Wird „Experiment“ von San Cristobal de Las Casas wiederaufgenommen?

In den 90er Jahren weihte Bischof Ruiz Garcia pber 300 verheiratete Diakone für sein Bistum, das nur 50 Priester zählte. Die Ehefrauen der "ständigen Diakone" waren in den Weiheakt eingebunden (siehe Bild), wenn auch unklar blieb, warum und wie genau.
In den 90er Jahren weihte Bischof Ruiz Garcia über 300 verheiratete Diakone für sein Bistum, das nur wenige Dutzend Priester zählte. Die Ehefrauen der "ständigen Diakone" waren in den Weiheakt eingebunden (siehe Bild), wenn auch unklar blieb, warum und wie genau.

(Rom) Papst Fran­zis­kus ernann­te einen neu­en Bischof für die mexi­ka­ni­sche Diö­ze­se San Cri­sto­bal de Las Casas. Das Bis­tum galt lan­ge Zeit als Expe­ri­men­tier­feld eines neu­en, „indi­ge­nen Kle­rus“ für eine „auto­chtho­ne Kir­che“. Das Ziel war die Bre­chung des Prie­ster­z­ö­li­bats durch Ein­füh­rung eines ver­hei­ra­te­ten Prie­ster­tums. Obwohl die For­de­rung ein typisch „west­li­ches“ Phä­no­men ist, wur­de sie „indi­gen“ begrün­det. Mit ande­ren Wor­ten: Über den außer­west­li­chen Umweg hof­fen vor allem west­li­che oder west­lich gepräg­te Krei­se, den Prie­ster­z­ö­li­bat abzu­schaf­fen. 63 Pro­zent der Men­schen im Bis­tum San Cri­sto­bal de Las Casas bezeich­nen sich selbst als Ange­hö­ri­ge von Indio-Völ­kern. Die Ernen­nung des neu­en Diö­ze­san­bi­schofs löste nun eini­ges Stau­nen aus.

Das „Expertiment“ im Bistum San Cristobal de Las Casas

Im Zusam­men­hang mit dem Mexi­ko-Besuch von Papst Fran­zis­kus und der „Ama­zo­nas-Werk­statt“ spiel­te das Bis­tum San Cri­sto­bal de Las Casas wie­der­holt eine Rol­le. Die Diö­ze­se liegt im Chia­pas, der wegen des Zapa­ti­sten­auf­stan­des in die Welt­nach­rich­ten kam.

Zwei­ter Bischof des 1539 errich­te­ten Bis­tums war der Domi­ni­ka­ner Bar­to­lomé de Las Casas, der vom Con­qui­sta­dor zum Bet­tel­mönch wur­de. Für sein erfolg­rei­ches Ein­tre­ten vor den habs­bur­gi­schen Köni­gen Spa­ni­ens für die Rech­te der Indi­os wur­de er berühmt und wird als „Apo­stel der India­ner“ ver­ehrt.

Bischof Samuel Ruiz García (1959-2000)
Bischof Samu­el Ruiz Gar­cía (1959–2000)

Berühmt wur­de das Bis­tum San Cri­sto­bal de Las Casas in neue­rer Zeit auch durch Bischof Samu­el Ruiz Gar­cía, der von 1950–2000 die Diö­ze­se lei­te­te. Samu­el Ruiz Gar­cía (1924–2011) hat­te nicht nur eine Nei­gung zur Befrei­ungs­theo­lo­gie. Er zeig­te auch deut­li­che Sym­pa­thien für die mar­xi­sti­sche Zapa­ti­sti­sche Armee der Natio­na­len Befrei­ung (EZLN) und deren bewaff­ne­ten Auf­stand, der 1994 aus­brach.

Das „Expe­ri­ment“ von Bischof Ruiz Gar­cía bestand in einem neu­en, „indi­ge­nen“ Prie­ster­tum. Damit wur­de gleich­zei­tig Anspruch auf ein „ande­res“ Prie­ster­tum erho­ben. In den 90er Jah­ren weih­te er mit der Begrün­dung „Prie­ster­man­gel“ in gro­ßer Zahl ver­hei­ra­te­te Män­ner zu stän­di­gen Dia­ko­nen. Sie waren als Vor­stu­fe für ein ver­hei­ra­te­tes Prie­ster­tum gedacht. In einer unge­wöhn­li­chen Zere­mo­nie wur­den dabei, auf eine nicht näher defi­nier­te Wei­se, auch die Frau­en der Dia­kon „mit­ge­weiht“.

Bischof Ruiz Gar­cía behaup­te­te wie­der­holt, das sei not­wen­dig, weil die Indi­os kei­nen Zugang zum Zöli­bat hät­ten.

Bischof Samuel Ruiz García

Wegen sei­ner Ver­mitt­ler­rol­le zwi­schen Regie­rung und EZLN, eine Auf­ga­be, die er sogar mit dem Mit­tel des Hun­ger­streiks wahr­nahm, und um den schwe­len­den bewaff­ne­ten Kon­flikt im Chia­pas nicht anzu­fa­chen, beließ Papst Johan­nes Paul II. Samu­el Ruiz Gar­cía in sei­nem Amt.

EZLN-Subcomandante Marcos
EZLN-Sub­co­man­dan­te Mar­cos

Erst mit Voll­endung des 75. Lebens­jah­res wur­de er 2000 eme­ri­tiert. Wel­chen Schwer­punkt er in sei­nen 40 Jah­ren als Bischof gesetzt hat­te, brin­gen eini­ge Zah­len zum Aus­druck. 1959 hat­te er sein Bis­tum mit 610.000 Gläu­bi­gen und 33 Diö­ze­san­prie­stern über­nom­men. 2000 zähl­te das Bis­tum 1,2 Mil­lio­nen Katho­li­ken, aber nur mehr 24 Diö­ze­san­prie­ster, dafür aber 341 ver­hei­ra­te­te Dia­ko­ne.

Das mexi­ka­ni­sche Bis­tum stell­te damit zah­len­mä­ßig aber auch geo­gra­phisch eine abso­lu­te Aus­nah­me dar, denn das Phä­no­men des ver­hei­ra­te­ten Dia­kons ist ein­deu­tig ein west­li­ches Phä­no­men. Durch das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ein­ge­führt gab es 2014 welt­weit rund 40.000 sol­cher „stän­di­ger Dia­ko­ne“. Von ihnen leben fast 98 Pro­zent in Euro­pa und Nord­ame­ri­ka.

Weiheverbot für verheiratete Diakone

2000 folg­te ihm als Bischof Feli­pe Ariz­men­di Esqui­vel nach. Die­sem wur­de mit der Ernen­nung von der römi­schen Kon­gre­ga­ti­on für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung „emp­foh­len“, kei­ne stän­di­gen Dia­ko­ne mehr zu wei­hen. 2002 wur­de es ihm sogar aus­drück­lich unter­sagt, wei­te­re ver­hei­ra­te­te Män­ner zum Dia­ko­nat zuzu­las­sen. Wegen der gro­ßen Zahl von stän­di­gen Dia­ko­nen, die von Bischof Ruiz Gar­cia geweiht wor­den war, gab es in Rom „ern­stes Miß­trau­en“ gegen­über dem Bis­tum, wie Bischof Ariz­men­di 2014 in einem Arti­kel schrieb.

Im Gegen­satz zu sei­nem Vor­gän­ger begann Bischof Ariz­men­di Prie­ster­be­ru­fun­gen zu för­dern. 2014 zähl­te das Bis­tum nur mehr 316 stän­di­ge Dia­ko­ne, dafür aber 67 Diö­ze­san­prie­ster und 41 Ordens­prie­ster. Inner­halb von 14 Jah­ren hat­te sich die Zahl der Prie­ster im Bis­tum von 54 (2000) auf 108 (2014) ver­dop­pelt. Die neu­en Prie­ster­be­ru­fun­gen kamen zudem alle aus der Diö­ze­se selbst, womit wider­legt wur­de, was Bischof Ruiz Gar­cía behaup­tet hat­te: Der„indigenen“ Bevöl­ke­rung sei das „west­li­che“, zöli­ba­tä­re Prie­ster­tum fremd. 2014 berei­te­ten sich 39 Semi­na­ri­sten auf das Prie­ster­tum vor. Im sel­ben Jahr waren zudem 19 Kan­di­da­ten in das Pro­pä­deu­ti­kum ein­ge­tre­ten. „Der kirch­li­che Dia­log inner­halb der Bischofs­kon­fe­renz und mit Rom hat sei­ne Früch­te getra­gen“, so Bischof Ariz­men­di 2014 in sei­nem Arti­kel.

2015: Papst Franziskus betet am Grab von Bischof Ruiz García

Im Febru­ar 2015 besuch­te Papst Fran­zis­kus Mexi­ko. Auf sei­nen aus­drück­li­chen Wunsch wur­de San Cri­sto­bal de Las Casas in das Besuchs­pro­gramm auf­ge­nom­men. Am 15. Febru­ar such­te er in der Kathe­dra­le das Grab des 2011 ver­stor­be­nen Bischofs Samu­el Ruiz Gar­cía auf. Er ver­weil­te län­ge­re Zeit dort zum Gebet. Das Zei­chen der Ehr­er­bie­tung für die­sen Bischof war deut­lich. Dabei wur­de der Ein­satz für die Indi­os, für die Men­schen­rech­te und für die Ärm­sten betont. Den­noch wur­de auch spe­ku­liert, ob die sicht­ba­re Ehrung für Samu­el Ruiz Gar­cía durch den Papst auch sei­nem „Expe­ri­ment“ galt, das seit 2014 mit der „Ama­zo­nas-Werk­statt“ in Bra­si­li­en eine Art Neu­auf­la­ge erlebt, jeden­falls wie­der­holt erwähnt wird.

Franziskus am Grab von Bischof Ruiz García (2015)
Fran­zis­kus am Grab von Bischof Ruiz Gar­cía (2015)

Nicht nur der Grab­be­such war Grund für sol­che Spe­ku­la­tio­nen. Im Sep­tem­ber 2013 hat­te Papst Fran­zis­kus den „Ratz­in­ge­ria­ner“ Kar­di­nal Mau­ro Pia­cen­za vor­zei­tig als Prä­fek­ten der römi­schen Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on abge­setzt. Zum neu­en Prä­fek­ten ernann­te er sei­nen Ver­trau­ten, Kuri­en­erz­bi­schof Benia­mi­no Stel­la, den er im Febru­ar 2014 in den Kar­di­nals­stand erhob. Stel­la erteil­te 2014, nach vier­zehn Jah­ren des Ver­bots, dem Bis­tum San Cri­sto­bal de Las Casas wie­der die Erlaub­nis, stän­di­ge Dia­ko­ne zu wei­hen.

Mit der Erlaub­nis, wie­der ver­hei­ra­te­te Män­ner zum Dia­ko­nat zuzu­las­sen, wur­de Bischof Ariz­men­di von Papst Fran­zis­kus ein Bischof­ko­ad­ju­tor zur Sei­te gestellt. Die­ses Amt übte der frü­he­re Weih­bi­schof Enri­que Diaz Diaz aus, der im ver­gan­ge­nen März über­ra­schend zum Bischof von Ira­pua­to ernannt wur­de.

Franziskus spricht mit Kräutler über San Cristobal de Las Casas

Am 3. Novem­ber wur­de Bischof Feli­pe Ariz­men­di Esqui­vel nun von Papst Fran­zis­kus eme­ri­tiert. Erstaun­li­cher­wei­se hat­te Fran­zis­kus ihn bis zum 78. Lebens­jahr im Amt belas­sen, was eine Sel­ten­heit dar­stellt. Aller­dings hat­te er ihm einen Bischof­ko­ad­ju­tor zur Sei­te gestellt, der die eigent­li­che Lei­tung des Bis­tums inne­hat­te. Erstaun­li­cher­wei­se wur­de aber nicht der Koad­ju­tor mit Nach­fol­ge­recht zum neu­en Bischof ernannt.

Bischof Ruiz mit Zapatisten-Guerilleros
Bischof Ruiz Gar­cía (rech­te Mit­te) mit Zapa­ti­sten-Gue­ril­le­ros

Die Ernen­nung von Diaz Diaz war im Mai 2014 erfolgt. Das war einen Monat nach der Audi­enz, die Papst Fran­zis­kus am 4. April dem öster­rei­chi­schen Mis­si­ons­bi­schof Erwin Kräut­ler gewährt hat­te. Die Salz­bur­ger Nach­rich­ten berich­te­ten am Tag danach, daß Kräut­ler mit dem Papst über die „schwie­ri­ge Situa­ti­on“ in den Ama­zo­nas-Gemein­schaf­ten gespro­chen habe. Fran­zis­kus sei es gewe­sen, der Kräut­ler „von einer Diö­ze­se in Mexi­ko“ erzählt habe, in der jede Gemein­schaft einen Dia­kon, aber vie­le kei­nen Prie­ster hät­ten. Es gäbe mehr als 300 Dia­ko­ne, so Kräut­ler über die Schil­de­rung des Pap­stes, die „natür­lich“ kei­ne Eucha­ri­stie zele­brie­ren dür­fen. Wie Kräut­ler erzähl­te, sei die Fra­ge im Gespräch zwi­schen ihm und dem Papst gewe­sen, wie die­se Sache wei­ter­ge­hen kön­ne.

40 Tage spä­ter, am 15. Mai 2014, wur­de dem Bis­tum San Cri­sto­bal de Las Casas die Erlaub­nis zurück­ge­ge­ben, stän­di­ge Dia­ko­ne zu wei­hen. Seit 2011 hat­te das Bis­tum in Rom dar­auf gedrängt, doch erst das neue Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus mach­te es mög­lich.

Der neue Bischof Rodrigo Aguilar Martínez

Zum neu­en Bischof von San Cri­sto­bal de Las Casas ernann­te Fran­zis­kus am ver­gan­ge­nen Frei­tag Rodri­go Agui­l­ar Mar­tí­nez. Msgr. Agui­l­ar wur­de 1997 von Papst Johan­nes Paul II. zum Bischof von Mate­hua­la und 2006 von Papst Bene­dikt XVI. zum Bischof von Tehu­a­can ernannt.

Der neue Bischof, Msgr. Rodrigo Aguilar Martinez
Der neue Bischof, Msgr. Rodri­go Agui­l­ar Mar­ti­nez

Die­se Ernen­nung gibt der­zeit Rät­sel auf. Bischof Agui­l­ar weih­te in kei­nem sei­ner bis­he­ri­gen Bis­tü­mer einen stän­di­gen Dia­kon. Weder das Bis­tum Mate­hua­la noch das Bis­tum Tehaucan hat einen ver­hei­ra­te­ten Dia­kon.

Der neue Bischof ist Vor­sit­zen­der der Kom­mis­si­on für Fami­lie, Jugend und Lai­en der Mexi­ka­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz. Als sol­cher setz­te er sich wie­der­holt für das Lebens­recht der unge­bo­re­nen Kin­der und gegen die Abtrei­bung ein. 2012, das war noch unter Bene­dikt XVI., sus­pen­dier­te er Ana­sta­cio „Tacho“ Hidal­go Miramón, einen bekann­ten Ver­tre­ter der Befrei­ungs­theo­lo­gie, von sei­nem Prie­ster­tum.

Die Ein­be­ru­fung einer Ama­zo­nas-Son­der­syn­ode wird als Signal gedeu­tet, daß Papst Fran­zis­kus mit dem Ver­such ernst machen will, den Prie­ster­z­ö­li­bat abzu­schaf­fen. Ein­fluß­rei­che Stim­men aus dem Kreis derer, die ihn zum Papst mach­ten, drän­gen mit Unge­duld dar­auf. Auf­hän­ger soll ein „indi­ge­ner Kle­rus“ sein, mit dem ein Prä­ze­denz­fall geschaf­fen wird. Dar­in lie­gen die Par­al­le­len zwi­schen dem „Expe­ri­ment“ von Bischof Ruiz Gar­cía im mexi­ka­ni­schen Chia­pas und der „Ama­zo­nas-Werk­statt“ von Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes und Bischof Erwin Kräut­ler im bra­si­lia­ni­schen Ama­zo­nas-Becken.

Die Ernen­nung von Rodri­go Agui­l­ar Mar­tí­nez zum neu­en Bischof von San Cri­sto­bal de Las Casas ist daher im Augen­blick schwer zu deu­ten.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: diocesisdepapantla.org.mx /Diocesis de Tehuacan/Puig Reixach (Screen­shots)