Italien führt die Euthanasie ein und die Kirche schweigt mal wieder

Freude am Tode: Euthanasieberfürworter auf der Tribüne des Italienischen Senats mit Freudentränen über die Legalisierung der Euthanasie. 2. Reihe rechts: Emma Bonino, ehemalige EU-Kommissarin und Soros-Preisträgerin, die sich in den 70er Jahren bezichtigte, mehr als 10.000 ungeborene Kinder getötet zu haben, um den Frauen die "Befreiung" durch Abtreibung zu verschaffen. Die überzeugte Abtreibungs-, Homo-Ehe-, Drogenfreigabe- und Euthanasiebefürworterin wurde von Papst Franziskus als "ganz Große" gelobt.
Freude am Tode: Euthanasieberfürworter auf der Tribüne des Italienischen Senats mit Freudentränen über die Legalisierung der Euthanasie. 2. Reihe rechts: Emma Bonino, ehemalige EU-Kommissarin und Soros-Preisträgerin, die sich in den 70er Jahren bezichtigte, mehr als 10.000 ungeborene Kinder getötet zu haben, um den Frauen die "Befreiung" durch Abtreibung zu verschaffen. Die überzeugte Abtreibungs-, Homo-Ehe-, Drogenfreigabe- und Euthanasiebefürworterin wurde von Papst Franziskus als "ganz Große" gelobt.

Von Rober­to de Mattei*

Die ita­lie­ni­schen Regie­run­gen Ren­zi-Gen­ti­lo­ni [bei­de gehö­ren den Links­de­mo­kra­ten an] wer­den in die Geschich­te ein­ge­hen als jene, die zwei der unglück­se­lig­sten Geset­ze erlas­sen haben: die homo­se­xu­el­le Pseu­do-Ehe unter der Bezeich­nung „Ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaft“ (20. Mai 2016) und die Eutha­na­sie unter der Bezeich­nung „Bio­lo­gi­sches Testa­ment“ oder „DAT“ (Pati­en­ten­ver­fü­gung), beschlos­sen in letz­te­re Lesung von Senat am 14. Dezem­ber 2017. Die­ses Gesetz wird im Amts­blatt der Repu­blik im 40. Jahr der Abtrei­bungs­le­ga­li­sie­rung, erfolgt mit dem Staats­ge­setz Nr. 194 vom 22. Mai 1978, ver­öf­fent­licht wer­den. Der Kreis schließt sich damit.

40 Jah­re der Aggres­si­on gegen das Leben und gegen die Fami­lie von der Abtrei­bung bis zu Eutha­na­sie. Der Weg führt dabei über die Ein­ge­tra­ge­nen Part­ner­schaf­ten und das ver­kürz­te Schei­dungs­ver­fah­ren. Es ist dar­an zu erin­nern, daß das Abtrei­bungs­ge­setz von Mini­ster­prä­si­dent Giu­lio Andreot­ti und Staats­prä­si­dent Gio­van­ni Leo­ne unter­zeich­net wur­de, bei­de waren Christ­de­mo­kra­ten. Das Eutha­na­sie­ge­setz wird von Mini­ster­prä­si­dent Pao­lo Gen­ti­lo­ni, einem Katho­li­ken, unter­zeich­net, und von Staats­prä­si­dent Ser­gio Mattarel­la, eben­falls ein Katho­lik und ehe­ma­li­ger christ­de­mo­kra­ti­scher Abge­ord­ne­ter. Kei­ner von ihnen wird die Pflicht ver­spü­ren, jene Ver­wei­ge­rung aus Gewis­sens­grün­den gel­tend zu machen, die vom Klei­nen Haus der Gött­li­chen Vor­se­hung, bes­ser bekannt als Cot­to­len­go((1828 gegrün­de­tes, katho­li­sches Pfle­ge- und Hilfs­werk, das sich vor allem Behin­der­ter und psy­chisch Kran­ker annimmt. Der Haupt­sitz in Turin wer­den 2.000 Men­schen betreut. Welt­weit gibt es fünf­zehn wei­te­re Nie­der­las­sun­gen.)), mutig ange­kün­digt wur­de. Der Gene­ral­obe­re der Ein­rich­tung, Don Car­mi­ne Ari­ce erklär­te:

„Wir kön­nen nichts prak­ti­zie­ren, was gegen das Evan­ge­li­um ist, scha­de, daß im Gesetz kei­ne Mög­lich­keit der Ver­wei­ge­rung aus Gewis­sens­grün­den ent­hal­ten ist. Dann wer­den wir eben vor Gericht gestellt, den in einem mög­li­chen Kon­flikt zwi­schen dem Gesetz und dem Evan­ge­li­um, haben wir dem Evan­ge­li­um zu fol­gen.“

Don Ari­ce erklär­te wei­ter,

„auf einen Todes­wunsch kann unse­re Ein­rich­tung nicht posi­tiv reagie­ren. Der­zeit ist eine Ver­wei­ge­rung aus Gewis­sens­grün­den für pri­va­te Pfle­ge- und Gesund­heits­ein­rich­tun­gen nicht vor­ge­se­hen. Ich bin aber über­zeugt, daß wir nach unse­rem Gewis­sen einem Todes­wunsch nicht ent­spre­chen kön­nen. Daher wer­den wir alle sich dar­aus erge­ben­den Kon­se­quen­zen tra­gen“ (La Stam­pa, 15. Dezem­ber 2017).

Zum Ver­rat der katho­li­schen Poli­ti­ker gesellt sich noch ein zwei­ter. 1978 ent­stand nach der Ver­ab­schie­dung des Abtrei­bungs­ge­set­zes, geför­dert von der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, der Movi­men­to per la Vita (MplV,„Bewegung für das Leben – Ita­li­en“). Offi­zi­el­ler Zweck der Ver­ei­ni­gung war es, der Ver­tei­di­gung des Lebens eine Stim­me zu geben. In Wirk­lich­keit bestand der eigent­li­che Auf­trag, den die Bischö­fe die­ser Bewe­gung anver­trau­ten, dar­in, das Ent­ste­hen einer wirk­li­chen Lebens­rechts­be­we­gung wie jener in den USA zu ver­hin­dern. Das war ab dem Jahr 1981 klar, als der MplV ein Refe­ren­dum initi­ier­te, mit dem das Abtrei­bungs­ge­setz 194 abge­schafft wer­den soll­te, aber die the­ra­peu­ti­sche Abtrei­bung wäh­rend der gesam­ten Schwan­ger­schaft, die öffent­li­che Finan­zie­rung der lega­len Abtrei­bun­gen, der Abtrei­bungs­zwang für Kran­ken­häu­ser, die kosten­lo­se Ver­tei­lung von Ver­hü­tungs­mit­teln, auch sol­che mit abtrei­ben­der Wir­kung, durch die staat­li­chen Bera­tungs­stel­le an min­der­jäh­ri­ge Mäd­chen blei­ben soll­ten. Die Volks­ab­stim­mung, bei der sich kohä­ren­te Katho­li­ken ent­hal­ten muß­ten, fand am 17. Mai 1981 statt und wur­de zum Deba­kel des MplV. Sie war der Beginn der „Stra­te­gie des klei­ne­ren Übels“, die von einem Nach­ge­ben zum ande­ren zum heu­ti­gen Karfreit((Italienische Nie­der­la­ge im Ersten Welt­krieg am Ison­zo.)) führ­te.

Der Rechts­phi­lo­soph Mario Palma­ro schrieb am 1. Mai 2013 in einem denk­wür­di­gen Arti­kel in der Inter­net­ta­ges­zei­tung La Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na:

„Gemäß die­ser Stra­te­gie dür­fen sich die Katho­li­ken in der Poli­tik und die hin­ter ihnen ste­hen­den Medi­en nicht län­ger dar­auf ‚beschrän­ken‘ (sic), die nicht ver­han­del­ba­ren Grund­sät­ze zu bekun­den und sich Geset­zes­in­itia­ti­ven zu wider­set­zen, die sie leug­nen, son­dern müs­sen selbst Geset­zes­in­itia­ti­ven star­ten und Geset­ze för­dern, die die­se Grund­sät­ze nur zum Teil ver­tre­ten, aber dadurch schlech­te­re Geset­ze ver­hin­dern. (…) Jemand könn­te sich fra­gen, ob die­se ‚Dok­trin des klei­ne­ren Übels‘ zumin­dest Ergeb­nis­se erbringt? Ja: die Kata­stro­phe.“

Fran­ces­co Agno­li hat­te daher nicht Unrecht, wenn er in sei­nem Buch „Geschich­te der Bewe­gung für das Leben. Zwi­schen Hel­den­tum und Nach­gie­big­keit“ (2010)((„Francesco Agno­li: Sto­ria del Movi­men­to per la Vita. Tra erois­mi e cedi­men­ti, 2010.)) die Wider­sprü­che und Zwei­deu­tig­kei­ten des MplV und vor allem von Car­lo Casi­ni offen­leg­te, der 25 Jah­re lang Vor­sit­zen­der war, bis ihm 2015 Gian Lui­gi Gig­li nach­folg­te.

Casi­ni war 30 Jah­re christ­de­mo­kra­ti­scher Abge­ord­ne­ter im Ita­lie­ni­schen und im Euro­päi­schen Par­la­ment. Ab 2009 gehör­te er der Strö­mung der christ­de­mo­kra­ti­schen Volks­par­tei an, die alle Regie­run­gen von Mon­ti über Let­ta und Ren­zi bis Gen­ti­lo­ni unter­stütz­te. Wie könn­ten aber Figu­ren frei und unab­hän­gig han­deln, die gleich zwei Mäch­ten unter­wor­fen sind: ein­mal den jewei­li­gen Par­tei­en, denen sie ange­hö­ren, und zugleich der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, dank deren Finan­zie­rung der MplV gedeiht (und stirbt?).

Und wenn der MplV gegen die Pati­en­ten­ver­fü­gung kei­nen Wider­stand gelei­stet hat, was ist dann erst von der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz zu sagen, und beson­ders von ihrem Gene­ral­se­kre­tär Bischof Nun­zio Galan­ti­no? Den wah­ren Feind sieht er Galan­ti­no nicht in der Eutha­na­sie, son­dern in der „the­ra­peu­ti­schen Ver­bis­sen­heit“. Daher hofft er, „daß man­che lang­sam drauf­kommt, daß die Kir­che weni­ger maß­re­gelnd ist, als man von ihr behaup­tet“ (Avve­ni­re, 18. Novem­ber 2017).

Der Erz­bi­schof von Tri­est, Giam­pao­lo Crepal­di, einer der weni­gen Ober­hir­ten, der sich offen gegen das Gesetz aus­ge­spro­chen hat, ver­wies auf das Kli­ma der Gleich­gül­tig­keit, vor allem von Sei­ten der katho­li­schen Welt, in dem die „Pati­en­ten­ver­fü­gung“ beschlos­sen wur­de.

„Brei­te Tei­le von ihr haben sich dem Ein­satz zur Ver­tei­di­gung von so grund­le­gen­den Wer­ten wie der Men­schen­wür­de ent­zo­gen, ängst­lich viel­leicht Mau­ern statt Brücken zu bau­en. Aber die Brücken, die nicht auf der Wahr­heit errich­tet sind, hal­ten nicht stand.“

Der Schwei­zer Vati­ka­nist Giu­sep­pe Rus­co­ni schrieb zu den Wor­ten von Erz­bi­schof Crepal­di über

„die schwe­re Ver­ant­wor­tung von gro­ßen Tei­len der katho­li­schen Hier­ar­chie, die öffent­lich eine dif­fu­se Gleich­gül­tig­keit zu einem Gesetz­ent­wurf gezeigt haben, der so unheil­voll für die Men­schen­wür­de ist. Ein Ver­hal­ten, das in völ­li­gem Wider­spruch zur Sozi­al­leh­re der Kir­che ist. Eine schwer­wie­gen­de Ver­ant­wor­tung tra­gen auch gro­ße Tei­le des soge­nann­ten katho­li­schen Ver­bands­we­sens, die ihre Grund­sät­ze ver­ra­ten haben. Eine schwer­wie­gen­de Ver­ant­wor­tung tra­gen auch gro­ße Tei­le der soge­nann­ten katho­li­schen Medi­en Ita­li­ens, der Avve­ni­re an der Spit­ze, die sofort, wenn auch ver­steckt hin­ter dem einen oder ande­ren dem Anschein nach kämp­fe­ri­schen Titel, die wei­ße Fah­ne gehißt haben“ (rossoporpora.org, 15. Dezem­ber 2017).

Die Tages­zei­tung Avve­ni­re hängt von der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz ab, deren Gene­ral­se­kre­tär, Msgr. Galan­ti­no, ein Ver­trau­ens­mann von Papst Fran­zis­kus ist. Und die Wor­te von Papst Fran­zis­kus zum Lebens­en­de, die er am 19. Novem­ber an die Mit­glie­der der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben rich­te­te, wur­den von allen als eine „offe­ne Tür“ für jene Form der Eutha­na­sie ver­stan­den, wie sie die Pati­en­ten­ver­fü­gung dar­stellt.

Die­se Wor­te des Pap­stes sei­en not­wen­dig gewe­sen, so Cor­ra­do Augias((Corrado Augi­as, lin­ker Jour­na­list, beken­nen­der Athe­ist, 1994–1999 für die Par­tei der Demo­kra­ti­schen Lin­ken (Nach­fol­ge­par­tei der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens) Mit­glied des Euro­päi­schen Par­la­ments, wirbt seit 2006 mit einer Kolum­ne in der lin­ken Tages­zei­tung La Repub­bli­ca für die Eutha­na­sie, Anm. Giu­sep­pe Nar­di))

„um die letz­ten Wider­stän­de von eini­gen Katho­li­ken zu bre­chen und wahr­schein­lich zumin­dest einen Teil davon zu über­zeu­gen, ihre Zustim­mung zu geben“ (La Repub­bli­ca, 16. Dezem­ber 2017).

Auf die Fra­ge, ob die Wor­te von Papst Ber­go­glio eine Öff­nung zugun­sten des Lebens­en­de-Geset­zes sei­en, ant­wor­te Msgr. Galan­ti­no:

„Ich bin kein Poli­ti­ker, aber ich hof­fe, daß die Poli­ti­ker ihre Pflicht tun und nicht nur zu die­sem Aspekt“ (Avve­ni­re s.o.).

Wem im übri­gen, wenn nicht dem regie­ren­den Papst ver­dankt man den Appell „Brücken zu bau­en, wo sich Mau­ern erhe­ben“ (Gene­ral­au­di­enz, 25. Febru­ar 2017)? Die Mau­ern sind alle ein­ge­ris­sen und die Brücken errich­tet: Das Ergeb­nis ist, wie Erz­bi­schof Crepal­di fest­stell­te, daß „eine liber­tä­re Ideo­lo­gie gesiegt hat, die sich im Gewis­sen vie­ler Abge­ord­ne­ter wider­spie­gelt, und die letzt­lich nihi­li­stisch ist. So geht Ita­li­en einer fin­ste­ren Zukunft ent­ge­gen, die auf einer auf­ge­zehr­ten Frei­heit grün­det und ohne Hoff­nung ist“.

Papst Ber­go­glio und gro­ße Tei­le der katho­li­schen Welt haben zusam­men mit Pao­lo Gen­ti­lo­ni und Matteo Ren­zi die mora­li­sche Ver­ant­wor­tung für die­ses Gesetz zu tra­gen. Aber nichts, was in der Geschich­te geschieht, ist dem Urteil Got­tes ent­zo­gen, der die Ver­ant­wort­li­chen für die Skan­da­le in der Zeit und in der Ewig­keit bestraft. Nur indem wir uns an das die höch­ste Gerech­tig­keit des Her­ren erin­nern, wer­den wir an sei­ne unend­li­che Barm­her­zig­keit appel­lie­ren kön­nen, um unse­rer Nati­on die ver­dien­ten Stra­fen zu erspa­ren.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Bild: MiL

2 Kommentare

  1. Was wird denn in dem Gesetz zur Pati­en­ten­ver­fü­gung erlaubt: akti­ve Ster­be­hil­fe oder der Ver­zicht auf medi­zi­ni­sche Maß­nah­men in aus­sichts­lo­sen Fäl­len? Das wäre schon ein Unter­schied. Der aktu­el­le Bischof von Rom ist der über­lie­fer­ten Leh­re der Kir­che oft­mals untreu – ob aber in die­sem Fall durch sei­ne Schüt­zen­hil­fe wirk­lich etwas fre­vel­haf­tes erlaubt wur­de, weiß ich nicht.

  2. Inter­es­sant, wie jetzt auf ein­mal in den letz­ten Jah­ren in sovie­len Län­dern in Euro­pa Eutha­na­sie libe­ra­li­siert, die Homo­ehe aus­ge­brei­tet und got­tes­lä­ster­li­che Geset­ze erlas­sen wer­den. Dazu noch der Bruch der katho­li­schen Amts­kir­che mit den 10 Gebo­ten. Genau­so irr­sin­nig ist die Ände­rung des „Gegrü­ßet seist du Maria“ auf „Freu dich Maria“ durch die ita­lie­ni­sche Bischofs­kon­fe­renz. Nur pro­gres­si­ve Nerds beten die­se neue Ver­si­on, da sie dem Engels­gruß, dem bibli­schen Hin­ter­grund des Ave Mari­as, wider­spricht.

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