Franziskus landet in Kolumbien mit Blick Richtung Venezuela

Papst Franziskus mit Kolumbiens linksliberalem Staatspräsidenten Santos im Dezember 2016 im Vatikan
Papst Franziskus mit Kolumbiens linksliberalem Staatspräsidenten Santos im Dezember 2016 im Vatikan

(Bogo­tà ) Um 22.30 Uhr Mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit wird Papst Fran­zis­kus heu­te in Kolum­bi­en lan­den und sei­nen 20. Pasto­ral­be­such im Aus­land begin­nen. Der bis zum 11. Sep­tem­ber dau­ern­de Kolum­bi­en-Besuch steht nach Wunsch des katho­li­schen Kir­chen­ober­haup­tes ganz im Zei­chen von „Frie­den und Dia­log“, wie er gestern in einer Video­bot­schaft ankün­dig­te.

„Der Frie­den“, so Fran­zis­kus, „ist es, den Kolum­bi­en sucht und für den es seit lan­gem kon­se­quent arbei­tet. (…) Die Welt von heu­te braucht Rat­ge­ber des Frie­dens und des Dia­logs. Auch die Kir­che ist zu die­ser Auf­ga­be geru­fen, um die Ver­söh­nung mit dem Herrn und den Brü­dern zu för­dern, aber auch mit der Umwelt, die eine Schöp­fung Got­tes ist, und die wir auf wil­de Art aus­beu­ten.“

Im Mit­tel­punkt des Besu­ches steht das „Frie­dens­ab­kom­men“ mit der mar­xi­sti­schen Gue­ril­la­or­ga­ni­sa­ti­on FARC (Revo­lu­tio­nä­re Streit­kräf­te von Kolum­bi­en), die nach einem hal­ben Jahr­hun­dert des Ter­rors, der mehr als 200.000 Tote und sie­ben Mil­lio­nen Bin­nen­flücht­lin­ge ver­ur­sach­te, die Waf­fen nie­der­le­gen.

Die FARC sind Mit­te der 60er Jah­re als bewaff­ne­ter Arm der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Kolum­bi­ens ent­stan­den und wur­den im Kal­ten Krieg vom sowje­ti­schen Ost­block finan­ziert. Seit den 80er Jah­ren ver­leg­ten sich die Revo­lu­tio­nä­re zur Finan­zie­rung auf den Dro­gen­han­del, wes­halb sie als „Nar­co­gue­ril­la“ bezeich­net wer­den. Inter­na­tio­nal bekannt wur­den sie auch durch auf­se­hen­er­re­gen­de Ent­füh­run­gen wie jene von Ingrid Betancourt, die von 2002 – 2008 dau­er­te.

Papst Fran­zis­kus ver­such­te mit allen Mit­teln den „Frie­dens­pro­zeß“ zur Umwand­lung der FARC in eine poli­ti­sche Par­tei und deren Inte­grie­rung in den lega­len poli­ti­schen All­tag Kolum­bi­ens zu för­dern. Mili­tä­risch waren sie bereits unter dem rech­ten Staats­prä­si­dent Alva­ro Uri­be besiegt wor­den.

Stichwort „Frieden“ mit Blick auf die neue „Nachkriegsordnung“

Des­sen links­li­be­ra­ler Nach­fol­ger Juan Miguel San­tos genießt – im Gegen­satz zu Uri­be, der auf­grund der Ver­fas­sung nicht mehr kan­di­die­ren durf­te – nach eini­gen Jah­ren der Amts­zeit nicht mehr ein gro­ßes Anse­hen in der kolum­bia­ni­schen Bevöl­ke­rung. Um so mehr ist San­tos, dem nach­ge­sagt wird, neue lin­ke Mehr­heit im Blick zu haben, dar­an inter­es­siert, das Enga­ge­ment des Pap­stes für sich zu nüt­zen. Anfang Okto­ber 2016 hat­ten die Kolum­bia­ner in einem Refe­ren­dum sei­nen „Frie­dens­plan“ mit den FARC abge­lehnt, weil er den Kom­mu­ni­sten zu sehr ent­ge­gen­kam.

Trotz nega­ti­ven Volks­ent­scheids setz­te San­tos einen neu­en Frie­dens­ver­trag auf und unter­zeich­ne­te ihn mit den FARC. Papst Fran­zis­kus lud ihn zur Unter­stüt­zung nach Rom ein und dazu auch Uri­be, einen vehe­men­ten Geg­ner des Abkom­mens, um die­sen zu über­zeu­gen.

Das inter­na­tio­na­le, lin­ke Estab­lish­ment signa­li­sier­te ihre Unter­stüt­zung des Ein­bin­dung der radi­ka­len Lin­ken in das poli­ti­sche Gesche­hen Kolum­bi­ens, indem San­tos bereits 2016 der Frie­dens­no­bel­preis ver­lie­hen wur­de. Die­ser hät­te eigent­lich Uri­be gebührt, der durch sei­ne har­te Hal­tung die FARC bezwang. Uri­be gehört jedoch nicht der poli­ti­schen Lin­ken an. Er kri­ti­sier­te vor allem die groß­zü­gi­ge Straf­frei­heit, die den FARC-Gue­ril­le­ros trotz ihrer Ver­bre­chen gewährt wird.

Eini­ge Punk­te der Ver­trags­geg­ner wur­den nach dem Refe­ren­dum in den neu­en Ver­trag auf­ge­nom­men. Grund­sätz­lich rollt der lin­ke Zug jedoch unter dem Stich­wort „Frie­den“ und mit dem Segen von Papst Fran­zis­kus.

FARC im Konflikt mit Ortskirche, aber mit päpstlicher Sympathie

Die FARC hiel­ten weni­ge Tage vor Beginn des Papst-Besu­ches ihren Grün­dungs­par­tei­tag als poli­ti­sche Par­tei ab und pro­ji­zier­ten dazu ihr neu­es Sym­bol (Rote Rose und Roter Stern) auf die Fas­sa­de der Kathe­dra­le von Bogo­ta. Der Pri­mas von Kolum­bi­en und Erz­bi­schof von Bogo­ta gehört zu den Kri­ti­kern des Frie­dens­ab­kom­mens. Die Pro­jek­ti­on stell­te ohne Zwei­fel eine Pro­vo­ka­ti­on ihm gegen­über dar. Sie steht aber auch für die fak­ti­sche Alli­anz in der poli­ti­schen Fra­ge der FARC-Inte­gra­ti­on mit Papst Fran­zis­kus.

Mit dem Kolum­bi­en­be­such ver­schwin­det ein wei­te­rer wei­ßer Fleck auf der Land­kar­te Latein­ame­ri­kas. Im Janu­ar 2018 wird er auch Chi­le und Peru besu­chen. Kein Besuch ist noch in sei­ner Hei­mat Argen­ti­ni­en geplant, um die Fran­zis­kus wei­ter­hin einen Bogen macht. In kei­nem Land gab es bis­her mehr Vor­be­hal­te und Kri­tik am Papst-Besuch als in Kolum­bi­en. Er hat mit der poli­ti­schen Fra­ge und sei­ner Sym­pa­thie für die radi­ka­le Lin­ke zu tun, aber auch mit der reli­giö­sen Fra­ge. Bekann­te Lai­en, aber auch Prie­ster kri­ti­sie­ren den Kurs, den Fran­zis­kus in sei­ner Amts­füh­rung ein­ge­schla­gen hat.

Über­schat­tet wird der Besuch in Kolum­bi­en auch von der Kri­se im benach­bar­ten Vene­zue­la, einem geo­po­li­ti­schen Vul­kan, der die gan­ze Regi­on zu desta­bi­li­sie­ren droht. Dort bemüht sich der Vati­kan eben­so mas­siv um eine Ver­mitt­lung. Kri­ti­ker wer­fen die­ser Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit vor, damit das links­ra­di­ka­le Regime von Staats­prä­si­dent Nico­las Madu­ro ret­ten zu wol­len.

Zwölf Ansprachen und einige päpstliche Schwerpunkte — Ökologie und Amazonas (und Zölibat?)

Mor­gen wird Fran­zis­kus in Bogo­ta über die „Hand­wer­ker des Frie­dens und För­de­rer des Lebens“ spre­chen. Anschlie­ßend wird er Vil­la Vicen­cio auf­su­chen, wo das Ama­zo­nas-Becken beginnt, für das sich der argen­ti­ni­sche Papst beson­ders inter­es­siert. Dabei will er ein ihm wich­ti­ges The­ma anspre­chen: die „Bewah­rung der Schöp­fung“. Ob er auch zur Ama­zo­nas-Werk­statt Stel­lung neh­men wird, wird sich zei­gen. In die­ser „Werk­statt“ tüf­teln pro­gres­si­ve Kir­chen­krei­se unter der Ägi­de des bra­si­lia­ni­schen Papst-Freun­des Clau­dio Kar­di­nal Hum­mes an der Abschaf­fung des Prie­ster­z­ö­li­bats und der Schaf­fung einer neu­en Stu­fe des Wei­he­am­tes tüf­teln.

Auf dem Papst-Pro­gramm steht auch ein Besuch in Medel­lin, einer Stadt, die inter­na­tio­nal durch Dro­gen­kar­tel­le bekannt wur­de. Dort will das Kir­chen­ober­haupt laut Eigen­an­kün­di­gung über „die Wür­de der Per­son und die Men­schen­rech­te“ spre­chen. Ins­ge­samt wird Fran­zis­kus zwölf Anspra­chen hal­ten.

Guz­man Car­ri­qui­ry, der Sekre­tär der Päpst­li­chen Kom­mis­si­on für Latein­ame­ri­ka, wer­de der Papst die Quel­le in Erin­ne­rung rufen, mit Hil­fe derer alle Pro­ble­me des Lan­des ange­gan­gen wer­den kön­nen: „eine erneu­er­te Begeg­nung mit Chri­stus, der das per­sön­li­che und gesell­schaft­li­che Leben ändern kann“.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL