Kritik an Karl Rahner und dem Neomodernismus unerwünscht

Karl Rahner und der Neomodernismus: Kritik daran ist im Erzbistum Ferrara nicht mehr erlaubt. Die Neubesetzung der Diözesanspitze durch Papst Franziskus zeigt ihre Wirkung.
Karl Rahner und der Neomodernismus: Kritik daran ist im Erzbistum Ferrara nicht mehr erlaubt. Die Neubesetzung der Diözesanspitze durch Papst Franziskus zeigt ihre Wirkung.

(Rom) Der her­aus­ra­gen­de Erz­bi­schof Lui­gi Negri von Fer­ra­ra wur­de von Papst Fran­zis­kus mit Errei­chung der Alters­gren­ze sofort eme­ri­tiert. Ersetzt wur­de er vom „Stra­ßen­prie­ster“ Gian Car­lo Pere­go. Des­sen Ver­dienst bestand dar­in, als Migra­ti­ons­be­auf­tra­ger der Cari­tas, die schran­ken­lo­se Ein­wan­de­rungs-Agen­da von Papst Fran­zis­kus unter­stützt zu haben.

Als Erz­bi­schof fiel er bis­her unan­ge­nehm durch eine ein­rei­ßen­de Unsit­te auf, das Haus Got­tes als Spei­se­saal miß­zu­ver­ste­hen. Der Miß­brauch wur­de Anfang der 80er Jah­re durch die Gemein­schaft von Sant’Egidio auf­ge­bracht. Bedau­er­li­cher­wei­se trug Papst Fran­zis­kus ihn durch die Bil­der sei­nes Bolo­gna-Besu­ches in alle Welt. Dort hat­te er den schmerz­lich ver­miß­ten Kar­di­nal Car­lo Caf­farra durch einen ande­ren Ange­hö­ri­gen der Gemein­schaft Sant’Egidio ersetzt. Die­ser ver­wan­del­te die Haupt­kir­che der Stadt zum Papst­be­such in einen Spei­se­saal, wo Fran­zis­kus mit Hun­der­ten von Armen, Migran­ten, Betreu­ern und Gefan­ge­nen das Mit­tag­essen ein­nahm. Zwei der pri­vi­le­gier­ten Gefan­ge­nen nütz­ten die Gele­gen­heit, anschlie­ßend das Wei­te zu suchen.

Fontanas Buch
Fon­ta­nas Buch

Gestern soll­te Ste­fa­no Fon­ta­na sein neue­stes Buch in Fer­ra­ra vor­stel­len. Fon­ta­na ist Direk­tor des Inter­na­tio­nal Obser­va­to­ry Car­di­nal Van Thu­an for the Social Doc­tri­ne of the Church (Kar­di­nal Van Thu­an Beob­ach­tungs­stel­le für die Sozi­al­leh­re der Kir­che) und Chef­re­dak­teur der Kir­chen­zei­tung des Erz­bis­tums Tri­est, das vom muti­gen Erz­bi­schof Giam­pao­lo Crepal­di gelei­tet wird. Fon­ta­na pro­mo­vier­te in Poli­ti­scher Phi­lo­so­phie mit einer Dis­ser­ta­ti­on über die Poli­ti­sche Theo­lo­gie. Ab 1980 lehr­te er Jour­na­li­sti­sche Deon­to­lo­gie und Geschich­te des Jour­na­lis­mus am Insti­tut für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten der Uni­ver­si­tät Vicen­za, seit 2007 Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie und Phi­lo­so­phie der Spra­che an der Hoch­schu­le für Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten (ISRE) von Vene­dig.

Im ver­gan­ge­nen März hat­te Fon­ta­na sein neu­es Buch „Die neue Kir­che von Karl Rah­ner“ vor­ge­legt. Der Unter­ti­tel zeigt bereits an, daß Fon­ta­na kri­tisch mit dem deut­schen Jesui­ten ins Gericht geht:

„Der Theo­lo­ge, der gelehrt hat, vor der Welt zu kapi­tu­lie­ren“.

Fon­ta­na schreibt zu sei­nem Buch:

„Im Licht der heu­ti­gen Lage der Kir­che betrach­tet, stimmt es, Karl Rah­ner scheint gesiegt zu haben: Hir­ten, die unter den Gläu­bi­gen Zwei­fel säen, die es zulas­sen, daß ande­re Zwei­fel säen, ohne ein­zu­grei­fen, die nur unwil­lig ertra­gen, daß Katho­li­ken Mus­keln zei­gen, um die soge­nann­ten ’nicht ver­han­del­ba­ren Wer­te‘ zu ver­tei­di­gen. Das ist die von Rah­ner gebrach­te Revo­lu­ti­on: eine demo­kra­ti­sche und offe­ne Kir­che mit unde­fi­nier­ten Gren­zen, von der Basis her struk­tu­riert, plu­ra­li­stisch in theo­lo­gi­scher, phi­lo­so­phi­scher und lehr­mä­ßi­ger Hin­sicht, in der die Leh­re durch die Pasto­ral ersetzt wird, die nie­man­den evan­ge­li­siert und erst recht nie­man­den mehr ver­ur­teilt, weil jede spe­zi­el­le Lebens­si­tua­ti­on ein guter Aus­gangs­punkt sein kön­ne. Es ist die Kir­che, die ohne ein exklu­si­ve Wahr­heit, die es zu ver­kün­den gilt, sich laut Rah­ner zur Welt bekeh­ren muß. Hin­ter die­sem schlech­ten The­se steht eine schlech­te Phi­lo­so­phie, die ihre Bezugs­punk­te in Kant, Hegel und Hei­deg­ger hat.“

Kar­di­nal Giu­sep­pe Siri stell­te sich 1980 in sei­ner Schrift „Get­se­ma­ni“ gegen Rah­ners Theo­lo­gie. Der berühm­te Kar­di­nal, den Papst Pius XII. als sei­nen Nach­fol­ger betrach­te­te, sah in Rah­ners The­sen den frei­en Wil­len des Men­schen außer Kraft gesetzt. Die Gna­de habe der Jesu­it nicht als Gna­den­ge­schenk Got­tes gese­hen, son­dern als Auto­ma­tis­mus oder als ein Muß. Wenn Gott aber die Gna­de schen­ken muß, dann wäre sie kein Geschenk mehr, und der Mensch wäre auch nicht mehr frei, sie anzu­neh­men oder abzu­leh­nen. Kar­di­nal Siri bezeich­ne­te Rah­ners-Gna­den­theo­rie als „Zwangs­ge­schenk“. Soll­te stim­men, was Rah­ner behaup­tet, so Siri, dann wäre der „Glau­bens­akt sinn­los“.

Kurz­um Rah­ner hat­te ein ähn­li­ches Pro­blem wie sein deut­scher Lands­mann namens Mar­tin Luther.

Fon­ta­na befaßt sich mit Rah­ners Schrif­ten und Den­ken wegen sei­nem zen­tra­len Ein­fluß auf die Nach­kon­zils­zeit. Eine Umfra­ge unmit­tel­bar nach dem Zwei­ten Vati­ca­num an der Päpst­li­chen Late­ran­uni­ver­si­tät ergab, daß die dama­li­gen Semi­na­ri­sten, die dort Theo­lo­gie stu­dier­ten, Rah­ner für den „größ­ten Theo­lo­gen aller Zei­ten“ hiel­ten.

Rah­ners Den­ken, so Fon­ta­na, sei nicht von der Ergrün­dung der Wirk­lich­keit geprägt, son­dern gehe davon aus, daß der Mensch die Welt immer durch eine Bril­le sehe. Rah­ners Blick auf die Wirk­lich­keit, „sei­ne Bril­le“, sei das „Schlüs­sel­loch“.

Für Rah­ner und die von ihm gepräg­te Denk­rich­tung, der Fon­ta­na Kar­di­nal Wal­ter Kas­per zurech­net („von völ­lig Rah­ner­scher For­mung“), sei­en Dog­men nichts Defi­ni­ti­ves. Sie sehen in Dog­men nur eine Ver­mitt­lung zwi­schen Gott und der „Lebens­wirk­lich­keit“ der Men­schen. Aus die­sem Grund sei­en Dog­men nur ein sprach­li­cher Aus­druck einer bestimm­ten Zeit und müß­ten ent­spre­chend den ver­än­der­ten Situa­tio­nen und histo­ri­schen Wahr­neh­mun­gen ange­paßt wer­den.

Fon­ta­na äußert sein Erstau­nen, daß Rah­ner trotz zahl­rei­cher und grund­le­gen­der The­sen, die der kirch­li­chen Leh­re wider­spre­chen, nie ver­ur­teilt wur­de. Viel­mehr war es Papst Johan­nes XXIII. der ihn als Peri­tus zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil hol­te. Der zwangs­läu­fi­ge Ein­druck nach Fon­ta­nas Buch: Etwas stimm­te schon damals nicht.

Die abgesagte Einladung
Die abge­sag­te Ein­la­dung

Nun woll­te Fon­ta­na sein Buch in Fer­ra­ra vor­stel­len, wozu ihn die Ver­ei­ni­gung „Freun­de der Monats­zeit­schrift Il Timo­ne“ ein­ge­la­den hat­te. Die Prä­sen­ta­ti­on soll­te im Bil­dungs­haus des Erz­bis­tums statt­fin­den. Kurz vor­her teil­te die Ver­wal­tung des Hau­ses mit Bedau­ern mit, daß die Räum­lich­kei­ten auf­grund „höhe­rer Anwei­sung“ nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­hen.

Auf Nach­fra­ge erklär­te der Gene­ral­vi­kar knapp, daß es sich um das Bil­dungs­haus der Diö­ze­se han­delt, aber nicht um eine Ver­an­stal­tung der Diö­ze­se. Natür­lich könn­ten die Orga­ni­sa­to­ren ihre Ver­an­stal­tung anders­wo durch­füh­ren.

Pla­ka­te und Hand­zet­tel waren gedruckt und ver­teilt, die gesam­te Orga­ni­sa­ti­ons- und Wer­be­ar­beit gelei­stet. Die Wor­te klan­gen für die Ver­an­stal­ter wie Hohn.

Mit ande­ren Wor­ten: Der neue Erz­bi­schof Pere­go hat­te Anwei­sung erteilt, daß die Ver­an­stal­tung uner­wünscht ist. Die­se Absa­ge rich­tet sich gegen die Kri­tik an Karl Rah­ner und gegen die Freun­de des Timo­ne, die unter Erz­bi­schof Negri in Fer­ra­ra will­kom­men waren.

Die katho­li­sche Inter­net­zei­tung La Bus­so­la Quo­ti­dia­na ver­öf­fent­lich­te inzwi­schen Aus­zü­ge aus dem Vor­trag, den Prof. Fon­ta­na gestern hal­ten woll­te. Dar­in zeigt er das Den­ken des Neo­mo­der­nis­mus auf und des­sen Ziel­set­zun­gen für eine „ande­re“ Kir­che. Dazu gehört auch die von Kar­di­nal Kas­per vor­ge­tra­ge­ne Begrün­dung zur Auf­wei­chung des Unauf­lös­lich­keits­ge­bots der sakra­men­ta­len Ehe und der fak­ti­schen Aner­ken­nung von Schei­dung und Zweit­ehe durch die Kir­che.

Offen­sicht­lich han­delt es sich dabei für den neu­en Erz­bi­schof von Fer­ra­ra, Msgr. Pere­go, um „zu gefähr­li­che“ Wor­te, als daß man sie in einem katho­li­schen Bil­dungs­haus aus­spre­chen las­sen dürf­te.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
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7 Kommentare

  1. Schon beim Lesen des­sen, was Autor Fon­ta­na inhalt­lich über sein Buch preis­gab, wird einem doch sofort klar, dass er es nie­mals in einer kirch­li­chen Ein­rich­tung wird vor­stel­len kön­nen.
    Kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung ist nicht erwünscht und wird somit nicht gedul­det.
    Aber das hät­te Ste­fa­no Fon­ta­na eigent­lich schon im Vor­feld klar sein müs­sen.

    • So ist es. Die Kir­che ist schon lan­ge nur noch ein Ver­triebs­ka­nal von vie­len für die „neue Welt­sicht“*. Und so kann und wird man nicht erlau­ben, daß etwas ande­res ver­kauft wird.

      *die alt, falsch und ver­wor­fen ist

  2. Durch die­se „Theo­lo­gie“ ist der Glau­be an die über­na­tür­li­che Wahr­heit bei den
    Chri­sten total ver­lo­ren gegan­gen.
    Nur in einer Aus­sa­ge kann ich Rah­ner
    zustim­men als er damals sag­te:
    Der Christ der Zukunft wird ein Mysti­ker sein oder er wird nicht sein.

    • Auch die­se Aus­sa­ge Rah­ners ist Unfug. Denn sie zemen­tiert das Christ­sein, den Glau­ben, im Irra­tio­na­len. Und das ist falsch.

  3. Umge­kehrt for­der­ten gera­de die Moder­ni­sten und Pro­gres­si­sten den dama­li­gen Auto­ri­tä­ten laut­stark die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung über alles und jedes ab. Man kön­ne doch zumin­dest dar­über dis­ku­tie­ren. Nun sind sie selbst an der Macht und rasch ist es vor­bei mit „kri­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung“. Das zeigt über­deut­lich, wel­cher Art die Moti­ve wirk­lich waren. Gin­ge es um „kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung“ und Mei­nungs­frei­heit als sol­che, müss­ten sie heu­te die­se eben­so auch ihren Wie­der­sa­chern heu­te zuge­ben. Das, was einst ihre eige­nen Leh­rer und Vor­ge­setz­ten für Rich­tig erklär­ten, wird Kraft ihrer Auto­ri­tät nun ver­wor­fen. Gera­de auch dar­in liegt ein wach­sen­des Unbe­ha­gen begrün­det, eine Kir­che vor­zu­fin­den, die, ange­sichts ihres Selbst­ver­ständ­nis­ses einer über­zeit­li­chen Heils­ge­mein­schaft so offen­sicht­lich schon ihre eige­nen Väter und Müt­ter nicht mehr „behei­ma­ten“ kann. Man fragt sich, wonach die­se Mensch­heit noch immer so rast- und ruhe­los sucht, wenn sie doch Chri­stus schon gefun­den hat?

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