„Fundamentalismus“ bei Benedikt XVI. und Franziskus

Fundamentalismus
Kardinal Ratzinger am 18. April 2005 predigt in der Missa pro eligendo Romano Pontifice: Benedikt XVI. und Franziskus unterscheidet der Gebrauch des Begriffs „Fundamentalismus“.

(Rom) In den fünf Jahren seines Pontifikats gebrauchte Papst Franziskus den Begriff „Fundamentalismus“ fast dreimal so häufig als sein Vorgänger Benedikt XVI. in acht Jahren. Nicht nur der Unterschied in der Häufigkeit fällt auf, sondern auch eine unterschiedliche Verwendung des Begriffs.

„Fundamentalismus“ bei Benedikt XVI.

Beispielhaft für Benedikt XVI. steht seine letzte Ansprache, die er noch als Kardinal hielt. Die Stelle soll wegen ihrer Bedeutung etwas umfangreicher zitiert werden. Die entscheidende Aussage ist hervorgehoben. Als Dekan des Kardinalskollegiums predigte Joseph Kardinal Ratzinger am 18. April 2005 in der Missa Pro Eligendo Romano Pontifice:

„Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen… Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. Jeden Tag entstehen neue Sekten, und dabei tritt ein, was der hl. Paulus über den Betrug unter den Menschen und über die irreführende Verschlagenheit gesagt hat((vgl. Eph 4,14: „Wir sollen nicht mehr wie unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben von jede, Lüftchen neuer Theorien umgetrieben, die doch zufällig wie das Würfelspiel von Menschen und hinterlistige, gezielte Täuschungsmanöver sind“.)).
Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich »vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen«, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt.“

Als Papst gebrauchte Benedikt XVI. gebraucht er den Begriff „Fundamentalismus“ in zwei Richtungen.

  • Einerseits warnte er vor religiösem und politischem Fundamentalismus als Ursache für Gewalt und Terrorismus, vor allem aber auch als Ursache für Angriffe gegen das Christentum und die Einschränkung und Verfolgung der Kirche.
  • In einem weiteren Aspekt, wie in seiner Predigt vom April 2005, kritisierte er eine mißbräuchliche Verwendung des Begriffs zur Herabsetzung und Verunglimpfung des kirchlichen Glaubens als „Fundamentalismus“.

„Fundamentalismus“ bei Franziskus

Das Phänomen Fundamentalismus sieht Franziskus, im Gegensatz zu Benedikt XVI., faktisch exklusiv in Form von „religiösem Fundamentalismus“. Lediglich am 24. September 2015 in seiner Rede vor dem Parlament der USA sprach er von „jeder Art von Fundamentalismus – sowohl auf religiösem als auch auf jedem anderen Gebiet“. Die Schwerpunktsetzung blieb jedoch auch in dieser Ausnahme erhalten.

Wie Benedikt XVI. gebraucht auch Franziskus das Wort „Fundamentalismus“ in doppeltem Kontext, der sich jedoch von jenen seines Vorgängers deutlich unterscheidet.

  • Einmal verwendet er „religiösen Fundamentalismus“ im Zusammenhang mit Gewalt und Terrorismus als allgemeine Anklage gegen alle Religionen, wobei er nur die eigene namentlich nennt, andere Religionen aber ungenannt bleiben. Daraus kann der Gesamteindruck abgeleitet werden, daß „religiöser Fundamentalismus“ vor allem ein Problem des Christentums, namentlich der katholischen Kirche sei.
  • Dieser Eindruck wird durch den zweiten Kontext noch verstärkt, indem er „Fundamentalismus“ – in diesem Fall von Gewalt und Terrormus losgelöst – als Anklage gegen Katholiken gebraucht und als innerkirchlichen Kampfbegriff einsetzt, um Teile der Kirche anzuklagen, anzugreifen und herabzusetzen.

Der von ihm betonte religiöse Fundamentalismus sei Ausdruck von „irrationalen Abneigungen“ gegen Andersdenkende, dem die „Solidarität aller Glaubenden“ entgegenzustellen sei. Durch den „interreligiösen und interkulturellen Dialog“ würden Fundamentalismus und Terrorismus „gebannt“. So in seiner Rede am 28. November 2014 in der türkischen Hauptstadt Ankara.

Fundamentalismus „Krankheit aller Religionen“

Auf dem Rückflug aus der Zentralafrikanischen Republik am 30. November 2015 machte Franziskus auf die Frage der Journalistin Philippine de Saint-Pierre eine Anklage gegen Katholiken daraus:

„Der Fundamentalismus ist eine Krankheit, die es in allen Religionen gibt. Wir Katholiken haben einige davon – nicht einige: viele! –, die glauben, die absolute Wahrheit zu besitzen und vorangehen, indem sie die anderen mit Verleumdung und Diffamierung beschmutzen, und sie richten Schaden an, richten Schaden an. Und das sage ich, weil es meine Kirche betrifft, auch uns, alle! Und man muß kämpfen. […] Der Fundamentalismus, der immer in einer Tragödie oder in Verbrechen endet, ist etwas Übles, aber ein bißchen davon gibt es in allen Religionen.“

„Ein bißchen“ Fundamentalismus gibt es „in allen Religionen“, aber unter Katholiken gibt es „viele“ Fundamentalisten, die „verleumden“, „diffamieren“, „beschmutzen“, die „immer Tragödien und Verbrechen“ verursachen und „bekämpft“ werden müssen. Laut Franziskus ist der „religiöse Fundamentalismus“ demnach in erster Linie ein Problem der katholischen Kirche. Seit der Aufklärung behauptet das ein ganzer Strang der kirchenfeindlichen Geschichts- und Gegenwartsdeutung. Von einem Papst wurde es allerdings vor Franziskus nie behauptet.

In verschiedenen Ansprachen und Botschaften stellte Franziskus einen Zusammenhang zwischen dem „Fundamentalismus“, dem „Mißbrauch der Religion“ und dem „internationalen Terrorismus“ her. Der „internationale Terrorismus“ geht aber weder von Christen und schon gar nicht von Katholiken aus, sondern vom Islam. Roß und Reiter nannte Franziskus bisher aber nicht (z.B. die Ansprache an den italienischen Staatspräsidenten am 10. Juni 2017; Rede vor dem Symposium der Bischofskonferenzen Afrikas und Madagaskars am 7. Februar 2015; Ansprache zur Akkreditierung von sechs neuen Botschafters beim Heiligen Stuhl, davon vier aus mehrheitlich islamischen Ländern, am 28. Mai 2017).

„Es gefällt mir nicht, von islamischer Gewalt zu sprechen“

Rückflug aus Krakau 2016
Rückflug aus Krakau 2016

Auf dem Rückflug von Manila am 19. Januar 2015 sprach der Journalist Jean-Louis de la Vaissière von France Presse dem Papst namentlich auf den „islamischen Fundamentalismus“ an, was Franziskus einfach ignorierte.

Am 31. Juli 2016, auf dem Rückflug von Krakau, wurde Franziskus erneut von einem Journalisten, diesmal Antoine-Marie Izoard, auf den islamischen Fundamentalismus und Terrorismus angesprochen. Wenige Tage zuvor war der Priester Jacques Hamel in Frankreich während der Messe von zwei Anhängern der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) am Altar rituell ermordet worden. Izoard fragte den Papst:

„Warum sprechen Sie, wenn Sie von diesen Gewaltakten sprechen, immer von Terroristen, aber nie vom Islam? Sie benutzen nie das Wort ‚Islam‘.“

Diesmal wurde Franziskus deutlicher und gab zugleich eine der umstrittensten Antworten seines Pontifikats. Auf diese Antwort gab es Kopfschütteln und entsetzte Meinungen. Dem Papst wurde Unverhältnismäßigkeit, Realitätsverweigerung und eine inakzeptable Anklage gegen Katholiken vorgeworfen:

„Es gefällt mir nicht, von islamischer Gewalt zu sprechen, denn jeden Tag, wenn ich die Zeitungen durchblättere, sehe ich Gewalt, hier in Italien: Der eine bringt seine Verlobte um, ein anderer bringt die Schwiegermutter um… Und das sind gewalttätige getaufte Katholiken! Es sind gewalttätige Katholiken… Wenn ich von islamischer Gewalt spräche, müßte ich auch von katholischer Gewalt sprechen. Nicht alle Muslime sind gewalttätig; nicht alle Katholiken sind gewalttätig. Es ist wie ein Obstsalat, da ist alles drin, es gibt Gewalttäter in diesen Religionen. Eine Sache ist wahr: Ich glaube, daß es in fast allen Religionen immer eine kleine fundamentalistische Gruppierung gibt. Fundamentalistisch. Bei uns gibt es sie. Und auch wenn der Fundamentalismus so weit geht zu töten – man kann aber mit der Zunge töten, und das sagt der Apostel Jakobus und nicht ich, und auch mit dem Messer – glaube ich, daß es nicht richtig ist, den Islam mit Gewalt gleichzusetzen.“

Der Grund für die päpstliche Verweigerung, den Islam beim Namen zu nennen, findet sich in Evangelii gaudium vom 24. November 2013. Dabei handelt es sich nicht um eine spontane Aussage, sondern um das erste Apostolische Schreiben von Franziskus. In Evangelii gaudium attestierte er dem Islam absolute Friedfertigkeit:

„Angesichts der Zwischenfälle eines gewalttätigen Fundamentalismus muß die Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam uns dazu führen, gehässige Verallgemeinerungen zu vermeiden, denn der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans stehen jeder Gewalt entgegen.“

„Bedrohung für die Gläubigen aller Religionen“

Den in mehreren Staaten von Diskriminierung bedrohten und der Verfolgung ausgesetzten Christen des Nahen Ostens schrieb Franziskus am 21. Dezember 2014:

„Der auf eine Haltung der Offenheit gegründete Dialog in Wahrheit und Liebe ist auch das beste Mittel gegen die Versuchung des religiösen Fundamentalismus, der eine Bedrohung für die Gläubigen aller Religionen darstellt. Zugleich ist der Dialog ein Dienst an der Gerechtigkeit und eine notwendige Voraussetzung für den so ersehnten Frieden.“

Papst Franziskus im Dom von Florenz (2015)
Papst Franziskus im Dom von Florenz (2015)

Allerdings nur in seiner Ansprache bei der Interreligiösen Begegnung mit dem Ratspräsidenten der kaukasischen Muslime und Vertretern anderer Religionsgemeinschaften in Aserbaidschan in Baku am 2. Oktober 2016 äußerte Franziskus, was als Botschaft seiner Zurückhaltung gegenüber der vom Islam ausgehenden Gewalt gesehen werden könnte, die er nicht in Ich-Form, sondern allgemein aussprach:

„Noch einmal erhebt sich von diesem so bedeutungsvollen Ort aus der herzzerreißende Ruf: Niemals mehr Gewalt im Namen Gottes!“

„Konservativismus und Fundamentalismus“

Ein Beispiel für die Verwendung von „Fundamentalismus“ als innerkirchlichen Kampfbegriff steht emblematisch die Ansprache von Franziskus in der Kathedrale von Florenz am 10. November 2015 vor Vertretern der Kirche in Italien:

„Angesichts der Mißstände oder der Probleme der Kirche ist es nutzlos, im Konservativismus und Fundamentalismus, in der Wiederherstellung überkommener Verhaltensweisen und Formen, die nicht einmal auf kultureller Ebene bedeutsam sind, nach Lösungen zu suchen.“

„Konservativismus“, „überkommene Verhaltensweisen und Formen“ werden in die Nähe des „Fundamentalismus“ gerückt. Die Aussage scheint genau das, wovor Papst Benedikt XVI. am 18. April 2005 warnte.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Vatican.va/MiL (Screenshots)

2 Kommentare

  1. Als ich einmal in einer bunt gemischten Runde eine ähnliche These vortrug, daß sicher der durchschnittliche Moslem nicht gewalttätiger sei als der durchschnittliche Christ, nickte dies ausgerechnet ein bekennender Moslem nicht ab und gab stattdessen zu bedenken, daß „es schon auffällig sei, daß 95 % der Selbstmordattentäter Muslime seien.“

  2. Der jetzige Papst ist wie ein altes Waschweib, das nur daherschwätzt. Furchtbar und so einer, dem schon um 1990 herum ein Gutachten bescheinigte, er sie charakterlich nicht in der Lage Bischof zu werden, ist nun auch noch Papst geworden.

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