Der Kommissar und die Kirche in Peru

Gründer Fernando Figari, von 1994 bis 2010 Generaloberer des SVC, wurde von der Kirche verurteilt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen „psychischer Gewalt“.
Gründer Fernando Figari, von 1994 bis 2010 Generaloberer des SVC, wurde von der Kirche verurteilt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen „psychischer Gewalt“.

(Rom) Der Hei­li­ge Stuhl stell­te am Mitt­woch das Soda­li­ti­um Chri­stianæ Vitæ (SCV), eine Ver­ei­ni­gung des christ­li­chen Lebens, unter kom­mis­sa­ri­sche Kon­trol­le. Zahl­rei­chen Medi­en bie­tet die Maß­nah­me die Zuta­ten für eine Sex, Crime and Church Sto­ry. Was von den behaup­te­ten Anschul­di­gun­gen zutrifft, wer­den Gerich­te zu klä­ren haben. Dane­ben gibt es aber auch einen inner­kirch­li­chen Aspekt und eine gro­ße Fra­ge.

Reaktion gegen die marxistische Befreiungstheologie

Die Ver­ei­ni­gung Soda­li­ti­um Chri­stia­ne Vitae wur­de am 8. Dezem­ber 1971, dem Hoch­fest Mariä Emp­fäng­nis, vom Perua­ner Luis Fer­nan­do Figa­ri, einem Lai­en, gegrün­det. Sie war eine Reak­ti­on auf die mar­xi­sti­sche Befrei­ungs­theo­lo­gie, die sich damals in Peru und ande­ren latein­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten aus­brei­te­te und zu einer Radi­ka­li­sie­rung führ­te.

Das Symbol des Sodalitiums
Das Sym­bol des Soda­li­ti­ums

Figa­ri woll­te der links­ra­di­ka­len Abwei­chung, der nicht weni­ge Kir­chen­ver­tre­ter und Gläu­bi­ge erla­gen, eine glau­bens- und kir­chen­treue Bewe­gung ent­ge­gen­set­zen, deren Ziel nicht gesell­schafts- und wirt­schafts­po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen sind, son­dern die Hei­li­gung des Indi­vi­du­ums. Stren­ge Aske­se spielt dabei eine zen­tra­le Rol­le. Die Gemein­schaft ver­steht sich vor allem als Lai­en­apo­sto­lat, wenn­gleich ihr auch mehr als 40 Prie­ster ange­hö­ren. Den Groß­teil der Mit­glie­der bil­den 40.000 Lai­en, dane­ben gibt es mehr als 300 Ange­hö­ri­ge, die ewi­ge Gelüb­de abge­legt und sich zum gemein­schaft­li­chen Leben ver­pflich­tet haben. Der Gemein­schaft gehö­ren zwei perua­ni­sche Diö­ze­san­bi­schö­fe an.

Links­krei­se in- und außer­halb der Kir­che stan­den Figa­ri und sei­ner Grün­dung ableh­nend gegen­über. Ihm wird noch heu­te von der lin­ken Pres­se zur Last gelegt, als Stu­dent der Rechts­wis­sen­schaf­ten 1967/1968 die „falan­gi­sti­schen“ Esca­lo­nes Juve­ni­les Nacio­na­li­stas (Natio­na­li­sti­sche Jugend­staf­feln) gegrün­det zu haben. Die Quel­le dafür ist aller­dings eine zwei­fel­haf­te, links­ex­tre­me Publi­ka­ti­on namens Psir­ro­sis, die im Jahr 2000 von einem „klan­de­sti­nen Autoren­kol­lek­tiv“ her­aus­ge­ge­ben wur­de. Der Zweck der Publi­ka­ti­on war es, den „Nach­weis“ zu erbrin­gen, daß die Regie­rung des dama­li­gen Staats­prä­si­den­ten Alber­to Fuji­mo­ri aus „Nazis“ besteht, wie bereits der Unter­ti­tel „Nazis en Pala­cio“ (Nazis im Palast) unter­stell­te.

Zudem wird Figa­ri von der­sel­ben Sei­te vor­ge­wor­fen, dem perua­ni­schen Zweig der von Plí­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra gegrün­de­ten Bewe­gung Tra­di­ti­on, Fami­lie, Pri­vat­ei­gen­tum (TFP) nahe­ge­stan­den und in des­sen Zeit­schrift Tra­di­ci­on y Acci­on publi­ziert zu haben. Der 1995 ver­stor­be­ne Cor­rêa de Oli­vei­ra war Vor­den­ker und Füh­rungs­ge­stalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on in Bra­si­li­en. Zusam­men mit dem damals noch ganz jun­gen Fran­cis­co Tude­la von Breu­gel, der 2000 kurz­zei­tig perua­ni­scher Vize­prä­si­dent wur­de, habe er in Lima den TFP-Able­ger Tra­di­ción y Acción por un Perú Mayor gegrün­det. Belegt ist ledig­lich, daß er 1969 zusam­men mit Stu­di­en­kol­le­gen an sei­ner Uni­ver­si­tät ein Zen­trum katho­li­schen Stu­den­ten grün­de­te.

Die kirchliche Anerkennung

Figa­ri, zwi­schen Poli­tik und Reli­gi­on hin und her geris­sen, ent­schied sich aber mit der Grün­dung des Soda­li­ti­ums, Anfang der 70er Jah­re, für die Reli­gi­on.

Eine der Universitäten der Gemeinschaft
Eine der Uni­ver­si­tä­ten der Gemein­schaft

1994 erfolg­te des­sen Aner­ken­nung diö­ze­sa­nen Rechts und 1997 die Aner­ken­nung als Gesell­schaft des apo­sto­li­schen Lebens päpst­li­chen Rechts durch Papst Johan­nes Paul II. Die Gemein­schaft unter­steht der römi­schen Ordens­kon­gre­ga­ti­on. Ver­schie­de­ne Bischö­fe haben sie in ihre Diö­ze­se geru­fen, 2004 auch Erz­bi­schof Jor­ge Mario Kar­di­nal Ber­go­glio von Bue­nos Aires.

Der gestern vom Vati­kan ent­mach­te­te Gene­ral­obe­re, der Perua­ner Ales­san­dro Moro­ni Llabres, war 2012 an die Spit­ze der Gemein­schaft getre­ten. 2018 hät­te die 5. Ordent­li­che Haupt­ver­samm­lung statt­fin­den und die Füh­rung für die näch­sten sechs Jah­re wäh­len sol­len. Dazu wird es vor­erst nicht kom­men.

Moro­ni, 1965 in Lima gebo­ren, trat 1983 der Gemein­schaft bei und leg­te 1991 die ewi­gen Gelüb­de ab. In den spä­ten 80er und den 90er Jah­ren war er in perua­ni­schen Are­qui­pa am Auf­bau des gemein­schafts­ei­ge­nen Berufs­bil­dungs­zen­trum Isti­tu­to del Sur und der katho­li­schen Pri­vat­uni­ver­si­tät Uni­ver­sidad Cató­li­ca San Pablo betei­ligt, die heu­te über 3.000 bzw. 6.000 Stu­den­ten zäh­len.

Seit 1999 wirk­te er beim Auf­bau des Soda­li­ti­ums in Chi­le, wo er zuletzt Obe­rer der dor­ti­gen Gemein­schaf­ten war und dem Vor­stand der Uni­ver­si­tät Gabrie­la Mistral ange­hört, die eben­falls vom Soda­li­ti­um geführt wird.

Der Kommissar

Am Mitt­woch wur­de die Lei­tung des Soda­li­ti­ums Msgr. Noel Anto­nio Lon­do­no Bui­tra­go CSsR, dem Bischof der kolum­bia­ni­schen Diö­ze­se Jericó über­tra­gen. Die Ein­set­zung des Apo­sto­li­schen Kom­mis­sars wur­de vom vati­ka­ni­schen Pres­se­amt mit „der bemer­kens­wer­ten Schwe­re der Infor­ma­tio­nen bezüg­lich des inne­ren Regi­ments, der Aus­bil­dung und der öko­no­misch-finan­zi­el­len Ver­wal­tung“ begrün­det.

Sandro Moroni, als er 2012 zum Generaloberen gewählt wurde
San­dro Moro­ni, als er 2012 zum Gene­ral­obe­ren gewählt wur­de

Die inter­na­tio­na­len Pres­se­agen­tu­ren berich­te­ten hin­ge­gen, daß dem Grün­der Figa­ri und ande­ren füh­ren­den Mit­glie­dern „sexu­el­ler Miß­brauch von Min­der­jäh­ri­gen“ vor­ge­wor­fen wird. Die perua­ni­sche Staats­an­walt­schaft habe gegen meh­re­re Ange­hö­ri­ge der Füh­rungs­ebe­ne des Soda­li­ti­ums Unter­su­chungs­haft bean­tragt, so DPA und APA.

Das stimmt nur zum Teil. Zu sehr gefällt den Mas­sen­me­di­en der Vor­wurf des „sexu­el­len Miß­brauchs“ im Zusam­men­hang mit der katho­li­schen Kir­che. Zunächst gilt, daß Miß­brauch nicht unbe­dingt sexu­el­len Miß­brauch meint. Zudem kann für die Kir­che von schwer­wie­gen­der Rele­vanz sein, was für welt­li­che Gerich­te irrele­vant ist. Doch der Rei­he nach.

Die Ent­schei­dung, einen Kom­mis­sar zu ent­sen­den, fiel weni­ge Tage vor Beginn des Papst­be­su­ches in Peru und wird damit in Ver­bin­dung gebracht. Die genau­en Zusam­men­hän­ge sind dabei nicht klar.

Der heu­te 70 Jah­re alte Grün­der, Luis Fer­nan­do Figa­ri, der seit gestern in allen Medi­en­be­rich­ten genannt wird, hat seit sie­ben Jah­ren kein Amt mehr inne und wur­de bereits vor einem Jahr aus der Gemein­schaft aus­ge­schlos­sen. Und von der Kir­che ver­ur­teilt.

Die Bombe: sexueller Mißbrauch

Figa­ri war bis 2010 Gene­ral­obe­rer der Gemein­schaft, als er plötz­lich aus „gesund­heit­li­chen Grün­den“ zurück­trat. Kurz­zei­tig über­nahm der dama­li­ge Gene­ral­vi­kar die Lei­tung der Gemein­schaft. Wenig Mona­te nach dem Rück­tritt berich­te­ten Medi­en 2011 über einen Skan­dal. Der 2001 ver­stor­be­ne Gene­ral­vi­kar der Ver­ei­ni­gung, Ger­man Doig, die in der gan­zen Auf­bau­pha­se die Num­mer zwei hin­ter Figa­ri war, wur­de des sexu­el­len Miß­brauchs von min­der­jäh­ri­gen Jugend­li­chen bezich­tigt. Das Soda­li­ti­um hat­te seit sei­nem Tod des­sen Selig­spre­chung betrie­ben. Die Bom­be war per­fekt.

Seit 2011 Medienberichte über Fehlverhalten
Seit 2011 Medi­en­be­rich­te über Fehl­ver­hal­ten

2012 wur­de Ales­san­dro Moro­ni Llabres zum drit­ten Gene­ral­obe­ren gewählt. Er soll­te die Kri­se mana­gen. Nach inter­nen Unter­su­chun­gen, die er ein­ge­lei­tet hat­te, ging er auf Distanz zu Figa­ri, dem vor allem über­zo­ge­ner Auto­ri­ta­ris­mus vor­ge­wor­fen wur­de.

2015 ent­sand­te der Vati­kan, nach Berich­ten, die Moro­ni nach Rom geschickt hat­te, den Bischof von Cho­ta (Peru), Msgr. For­tu­n­a­to Pablo Urcey, als Apo­sto­li­schen Visi­ta­tor, der die Vor­wür­fe gegen Figa­ri unter­su­chen soll­te.

Zugleich tauch­ten in den Medi­en drei schwer­wie­gen­de Anschul­di­gun­gen auf und rie­fen die Staats­an­walt­schaft auf den Plan. Figa­ri räum­te ein, bei der Aus­bil­dung über­zo­ge­ne Metho­den ange­wandt zu haben, bestritt aber jede Form des sexu­el­len Miß­brauchs.

Im Mai 2016 ernann­te die Ordens­kon­gre­ga­ti­on den Erz­bi­schof von Newark (USA), Joseph Tobin CSsR, zum Päpst­li­chen Dele­ga­ten ad nutum, also ohne zeit­li­che Beschrän­kung. Tobin, der Spa­nisch spricht und von Papst Fran­zis­kus noch im sel­ben Jahr zum Kar­di­nal kre­iert wur­de, ist Redemp­to­rist wie Bischof Noel Anto­nio Lon­do­no Bui­tra­go von Jericó, der nun zum Apo­sto­li­schen Kom­mis­sar ernannt wur­de. Ein Dele­gat stellt im kon­kre­ten Fall die Vor­stu­fe zum Kom­mis­sar dar. Da Kar­di­nal Tobin auch wei­ter­hin als Dele­gat für das Soda­li­ti­um zustän­dig bleibt, dürf­te die Aus­wahl des Kom­mis­sars auf sei­ne Emp­feh­lung zurück­ge­hen. Tobin soll sich wei­ter­hin „beson­ders um die wirt­schaft­li­chen Ange­le­gen­hei­ten“ küm­mern, wie der Vati­kan gestern ver­laut­bar­te.

Er erklär­te am 4. August 2016 in einem Inter­view, daß der Vati­kan einen Kom­mis­sar ernen­nen kön­ne, wenn in einer Gemein­schaft eine „gewis­se Unre­gier­bar­keit“ fest­ge­stellt wird: „Die­se Not­wen­dig­keit sehe ich der­zeit aber nicht.“

Zugleich erklär­te Gene­ral­obe­rer Moro­ni 2016, daß er Figa­ri – unab­hän­gig von even­tu­el­len Ent­schei­dun­gen des Vati­kans oder der staat­li­chen Gerichts­bar­keit – „schwer­wie­gen­der Hand­lun­gen“ für aus­rei­chend schul­dig hal­te, um ihn zur per­so­na non gra­ta zu erklä­ren.

Im Janu­ar 2017 gab die perua­ni­sche Staats­an­walt­schaft, die gegen Figa­ri wegen psy­chi­scher und phy­si­scher Gewalt sowie sexu­el­lem Miß­brauch ermit­tel­te, bekannt, daß es „kei­ne Anhalts­punk­te“ für Straf­ta­ten gibt. Staats­an­wäl­tin María del Pilar Per­al­ta Ramí­rez erklär­te gegen­über der Pres­se: „Wir haben kei­ne Betrof­fe­nen, die uns berich­ten, daß sie Opfer von sol­chem Miß­brauch gewor­den sind“, wes­halb der Fall archi­viert wur­de.

Exklaustrierung und Verbannung

Im Febru­ar 2017 wur­de Figa­ri aber auf Anord­nung des Vati­kans, der damit der Ent­schei­dung des Gene­ral­obe­ren folg­te, exklau­s­triert. Ihm wur­de ver­bo­ten, Nie­der­las­sun­gen der Gemein­schaft zu betre­ten. Eben­so unter­sag­te ihm der Vati­kan nach Peru zurück­zu­keh­ren. Ihm wur­de ein Auf­ent­halts­ort zuge­wie­sen, wo er ein Leben der Buße und des Gebets zu füh­ren und ihn nicht zu ver­las­sen habe. Jede direk­te oder indi­rek­te Kon­takt­auf­nah­me mit Mit­glie­dern des Soda­li­ti­ums wur­de ihm unter­sagt.

Der Gene­ral­obe­re Moro­ni leg­te eine bemer­kens­wer­te Trans­pa­renz an den Tag und ver­öf­fent­lich­te alle römi­schen Doku­men­te und wei­te­re Stel­lung­nah­men zum Fall Figa­ri auf der Inter­net­sei­te des Soda­li­ti­ums. Am 21. Febru­ar ver­öf­fent­licht er den Abschuß­be­richt einer inter­na­tio­na­len, vom Soda­li­ti­um ein­ge­setz­ten Unter­su­chungs­kom­mis­si­on. Dar­in wur­den Figa­ri und drei wei­te­re, teils füh­ren­de Ex-Mit­glie­der der Gemein­schaft, alles kei­ne Prie­ster, schwer beschul­digt. Einer von ihnen ist der vor 17 Jah­ren ver­stor­be­ne, dama­li­ge Gene­ral­vi­kar Ger­man Doig. Ihnen wird von der Unter­su­chungs­kom­mis­si­on im Zeit­raum 1975–2000 sexu­el­ler Miß­brauch an 19 min­der­jäh­ri­gen Jugend­li­chen vor­ge­wor­fen.

Einer der Beschul­dig­ten, Vir­gi­lio Leva­g­gi Vega, pro­te­stier­te öffent­lich gegen die Anschul­di­gun­gen, die er ent­schie­den zurück­wies und den „öffent­li­chen Pran­ger“ durch die Kom­mis­si­on und den Gene­ral­obe­ren Moro­ni ver­ur­teil­te.

Neue Ermittlungen

Der Bericht ließ die Staats­an­walt­schaft einen neu­en Akt öff­nen. Staats­an­wäl­tin Maria Leon for­der­te Mit­te Dezem­ber 2017 für vier Per­so­nen, dar­un­ter Figa­ri, die Ver­hän­gung der Unter­su­chungs­haft. Sie wirft Figa­ri kei­nen sexu­el­len Miß­brauch vor, obwohl er im Abschluß­be­richt der Unter­su­chungs­kom­mis­si­on, die Moro­ni ein­ge­setzt hat­te, auch des­sen bezich­tigt wird, aber den „Ver­dacht auf Grün­dung einer ille­ga­len Ver­ei­ni­gung“ und „schwe­re psy­chi­sche Ver­let­zun­gen“. Figa­ri habe „sei­ne Füh­rungs­po­si­ti­on aus­ge­nützt, um über eine Mehr­heit der Soda­len Kon­trol­le und eine auto­ri­tä­re Lei­tung aus­zu­üben“. So steht es jeden­falls im Abschluß­be­richt.

Gründungsjahr 1971
Grün­dungs­jahr 1971

Wegen Sexu­el­lem Miß­brauch von Jugend­li­chen wird hin­ge­gen gegen die drei ande­ren Ange­klag­ten ermit­telt, die auch im Abschluß­be­richt der inter­na­tio­na­len Unter­su­chungs­kom­mis­si­on genannt wer­den. Die Taten betref­fen je nach Ange­klag­tem unter­schied­li­che Zeit­räu­me. Nur einer von ihnen hat­te bis in die 80er Jah­re eine füh­ren­de Posi­ti­on in der Gemein­schaft.

Vir­gi­lio Leva­g­gi Vega (61), der Ende der 70er und in den 80er Jah­ren hin­ter Figa­ri und Doig die Num­mer drei in der Gemein­schaft gewe­sen sei, soll 1977 einen min­der­jäh­ri­gen Jugend­li­chen miß­braucht und 1987 Sex mit zwei jun­gen Erwach­se­nen gehabt haben. Wenn es in die­sem Zusam­men­hang Straf­ta­ten gab, sind sie aller­dings bereits ver­jährt. Er gehört schon seit Jah­ren nicht mehr dem Soda­li­ti­um an und lebt im Aus­land.

Jef­fe­ry Dani­els Val­der­ra­ma (49) wer­den die schwer­sten Miß­brauchs­fäl­le vor­ge­wor­fen, die sich zwi­schen 1985 und 1997 zuge­tra­gen haben sol­len. Er soll mit zwölf Jugend­li­chen, meist im Alter zwi­schen 14 und 16 Jah­ren, sexu­el­len Kon­takt gehabt haben. Dani­els, gehört eben­falls nicht mehr zum Soda­li­ti­um. Er lebt heu­te mit sei­ner Frau in den USA und dürf­te auch die US-Bür­ger­schaft haben.

Dani­el Mur­guia Ward wur­de 2007 in Lima mit dem Vor­wurf ver­haf­tet, einen nack­ten Jugend­li­chen foto­gra­fiert zu haben. Der Vor­fall steht in kei­nem Zusam­men­hang mit dem Soda­li­ti­um. Weder gehör­te der Jugend­li­che die­sem an noch fand die Tat in einer Nie­der­las­sung des­sel­ben statt. Mur­guia wur­de sofort aus­ge­schlos­sen. Er ver­brach­te drei Jah­re in Unter­su­chungs­haft bis ein Gericht sei­ne Unschuld fest­stell­te, und er frei­ge­spro­chen wur­de.
Ihm wirft Staats­an­wäl­tin Leon vor, Teil einer ille­ga­len Ver­ei­ni­gung gewe­sen zu sein, die phy­si­sche und psy­chi­sche Gewalt aus­ge­übt habe.

In die­sen knap­pen Anga­ben dürf­ten die Grün­de zu fin­den sein, wes­halb das zustän­di­ge Gericht dem Antrag der Staats­an­walt­schaft bis­her nicht statt­ge­ge­ben hat.

Parallelen und Fragen

Gestern, einen Tag nach der Ent­schei­dung der Ordens­kon­gre­ga­ti­on, die von Papst Fran­zis­kus gebil­ligt wur­de, mel­de­te sich das Soda­li­ti­um zu Wort. Die Stel­lung­nah­me lie­fert aber kei­ne neu­en Infor­ma­tio­nen, zu den Hin­ter­grün­den der römi­schen Maß­nah­me. Die Gemein­schaft teil­te mit, mit den römi­schen Stel­len und dem Kom­mis­sar zusam­men­ar­bei­ten zu wol­len. Anson­sten beschränkt sich die Stel­lung­nah­me, Punkt für Punkt des­sen zu wie­der­ho­len, was der Vati­kan bereits gestern mit­ge­teilt hat­te.

Was von den Medi­en­be­haup­tun­gen über teils füh­ren­de, aber ehe­ma­li­ge Mit­glie­der des Soda­li­ti­ums wirk­lich wahr ist, wer­den die zustän­di­gen Gerich­te zu klä­ren haben. Sie­ben Jah­re nach Bekannt­wer­den der ersten Vor­wür­fe gegen Figa­ri gibt es weder ein rechts­kräf­ti­ges Urteil noch über­haupt ein Gerichts­ver­fah­ren. Die kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten haben unab­hän­gig davon vor­erst ihr Urteil gefällt, und das gegen Figa­ri.

Er erin­nert, zumin­dest in drei Punk­ten, an einen ande­ren Grün­der einer gro­ßen, ja noch grö­ße­ren, kirch­li­chen Gemein­schaft: an den Bra­si­lia­ner João Sco­gna­miglio Clá Dias.

Herolde des Evangeliums
Herol­de des Evan­ge­li­ums

Um Miß­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen: Gegen João Sco­gna­miglio Clá Dias wur­den nie Vor­wür­fe des sexu­el­len Miß­brauchs erho­ben. Er ist der Grün­der der Herol­de des Evan­ge­li­ums. Die Par­al­le­len zum Fall Figa­ri sind ande­rer Natur: Auch Sco­gna­miglio gehör­te der Bewe­gung Tra­di­ti­on, Fami­lie, Pri­vat­ei­gen­tum (TFP) an, in deren bra­si­lia­ni­schen Mut­ter­or­ga­ni­sa­ti­on er sogar eine füh­ren­de Rol­le spiel­te. Auch er war lan­ge zwi­schen Poli­tik und Reli­gi­on hin und her geris­sen und ent­schied sich am  am Ende für die Reli­gi­on. Gemein­sam ist ihnen auch, daß bei­de Grün­dun­gen, die in der katho­li­schen Kir­che Latein­ame­ri­kas kei­ne unbe­deu­ten­de Rol­le spie­len, ins Visier von Papst Fran­zis­kus gera­ten sind.

Offi­zi­el­le Grün­de für den vati­ka­ni­schen Druck auf die Herol­de, der im Juni 2017 zum Rück­tritt des Grün­ders führ­te, wur­den bis heu­te nicht genannt. Statt­des­sen ver­öf­fent­lich­te der päpst­li­che Haus­va­ti­ka­nist Andrea Tor­ni­el­li eine haar­sträu­ben­de Anschul­di­gung. Beob­ach­ter ver­wei­sen hin­ge­gen auf die Glau­bens­treue der Herol­de und die in der Gemein­schaft herr­schen­de, posi­ti­ve Aner­ken­nung von Auto­ri­tät. Kein Geheim­nis ist, daß bei­de Gemein­schaf­ten, Figa­ris Soda­li­ti­um und mehr noch Sco­gna­migli­os Herol­de, wegen ihres schnel­len Wachs­tums, ihrer inter­na­tio­na­len Aus­brei­tung, ihren öko­no­mi­schen Res­sour­cen, ihren Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten und ihrer Grund­aus­rich­tung wegen inner­kirch­li­che Geg­ner und Nei­der haben.

Jen­seits mög­li­cher und zu klä­ren­der, per­sön­li­cher Schuld kann nicht über­se­hen wer­den, mit wel­cher Treff­si­cher­heit die Ordens­kon­gre­ga­ti­on unter Papst Fran­zis­kus „kon­ser­va­ti­ve“ Gemein­schaf­ten unter kom­mis­sa­ri­sche Auf­sicht stellt. Es ist die­sel­be Treff­si­cher­heit, die Papst Fran­zis­kus bei der Eme­ri­tie­rung von „kon­ser­va­ti­ven“ Bischö­fen an den Tag legt. Damit steht die Fra­ge nach kir­chen­po­li­ti­schen Manö­vern im Raum.

Unklar ist näm­lich, war­um das Soda­li­ti­um einem Kom­mis­sar unter­stellt wur­de, obwohl die Beschul­dig­ten ent­we­der seit vie­len Jah­ren tot sind, das Soda­li­ti­um ver­las­sen haben oder aus­ge­schlos­sen wur­den, und vom bis­her amtie­ren­den Gene­ral­obe­ren in der uner­freu­li­chen Sache eine gera­de­zu muster­gül­ti­ge Trans­pa­renz an den Tag gelegt wur­de.

Umbauten in der Kirche Perus

„Cipriani raus“. Die Titelseite einer linken Tageszeitung veranschaulicht das Klima, das in Peru herrscht.
„Cipria­ni raus“. Die Titel­sei­te einer lin­ken Tages­zei­tung wäh­rend des Uni­ver­si­täts­kon­flik­tes ver­an­schau­licht das Kli­ma in Peru

Es gibt Stim­men, die in der Ernen­nung des Kom­mis­sars eine Geste von Fran­zis­kus erken­nen wol­len, sich kurz vor sei­nem Besuch bestimm­te Krei­se Perus wohl­wol­lend zu stim­men. Geht es um päpst­li­chen Aktio­nis­mus und Image­fle­ge? Die Din­ge sind in der Regel mehr­schich­tig. Auch im kon­kre­ten Fall schei­nen eine Rei­he von Fak­to­ren zusam­men­zu­spie­len.

Fran­zis­kus hat­te in der Ver­gan­gen­heit bereits auf ver­schie­de­ne Wei­se in Peru ein­ge­grif­fen. Dabei ging es vor allem um die Schwä­chung des Erz­bi­schofs von Lima und Pri­mas von Peru, Juan Luis Kar­di­nal Cipria­ni Thor­ne. Dabei stell­te sich das Kir­chen­ober­haupt auf die Sei­te unge­hor­sa­mer Rebel­len, von denen die Katho­li­sche Uni­ver­si­tät von Peru kon­trol­liert wird. Wegen man­geln­dem katho­li­schen Pro­fil hat­te ihr der Kar­di­nal als ihr Groß­kanz­ler, unter Bene­dikt XVI., die Aner­ken­nung als katho­li­sche und päpst­li­che Uni­ver­si­tät ent­zie­hen las­sen.

Katholisches.info schrieb dazu im Sep­te­mer 2016:

„Kar­di­nal Cipria­ni Thor­ne ist die her­aus­ra­gen­de Gestalt im perua­ni­schen Epis­ko­pat. Der Ange­hö­ri­ge des Opus Dei bot ande­ren kirch­li­chen Strö­mun­gen im Epis­ko­pat die Stirn, beson­ders den Ten­den­zen zur mar­xi­sti­schen Befrei­ungs­theo­lo­gie, der sich auch Tei­le der Uni­ver­si­tät geöff­net hat­ten. Seit der Wahl von Papst Fran­zis­kus steht er unter Druck. Eine Grup­pe von perua­ni­schen Bischö­fen ver­sucht sei­nen Ein­fluß zurück­zu­drän­gen und ihn zu mar­gi­na­li­sie­ren.“

Kar­di­nal Cipria­ni Thor­ne war es, der einen Prie­ster des Soda­li­ti­ums zu sei­nem Weih­bi­schof mach­te (der heu­te als Diö­ze­san­bi­schof ein eige­nes Erz­bis­tum lei­tet). In der Perua­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz ste­hen sich zwei gro­ße Grup­pen gegen­über, die wie­der­holt Kon­flik­te aus­tra­gen. So kri­ti­sier­te der Pri­mas 2016 eine „lücken­haf­te“ Erklä­rung der Bischofs­kon­fe­renz. Einem Teil sei­ner perua­ni­schen Mit­brü­der warf er vor, eine Abtrei­bungs- und Homo-Kam­pa­gne zu unter­stüt­zen, die unter ande­rem von Geor­ge Soros finan­ziert wur­de. Peru ist ein Land, in dem es unter der Füh­rung des Kar­di­nals einen hef­ti­gen und orga­ni­sier­ten Wider­stand gegen die glo­ba­le links­li­be­ra­le Agen­da gibt. Der Kar­di­nal sprach im Zusam­men­hang mit der Zika-Hyste­rie davon, daß in der UNO „Hero­dia­ner mit Kra­wat­te sit­zen, die unge­bo­re­ne Kin­der töten wol­len“. Die Gen­der-Ideo­lo­gie, so der Pri­mas, wer­de vom inter­na­tio­na­len „Groß­ka­pi­tal gelenkt“ (sie­he dazu auch Der Zorn von Geor­ge Soros).

Die vom Kar­di­nal ange­führ­te Grup­pe, befin­det sich inzwi­schen deut­lich im Hin­ter­tref­fen, da Papst Fran­zis­kus den Epis­ko­pat durch Neu­ernen­nun­gen zügig umbaut. Es geht schon längst um die Nach­fol­ge des Kar­di­nals, der im kom­men­den Dezem­ber 75 Jah­re alt wird.

Und was hat das alles mit der kom­mis­sa­ri­schen Lei­tung des Soda­li­cio de Vida Cri­stia­na zu tun? Eben­so­gut könn­te man fra­gen, was das Soda­li­ti­um mit den von den Medi­en behaup­te­ten Grün­den für den Kom­mis­sar zu tun hat. In bei­den Fäl­len gilt: Viel­leicht sehr wenig, viel­leicht aber auch sehr viel.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: El Comecio/Diario16/SVC (Screen­shots)




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1 Kommentar

  1. Es herrscht ein gei­sti­ger Kampf wie im Him­mel so auch auf Erden. Des­halb sol­len wir ja auch beten „Dein Wil­le gesche­he wie im Him­mel so auf Erden“. In der Anru­fung des Hl. Erz­engels Micha­els bit­ten wir: „Gott gebie­te ihm (Satan)“. Die Kir­che hat uns die Anru­fung des Hl. Erz­engels Micha­el und die fle­hent­li­che Bit­te, dass Gott dem Satan gebie­ten möge, am Ende jeder Hl. Mes­se gestoh­len. Wir Men­schen geben dem Satan jeden Tag mehr Macht durch unse­re Sün­den. Frü­he­re Katho­li­ken waren sich der Tat­sa­che bewusst, dass sie Sün­der sind und der Erlö­sung bedür­fen, heu­ti­ge Schein-Katho­li­ken kom­men gar nicht mehr auf die Idee, dass sie Sün­der sind und der Erlö­sung bedür­fen.
    Beten wir um hei­lig­mä­ßi­ge Prie­ster, (Theo­lo­gen, Bischö­fe, Kar­di­nä­le, Papst) und die Bewah­rung du treue Ver­kün­dung der Jahr­tau­sen­de alte kirch­li­chen Leh­re, auf der Offen­ba­rung Jesu ruhend.

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