ti­sche Stra­te­gie, die „gegen­sätz­li­chen Extre­me“ zu ver­ur­tei­len, die aus einer wohl­wol­len­den Nach­sich­tig­keit gegen­über den Pro­gres­si­sten und aus stren­gen Sank­tio­nen gegen jene bestand, die wie der fran­zö­si­sche Erz­bi­schof Mar­cel Lef­eb­v­re der Tra­di­ti­on der Kir­che treu blei­ben woll­ten.

Zwei Ereignisse erschütterten das Leben von Paul VI. zutiefst

Zwei Ereig­nis­se erschüt­ter­ten das Leben von Paul VI. zutiefst: Der Wider­spruch, den er im Som­mer 1968 erleb­te, und der Tod von Aldo Moro zehn Jahr spä­ter.

Paul VI. teil­te die Posi­ti­on von Kar­di­nal Sue­n­ens nicht, der dar­auf dräng­te, die Ver­hü­tungs­pil­le zu erlau­ben. Und obwohl die von ihm ernann­ten „Exper­ten“, die das Pro­blem stu­die­ren soll­ten, gegen­tei­li­ger Mei­nung waren, bekräf­tig­te er am 25. Juli 1968 die Ver­ur­tei­lung der künst­li­chen Ver­hü­tung mit der Enzy­kli­ka Huma­nae vitae. Auf die­ses Doku­ment, mit dem er gegen den Strom schwamm, folg­ten wil­de Pro­te­ste, die von Theo­lo­gen, Bischö­fen und gan­zen Bischofs­kon­fe­ren­zen ange­führt wur­den, dar­un­ter der bel­gi­schen, die von Kar­di­nal Sue­n­ens gelei­tet wur­de. Paul VI. fühl­te sich von den Kon­zils­vä­tern ver­ra­ten, die ihm am näch­sten stan­den. Die­se ihrer­seits betrach­te­ten ihn als „Ver­rä­ter“ und setz­ten ihm die Uto­pie des „guten Pap­stes“ Johan­nes XXIII. ent­ge­gen. Die Erschüt­te­rung war so groß, daß Paul VI. in den letz­ten zehn Jah­ren sei­nes Pon­ti­fi­kats kei­ne Enzy­kli­ka mehr ver­öf­fent­lich­te. Der Papst ver­folg­te aber wei­ter­hin mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit die ita­lie­ni­sche Poli­tik und ermu­tig­te den Ver­such sei­nes Jugend­freun­des Aldo Moro, nach der Links­öff­nung zu den Sozia­li­sten auch noch den „histo­ri­schen Kom­pro­miß“ mit den Kom­mu­ni­sten zu ver­wirk­li­chen.

Am 16. März 1978, dem Tag, an dem im Par­la­ment einer von Giu­lio Andreot­ti (DC) geführ­ten Regie­rung mit den Stim­men der Kom­mu­ni­sten das Ver­trau­en aus­ge­spro­chen wer­den soll­te, wur­de Moro von den Roten Bri­ga­den ent­führt und sei­ne fünf­köp­fi­ge Eskor­te in einem Hin­ter­halt getö­tet. Paul VI. war erschüt­tert. Am fol­gen­den Tag ließ er mit einer Erklä­rung des Staats­se­kre­ta­ri­ats wis­sen, daß er bereit war, sei­ne gan­ze mora­li­sche und mate­ri­el­le Unter­stüt­zung zu geben, um das Leben des christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­vor­sit­zen­den zu ret­ten. Am 22. April schrieb der Papst einen offe­nen Brief „an die Men­schen der Roten Bri­ga­den“, wie er die Ter­ro­ri­sten nann­te, und bat sie auf den Knien, Aldo Moro bedin­gungs­los frei­zu­las­sen, „nicht so sehr wegen mei­ner demü­ti­gen und lie­be­vol­len Für­spra­che, son­dern kraft sei­ner Wür­de als Bru­der in der Mensch­lich­keit“. Der Appell wur­de nicht erhört. Am 9. Mai wur­de der leb­lo­se Kör­per des DC-Vor­sit­zen­den im Kof­fer­raum eines Renaults in der römi­schen Via Caeta­ni gefun­den, nur weni­ge Meter von den Par­tei­sit­zen der KPI und der DC ent­fernt. Das war, wie der Sekre­tär von Paul VI., Msgr. Mac­chi, erin­nert,

„ein töd­li­cher Schlag, für sei­ne bereits von der Krank­heit und dem fort­ge­schrit­te­nen Alter gezeich­ne­ten Per­son“.

Der Tod Pauls VI. „Deo gratias“ und das Beileid der Freimaurer

Am 13. Mai nahm der Papst in der Late­ran­ba­si­li­ka an der von Kar­di­nal­vi­kar Ugo Polet­ti zele­brier­ten Toten­fei­er teil und hielt eine Anspra­che, die fast wie ein Vor­wurf gegen Gott klang, weil Er die Bit­te um Ret­tung Aldo Moros nicht erhört hat­te. Das tra­gi­sche Ereig­nis beschleu­nig­te das Schwin­den sei­ner Kräf­te. Mit­te Juli ver­ließ Paul VI. Rom, um sich in die Som­mer­re­si­denz Castel Gan­dol­fo zu bege­ben, wo er am 6. August 1978 um 21.40 Uhr ver­stor­ben ist.

Die Bei­leids­schrei­ben zum Tod von Paul VI. waren zahl­los. Unter ihnen fie­len vor allem die Wor­te des ehe­ma­li­gen Groß­mei­sters des Groß­ori­ent von Ita­li­en, Gior­da­no Gam­be­ri­ni, auf:

„Es ist das erste Mal in der Geschich­te der moder­nen Frei­mau­re­rei, daß das Ober­haupt der größ­ten, west­li­chen Reli­gi­on nicht in Feind­schaft mit den Frei­mau­rern stirbt. Und zum ersten Mal in der Geschich­te kön­nen die Frei­mau­rer dem Grab eines Pap­stes ohne Zwei­deu­tig­keit und Wider­sprü­che die Ehre erwei­sen“.

Als mich die Nach­richt vom Tod Pauls VI. erreich­te, befand ich mich zusam­men mit Gio­van­ni Can­to­ni und Agosti­no San­f­r­a­tel­lo in Saviglia­no (Pie­mont) in der Vil­la des Phi­lo­so­phen Augu­sto Del Noce (1910–1989). Einem der Anwe­sen­den ent­schlüpf­te ein Deo gra­ti­as! Augu­sto Del Noce war im pri­va­ten Kreis ein stren­ger Kri­ti­ker des Mon­ti­ni-Pon­ti­fi­kats. In uns war die Hoff­nung leben­dig, daß mit dem Tod von Paul VI. auch der Rauch Satans, der in den Tem­pel Got­tes ein­ge­drun­gen war, wie­der ver­schwin­den wür­de. In den fol­gen­den Pon­ti­fi­ka­ten wur­den die Fen­ster, durch die der Rauch ein­drang, aber nur zur Hälf­te geschlos­sen – und jetzt sind sie wie­der ganz offen. Der Rauch Satans hat sich in einen Brand ver­wan­delt, der die Kir­che ver­wü­stet wie die Feu­er, die in die­sem hei­ßen Som­mer in Grie­chen­land und Kali­for­ni­en wüten. Der Papst, der vor 40 Jah­ren starb, und von dem die erstaun­li­che Hei­lig­spre­chung ange­kün­digt wird, war einer der Haupt­ver­ant­wort­li­chen für den Flä­chen­brand, der heu­te um sich greift.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011.

Über­set­zunng: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

2 Kommentare

  1. De Mattei hat hier einen sehr infor­ma­ti­ven Arti­kel ver­fasst. Ich möch­te eini­ges zur Les­art und Rezep­ti­on des Arti­kels sagen:

    Bis zum Schluss hat­te ich den Ein­druck, es sei viel­leicht gar nicht so schlecht so stark zu pola­ri­sie­ren, denn

    „Es ist das erste Mal in der Geschich­te der moder­nen Frei­mau­re­rei, daß das Ober­haupt der größ­ten, west­li­chen Reli­gi­on nicht in Feind­schaft mit den Frei­mau­rern stirbt. Und zum ersten Mal in der Geschich­te kön­nen die Frei­mau­rer dem Grab eines Pap­stes ohne Zwei­deu­tig­keit und Wider­sprü­che die Ehre erwei­sen“.

    Die­se Öff­nung Mon­ti­nis, die zur Ent­kramp­fung der Lage bei­trägt, scheint bei­spiel­gaft für den Welt­frie­den.

    Und man erkennt, wie sehr Ber­go­glio in den Schu­hen Mon­ti­nis geht.
    Wenn de Mattei jetzt nicht die Kur­ve gekriegt hät­te, wäre der Reze­pi­ent im Wan­ken und Schwan­ken und sähe sich inner­lich argu­men­ta­tiv den Seg­nun­gen des Pro­gres­sis­mus zuge­lenkt. Aber de Mattei kriegt die Kur­ve mit einem ganz star­ken Schluss­ab­satz, der scho­nungs­los ent­lar­vend ist: In uns war die Hoff­nung leben­dig, daß mit dem Tod von Paul VI. auch der Rauch Satans, der in den Tem­pel Got­tes ein­ge­drun­gen war, wie­der ver­schwin­den wür­de. In den fol­gen­den Pon­ti­fi­ka­ten wur­den die Fen­ster, durch die der Rauch ein­drang, aber nur zur Hälf­te geschlos­sen – und jetzt sind sie wie­der ganz offen. Der Rauch Satans hat sich in einen Brand ver­wan­delt, der die Kir­che ver­wü­stet wie die Feu­er, die in die­sem hei­ßen Som­mer in Grie­chen­land und Kali­for­ni­en wüten. Der Papst, der vor 40 Jah­ren starb, und von dem die erstaun­li­che Hei­lig­spre­chung ange­kün­digt wird, war einer der Haupt­ver­ant­wort­li­chen für den Flä­chen­brand, der heu­te um sich greift.

    Was de Mattei hier macht, wünsch­te man sich auch von Papst Fran­zis­kus: Unter­schei­dung und Beleuch­tung der agnot­si­chen, athe­isti­schen, pro­ge­si­sti­schen Kräf­te; dann aber die kla­re Ver­ur­tei­lung der­sel­ben zur Ret­tung der See­len.

  2. Paul VI habe ich zu sei­ner Zeit als lei­dend emp­fun­den, einen Mann, der dar­un­ter lei­det, weil er von der Welt nicht ver­stan­den wur­de, ein­sam war und dem in sei­ner wesent­li­chen Enzy­kli­ka „Huma­nae vitae“ die Unter­stüt­zung durch die Bischö­fe und Bischofs­kon­fe­ren­zen fehl­te. Ich glaub­te und respek­tier­te ihn, der­weil er ein Kreuz trug. Heu­te, nahe­zu vier­zig Jah­re nach sei­nem Tod und unter Sicht der Geschich­te, fra­ge ich mich kann die Kir­che die­sen Mann hei­lig spre­chen, ohne wesent­li­che Punk­te sei­nes Lebens­wer­kes den Gläu­bi­gen zu erklä­ren. Wie­so such­te hin­ter dem Rücken des amtie­ren­den Pap­stes Pius XII den Kon­takt zu den Kom­mu­ni­sten und zu den Sta­li­ni­sten?
    Was ver­an­lass­te ihn zum Ver­rat an Erz­bi­schof Mind­zen­ty? Selbst wenn es Grün­de für eine geän­der­te Poli­tik gegen­über den Kom­mu­ni­sti­schen Regi­men nach Sta­lin gege­ben hät­te, war­um konn­te und woll­te er dies Mind­zen­ty, dem glau­benstar­ken Erz­bi­schof, nicht über­mit­teln. Die letz­te Fra­ge an das Lebens­werk von Paul VI betrifft die soge­nann­te
    „Neue Mes­se“. War­um? War­um? War­um? Der Besuch einer triden­ti­ni­schen hl. Mes­se am ver­gan­ge­nen Sonn­tag in Frei­burg hat mir zu erken­nen gege­ben, dass es dafür kei­ne Ant­wort geben wird. Das Hei­li­ge der triden­ti­ni­schen Mes­se­wur­de unter Paul VI von viel Bana­li­tät in der neu­en Mes­se abge­löst. Mir fehlt der Glau­be, war­um dies zur Ehre der Altä­re erho­ben wird.

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