Hoser: „Erste sieben Erscheinungen könnten noch dieses Jahr anerkannt werden“ — Hat Papst Franziskus wirklich Meinung geändert?

Zu Medjugorje herrscht erneut hektisches Treiben hinter den Kulissen.
Zu Medjugorje herrscht erneut hektisches Treiben hinter den Kulissen.

(Sara­je­wo) Der­zeit fin­det in der Kir­che erneut ein hek­ti­sches Trei­ben hin­ter den Kulis­sen zu Med­jug­or­je statt. „Alles geht in die rich­ti­ge Rich­tung“, sagt der päpst­li­che Son­der­ge­sand­te Hen­ryk Hoser zu Med­jug­or­je. Die ersten sie­ben Erschei­nun­gen könn­ten noch in die­sem Jahr aner­kannt wer­den, so die Schluß­fol­ge­rung des pol­ni­schen Bischofs am Ende sei­ner Med­jug­or­je-Mis­si­on. Was aber könn­te Papst Fran­zis­kus ver­an­laßt haben, sei­ne Mei­nung zu ändern?

Erz­bi­schof Hoser, Bischof von War­schau, äußer­te sich am 18. August gegen­über der pol­ni­schen Pres­se­agen­tur KAI. Die pol­ni­sche Nach­rich­ten­sei­te Reli­gia Deon titel­te dar­auf unter Beru­fung auf das KAI-Inter­view:

„Alle Anzei­chen spre­chen dafür, daß die Erschei­nun­gen aner­kannt wer­den“.

Hosers Auftrag

Henryk Hoser über Medjugorje
Hen­ryk Hoser über Med­jug­or­je

Hoser war am ver­gan­ge­nen 11. Febru­ar von Papst Fran­zis­kus zum Son­der­ge­sand­ten für Med­jug­or­je ernannt wor­den, um dem Papst vor Som­me­ren­de  im Zusam­men­hang mit dem her­ze­go­wi­ni­schen Ort Vor­schlä­ge zu pasto­ra­len Fra­gen zu unter­brei­ten.

Die Aner­ken­nung durch den Hei­li­gen Stuhl wer­de laut Msgr. Hoser der Vor­ge­hens­wei­se der päpst­li­chen Kom­mis­si­on von 2010 fol­gen, die das Phä­no­men „in zwei Kapi­tel unter­teil­te“.

Der Son­der­ge­sand­te hält nicht nur die Aner­ken­nung der „ersten sie­ben Erschei­nun­gen“ für wahr­schein­lich, son­dern auch, daß die Aner­ken­nung noch „in die­sem Jahr“ erfol­gen wer­de.

Noch kein offi­zi­el­ler Ver­tre­ter des Vati­kans ging bis­her in sei­nen Aus­sa­gen so weit. Das ist auch des­halb inter­es­sant, weil bei Erz­bi­schof Hosers Ernen­nung zum Son­der­ge­sand­ten aus­drück­lich fest­ge­hal­ten und mehr­fach betont wur­de, daß sein Auf­trag nicht die Fra­ge nach der Echt­heit des Phä­no­mens Med­jug­or­je ein­schließt, son­dern sich auf rein pasto­ra­le Fra­gen im Zusam­men­hang mit der seel­sorg­li­chen Betreu­ung der Gläu­bi­gen beschränkt, die den Ort auf­su­chen. Das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt erklär­te sogar expli­zit, daß es nicht in die Zustän­dig­keit Hosers fal­le, sich zur Fra­ge der Über­na­tür­lich­keit der Erschei­nun­gen zu äußern.

Die Ruini-Kommission

Der pol­ni­sche Prä­lat beton­te, daß der Vati­kan nur eine Aner­ken­nung der ersten sie­ben Erschei­nun­gen in Betracht zie­he, „wie es die Kom­mis­si­on von Kar­di­nal Rui­ni emp­foh­len hat“.

Die­se Kom­mis­si­on war 2010 von Papst Bene­dikt XVI. errich­tet wor­den. Sie been­de­te ihre Arbeit Ende 2012. Durch den über­ra­schen­den Amts­ver­zicht von Bene­dikt und der Wahl von Fran­zis­kus blieb die Ange­le­gen­heit lie­gen. Erst 2014 rief Fran­zis­kus Kar­di­nal Rui­ni zu sich, um sich über den Abschluß­be­richt der Kom­mis­si­on infor­mie­ren zu las­sen. Seit­her hieß es wie­der­holt, der Papst wer­de inner­halb weni­ger Mona­te ent­schei­den. Doch inzwi­schen ist Fran­zis­kus bereits im fünf­ten Jahr sei­nes Pon­ti­fi­kats.

Als Fran­zis­kus auf dem Rück­flug von sei­nem Sara­je­wo-Besuch 2015 gegen­über Jour­na­li­sten mehr­fach die „gute Arbeit“ der Kom­mis­si­on gelobt hat­te, ent­fuhr es Kar­di­nal Rui­ni, als ihm dar­über berich­tet wur­de: „Immer­hin. Das freut mich.“

Der Abschluß­be­richt der Rui­ni-Kom­mis­si­on wird nach wie vor geheim­ge­hal­ten. Die Indis­kre­tio­nen dazu deu­te­ten bis­her auf eine Nicht-Aner­ken­nung des Phä­no­mens Med­jug­or­je hin. Dabei dürf­te es auch blei­ben. Wäh­rend die Rui­ni-Kom­mis­si­on den weit­aus größ­ten Teil der angeb­li­chen Erschei­nun­gen und Bot­schaf­ten von Med­jug­or­je ablehnt, kam sie zum Schluß, daß die ersten sie­ben Erschei­nun­gen des Phä­no­mens näher zu prü­fen sei­en, um ein end­gül­ti­ges Urteil abge­ben zu kön­nen. Laut Kom­mis­si­ons-Bericht haben die ersten sie­ben Erschei­nun­gen zwi­schen dem 24. Juni und 3. Juli 1981 statt­ge­fun­den. Alles was nach dem 3. Juli 1981 in und rund um Med­jug­or­je gesche­he, sei getrennt davon zu betrach­ten, so die Rui­ni-Kom­mis­si­on.

Papst Franziskus und seine „persönlichen Zweifel“

Papst Franziskus beim Rückflug von Fatima als er über Medjugorje sprach
Papst Fran­zis­kus nahm auf dem Rück­flug von Fati­ma zu Med­jug­or­je Stel­lung

Papst Fran­zis­kus selbst äußer­te mehr­fach Zwei­fel an dem Phä­no­men. Erst­mals im Sep­tem­ber 2013 im Rah­men einer mor­gend­li­chen Pre­digt in San­ta Mar­ta. Am ver­gan­ge­nen 13. Mai sag­te Fran­zis­kus auf dem Rück­flug von Fati­ma, daß er die Erschei­nun­gen für unglaub­wür­dig hält:

„Med­jug­or­je. Alle Erschei­nun­gen oder angeb­li­chen Erschei­nun­gen gehö­ren zum pri­va­ten Bereich, sie sind nicht Teil des öffent­li­chen ordent­li­chen Lehr­am­tes der Kir­che. Med­jug­or­je: Es wur­de eine Kom­mis­si­on unter dem Vor­sitz von Kar­di­nal Rui­ni gebil­det. Bene­dikt XVI. hat sie ein­ge­setzt. Ich habe Ende 2013 oder Anfang 2014 das Ergeb­nis von Kar­di­nal Rui­ni erhal­ten. Eine Kom­mis­si­on fähi­ger Theo­lo­gen, Bischö­fe, Kar­di­nä­le. Fähi­ge, fähi­ge, fähi­ge Leu­te. Der Rui­ni-Bericht ist sehr, sehr gut. Dann gab es eini­ge Zwei­fel in der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on […]“

Die­se „Zwei­fel“ wur­den mit Inter­ven­tio­nen von Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born in Zusam­men­hang gebracht, der sich seit Jah­ren mit Nach­druck für eine Aner­ken­nung Med­jug­or­jes stark macht.

Auf dem Rück­flug von Fati­ma fäll­te Fran­zis­kus hin­ge­gen ein ein­deu­tig nega­ti­ves Urteil über Med­jug­or­je.

„Ja, grund­sätz­lich muss man drei Din­ge unter­schei­den. Über die ersten Erschei­nun­gen, als sie [‚die Seher‘] Jugend­li­che waren, sagt der Bericht mehr oder weni­ger, dass man mit der Unter­su­chung fort­fah­ren muss. Bezüg­lich der ver­meint­li­chen gegen­wär­ti­gen Erschei­nun­gen hat der Bericht sei­ne Zwei­fel. Ich per­sön­lich bin ein wenig ‚gemei­ner‘: Ich bevor­zu­ge die Got­tes­mut­ter als Mut­ter, unse­re Mut­ter, und nicht die Got­tes­mut­ter als Lei­te­rin eines Tele­gra­fen­am­tes, das jeden Tag eine Nach­richt zu der und der Stun­de ver­sen­det … Das ist nicht die Mut­ter Jesu. Und die­se angeb­li­chen Erschei­nun­gen haben kei­nen gro­ßen Stel­len­wert. Und das äuße­re ich als per­sön­li­che Mei­nung. Aber wer denkt, dass die Got­tes­mut­ter sagt: ‚Kommt, denn mor­gen zu die­ser Stun­de wer­de ich jenem Seher eine Bot­schaft über­mit­teln‘ — Nein.“

Er bestä­tig­te damit die inof­fi­zi­el­len Berich­te über sei­ne Aus­sa­gen vom Sep­tem­ber 2013 in San­ta Mar­ta, die viel­fach bestrit­ten wur­den, weil Radio Vati­kan und Osser­va­to­re Roma­no die nament­li­che Nen­nung von Med­jug­or­je nicht ver­öf­fent­licht hat­ten. Eben­so bestä­tig­te Fran­zis­kus, daß er sich mit sei­ner wie­der­hol­ten Kri­tik an einem Mari­en­bild als „Post­bo­tin“ und „Post­stel­len­lei­te­rin“ auf Med­jug­or­je bezo­gen hat­te.

P. Perrella, Mitglied der Ruini-Kommission

Nach die­sen deut­li­chen Wor­ten des Pap­stes nahm der Ser­vi­ten­pa­ter Sal­va­to­re Maria Per­rel­la, Rek­tor der Päpst­li­chen Theo­lo­gi­schen Fakul­tät Maria­num Stel­lung, der selbst der Rui­ni-Kom­mis­si­on ange­hör­te. Der Dog­ma­ti­ker Per­rel­la erklär­te, daß die Kom­mis­si­on das Phä­no­men unter­teilt habe in die ersten sie­ben Erschei­nun­gen, die „glaub­wür­dig schei­nen“ und die gro­ße Zahl der übri­gen Erschei­nun­gen und Bot­schaf­ten, die „die Kom­mis­si­on per­plex sein­lie­ßen“. Pater Per­rel­la wört­lich:

„Der Papst zeigt sich skep­tisch dar­über, daß die soge­nann­te ‚Madon­na von Med­jug­or­je‘ einen stän­di­gen Fluß von Bot­schaf­ten sen­det, zuviel redet und sich zu fest­ge­leg­ten Stun­den zeigt.“

In einem Inter­view im Juni 2015 sag­te der Dog­ma­ti­ker: „Wir haben gründ­lich und ernst­haft gear­bei­tet“. Das Urteil Roms wer­de der Tat­sa­che Rech­nung tra­gen und beto­nen, daß „Erschei­nun­gen immer mög­lich sind“, und wenn sie als echt aner­kannt wer­den, „ein Geschenk Got­tes dar­stel­len“, so der Mario­lo­ge.

„Die Kir­che hat aber die Pflicht, den Pri­mat der Offen­ba­rung zu bewah­ren, indem sie die­se beson­de­ren Ereig­nis­se nur als Unter­stüt­zung des Evan­ge­li­ums Chri­sti ver­steht.
Die Jung­frau Maria ist strah­lend, aber den­noch immer ein Geschöpf Got­tes, das nie die Begeg­nung mit Chri­stus ver­dun­kelt, son­dern immer för­dert. Es gel­ten die Wor­te Mari­ens im Johan­nes-Evan­ge­li­um: ‚Was Er euch sagt, das tut‘. Wie Johan­nes Paul II. lehr­te, gehö­ren die Erschei­nun­gen zur müt­ter­li­chen Mitt­ler­rol­le Mari­ens.“

Die „administrativ-pastorale Lösung“

Per­rel­la sag­te, als Kom­mis­si­ons­mit­glied an die Schwei­ge­pflicht gebun­den zu sein und des­halb nichts zum Ergeb­nis der Kom­mis­si­on sagen zu kön­nen. Er sag­te aber soviel über die Mög­lich­kei­ten der Kir­che, zu Med­jug­or­je zu ent­schei­den:

„Sie kann sagen, daß mit mora­li­scher Gewiß­heit eine Über­na­tür­lich­keit vor­liegt. Oder daß es sich um das Ergeb­nis von Betrug han­delt und daher nicht von Gott kommt. Sie hat noch eine drit­te Mög­lich­keit, die nicht in den Bestim­mun­gen des Hei­li­gen Stuhls ent­hal­ten, aber von den Theo­lo­gen über­legt wur­de: Die Kom­mis­si­on ent­schei­det sich weder für ein Ja noch ein Nein, son­dern stellt fest, daß der­zeit nicht auf ekla­tan­te Wei­se eine über­na­tür­li­che Erschei­nung offen­sicht­lich ist.“

Er deu­te­te damit einen „drit­ten Weg“ an, der die Fra­ge (offen­bar nur die ersten sie­ben Erschei­nun­gen des Phä­no­mens) vor­erst offen läßt und nur eine pasto­ra­le Lösung anstrebt, wie es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr­fach ange­deu­tet wur­de.

Zu den pasto­ra­len Aspek­ten, die in der Dis­kus­si­on um Med­jug­or­je eine zen­tra­le Rol­le spie­len und vor allem von Befür­wor­tern vor­ge­bracht wer­den, sag­te Fran­zis­kus auf dem Rück­flug von Fati­ma:

„Und der drit­te Punkt, der eigent­li­che Kern des Rui­ni-Berichts: die geist­li­che Tat­sa­che, die pasto­ra­le Tat­sa­che, Men­schen gehen dort­hin und bekeh­ren sich, Men­schen, die Gott begeg­nen und die ihr Leben ändern … Dafür gibt es kei­nen Zau­ber­stab und die­se geist­lich-pasto­ra­le Tat­sa­che kann man nicht leug­nen. Um die­se Din­ge mit all die­sen Anga­ben zusam­men mit den Ant­wor­ten, die mir die Theo­lo­gen zuge­schickt haben, zu bewer­ten, wur­de jetzt die­ser Bischof ernannt – der fähig ist, fähig, weil er Erfah­rung hat – um zu unter­su­chen, wie die pasto­ra­le Sei­te läuft. Und am Ende wird man sich dazu äußern.“

Meinungsänderung des Papstes?

Auch des­halb erstau­nen die deut­li­chen Wor­te von Erz­bi­schof Hoser über eine Aner­ken­nung zumin­dest der ersten sie­ben Erschei­nun­gen von 1981. Noch am 5. April sag­te Hoser in sei­ner ersten Pres­se­kon­fe­renz als Son­der­ge­sand­ter in Med­jug­or­je:

„Über die Fra­ge der Echt­heit darf ich nichts sagen.“

Am ver­gan­ge­nen 4. August bestä­tig­te Kar­di­nal Ernest Simo­ni beim 28. Inter­na­tio­na­len Jugend­fe­sti­val in Med­jug­or­je, daß Papst Fran­zis­kus zu Med­jug­or­je „kei­ne gute Mei­nung hat­te“. Der Kar­di­nal sprach in der Ver­gan­gen­heits­form. Der Papst habe sie nicht haben kön­nen, weil die „Geg­ner“ von Med­jug­or­je ihn beein­flußt hät­ten. Doch nun habe er sei­ne

„Mei­nung zu Med­jug­or­je geän­dert“.

Bezog sich Erz­bi­schof Hoser auf die­se „Mei­nungs­än­de­rung“ von Papst Fran­zis­kus?

Was ist zwi­schen dem 13. Mai und dem 4. August gesche­hen, um den Papst angeb­lich Mei­nung ändern zu las­sen?

Wer hat inzwi­schen die Unter­su­chung zu den ersten sie­ben Erschei­nun­gen des Phä­no­mens fort­ge­setzt, wie sie von der Rui­ni-Kom­mis­si­on emp­foh­len wird, um zu einem end­gül­ti­gen Urteil zu kom­men?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Deon (Screen­shot)

2 Kommentare

  1. Wer in Med­jug­or­je beson­ders ein­drucks­voll in Erschei­nung tritt, ist Gross-Mam­mon! Mit dem will man es sich wohl doch nicht ver­der­ben.

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