Mexikos neuer Staatspräsident ein Vertreter des alten Regimes

López Obrador
Andrés Manuel López Obrador, der neue Staats- und Regierungschef von Mexiko, dessen geistige Wurzeln und politischen Rezepte allerdings alles andere als neu sind. Ein kleiner historischer Exkurs.

(Mexi­ko-Stadt) Man­che euro­päi­sche Medi­en konn­ten ihre Freu­de kaum dar­über ver­heh­len, daß am Sonn­tag die Prä­si­dent­schafts­wahl in Mexi­ko von einem Links­kan­di­da­ten gewon­nen wur­de. Das Hemd ist eben näher als die Hose. Am Tag danach klan­gen die Mel­dun­gen zumin­dest etwas dif­fe­ren­zier­ter. Nun war, im Gefol­ge der ton­an­ge­ben­den, inter­na­tio­na­len Pres­se­agen­tu­ren, davon die Rede, daß Mexi­kos neu­er Staats- und Regie­rungs­chef And­res Manu­el López Obra­dor, von den Mexi­ka­nern AMLO genannt, ein „Links­na­tio­na­list“ oder gar ein „Links­po­pu­list“ sei. Den­noch liegt die Beto­nung dar­auf, daß sein Wahl­sieg etwas „Neu­es“ in der mexi­ka­ni­schen Geschich­te sei. Trifft das aber zu?

Mit der Ange­lo­bung, die für 1. Dezem­ber vor­ge­se­hen ist, wird AMLO neu­er Staats- und Regie­rungs­chef der Ver­ei­nig­ten Mexi­ka­ni­schen Staa­ten sein, wie der Staat amt­lich heißt.

Palacio Nacional in Mexiko-Stadt
Pala­cio Nacio­nal in Mexi­ko-Stadt

Jen­seits der instink­ti­ven Genug­tu­ung lin­ker Jour­na­li­sten über einen lin­ken Wahl­sieg tröp­feln soli­de Infor­ma­tio­nen erst lang­sam ein über den neu­en Haus­her­ren im Pala­cio Nacio­nal, dem präch­ti­gen, auf das Jahr 1563 zurück­ge­hen­den Regie­rungs­sitz in Mexi­ko-Stadt. Eini­ge histo­ri­sche Hin­wei­se schei­nen ange­bracht.

Die ver­gan­ge­nen hun­dert Jah­re war Mexi­ko die mei­ste Zeit eine Dik­ta­tur. 82 Jah­re davon wur­de das Land von der Revo­lu­tio­nä­ren Par­tei – nomen est omen – beherrscht, die sich wegen ihrer lan­gen Herr­schaft seit 1946 sogar Insti­tu­tio­na­li­sier­te Revo­lu­tio­nä­re Par­tei (PRI) nennt. Sie gehört der Sozia­li­sti­schen Inter­na­tio­na­le an.

Nach dem Zusam­men­bruch des kom­mu­ni­sti­schen Ost­blocks muß­te auch der PRI end­gül­tig einer Demo­kra­ti­sie­rung Mexi­kos zustim­men. Die Fol­ge war, daß er bald die Macht ver­lor. Nur 12 Jah­re, von 2000–2012, gelang es dem an der Basis katho­lisch getra­ge­nen, tat­säch­lich aber bür­ger­lich-rechts­li­be­ra­len PAN (Par­tei der Natio­na­len Akti­on) den PRI an der Staats­spit­ze abzu­lö­sen. Das war immer­hin Zeit genug, um noch letz­te anti­ka­tho­li­sche Geset­ze abzu­schaf­fen.

2012 kehr­ten die alten Seil­schaf­ten, im Staats­ap­pa­rat noch immer fest ver­an­kert, wie­der an die Macht zurück. Die herr­schen­de Rechts­un­si­cher­heit und die epi­de­mi­sche Kor­rup­ti­on der PRI-Man­da­ta­re ließ die Wäh­ler aller­dings schnell nach einer neu­en Alter­na­ti­ve Aus­schau hal­ten.

AMLOS geistige Wurzeln

Was von inter­na­tio­na­len Medi­en an AMLO als „neu“ bezeich­net wird, hat in Wirk­lich­keit tie­fe Wur­zeln in der mexi­ka­ni­schen Geschich­te. Sie gehen bereits auf Beni­to Jua­rez zurück, der von 1858–1872 Prä­si­dent von Mexi­ko war und mit einer anti­kle­ri­ka­len Gesetz­ge­bung die katho­li­sche Kir­che bekämpf­te. 1847 war Jua­rez in die Frei­mau­re­rei initi­iert wor­den und erhielt den Logen-Deck­na­men Guil­ler­mo Tell. Zwei Mona­te spä­ter wur­de er Gou­ver­neur von Oaxa­ca. Sei­ne Rück­sichts­lo­sig­keit als „Zwing­herr zum Glück“ ging soweit, daß er lie­ber einen Auf­stand der Katho­li­ken und Kon­ser­va­ti­ven in Kauf nahm, der zum Bür­ger­krieg führ­te – den er blu­tig nie­der­schlug –, als eine Ver­stän­di­gung zu suchen. Kein Wun­der also, daß der Epi­sko­pat jene Kräf­te – auch aus Euro­pa – unter­stütz­te, die ihr gegen einen so uner­bitt­li­chen Feind zu Hil­fe kamen. Das war den Kir­chen­geg­nern wie­der­um Vor­wand, die Kir­che lan­des­ver­rä­te­ri­scher Umtrie­be zu bezich­ti­gen.

Der über­zeug­te Frei­mau­rer Jua­rez stieg bis zum 33. Grad des Schot­ti­schen Ritus auf. Noch heu­te wird er in ver­schie­de­nen frei­mau­re­ri­schen Riten wie ein „Säu­len­hei­li­ger“ ver­ehrt.

Plutarco Elias Calles im Kreis seiner Logenbrüder
Plut­ar­co Eli­as Cal­les im Kreis sei­ner Logen­brü­der

Noch deut­li­cher wird die gei­sti­ge Her­kunft von AMLO, wenn der Blick auf die Revo­lu­ti­on des Jahr­zehnts zwi­schen 1910 und 1920 fällt.

Der „Links­po­pu­lis­mus“ oder „Links­na­tio­na­lis­mus“, den AMLO reprä­sen­tiert, mag viel sein, aber neu ist er nicht. Neu sind auch nicht die Rezep­te, die er anbie­tet. Die­se sozia­li­stisch gepräg­ten Ideen wur­den bereits im fer­nen 1917 in der Ver­fas­sung des Lan­des fest­ge­schrie­ben (u.a. Land­re­form, Auf­tei­lung des Grund­be­sit­zes, staat­li­che Kon­trol­le der Boden­schät­ze und Res­sour­cen). Das war auch die ideo­lo­gi­sche Grund­la­ge der Revo­lu­tio­nä­ren Par­tei, die aus dem radi­ka­len Kampf gegen die katho­li­sche Kir­che und die Katho­li­ken des Lan­des als Sie­ger her­vor­ging und Mexi­ko jahr­zehn­te­lang dik­ta­to­risch regier­te. Die Kir­che wur­de kate­go­risch aus dem öffent­li­chen Leben aus­ge­schlos­sen, war nicht mehr als Rechts­sub­jekt aner­kannt, durf­te kei­ner­lei Besitz haben (sogar die Kir­chen­ge­bäu­de wur­den vom Staat ent­eig­net), weder Schu­len betrei­ben noch kari­ta­tiv tätig sein, Prie­ster gin­gen ihrer bür­ger­li­chen Rech­te ver­lu­stig und ver­füg­ten nur über ein­ge­schränk­te Mei­nungs­frei­heit. Reli­giö­se Orden waren kate­go­risch ver­bo­ten. Die von der mexi­ka­ni­schen Frei­mau­re­rei zum Tod­feind erklär­te Kir­che soll­te mund­tot gemacht und aus­ge­löscht wer­den.

In den 1920er Jah­ren wur­den vom „ober­sten Revo­lu­ti­ons­füh­rer“ Plut­ar­co Eli­as Cal­les, einem Frei­mau­rer wie Jua­rez (die gesam­te Staats­füh­rung bestand damals aus Frei­mau­rern), der katho­li­sche Kul­tus, also die Hei­li­gen Mes­sen und ande­re Got­tes­dien­ste ver­bo­ten, und über­haupt jede Hand­lung der Bischö­fe unter­sagt. Die­se bedin­gungs­lo­se Feind­se­lig­keit, mit der die frei­mau­re­risch domi­nier­te, radi­ka­le Lin­ke des Lan­des die katho­li­sche Bevöl­ke­rungs­mehr­heit kne­bel­te, führ­te 1926–1929 zum katho­li­schen Cri­ste­ro-Auf­stand. Der Kino­film „Cri­stia­da“ (Grea­ter Glo­ry) mit Andy Gar­cia brach­te 2012 deren unter­schla­ge­ne Geschich­te auf die gro­ße Lein­wand. Die histo­ri­sche Wahr­heit stört jedoch noch immer so sehr, daß die Aus­lie­fe­rung des Films boy­kot­tiert und der Film in ver­schie­de­nen Län­dern nie gezeigt wur­de, auch nicht im deut­schen Sprach­raum. (Der Film ist im Han­del als DVD erhält­lich, aller­dings mit wenig gelun­ge­ner, deut­scher Syn­chro­ni­sa­ti­on.)

Die „perfekte Diktatur“

In Sum­me kann die PRI-Herr­schaft als Mischung aus auto­ri­tä­rem Regime, Drit­ter Welt und sozia­li­sti­scher Sozi­al­po­li­tik mit kli­en­te­li­sti­schem Zuschnitt bezeich­net wer­den. Die­ser Kli­en­te­lis­mus der lin­ken Dik­ta­tur hat­te einen „Vor­teil“, wenn man es so sehen will – lin­ke Jour­na­li­sten wer­den es sicher so sehen: Er ver­hin­der­te, was vie­le latein­ame­ri­ka­ni­sche Staa­ten erschüt­ter­te: Mili­tär­put­sche.

An Strommasten aufgehängte Katholiken
An Strom­ma­sten auf­ge­häng­te Katho­li­ken

Mario Var­gas Llosa, Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger aus Peru, der sich im Alter zwar vom Sozia­li­sten zum Libe­ra­len läu­ter­te, der Kir­che aber gleich fern blieb, war einst sogar der Mei­nung, daß das auto­ri­tä­re Links­re­gime Mexi­kos die „per­fek­te Dik­ta­tur“ gewe­sen sei. Mit ande­ren Wor­ten, Haupt­sa­che links, dann ist selbst die Dik­ta­tur etwas Gutes, und es wird ach­sel­zuckend über lin­kes Brand­schat­zen und Mor­den hin­weg­ge­se­hen.

López Obra­dor, genannt AMLO, ist nichts „Neu­es“, son­dern das per­fek­te Pro­dukt der PRI-Herr­schaft. 1976 war er im Alter von 23 Jah­ren Mit­glied und auch gleich haupt­be­ruf­li­cher Akti­vist des PRI gewor­den. 1982 war er erfolg­rei­cher PRI-Wahl­kampf­lei­ter bei den Wah­len im Staat Tabas­co und stieg in der Par­tei­kar­rie­re Stu­fe um Stu­fe nach oben.

1989 ver­ließ er zusam­men mit ande­ren Links-Abweich­lern die Par­tei, als die­se unter den Staats­prä­si­dent Car­los Sali­nas de Gor­tari (PRI) sich dem Neo­li­be­ra­lis­mus öff­ne­te, oder dem, was die radi­ka­le Lin­ke so nann­te. Der PRI voll­zog nach dem Zusam­men­bruch des Ost­blocks die­sel­be Ent­wick­lung wie die euro­päi­sche Lin­ke. Der Zusam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus schien den Sozia­lis­mus defi­ni­tiv zu des­avou­ie­ren. Statt­des­sen kam es zu einer Neu­or­ga­ni­sa­ti­on, indem sich die kom­mu­ni­sti­sche Lin­ke in Win­des­ei­le nach west­li­chem Muster sozi­al­de­mo­kra­ti­sier­te. Die west­li­che Lin­ke, selbst um ihren Fort­be­stand ban­gend, nahm die neu­en Ver­bün­de­ten groß­mü­tig auf und schmie­de­te an neu­en Bünd­nis­sen mit den bereit­wil­li­gen Libe­ra­len und der ver­blie­be­nen radi­ka­len Lin­ken.

Der PRI tat die­sen Schritt eben­so­we­nig frei­wil­lig wie die kom­mu­ni­sti­schen Par­tei­en Euro­pas. Es waren die von ihm selbst her­auf­be­schwo­re­ne Wirt­schafts­kri­se und die inter­na­tio­na­len Umbrü­che, die ihn dazu zwan­gen.

Die Linksabspaltung

López Obra­dor spal­te­te sich 1989 mit dem lin­ken Flü­gel vom PRI ab, der sich als Par­tei der Demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on (PRD) kon­sti­tu­ier­te. Und sie­he da, auch der PRD wur­de neben dem PRI Voll­mit­glied der Sozia­li­sti­schen Inter­na­tio­na­le. Inzwi­schen gehört er auch der 2013 gegrün­de­ten Pro­gres­si­ven Alli­anz an und zum Unter­schied des PRI, da wei­ter links, auch dem Sozi­al­fo­rum von Sao Pau­lo an. Die mexi­ka­ni­sche Situa­ti­on von PRI und PRD läßt sich in etwa mit SPD und Die Lin­ke oder in Spa­ni­en mit PSOE und Pode­mos ver­glei­chen.

Hinrichtung des seligen Miguel Pro SJ
Hin­rich­tung des seli­gen Miguel Pro SJ

López Obra­dor saß seit der Grün­dung im Vor­stand des PRD- Von 1996 bis 1999 war er des­sen Bun­des­vor­sit­zen­der.

Von 2000–2005 regier­te er Mexi­ko-Stadt (Bun­des­di­strikt), ein Stadt­staat wie Ber­lin, Wien und Ham­burg als Bür­ger­mei­ster. Als sol­cher setz­te er im ersten mexi­ka­ni­schen Glied­staat die Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung durch.

2006 und 2012 bewarb er sich zwei­mal erfolg­los um das Anr des mexi­ka­ni­schen Staats­prä­si­den­ten. Zuerst muß­te er sich dem Bür­ger­li­chen Feli­pe Cal­derón und dann dem PRI-Ver­tre­ter Enri­que Peña Nieto geschla­gen geben. Aller­dings woll­ten López und sei­ne Anhän­ger die Nie­der­la­ge von 2006, trotz mehr­fa­cher Nach­zäh­lun­gen, nicht akzep­tie­ren und star­te­ten ver­schie­de­ne Aktio­nen des zivi­len Unge­hor­sams bis hin zu Beset­zun­gen und Nöti­gun­gen, ein­schließ­lich einer Schlä­ge­rei im Par­la­ment. Das Ver­hal­ten ließ Zwei­fel an sei­ner demo­kra­ti­schen Gesin­nung auf­kom­men.

Die Aura des „System­geg­ners“ (Enri­que Krau­ze spricht von einem „Mesía tro­pi­cal“) ist aller­dings ein blo­ßes PR-Eti­kett, denn AMLO ent­stammt dem Zen­trum des alten Regimes aus der Zeit der links­po­pu­li­sti­schen Herr­schaft der PRI-Prä­si­den­ten Eche­ver­ria und López Por­til­lo, die Mexi­ko von 1970–1982 regier­ten – und das wenig demo­kra­tisch.

2011 grün­de­te López die Platt­form More­na, was soviel wie Bewe­gung zur natio­na­len Rege­ne­rie­rung heißt, zur Unter­stüt­zung sei­ner Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tur 2012. 2014 trenn­te sich AMLO vom PRD und mach­te aus More­na eine neue Par­tei. Die Bewe­gung wur­de am Sonn­tag stärk­ste Kraft in bei­den Kam­mern des Bun­des­par­la­ments. Kurio­ser­wei­se ernann­te López Obra­dor 2013 einen Jesui­ten, P. Cami­lo Dani­el Pérez, zum Bera­ter sei­ner Bewe­gung.

AMLOS Versicherung: Abtreibung und „Homo-Ehe“ bleiben

AMLOS Linie ist die Rück­kehr zu den Wur­zeln des PRI, die die­ser (und inzwi­schen auch der PRD) ver­ra­ten habe. Aus die­sem Grund ver­tritt er auch den radi­ka­len, kir­chen­feind­li­chen Lai­zis­mus, der die mexi­ka­ni­sche Dik­ta­tur so lan­ge geprägt hat­te. Erst 1992 waren wie­der diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen zwi­schen Mexi­ko und dem Hei­li­gen Stuhl her­ge­stellt wor­den.

Parteienbündnis, das AMLO unterstützt
Par­tei­en­bünd­nis, auf das sich AMLO stützt

AMLO unter­hält Bezie­hun­gen zum soge­nann­ten „latein­ame­ri­ka­ni­schen Sozia­lis­mus“, der von Hugo Cha­vez und Evo Mora­les begrün­det wur­de. Cha­vez ist bereits tot, aber Mora­les schick­te noch am Wahl­abend ein Glück­wunsch­te­le­gramm.

Obra­dors Drei­er­ko­ali­ti­on ent­hält zwar auch eine klei­ne Par­tei, den Encuen­tro Social (Sozia­le Begeg­nung), die gegen die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der und gegen die „Homo-Ehe“ ist, doch im Wahl­kampf ver­si­cher­te López Obra­dor, daß er weder das eine noch das ande­re Gesetz ändern wer­de. Dazu muß ange­merkt wer­den, daß die Par­tei­en­land­schaft Mexi­kos jener Euro­pas und nicht jener der USA gleicht. Der bür­ger­li­che PAN ent­spricht nicht dem Modell der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei der USA, son­dern der zahn­lo­sen euro­päi­schen Christ­de­mo­kra­tie wie sie der Parti­do Popu­lar (PP) in Spa­ni­en reprä­sen­tiert. Mexi­kos Fami­li­en- und Lebens­rechts­be­we­gung schrieb vor der Wahl: Obra­dors Par­tei More­na „ist eine ein­deu­tig fami­li­en­feind­li­che Par­tei, beses­sen vom Sex und Unter­stüt­ze­rin der Gen­der-Ideo­lo­gie“.

Seit 1994 ver­fügt Mexi­ko über eine demo­kra­ti­sche Ver­fas­sung. Sie gibt dem Staats­prä­si­den­ten, der zugleich Regie­rungs­chef ist, zahl­rei­che Voll­mach­ten, begrenzt sei­nen Hand­lungs­spiel­raum aber auch. Die Fra­ge ist, wie sich das in der Ver­fas­sungs­rea­li­tät aus­wir­ken wird. Der PRI, obwohl 2000 abge­wählt, war durch sei­ne lan­ge Herr­schaft im Staats­ap­pa­rat fest ver­an­kert und konn­te dadurch die bür­ger­li­chen Prä­si­den­ten über­win­tern. Nun, da ein Ver­tre­ter des ein­sti­gen lin­ken Flü­gels des PRI an die Regie­rung kommt, muß sich zei­gen, wel­che neu­en Alli­an­zen sich mit den staats­tra­gen­den Kräf­ten erge­ben. Der eigent­li­che Streß­test für die mexi­ka­ni­sche Demo­kra­tie steht erst bevor.

Auf die neue Regie­rung war­ten enor­me Pro­ble­me, unter denen vor allem Gewalt, Kor­rup­ti­on, sozia­le Pro­ble­me und die Bezie­hun­gen zu den USA her­aus­ra­gen. Im Wahl­kampf war der lin­ke Popu­lis­mus von López Obra­dor sieg­reich. Die Bewäh­rungs­pro­be hat er aber noch vor sich. Für Mexi­ko bleibt zu hof­fen, daß er, von der Rea­li­tät in die Enge getrie­ben, nicht zu den­sel­ben Mit­teln greift wie sei­ne gei­sti­gen Ahn­her­ren Jua­rez und Plut­ar­co Cal­les, in deren Fuß­stap­fen er sich sieht.

Erst 2012, fast 90 Jah­re nach dem Auf­stand der Katho­li­ken, hat­te Papst Bene­dikt XVI. den Tabu­bruch voll­zo­gen und bei sei­nem Mexi­ko-Besuch öffent­lich jene „ver­bo­te­nen“ Wor­te „Viva Cri­sto Rey“ aus­ge­spro­chen, das Mot­to der Katho­li­ken in ihrem Frei­heits­rin­gen gegen die frei­mau­re­risch-sozia­li­sti­sche Revo­lu­ti­on von 1910 und zugleich Schlacht­ruf der katho­li­schen Cri­ste­ros in den 20er Jah­ren.

Mit dem Ruf Viva Cri­sto Rey auf den Lip­pen wur­den Tau­sen­de von Katho­li­ken hin­ge­rich­tet, nicht nur in Mexi­ko, spä­ter auch im kom­mu­ni­sti­schen Kuba.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/Catholicus (Screen­shot)