Die ungleichen „Märtyrer“

Papst Franziskus
Pamphlet gegen Bischof Enrique Angelelli: „Wer wie Marx denkt und wie Marx spricht, ist ein Marxist“.

(Bue­nos Aires) Unter Papst Fran­zis­kus wird die katho­li­sche Kir­che um Seli­ge und Hei­li­ge erwei­tert, die in einem poli­ti­schen Kon­text ste­hen und zwar in einem befrei­ungs­theo­lo­gi­schen, jeden­falls einem lin­ken. Dazu gehört Bischof Enri­que Angel­el­li in Argen­ti­ni­en und eine unge­wöhn­li­che Geschich­te, die unter den Katho­li­ken des Lan­des die Gemü­ter erhitzt.

Irritierende Selig- und Heiligsprechungen

Über­haupt irri­tiert Fran­zis­kus durch unge­wöhn­li­che Kano­ni­sie­run­gen. Papst Johan­nes XXIII. wur­de wun­der­los hei­lig­ge­spro­chen, Erz­bi­schof Rome­ro als Mär­ty­rer, also eben­so wun­der­los, obwohl der Zwei­fel besteht, daß er aus poli­ti­schen Grün­den ermor­det wur­de und nun die wun­der­lo­se Selig­spre­chung eines Bischofs als Mär­ty­rer, von dem nicht ein­mal klar ist, ob er ermor­det wur­de oder nur bei einem Auto­un­fall ums Leben kam.

Papst Bene­dikt XVI. hat­te Beden­ken, den Tod des sal­va­do­ria­ni­schen Erz­bi­schofs Oscar Rome­ro (1917–1980) als Mar­ty­ri­um anzu­er­ken­nen. Er leg­te den Akt zurück und ver­lang­te eine gründ­li­che­re Prü­fung. Rome­ro hat­te sich am Ende sei­nes Lebens zuneh­mend poli­ti­siert und war 1979 mit­ten in einen lin­ken Staats­streich und rech­ten Gegen­putsch gera­ten. Am 24. März 1980 wur­de der Erz­bi­schof von einem Mili­tär­ver­tre­ter erschos­sen, wäh­rend er die Mes­se zele­brier­te. Umstrit­ten war, ob Rome­ro aus poli­ti­schen oder aus reli­giö­sen Grün­den ermor­det wur­de. Nur wer in odi­um fidei, aus Haß gegen den Glau­ben, getö­tet wird, kann von der Kir­che als Mär­ty­rer aner­kannt wer­den.

Papst Fran­zis­kus ließ das Selig­spre­chungs­ver­fah­ren einen Monat nach sei­ner Wahl wie­der­auf­neh­men und sprach Rome­ro am 23. Mai 2015 selig. Seit­her wird von man­chen pole­misch von einer neu­en Form von Mar­ty­ri­um gespro­chen, einem „poli­ti­sier­ten Mar­ty­ri­um“.

Der Tod von Bischof Angelelli

Ähn­li­ches voll­zieht sich der­zeit im Zusam­men­hang mit der von Papst Fran­zis­kus vor­an­ge­trie­be­nen Selig­spre­chung des argen­ti­ni­schen Bischofs und Befrei­ungs­theo­lo­gen Enri­que Angel­el­li (1923–1976).

Angelelli bei den Montoneros, die zur linken Terrororganisation wurden
Angel­el­li bei den Mon­to­n­e­ros, die zur lin­ken Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on wur­den

Angel­el­li war einer der radi­kal­sten Befür­wor­ter des revo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes und trug den Mar­xis­mus in die Kir­che in Argen­ti­ni­en hin­ein. Seit 1957 unter­hielt er Kon­tak­te zur Pax-Bewe­gung, einer Prie­ster­or­ga­ni­sa­ti­on, die einen von meh­re­ren Ost­block-Ver­su­chen zur mar­xi­stisch-leni­ni­sti­schen Infil­tra­ti­on der Kir­che dar­stell­te.

Wie in ande­ren latein­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten ver­such­te seit den 60er Jah­re auch in Argen­ti­ni­en eine links­ex­tre­me Gue­ril­la die gewalt­sa­me Macht­über­nah­me. Dage­gen orga­ni­sier­te der pero­ni­sti­sche Staat ab 1973 einen Gegen­ter­ror. Der Unter­schied zu ande­ren Staa­ten des Sub­kon­ti­nents bestand dar­in, daß die ant­ago­ni­sti­schen Ter­roror­grup­pen bei­der Sei­ten zum Teil aus dem Pero­nis­mus her­vor­gin­gen, was die Desta­bi­li­sie­rung beschleu­nig­te.

1976 putsch­te das Mili­tär, um den völ­li­gen Kol­laps der staat­li­chen Ord­nung und eine kom­mu­ni­sti­sche Macht­über­nah­me zu ver­hin­dern. Angel­el­li, wegen sei­ner poli­ti­schen Posi­tio­nen bekannt, wur­de von der Mili­tär­re­gie­rung ver­warnt und mit einem Pre­digt­ver­bot belegt. Bereits in den Jah­ren war eine Kari­ka­tur des Bischofs ver­brei­tet wor­den, in der es hieß:

„Wer wie Marx denkt und wie Mark redet, der ist auch ein Mar­xist“.

Am 24. März 1976 kam das Auto des Bischofs bei Pun­ta de los Lla­nos von der Stra­ße ab. Angel­el­li starb noch an der Unfall­stel­le. Der das Auto len­ken­de Prie­ster Arturo Pin­to, ein Freund und enger Ver­trau­ter es Bischofs, über­leb­te. Auf­grund der Aus­sa­ge eines direk­ten Augen­zeu­gen und jener von wei­te­ren Zeu­gen, die unmit­tel­bar danach an den Unfall­ort kamen und Hil­fe lei­ste­ten, hat­te Pin­to den Wagen gelenkt. Von ande­ren Fahr­zeu­gen oder Fremd­ver­schul­den berich­te­ten sie nichts. Die Beweis­si­che­rung vor Ort, der hin­zu­ge­ru­fe­ne Arzt und die Aut­op­sie des Amts­arz­tes erga­ben, daß es sich um einen Unfall han­del­te. Pin­to behaup­te­te, sich an nichts erin­nern zu kön­nen. Der Fall wur­de archi­viert.

Etli­che Jah­re spä­ter erhob der Kapu­zi­ner­pa­ter Anto­nio Puig­ja­né plötz­lich die Behaup­tung, Angel­el­li sei ermor­det wor­den. Puig­ja­né wird von der poli­ti­schen Lin­ken als „Men­schen­rechts­ak­ti­vist“ bezeich­net. Noch Anfang 1989, mehr als fünf Jah­re nach dem Ende der Mili­tär­dik­ta­tur, erhob er als Gue­ril­le­ro die Waf­fen gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge, demo­kra­ti­sche Regie­rung von Raul Alfon­sin und nahm am Ter­ror­an­griff gegen die La Tab­la­da-Kaser­ne teil, bei dem ins­ge­samt 39 Men­schen getö­tet wur­den. Puig­ja­né wur­de dafür zu 20 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. Nach zehn Jah­ren kam er in den Haus­ar­rest und wur­de 2000 vom lin­ken Staats­prä­si­den­ten Fer­nan­do de la Rúa begna­digt.

Wurde Angelelli ermordet?

Bischof Ber­nar­do Wit­te von La Rio­ja, dem Bis­tum, das Angellel­li gelei­tet hat­te, erklär­te 1988:

„Wir waren über­rascht, daß der myste­riö­se Tod von Erz­bi­schof Angel­el­li ohne aus­rei­chen­de Bewei­se als Mord bezeich­net wur­de.“

Arturo Pin­to, der 1976 mit Angel­el­li unter­wegs war, behaup­te­te plötz­lich, sich wie­der erin­nern zu kön­nen. Nicht er, son­dern der Bischof sei gefah­ren, und sie sei­en von ande­ren Autos ver­folgt und von der Stra­ße abge­drängt wor­den. Die Zeu­gen hat­ten aus­ge­sagt, Pin­to sei am Steu­er geses­sen. Kein Zeu­ge hat­te, die Anwe­sen­heit ande­rer Fahr­zeu­ge bestä­tigt. Pin­to hat­te 1977, ein Jahr nach dem Ereig­nis, wie vie­le ande­re Ange­hö­ri­ge der lin­ken Prie­ster­be­we­gung für die Drit­te Welt sein Prie­ster­tum auf­ge­ge­ben. Im wur­de vor­ge­wor­fen, dadurch mög­li­cher­wei­se von der eige­nen Ver­ant­wor­tung ablen­ken und den Tod des Bischofs dem poli­ti­schen Kampf dienst­bar machen zu wol­len.

Schlagzeile 1976: „Angelelli starb bei einem Autounfall“
Schlag­zei­le 1976: „Angel­el­li starb bei einem Auto­un­fall“

Links­krei­se mach­ten sich die Sache bereit­wil­lig zu eigen und erklär­ten Angel­el­li, Bewei­se hin oder her, zum Opfer der ver­haß­ten Mili­tär­dik­ta­tur.

Ein Senat des Bun­des­be­ru­fungs­ge­richts von Cor­do­ba stel­le 1990 fest, daß auf­grund der Ermitt­lun­gen und erneu­ter Über­prü­fun­gen es nicht mög­lich sei, zu sagen, daß der Unfall mut­wil­lig durch Drit­te her­bei­ge­führt wur­de. Von Medi­en auf­ge­stell­te Behaup­tun­gen, so die Ermitt­lungs­be­hör­de, wür­den nicht aus­rei­chen, um von einem Atten­tat zu spre­chen.

2014, 38 Jah­re nach dem Ereig­nis, kam ein Bun­des­straf­ge­richt von La Rio­ja zu einem gegen­tei­li­gen Schluß. Es habe sich um einen „kalt­blü­tig geplan­ten Mord“ gehan­delt und ver­ur­teil­te zwei rang­ho­he Mili­tär­ver­tre­ter, Gene­ral Lucia­no Ben­jamín Menén­dez und Vize­ad­mi­ral Luis Est­rel­la, zu lebens­lan­ger Haft. Wei­te­re Ange­klag­te, dar­un­ter Mili­tär­dik­ta­tor Vide­la, konn­ten nicht mehr belangt wer­den, weil sie bereits ver­stor­ben waren.

Kri­ti­ker spre­chen seit­her von einem poli­tisch moti­vier­ten Urteil, weil das Ver­fah­ren außer­halb einer ordent­li­chen Rechts­ord­nung abge­wickelt wor­den sei. Für ein Ver­bre­chen, von dem nicht ein­mal bewie­sen sei, daß es über­haupt statt­ge­fun­den hat, und von dem kei­ne direk­ten Täter bekannt sind, wur­den den­noch angeb­li­che „Auf­trag­ge­ber“ ver­ur­teilt, weil, so die umstrit­te­ne Urteils­be­grün­dung, für die­se Anstif­ter, da „Hin­ter­män­ner“, kein direk­ter Schuld­nach­weis not­wen­dig sei. Kri­tik spre­chen von einem Miß­brauch der Justiz. Die Rich­ter gin­gen beweis­los von der „Tat­sa­che“ aus, daß der Unfall ein Atten­tat war, und daß der Befehl dazu, eben­so beweis­los, von den ört­li­chen Mili­tär­ver­ant­wort­li­chen aus­ge­gan­gen sei. Gene­ral Menén­dez hat­te das Pre­digt­ver­bot gegen Angel­el­li ver­hängt.

Schafft Papst Franziskus neue Gruppe „politischer Märtyrer“?

Am 8. Juni 2018 erkann­te Papst Fran­zis­kus den Tod Angel­el­lis als Mar­ty­ri­um an. Dage­gen rührt sich in Argen­ti­ni­en erheb­li­cher Wider­stand.

Angelellis Anhänger für Abtreibung
Angel­el­lis Anhän­ger für Abtrei­bung

Die Fra­ge steht im Raum, wie der Tod des Bischofs als Mar­ty­ri­um betrach­tet wer­den kön­ne, wenn nicht ein­mal geklärt sei, ob daß er ermor­det wur­de. Selbst wenn er im Auf­trag hoher Mili­tärs ermor­det wor­den sein soll­te, stellt sich die Fra­ge, ob und wel­cher Zusam­men­hang zwi­schen der Tat und sei­nem Glau­ben besteht. Kri­ti­ker wei­sen dar­auf hin, daß im Urteil des Gerichts­ver­fah­rens von 2006–2014 zwar ein Mord­an­schlag behaup­tet wird, sich aber kein Hin­weis fin­det, daß die­ser aus Haß gegen den Glau­ben erfolg­te.

Angel­el­li stand nach­weis­lich in Ver­bin­dung mit der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Mon­to­n­e­ros (sie­he Bild oben). In sei­nen Pre­dig­ten for­der­te er zur Sub­ver­si­on und zur Bewaff­nung der Jugend auf. Er war füh­ren­der Teil jener kirch­li­chen Strö­mung, die damals eine Alli­anz zwi­schen Sozia­lis­mus und Chri­sten­tum anstreb­ten.

Die­se poli­ti­sche Nähe zeigt sich noch heu­te bei sei­nen Anhän­gern. Die Red de Cen­tros Comu­ni­ta­ri­os Mons. Enri­que Angel­el­li (Netz­werk der Gemein­schafts­zen­tren Msgr. Enri­que Angel­el­li) ist eine links­ra­di­ka­le Grup­pie­rung, die den Staat grund­sätz­lich als „Fol­ter­knecht“ betrach­tet und die Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung for­dert.

Kri­tik wird daher an einem poli­ti­schen „Geschmäck­le“ geübt, das eini­gen Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren unter Papst Fran­zis­kus anhaf­te. Der argen­ti­ni­sche Papst hat­te bereits mehr­fach die stren­gen Regeln der Kir­che bei die­sen Ver­fah­ren durch­bro­chen, um von ihm gewünsch­te Selig- oder Hei­lig­spre­chun­gen durch­füh­ren zu kön­nen. Dazu gehö­ren wun­der­lo­se Hei­lig­spre­chun­gen und „poli­ti­sche Mär­ty­rer“.

Carlos Alberto Sacheri, ein Miles Christi

Argen­ti­ni­sche Gläu­bi­ge haben sich an Papst Fran­zis­kus gewandt und auf das Schick­sal von Car­los Alber­to Sache­ri, dem bekann­te­sten Tho­mi­sten Argen­ti­ni­ens, hin­ge­wie­sen. Sache­ri war fast so alt wie Jor­ge Mario Ber­go­glio. Er wur­de 1933 in Bue­nos Aires gebo­ren, und stamm­te wie Ber­go­glio aus einer pie­mon­te­si­schen Fami­lie. Car­los war nicht nur kunst‑, son­dern auch sprach­be­gabt und ins­ge­samt von einer außer­ge­wöhn­li­chen Intel­li­genz. Er beherrsch­te neben Spa­nisch und Ita­lie­nisch auch Eng­lisch und Fran­zö­sisch und Deutsch und besaß Sprach­kennt­nis­se in Latein, Grie­chisch, Por­tu­gie­sisch. Bereits als Jugend­li­cher war er in der Katho­li­schen Akti­on aktiv und orga­ni­sier­te in Bue­nos Aires Kon­fe­ren­zen zur Glau­bens­un­ter­wei­sung für Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne.

Carlos Alberto Sacheri mit Studenten
Car­los Alber­to Sache­ri (rechts)

Sein Stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten, um in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters zu tre­ten, brach er vor­zei­tig ab, und wid­me­te sich ganz dem Stu­di­um der Phi­lo­so­phie, beson­ders der Sum­ma des hei­li­gen Tho­mas von Aquin. Sache­ri hei­ra­te­te 1959 Maria Mar­ta Cigor­ra­ga. Dem Paar wur­den acht Kin­der gebo­ren. In Que­bec spe­zia­li­sier­te er sich auf die kirch­li­che Sozi­al­leh­re und das All­ge­mein­wohl. 1963 wur­de er mit magna cum lau­de pro­mo­viert und begann sei­ne aka­de­mi­sche Lehr­tä­tig­keit an der kana­di­schen Uni­ver­si­tät von Laval. Bereits damals zeich­ne­te sie sich nicht nur durch eine mes­ser­schar­fe Ana­ly­se, son­dern auch durch eine außer­ge­wöhn­li­che Fähig­keit der kla­ren Dar­le­gung aus.

Sache­ri dräng­te es jedoch nach Argen­ti­ni­en zurück, wo er sei­ne Tätig­keit fort­setz­te und unter ande­rem das Insti­tu­to de Pro­mo­ción Social Argen­ti­na (IPSA, Insti­tut zur Sozi­al­för­de­rung) grün­de­te. Ab 1969 orga­ni­sier­te er mehr­tä­gi­ge Jah­res­kon­gres­se, deren Schwer­punkt die Gesell­schafts­ord­nung war. Die Tagun­gen waren geprägt „von katho­li­scher Recht­gläu­big­keit und einem aus­ge­spro­chen freund­schaft­li­chem Dia­log“, so einer sei­ner Schü­ler. Zwei Ele­men­te, die Sache­ri mei­ster­haft zu ver­bin­den wuß­te. Das war sein ganz beson­de­rer Stil.

Der brillante Thomist

Sache­ri war durch­drun­gen vom Wunsch, die natür­li­che Ord­nung, wie sie die katho­li­sche Kir­che lehr­te, in Argen­ti­ni­en zu ver­brei­ten, weil er dar­in die ein­zi­ge, wirk­li­che Vor­aus­set­zung für das All­ge­mein­wohl aller Bür­ger sah. Des­halb war er durch und durch Katho­lik und Patri­ot, und des­halb trat er an den Uni­ver­si­tä­ten, an denen er wirk­te, dem Ein­drin­gen des Mar­xis­mus und dem Rechts­po­si­ti­vis­mus ent­ge­gen. Weil er sich bewußt war, wie sehr das Den­ken vie­ler Men­schen, beson­ders auch im aka­de­mi­schen gebil­de­ten Bereich von kir­chen­frem­den Ideen über­la­gert war, ohne daß dies offen benannt und vie­len über­haupt bewußt war, sag­te er in sei­nen Vor­le­sun­gen und Vor­trä­gen nicht sel­ten:

„Sie wer­den etwas ande­res hören, als sie zu hören gewohnt sind“.

Carlos Alberto Sacheri mit seiner Familie
Car­los Alber­to Sache­ri mit sei­ner Fami­lie

An der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Argen­ti­ni­en erhielt er eine Pro­fes­sur und Lehr­auf­trä­ge an ver­schie­de­nen Fakul­tä­ten. Die Katho­li­sche Uni­ver­si­tät Mar del Pla­ta bot ihm einen Lehr­stuhl für Rechts­phi­lo­so­phie an, den er wegen ande­rer Ver­pflich­tun­gen nicht anneh­men konn­te. An der staat­li­chen Uni­ver­si­tät Bue­nos Aires wur­de er Direk­tor des Rechts­phi­lo­so­phi­schen Insti­tuts. An zahl­rei­chen ande­ren aka­de­mi­schen Ein­rich­tun­gen hielt er Lehr­ver­an­stal­tun­gen.

Von libe­ra­len und sozia­li­sti­schen Kir­chen­geg­nern wur­de er für sei­nen katho­li­schen Glau­ben ange­fein­det. Der Nobel­preis­trä­ger für Medi­zin, Ber­nar­do Hous­say, ver­such­te Sache­ris Beru­fung in den Natio­na­len For­schungs­rat (CONICET) zu ver­hin­dern.

Der Phi­lo­soph grün­de­te ver­schie­de­ne Initia­ti­ven, um mit den Staats­ver­tre­tern ins Gespräch zu kom­men und sie von bestimm­ten Not­wen­dig­kei­ten zur Auf­rich­tung des All­ge­mein­wohls zu über­zeu­gen. 1974 betrieb er die Wie­der­be­le­bung der Tho­mi­sti­schen Gesell­schaft von Argen­ti­ni­en, die über Jah­re hin­weg inak­tiv war, weil ihre Mit­glie­der in eine post­kon­zi­lia­re Schock­star­re ver­fal­len waren.

Katholik und Patriot

Auch im Aus­land ent­fal­te­te er eine rei­che Vor­trags­tä­tig­keit, vor allem in der Schweiz, in Vene­zue­la, Kana­da, den USA, Chi­le und Uru­gu­ay. Noch wich­ti­ger war sein reich­hal­ti­ges schrift­stel­le­ri­sches Schaf­fen. Neben wis­sen­schaft­li­chen Fach­pu­bli­ka­tio­nen schrieb er vor allem in den von ihm maß­geb­lich gepräg­ten Zeit­schrif­ten Sapi­en­tia und Ver­bo. In der Tages­zei­tung La Nue­va Pro­vin­cia konn­te er eine Arti­kel­se­rie publi­zie­ren, die zur Grund­la­ge sei­nes Klas­si­kers „El Orden Natu­ral“ (Die natür­li­che Ord­nung) wur­de.

Die natürliche Ordnung
Die natür­li­che Ord­nung

Ein Schwer­punkt jener Jah­re bestand auch dar­in, die Infil­tra­ti­on des mar­xi­sti­schen Athe­is­mus in die Kir­che auf­zu­zei­gen und davor zu war­nen. Sache­ri sah den Pro­gres­sis­mus und Neo­mo­der­nis­mus als des­sen Ein­falls­pfor­ten. Dar­aus ent­stan­den zwei sei­ner Bücher: „La Igle­sia y lo social“ (Die Kir­che und die sozia­le Fra­ge) und „La Igle­sia Clan­de­sti­na“ (Die ver­bor­ge­ne Kir­che). Damit mein­te Sache­ri die sub­ver­si­ven, mar­xi­sti­schen Umtrie­be in der Kir­che. Ihnen stell­te der Phi­lo­soph das Vater­un­ser ent­ge­gen, das er als ein­zig wah­re Poli­tik für die Lai­en bezeich­ne­te: „Gehei­lig­te wer­de dein Name“ und „Dein Wil­le gesche­he im Him­mel und auf Erden und in der Poli­tik“, wie Sache­ri hin­zu­zu­fü­gen pfleg­te, um sei­nen Zuhö­rern die Trag­wei­te des Her­ren­ge­bets zu ver­deut­li­chen. Denn „Chri­stus ist der König über allem“, so der katho­li­sche Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor und Fami­li­en­va­ter.

In sei­nem Buch wies er nach, daß Bischof Angel­el­li ein Rädels­füh­rer der mar­xi­sti­schen Unter­wan­de­rung der Kir­che war.

1974 gehör­te er zu den Grün­dern der Zeit­schrift Pre­mi­sa, die zur wich­tig­sten oppo­si­tio­nel­len Stim­me gegen die Regie­rung von Isa­bel Peron wur­de.

Marxistische Infiltration in der Kirche

Es waren „blei­er­ne Jah­re“ in Argen­ti­ni­en und ande­ren Län­dern, und das war ganz wört­lich zu neh­men. Die links­ex­tre­me Gue­ril­la­be­we­gung war eine rich­ti­ge Armee. Den Groß­teil bil­de­ten die genu­in mar­xi­stisch-athe­isti­sche ERP (Revo­lu­tio­nä­re Volks­ar­mee) und die ähn­lich aus­ge­rich­te­te Mon­to­n­e­ros, die aus dem lin­ken Flü­gel des Pero­nis­mus her­vor­gin­gen. Dazu kamen noch klei­ner Gue­ril­la-Grup­pen. Gewalt aller Art, Ent­füh­run­gen, Mor­de, Bom­ben­an­schlä­ge erschüt­ter­ten das Land mit zuneh­men­der Wucht. Grund­la­ge des links­ex­tre­men Kamp­fes war die Stra­te­gie Che Gue­va­ras. Hand­lungs­an­lei­tung war die mar­xi­sti­sche „Moral“. Die argen­ti­ni­sche Gue­ril­la, was längst ver­ges­sen scheint, ent­fal­te­te eine Wucht, wie kei­ne ande­re der dama­li­gen Gue­ril­la­be­we­gun­gen.

Die radikale Linke ist sich sicher: Angelelli wurde „von der Militärdiktatur ermordet“
Die radi­ka­le Lin­ke ist sich sicher: Angel­el­li wur­de „von der Mili­tär­dik­ta­tur ermor­det“

Ab 1973 war es der zurück an die Macht keh­ren­de Juan Dom­in­go Peron, der die­ser Eska­la­ti­on der lin­ken Gewalt Ein­halt zu gebie­ten begann, obwohl er sie anfangs selbst beför­dert hat­te, und die Gue­ril­la­be­we­gung, zumin­dest die Mon­to­n­e­ros, anfangs sei­ne Rück­kehr betrie­ben hat­ten. Dem lin­ken Ter­ror wur­de ein Gegen­ter­ror ent­ge­gen­ge­setzt, der als Tri­p­la A bekannt wur­de. Dahin­ter ver­barg sich kei­ne ein­heit­li­che Orga­ni­sa­ti­on, son­dern ver­schie­de­ne Grup­pen, die von Jose Lopez Rega kon­trol­liert wur­den. Rega war unter den pero­ni­sti­schen Prä­si­den­ten von 1973–1975 Sicher­heits­mi­ni­ster. Die „Moral“ die­ser Grup­pen war jener der Links­ter­ro­ri­sten ähn­lich. Die Zahl der Ter­ror­to­ten war wäh­rend der „demo­kra­ti­schen“ (pero­ni­sti­schen) Ära bei wei­tem höher als wäh­rend der vor­an­ge­gan­gen Mili­tär­re­gie­rung bis 1973. Sache­ri kri­ti­sier­te Ter­ror und Gegen­ter­ror.

Kritik an Angelelli: „Wer wie ein Marxist denkt und spricht, ist auch ein Marxist“
Zeit­ge­nös­si­sche Kri­tik an Angel­el­li: „Wer wie ein Mar­xist denkt und spricht, ist auch ein Mar­xist“

In sei­ner intel­lek­tu­el­len Bril­lanz zeig­te Sache­ri die pro­gres­si­ve Häre­sie in der Kir­che auf, die für ihn auch eine Häre­sie im Staat war, und attackier­te den Moder­nis­mus und die Befrei­ungs­theo­lo­gie. Einer sei­ner Gegen­spie­ler war die mar­xi­stisch durch­tränk­te Prie­ster­be­we­gung für die Drit­te Welt, die ein Vor­läu­fer der Befrei­ungs­theo­lo­gie war.

Er kri­ti­sier­te die mar­xi­sti­sche Leh­re und Gue­ril­la und eben­so den zügel­lo­sen Libe­ra­lis­mus, den er für die kom­mu­ni­sti­sche Reak­ti­on mit­ver­ant­wort­lich mach­te. Als Ant­wort auf die mar­xi­sti­sche Gefahr such­te Sache­ri dabei nie Zuflucht beim Faschis­mus, in des­sen Leh­re er ande­re Gefah­ren erkann­te. Er hielt sich an die katho­li­schen und patrio­ti­schen Kräf­te. Sache­ri war somit ein Kri­ti­ker des Mar­xis­mus wie der pero­ni­sti­schen Regie­rung. Er war Katho­lik und Argen­ti­ni­er und nur Katho­lik und Argen­ti­ni­er. Er such­te im Gegen­satz zu Angel­el­li, der mit dem Mar­xis­mus lieb­äu­gel­te, kei­ne Zuflucht bei einer glau­bens­frem­den Ideo­lo­gie, nicht links und nicht rechts.

Die „Iglesia Clandestina“ und Sacheris Ermordung

Am 22. Dezem­ber 1974 wur­de Sache­ri im Alter von 41 Jah­ren in Bue­nos Aires vor den Augen sei­ner Fami­lie von einem Kil­ler­kom­man­do getö­tet. Zum Mord bekann­te die die mar­xi­sti­sche Befrei­ungs­ar­mee ERP-22. August. Im Gegen­satz zu Angel­el­li besteht bei Sache­ri kein Zwei­fel, daß er ermor­det wur­de.

La Iglesia clandestina
La Igle­sia clan­de­sti­na

In katho­li­schen Krei­sen, die Sache­ri nahe­ste­hen, herr­schen aber bis heu­te Zwei­fel, ob die Ermor­dung durch die lin­ke Gue­ril­la oder die Trip­le A erfolg­te. Bei­de hat­ten in ihm einen bril­lan­ten Kri­ti­ker, wobei sei­ne Kri­tik immer auf der Grund­la­ge der kirch­li­chen Leh­re erfolg­te und nicht aus der Per­spek­ti­ve einer Ideo­lo­gie.

Der reli­gi­ös auf­ge­la­de­ne Inhalt des Beken­ner­schrei­bens mit sei­nem Spott über Chri­stus König läßt den Rechts­phi­lo­so­phen und Ver­fas­sungs­recht­ler Hec­tor Her­nan­dez von einem „kle­ri­ka­len“ Ein­schlag spre­chen. Für ihn war der Mord­an­schlag mut­maß­lich ein Rache­akt der „Igle­sia Clan­de­sti­na“.

Her­nan­dez, wie Sache­ri Mit­glied der Tho­mi­sti­schen Gesell­schaft von Argen­ti­ni­en, befaß­te sich in meh­re­ren Büchern mit dem Leben und dem Werk Sache­ris.

Recht­gläu­bi­ge und muti­ge Bischö­fe des argen­ti­ni­schen Epi­sko­pats, die Sache­ris Wir­ken zu schät­zen wuß­ten, wie Msgr. Adol­fo Tor­to­lo, damals Erz­bi­schof von Paraná und Vor­sit­zen­der der Argen­ti­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, die Bischö­fe Aguir­re, Bolat­ti und Msgr. Deri­si, sein Freund und Grün­dungs­rek­tor der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Argen­ti­ni­en, nann­ten Sache­ri öffent­lich einen Mär­ty­rer.

„Sacheri war ein Märtyrer von Christus König“

Im Vor­wort zu einer Neu­auf­la­ge von Sache­ris „El Orden Natu­ral“ schrieb Erz­bi­schof Tor­to­lo 1980:

„Sache­ri erkann­te, daß der Damm durch die dop­pel­te Ableh­nung der über­na­tür­li­che und der natür­li­chen Ord­nung schnell zer­brach. Er dreh­te um, nicht um dies zu bekla­gen, son­dern um die natür­li­che Ord­nung wie­der­her­zu­stel­len. Das ist der Grund für sein Mär­tyrer­blut.

Her­nan­dez zitiert in sei­nem Buch „Sache­ri, pre­di­car y mor­ir por la Argen­ti­na“ 160 wei­te­re Zeu­gen, die in dem Phi­lo­so­phen ein Opfer sei­ner unbeug­sa­men Glau­bens­treue sehen.

„Er dach­te archi­tek­to­nisch: das gan­ze Land, die Wirk­lich­keit, alle Facet­ten“, so Her­nan­dez.

Sache­ri war 1967 in sei­ne Hei­mat Argen­ti­ni­en zurück­ge­kehrt, um dort die Wahr­hei­ten der natür­li­chen Ord­nung und der Sozi­al­leh­re der Kir­che zu ver­kün­den. 1974 wur­de er des­we­gen, zwei Tage vor dem Hei­li­gen Abend ermor­det, als er mit sei­ner Fami­lie aus der Kir­che nach Hau­se zurück­kehr­te.

„Sache­ri war ein Mär­ty­rer von Chri­stus König, denn des­sen Herr­schaft war sein Haupt­the­ma“, so Her­nan­dez.

Die marxistische Terrororganisation ERP-22. August bekannte sich zur Ermordung von Carlos Sacheri
Die mar­xi­sti­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ERP-22. August bekann­te sich zur Ermor­dung von Car­los Sache­ri

Es kön­ne nicht sein, so Adel­an­te la fe, daß es genü­ge, das Wort von den „Armen“ im Mund zu füh­ren, um ohne jede wei­te­re Prü­fung „kano­ni­siert“ zu wer­den. Das wür­de wirk­lich bedeu­ten, den Kom­mu­nis­mus durch die­se Hin­ter­tür gleich mit hei­lig­zu­spre­chen.

Wenn also Bischof Angel­el­li, ein För­de­rer der mar­xi­sti­schen Infil­tra­ti­on in die Kir­che, selig­ge­spro­chen wer­den soll, weil sein Tod ein Mar­ty­ri­um war, obwohl nicht ein­mal die Todes­um­stän­de geklärt sind, um wie­viel mehr müs­se dann erst der Tho­mist, Fami­li­en­va­ter und Patri­ot Car­los Sache­ri selig­ge­spro­chen wer­den.

Der Rechts­phi­lo­soph Hec­tor Her­nan­dez schrieb zum 40. Todes­tag:

„Sache­ris Ermor­dung war für Argen­ti­ni­en eine Kata­stro­phe. Er war der Beste von uns. Sein Mär­tyrer­blut ist das Pfand für eine christ­li­che Wie­der­ge­burt Argen­ti­ni­ens“.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild:RedAngelelli/Comunidad Ambrosiana/Accion Nacio­nal Catolica/Que no te la cuen­ten (Screen­shots)