Don Milani, sexueller Kindesmißbrauch und Papst Franziskus

Pädophilie - Rodolfo Fiesoli bei seiner Verhaftung.
Pädophilie - Rodolfo Fiesoli bei seiner Verhaftung.

(Rom) Am 20. Juni 2017 ver­ließ Papst Fran­zis­kus den Vati­kan, um die Grün­dung von Don Loren­zo Mila­ni in Bar­bia­na zu besu­chen und am Grab des 1967 ver­stor­be­nen Prie­sters zu beten. Dabei bezeich­ne­te er ihn als Vor­bild für die Prie­ster. Am 23. Dezem­ber wur­de ein „Schü­ler“ von Don Mila­ni, der des­sen Pro­jekt „noch bes­ser und  grö­ßer“ ver­wirk­li­chen woll­te, ver­haf­tet. Er muß wegen des syste­ma­ti­schen sexu­el­len Miß­brauchs von Schutz­be­foh­le­nen eine Gefäng­nis­stra­fe von 14 Jah­ren absit­zen.

Die Toskana und ihr linkes Milieu

Die Tos­ka­na, seit den Zei­ten von Peter Glotz, Josch­ka Fischer, Clau­dia Roth und Ger­hard Schrö­der von den zu Ein­fluß und Anse­hen gelang­ten 68ern des deut­schen Sprach­raums ent­deckt, gehört zu den tief­ro­ten Land­schaf­ten Ita­li­ens. Seit Kriegs­en­de regie­ren dort, ohne Unter­bre­chung, die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei und seit 1991 ihre Nach­fol­ge­par­tei­en (aktu­ell Demo­kra­ti­sche Par­tei, PD, genannt).

Don Milani
Don Mila­ni

Der Hin­weis ist von Bedeu­tung, um das Milieu zu ver­ste­hen, in dem sich das Fol­gen­de zutra­gen konn­te.

In Bar­bia­na befin­det sich das Zen­trum der Anhän­ger von Don Loren­zo Mila­ni (1923–1967). Der Sohn aus groß­bür­ger­li­chem Eltern­haus von Flo­renz wuchs in agno­sti­scher und anti­kle­ri­ka­ler Umge­bung auf. Sei­ne jüdi­sche Mut­ter, Ali­ce Weiss, ent­stamm­te dem libe­ra­len, assi­mi­lier­ten Juden­tum. Die Eltern hat­ten nur stan­des­amt­lich gehei­ra­tet. Der Vater war fak­tisch abwe­send, wäh­rend die Mut­ter zur domi­nan­ten Bezugs­fi­gur wur­de. Sei­ne Tau­fe wird mit den Ras­sen­ge­set­zen in Ver­bin­dung gebracht, vor denen der Sohn geschützt wer­den soll­te.

Loren­zo, der sich für die schö­nen Kün­ste inter­es­sier­te, kam mit dem damals bekannt homo­phi­len Künst­ler­mi­lieu von Flo­renz in Berüh­rung.

Als er im deut­lich katho­li­scher gepräg­ten Mai­land die Kunst­aka­de­mie besuch­te, kam es im Zwei­ten Welt­krieg zu sei­ner Bekeh­rung. Er trat in das Prie­ster­se­mi­nar ein und wur­de 1947 zum Prie­ster geweiht. Der Schritt führ­te dazu, sei­ne groß­bür­ger­li­che Umge­bung hin­ter sich zu las­sen, die ihm aller­dings noch vie­le Türen öff­nen soll­te. Er tausch­te sei­ne Her­kunft mit Sym­pa­thien für den Mar­xis­mus ein, der in der Nach­kriegs-Tos­ka­na ton­an­ge­bend war.

Das antiautoritäre Erziehungsmodell

Ab 1954 ent­wickel­te der ein­sti­ge Bohe­mi­en in einem klei­nen Berg­dorf ein päd­ago­gi­sches Reform­mo­dell, mit dem er den Kin­dern sozi­al schwa­cher Schich­ten den Zugang zu Bil­dung eröff­nen woll­te. Im Kern han­del­te es sich dabei um eine Ganz­tags­schu­le für Arbei­ter­kin­der.

Sei­ne Her­kunft ver­schaff­te ihm für das Pro­jekt zahl­rei­che Spen­den des Flo­ren­ti­ner Groß­bür­ger­tums, wäh­rend ihm sein „sozi­al enga­gier­ter Katho­li­zis­mus“ zugleich die Sym­pa­thien der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens sicher­ten. Das war auf­grund sei­ner Gesin­nung wenig ver­wun­der­lich. 1965 schrieb er in der kom­mu­ni­sti­schen Par­tei­zeit­schrift:

„Ich for­de­re das Recht, sagen zu dür­fen, daß auch die Armen die Rei­chen bekämp­fen dür­fen und sol­len.“

Brief an eine Lehrerin
Brief an eine Leh­re­rin

Sein didak­ti­sches Modell beruh­te auf dem Leh­rer „als Freund“ und wur­de zum Vor­läu­fer des Anti­au­to­ri­ta­ris­mus, der die 68er-Bewe­gung cha­rak­te­ri­sie­ren soll­te. Im Alter von 44 Jah­ren gestor­ben, war Don Mila­ni beim Aus­bruch der Stu­den­ten­pro­te­ste bereits tot. Die Wir­kung sei­nes Modells war in lin­ken Krei­sen sehr groß. Sei­ne Schrif­ten, vor allem das Buch „Brief einer Leh­re­rin“, wur­den unter 68ern zu Best­sel­lern. Zumin­dest in Ita­li­en stand mit Don Mila­ni ein Prie­ster Pate bei der Revo­lu­tio­nie­rung der Schu­le durch die 68er, wie 2013 der zu früh ver­stor­be­ne Rechts­phi­lo­soph Mario Palma­ro schrieb.

Mila­nis Buch „Brief einer Leh­re­rin“ endet mit einem Traum von den neu­en, demo­kra­ti­schen Leh­rern, die ihren Schü­lern sagen, daß sie von ihnen eigent­lich gar nichts wol­len, ihnen weder etwas bei­brin­gen noch ihre Kennt­nis­se prü­fen wol­len. Die Men­schen sol­len so sein und blei­ben, wie sie sind! Jeder soll sei­ne Vor­stel­lun­gen behal­ten, die er schon hat oder haben will. Es wird eine Schu­le ver­langt, die nichts hin­zu­fügt, nicht auf­baut, nicht her­aus­for­dert und nicht för­dert. Es ist eine Schu­le der Gleich­heit, die sich gleich macht den Glei­chen und daher Gleich­ma­che­rei betreibt, die unwei­ger­lich auf der unter­sten Stu­fe des „Gleichseins“ zu erfol­gen hat. Damit benach­tei­ligt sie alle, vor allem aber die Schwäch­sten, die nicht unter­stützt und geför­dert wer­den, son­dern denen alle ande­ren gleich schwach gemacht wer­den sol­len. Alle ganz unten, aber dafür alle gleich.

Don Mila­ni ist durch sei­nen frü­hen Tod noch mehr als zu Leb­zei­ten zur Schar­nier­fi­gur zwi­schen der poli­ti­schen Lin­ken und pro­gres­si­ven Kir­chen­krei­sen gewor­den, da man ihn zum Säu­len­hei­li­gen mach­te. Die pro­gres­si­ve Schu­le von Bolo­gna besorg­te im Mai 2017 die Her­aus­ga­be sei­ner gesam­mel­ten Wer­ke, die von Papst Fran­zis­kus per­sön­lich in einem Kurz­film für die Mai­län­der Buch­mes­se vor­ge­stellt wur­den. Don Mila­ni lob­te er dar­in über­schweng­lich.

Don Milani und die Homopädophilie

Roman von Walter Siti über einen pädophilen Priester
Roman von Wal­ter Siti über einen pädo­phi­len Prie­ster

Zur sel­ben Zeit erschien der Roman „Bru­cia­re tut­to“ (Alles ver­bren­nen) des lin­ken Schrift­stel­lers Wal­ter Siti. Der beken­nen­de Homo­se­xu­el­le iden­ti­fi­zier­te die Haupt­fi­gur sei­nes Romans, ein homo­phi­ler Prie­ster, der sei­ne Nei­gun­gen aber nicht aus­lebt, mit Don Mila­ni. Siti begrün­de­te dies mit Brie­fen von Don Mila­ni, die er ent­deckt hat­te. Durch sie erkann­te er den Prie­ster als sei­nen „See­len­ver­wand­ten“, dem er mit sei­nem Roman sei­ne „Wert­schät­zung und tie­fe Bewun­de­rung“ zum Aus­druck brin­gen woll­te.

In den Brie­fen hat­te Don Mila­ni unter ande­rem geschrie­ben:

„Ich weiß: Wenn ich Gefahr für mei­ne See­le lau­fe, dann sicher nicht, weil ich zu wenig geliebt habe, son­dern weil ich zuviel lie­be (das heißt, sie mir auch mit ins Bett neh­me)!“

„Wer könn­te die Kin­der bis auf den Kno­chen lie­ben, ohne damit zu enden, ihn ihnen auch in den Arsch zu stecken, wenn nicht ein Leh­rer, der mit ihnen auch Gott liebt und die Höl­le fürch­tet?“

Sei­ne Anhän­ger­schaft igno­riert sol­che Stel­len. Die Sym­pa­thie der Medi­en hält an und bewahrt vor unan­ge­neh­men Fra­gen. Die betref­fen nicht nur pädo­phi­le Nei­gun­gen, son­dern auch sei­ne vul­gä­re, teils obszö­ne Spra­che, sei­ne Streit­sucht gegen das Pri­vat­ei­gen­tum und sein Anar­chis­mus gegen­über der kirch­li­chen und staat­li­chen Obrig­keit.

1952 bezeich­ne­te Don Mila­ni das, was von der Katho­li­schen Akti­on kommt, als „Schei­ße“, das von Papst Pius XII. als „Schei­ße“ und eben­so das von Alci­de De Gas­pe­ri als „Schei­ße“, der damals Vor­sit­zen­der der Christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei und ita­lie­ni­scher Mini­ster­prä­si­dent war.

Laut der Histo­ri­ke­rin Syl­via Ron­chey, die Don Mila­ni in einem Arti­kel in der Tages­zei­tung La Repub­bli­ca ver­tei­dig­te, sei­en sei­ne „kaum ver­hüll­ten homo­se­xu­el­len Nei­gun­gen“ bereits Ende der 30er Jah­re bekannt gewe­sen. Ron­chey, Toch­ter eines hoch­ran­gi­gen Frei­mau­rers und Schwä­ge­rin von Lucet­ta Sca­raf­fia, der ver­ant­wort­li­chen Redak­teu­rin der Frau­en­bei­la­ge des Osser­va­to­re Roma­no, ist sowohl in der Loge als auch in der Kir­che bestens ver­netzt und ist ent­spre­chend gut infor­miert. So bleibt die Fra­ge, wie Mila­ni zur Prie­ster­wei­he zuge­las­sen wer­den konn­te, zumal der Umgang mit der Homo­se­xua­li­tät vor dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil nicht nur in der Theo­rie, son­dern auch in der Pra­xis noch ein ande­rer war als danach.

Verhaftung im Forteto

Am ver­gan­ge­nen 23. Dezem­ber wur­de der 76 Jah­re alte Rodol­fo Fie­s­o­li ver­haf­tet. Er ist der Grün­der und „Pro­phet“ von „Il For­te­to“ (die klei­ne Festung), einer Ein­rich­tung, die als ita­lie­ni­sche Vari­an­te der berüch­tig­ten Oden­wald­schu­le bezeich­net wer­den kann. Rodol­fo Fie­s­o­li ist der ita­lie­ni­sche Gerold Becker. Die Par­al­le­len sind ver­blüf­fend: das­sel­be poli­ti­sche Milieu, expe­ri­men­tel­le Erzie­hung, sexu­el­le Frei­zü­gig­keit, Ableh­nung von Fami­lie und christ­li­cher Moral, die Per­ver­sio­nen der Füh­rungs­ge­stal­ten. In bei­den Fäl­len applau­dier­ten lin­ke Krei­se dem „alter­na­ti­ven Modell“ und ver­schlos­sen die Augen vor der Ver­strickung von „sexu­el­ler Frei­heit“ und Per­ver­si­on.

Forteto: Goffredo und Fiesoli
For­te­to: Goff­re­di und Fie­s­o­li

In der Oden­wald­schu­le wie im For­te­to herrsch­te als kon­sti­tu­ti­ves Ele­ment der gesam­ten Ein­rich­tung ein System des Miß­brauchs. In Deutsch­land wie in Ita­li­en wer­den die­se Zusam­men­hän­ge in den Medi­en lan­ge und bereit­wil­lig ver­drängt. Dabei hät­te es nicht an Hin­wei­sen gefehlt.

Il For­te­to, der Namen „Festung“ ist in ihrer gan­zen Grau­sam­keit wört­lich zu neh­men, in dem jahr­zehn­te­lang Kin­der syste­ma­tisch miß­braucht wur­den, war wie die Oden­wald­schu­le ein lin­kes Vor­zei­ge­mo­dell. Das garan­tier­te media­le Unver­sehrt­heit. Im For­te­to wur­den schließ­lich die bür­ger­li­che Gesell­schaft und ihr Moral- und Sexu­al­ver­hal­ten sowie die tra­di­tio­nel­le Fami­lie „über­wun­den“. Anti­au­to­ri­tä­re Erzie­hung, sexu­el­le „Frei­heit“, „neue Bezie­hun­gen“ zwi­schen den Geschlech­tern, Gen­der-Theo­rie ante lit­teram bil­de­ten die Grund­la­ge einer „Staats­sek­te“, wie die bei­den tos­ka­ni­schen Jour­na­li­sten Fran­ces­co Pini und Duc­cio Tron­ci ihr 2015 erschie­ne­nes Buch über die „klei­ne Festung“ und den dort statt­ge­fun­de­nen mas­sen­haf­ten sexu­el­len Kin­des­miß­brauch nann­ten.

Dem For­te­to wur­den von den rot­ge­lenk­ten, staat­li­chen Ein­rich­tun­gen der Tos­ka­na fast 40 Jah­re lang phy­sisch und psy­chisch behin­der­te und schwer­erzieh­ba­re Kin­der anver­traut. Das „Erzie­hungs­mo­dell“ wur­de von den „Exper­ten“ der Lan­des- und Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen als „zukunfts­wei­send“ und damit för­de­rungs­wür­dig ein­ge­stuft. Und die Steu­er­zah­ler muß­ten die „Lager-Kom­mu­ne“ finan­zie­ren.

Homopädophile Triebtäter mit perversen Machtphantasien

In der Tat war die „klei­ne Festung“ ein Lager, in dem homo­pä­do­phi­le Trieb­tä­ter ihre per­ver­sen Macht­phan­ta­sien aus­leb­ten.

Rodol­fo Fie­s­o­li ließ sich „der Pro­phet“ nen­nen. Ihm zur Sei­te stand seit der Grün­dung 1977 Lui­gi Goff­re­di, der „Ideo­lo­ge“ des For­te­to. Die pro­gres­si­ve Intel­li­genz, ob lai­zi­stisch oder katho­lisch, hing an ihren Lip­pen. Ihr hat­te Fie­s­o­li ver­kün­det und viel­fach wie­der­holt, daß er im For­te­to das Erzie­hungs­mo­dell von Don Mila­ni umset­ze, nur noch „bes­ser und grö­ßer“.

Fie­s­o­li muß nun für sei­ne „Umset­zung“ eine Gefäng­nis­stra­fe von 14 Jah­ren absit­zen. Des­we­gen wur­de er am Tag vor dem Hei­li­gen Abend ver­haf­tet und in eine Gefäng­nis­zel­le gebracht.

Er war Mit­glied im Stif­tungs­rat der Stif­tung Don Loren­zo Mila­ni. Das war die insti­tu­tio­nel­le Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den Pro­jek­ten von Bar­bia­na und For­te­to. Der ent­schei­den­de Unter­schied, soweit bis­her bekannt, bestand dar­in, daß Don Mila­ni offen­bar durch sein Prie­ster­tum und sei­ne Got­tes­furcht zurück­ge­hal­ten wur­de. Viel­leicht war er sogar des­halb Prie­ster gewor­den, um sich und die Kin­der, vor sei­nen Nei­gun­gen zu schüt­zen.

Fehlende Hemmschwelle

Die­ser Schutz­damm und die­se Hemm­schwel­le fehl­ten aber bei Fie­s­o­li. „Er dul­de­te nie­mand über sich. Über ihm war nur Gott“, so ein Prie­ster, der als Zeu­ge im Gerichts­ver­fah­ren aus­sag­te. Wahr­schein­lich ist, daß sich der „Pro­phet“ in sei­nem sexu­el­len Grö­ßen­wahn selbst für Gott hielt. Don Mila­ni hat­te Sym­pa­thien für den Mar­xis­mus, Fie­s­o­li war über­zeug­ter Kom­mu­nist. Aus der Zeu­gen­aus­sa­ge des Gewerk­schaf­ters Edo­ar­do Mar­ti­nel­li geht her­vor, daß Fie­s­o­li davon über­zeugt war, daß Don Mila­ni sei­ne Zög­lin­ge auch miß­braucht habe. Mar­ti­nel­li war ein sol­cher Zög­ling gewe­sen und gehör­te dann zu den Grün­dern des For­te­to, dem er aber bereits 1978 den Rücken kehr­te.

Bis 2014/2015 wur­de die „klei­ne Festung“ des „Pro­phe­ten“ beju­belt. Was auf der Lin­ken Rang und Namen hat­te, dar­un­ter meh­re­re lin­ke Mini­ster­prä­si­den­ten und Mini­ster Ita­li­ens, waren dort­hin gepil­gert, von den füh­ren­den Lan­des­ver­tre­tern der Tos­ka­na ganz zu schwei­gen.

Die bei­den Sozio­lo­gen Giu­sep­pe Forn­ari und Nico­la Casa­no­va haben 2008 die Stu­die „Der vir­tuo­se Wider­spruch. Das Erzie­hungs­pro­blem: Don Mila­ni und Il For­te­to“ vor­ge­legt, die im Ver­lag  Il Muli­no, dem renom­mier­te­sten, lin­ken Wis­sen­schafts­ver­lag Ita­li­ens, erschie­nen ist. Dar­in haben sie die Zusam­men­hän­ge zwi­schen Don Mila­ni und Fie­s­o­li her­aus­ge­ar­bei­tet und gerühmt.

Ein wei­te­res Bin­de­glied ist Gian Pao­lo Meuc­ci (1919–1986), der sei­ner­zei­ti­ge Prä­si­dent des Jugend­ge­richts der Tos­ka­na und füh­ren­de Gestalt des Flo­ren­ti­ner Links­ka­tho­li­zis­mus. Er stand nicht nur in stän­di­gem beruf­li­chem Kon­takt mit Fie­s­o­li – das Jugend­ge­richt spiel­te eine zen­tra­le Rol­le bei der Zuwei­sung der schwer­erzieh­ba­ren Kin­der –, son­dern war zuvor bereits „ein enger Freund von Don Mila­ni“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. Bereits 1985 war Fie­s­o­li wegen „sexu­el­ler Unzucht mit Gewalt­ein­wir­kung“ und Ver­füh­rung von Min­der­jäh­ri­gen von einem Gericht ver­ur­teilt wor­den. Dank ein­fluß­rei­cher Für­spre­cher, dar­un­ter Rich­ter Meuc­ci, blieb das Urteil jedoch fol­gen­los. Damit soll nicht unter­stellt wer­den, daß ein Pädo­phi­lenring gedeckt wer­den soll­te, aber, daß sich die Lin­ke durch ein Netz­werk des Schwei­gens und der Kum­pa­nei effi­zi­ent schütz­te. Das Par­tei­buch oder die ideo­lo­gi­sche Gesin­nung wur­de zum Unbe­denk­lich­keitsat­test. Noch 2013 bestritt der spä­te­re ita­lie­ni­sche Mini­ster­prä­si­dent Matteo Ren­zi, Wahl­kampf­auf­trit­te zusam­men mit Fie­s­o­li. Ren­zi war damals Bür­ger­mei­ster von Flo­renz und ist heu­te Vor­sit­zen­der der lin­ken Demo­kra­ti­schen Par­tei (PD), die Ita­li­en regiert. Fie­s­o­li an sei­ner Sei­te soll­te Bil­dungs­kom­pe­tenz garan­tie­ren. Der „Pro­phet“ erklär­te, wie Ita­li­ens Schul- und Erzie­hungs­sy­stem durch die Lin­ke „refor­miert“ wer­den sol­le. Nach sei­ner Ver­ur­tei­lung ver­such­te man die­se Spu­ren ver­schwin­den zu las­sen. Ein Video fin­det sich aber noch auf You­tube.

Im Juni 2015 brach das For­te­to und sein Image zusam­men, als Fie­s­o­li von einem Gericht zu mehr als 17 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt wur­de. Goff­re­di erhielt acht Jah­re. Das Urteil umfaßt mehr als tau­send Sei­ten. Detail­liert wer­den dar­in die „Lager-Kom­mu­ne“ und die dort began­ge­nen Ver­bre­chen durch Aus­sa­gen von Opfern und Zeu­gen beschrie­ben. Die­ses Urteil wur­de nun vom Ober­sten Gerichts­hof mit einem etwas redu­zier­ten Straf­maß bestä­tigt und damit rechts­kräf­tig.

Heterosexualität verboten

Im For­te­to herrsch­te strik­te Geschlech­ter­tren­nung. Hete­ro­se­xua­li­tät war ver­bo­ten. Homo­se­xua­li­tät wur­de geför­dert und auch erzwun­gen. Der Bruch mit den Her­kunfts­fa­mi­li­en, meist ohne­hin bereits der Fall, wur­de zur Regel. Wer nicht folg­te, wur­de in „öffent­li­chen“ Pro­zes­sen gede­mü­tigt. In der „klei­nen Festung“ gab es kei­ne Reli­gi­on, dafür aber einen Per­so­nen­kult um den „Pro­phe­ten“, der die ihm unter­stell­ten Jugend­li­chen, nur die männ­li­chen, syste­ma­tisch sexu­ell miß­brauch­te.

Im Urteil, so San­dro Magi­ster, fin­det sich auch die Aus­sa­ge eines Prie­sters des Erz­bis­tums Bolo­gna. Sechs Sei­ten umfaßt sie. Don Ste­fa­no Benuz­zi, heu­te 47 Jah­re alt, unter­rich­te­te zur Zeit des Gerichts­pro­zes­ses Reli­gi­on an einer Schu­le und zele­brier­te in einer Pfar­rei am Stadt­rand die Hei­li­ge Mes­se. Den „Pro­phe­ten“ hat­te er 2001 bei einem Gedenk­marsch für Don Mila­ni in Bar­bia­na ken­nen­ge­lernt. Von da an inten­si­vier­te sich der Kon­takt zwi­schen bei­den, da der jun­ge Prie­ster von Fie­s­o­li „fas­zi­niert“ war.

Don Benuz­zi grün­de­te eine eige­ne, klei­ne Gemein­schaft nach dem Vor­bild von Don Mila­ni und des „Pro­phe­ten“. Er woll­te nach eige­nen Anga­ben „Il For­te­to“ nach­ah­men. Zugleich ging er eine Lie­bes­be­zie­hung zu einer Frau ein, von der er unvor­sich­ti­ger­wei­se sei­nem „ver­ehr­ten“ Mei­ster erzähl­te. Die­ser mach­te ihn bei einem Besuch in der „klei­nen Festung“ des­we­gen zum öffent­li­chen Gespött.

Anschlie­ßend, als er und Fie­s­o­li allein waren, habe die­ser ihn geküßt. Bei der Ein­ver­nah­me ver­such­te Benuz­zi die Situa­ti­on zu „ret­ten“, indem er erklär­te, daß das alles von „unglaub­li­cher Rein­heit“ gewe­sen sei, der „Aus­druck einer Per­son, die sich ehr­lich und trans­pa­rent ganz den Bezie­hun­gen zu ande­ren wid­men woll­te“. Und wei­ter: „Im For­te­to wur­de das grie­chi­sche Modell der tie­fen Freund­schaft gepflegt, denn in den Bezie­hun­gen von Mann zu Mann, von Frau zu Frau kann eine Spit­ze der Über­ein­stim­mung erreicht wer­den, die höher ist als hete­ro­se­xu­el­le Bezie­hun­gen.“

Die Rich­ter gin­gen nicht der Fra­ge nach, ob Don Benuz­zi von Fie­s­o­li wegen sei­ner Bezie­hung zu einer Frau erpreßt oder sogar sexu­ell genö­tigt wur­de. Sie schrie­ben zu den Aus­sa­gen des Prie­sters lapi­dar: „Es han­delt sich um eine Aus­sa­ge, zu der jeder Kom­men­tar über­flüs­sig scheint“.

Wer nicht sehen wollte

Heu­te ist Don Benuz­zi Pfar­rer einer Berg­pfar­rei auf dem Apen­nin. „Die glor­rei­chen Zei­ten, in denen sein Name als vor­tra­gen­der ‚Erzie­hungs­ex­per­te‘ bei inter­na­tio­na­len Tagun­gen auf­schien, sind vor­bei“, so Magi­ster. Er trat bei Tagun­gen auf, die vom Umfeld des „For­te­to“ orga­ni­siert wur­den. Man stütz­te sich offen­bar gegen­sei­tig. Orga­ni­sa­tor sol­cher Tagun­gen war vor allem Lui­gi Goff­re­di, der „Ideo­lo­ge“ der „klei­nen Festung“ und Num­mer Zwei hin­ter Fie­s­o­li. Zu den Refe­ren­ten einer sol­chen Tagung, im Jahr 2005, gehör­te neben Don Benuz­zi bei­spiels­wei­se auch der dama­li­ge Lan­des­mi­ni­ster der Tos­ka­na für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit und Frie­den, Mas­si­mo Toschi. Toschi, an den Roll­stuhl gefes­selt, ist Mit­glied der Stif­tung der pro­gres­si­ven Schu­le von Bolo­gna. Auch er woll­te nicht sehen, was im von ihm so geschätz­ten For­te­to wirk­lich geschah.

Applau­dier­ter Red­ner war auf jener Tagung auch René Girard (1923–2015) von der Stan­ford Uni­ver­si­ty. Den Anthro­po­lo­gen von Welt­ruf bezeich­ne­ten Fie­s­o­li und Goff­re­di, als ihr gro­ßes Vor­bild neben Don Mila­ni. Auch Don Benuz­zi war von Girard begei­stert. Laut Gerichts­ur­teil hat­te Benuz­zi Girard in Paris ken­nen­ge­lernt, wo er sich mit eini­gen Ver­tre­tern des For­te­to auf­hielt: mit Fie­s­o­li und Goff­re­di.

Am Bei­spiel von Don Benuz­zi zei­gen die Rich­ter in ihrem Urteil auf, welch mani­pu­lie­ren­de Wir­kung der „Pro­phet“ auf ande­re Men­schen aus­üb­te. Sei­ne „star­ke Per­sön­lich­keit“ gab ande­ren Halt, die „schwä­cher“ und „ängst­li­cher“ waren.

Das seltsame Priestermodell von Papst Franziskus

Papst Franziskus am Grab von Don Milani
Papst Fran­zis­kus am Grab von Don Mila­ni

Am ver­gan­ge­nen 20. Juni besuch­te Papst Fran­zis­kus die Schu­le von Bar­bia­na und bezeich­ne­te Don Mila­ni als „Vor­bild“. Mit gena­gel­ten Schu­hen trat er in die Cau­sa um das Gedächt­nis über Don Mila­ni ein, um das zwei Bücher rit­ter­ten, die einen Monat zuvor der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt wur­den. Das Bild des Homo­pä­do­phi­len von Wal­ter Siti oder die Hagio­gra­phie der Schu­le von Bolo­gna unter der Lei­tung von Alber­to Mel­lo­ni. Die Schu­le steht Papst Fran­zis­kus sehr nahe und Mel­lo­ni tritt in sei­nen Kolum­nen öffent­lich als Papst-Inter­pret auf.

Fran­zis­kus scheint „mobi­li­siert“ wor­den zu sein, um das „Idol“ der 68er zu ret­ten, und fand sich gleich bereit dazu. Er rei­ste nach Bar­bia­na und lie­fer­te sei­ne Inter­pre­ta­ti­on von Don Mila­ni:

„Es wür­de mir gefal­len, wenn wir ihn vor allem als Gläu­bi­gen in Erin­ne­rung behal­ten wür­den, der in die Kir­che ver­liebt war, wenn auch ver­letzt, und als lei­den­schaft­li­chen Erzie­her.“

Roma locu­ta, cau­sa fini­ta.

Don Mila­ni sei ein „ver­letz­ter“ Prie­ster gewe­sen, der aber den­noch ein „lei­den­schaft­li­cher Erzie­her“ war. Auch Siti schrieb wört­lich von einem „ver­letz­ten“, weil pädo­phi­len Prie­ster.

Papst Bene­dikt XVI. woll­te im „Jahr des Prie­sters“ (2019/2010) den hei­li­gen Johan­nes Maria Vian­ney (1786–1859) zum Patron der Prie­ster machen, schei­ter­te damit aber am hef­ti­gen Wider­stand pro­gres­si­ver Kir­chen­krei­se, dar­un­ter von Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes, der damals Prä­fekt der Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on war.

2017 nann­te Papst Fran­zis­kus nicht den Pfar­rer von Ars, son­dern Don Loren­zo Mila­ni als vor­bild­li­chen Prie­ster. Dar­aus sind bis­her kei­ne Kon­se­quen­zen erwach­sen. Fran­zis­kus ver­si­cher­te sich damit aber der Begei­ste­rung von Links­krei­sen in- und außer­halb der Kir­che.

„Ich liebe meine Kinder (…) mehr als die Kirche und den Papst“

Auf Don Mila­nis Brie­fe wur­de bereits hin­ge­wie­sen. In den von der Schu­le von Bolo­gna im Vor­jahr ver­öf­fent­lich­ten Gesam­mel­ten Wer­ken wur­den sie ver­öf­fent­licht. Auch der zitier­te Brief an den Jour­na­li­sten Gior­gio Peco­ri­ni in dem Mila­ni schrieb:

„Die­se bei­den Prie­ster frag­ten mich, ob mein letzt­li­cher Zweck, eine Schu­le zu betrei­ben, dar­in besteht, sie [die Schü­ler] der Kir­che zuzu­füh­ren oder nicht, und was sonst mich an der Welt des Schu­le-Machens inter­es­sie­ren kön­ne, wenn nicht das. Wie konn­te ich ihnen, die so fromm und so rein waren, erklä­ren, daß ich mei­ne Kin­der lie­be, daß ich den Kopf für sie ver­lo­ren habe, daß ich nicht lebe, um sie wach­sen zu las­sen, sie auf­ge­hen zu las­sen, sie blü­hen zu las­sen, sie Frucht brin­gen zu las­sen? Wie konn­te ich ihnen erklä­ren, daß ich mei­ne Pfarr­kin­der mehr lie­be als die Kir­che und den Papst? Ich weiß: Wenn ich Gefahr für mei­ne See­le lau­fe, dann sicher nicht, weil ich zu wenig geliebt habe, son­dern weil ich zuviel lie­be (das heißt, sie mir auch mit ins Bett neh­me!). […] Wer könn­te die Kin­der bis auf den Kno­chen lie­ben, ohne damit zu enden, ihn ihnen auch in den Arsch zu stecken, wenn nicht ein Leh­rer, der mit ihnen auch Gott liebt und die Höl­le fürch­tet?“

Don Milani
Don Mila­ni

„Bereits zu Leb­zei­ten wur­de Don Mila­ni homo­se­xu­el­ler Prak­ti­ken bezich­tigt“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster. Das The­ma wur­de aber erst wie­der vor weni­gen Mona­ten durch den Roman von Wal­ter Siti auf­ge­grif­fen, kurz vor dem Besuch von Papst Fran­zis­kus, der Don Mila­ni in den Ber­go­glia­ni­schen Olymp beför­der­te. Das zeit­li­che Zusam­men­fal­len der bei­den Ereig­nis­se, viel­mehr die chro­no­lo­gi­sche Abfol­ge, ist ver­blüf­fend.

Die von sei­nen Anhän­gern ange­streb­te Selig­spre­chung von Don Mila­ni ist durch Sitis Roman – und trotz Papst­be­such – den­noch vor­erst vom Tisch. Vom zustän­di­gen Erz­bi­schof von Flo­renz, Giu­sep­pe Kar­di­nal Beto­ri, wur­de eine ein­deu­ti­ge Ent­schei­dung getrof­fen. Auf die Fra­ge, ob er bereit wäre, ein Selig­spre­chungs­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten, ant­wor­te­te er:

„Abso­lut nicht, jeden­falls solan­ge ich bin. Ich glau­be nicht an eine Hei­lig­keit von Don Mila­ni.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Il Messaggero/MiL/Settimo Cie­lo (Screen­shots)

 

2 Kommentare

  1. Ein wahr­lich erschüt­tern­der Bericht, schier unglaub­lich, aber offen­sicht­lich wahr. Kaum anzu­neh­men, dass Papst Fran­zis­kus ahnungs­los war, als er im Juni 2017 nach Bar­bia­na pil­ger­te. Ich gehe eher davon aus, dass er ziem­lich genau Bescheid wuss­te. Kar­di­nal Giu­sep­pe Beto­ri: „Ich glau­be nicht an eine Hei­lig­keit von Don Mila­ni.“ Ist es mir gestat­tet, das die­sen Bericht abschlie­ßen­de Zitat auch auf Papst Fran­zis­kus anzu­wen­den? Also: Ich glau­be nicht – jeden­falls bis zur Stun­de nicht — an eine Hei­lig­keit von Jor­ge M. Ber­go­glio. — Aber auch die­ser Papst hat ja noch alle Chan­cen.

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