„Alle antworten auf die Dubia, nur der Papst nicht“ — Kritik an den jüngsten Aussagen von Kardinal Schönborn

Kardinal Schönborn und Papst Franziskus
Kardinal Schönborn und Papst Franziskus

(Rom) „Alle ant­wor­ten auf die Dubia, nur der Papst nicht.“ Fran­zis­kus wei­gert sich seit Sep­tem­ber 2016 auf fünf Fra­gen von vier Kar­di­nä­len zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia zu ant­wor­ten. Statt des Pap­stes ant­wor­ten zahl­rei­che, ihm nahe­ste­hen­de Kir­chen­ver­tre­ter, jüngst der Wie­ner Erz­bi­schof, Kar­di­nal Chri­stoph Graf Schön­born. Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster ver­öf­fent­lich­te eine Kri­tik an den jüng­sten Schön­born-Aus­sa­gen zugun­sten Amo­ris lae­ti­tia und gegen die Dubia. Der Autor der Kri­tik bleibt auf eige­nen Wunsch anonym.

Alle antworten auf die Dubia, außer der Papst. Dieses Mal war Schönborn an der Reihe

von ***

Am 13. Juli 2017 sprach Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born, der Erz­bi­schof von Wien, vier Stun­den lang in zwei Vor­trä­gen und einer Dis­kus­si­on im Mary Imma­cu­la­te Col­le­ge von Lime­rick in Irland.

Kardinal Schönborn in Limerick
Kar­di­nal Schön­born in Lime­rick

Der öster­rei­chi­sche Pur­pur­trä­ger nahm am Vor­be­rei­tungs­tref­fen „Let’s Talk Fami­ly: Let’s Be Fami­ly“ (Laßt uns über die Fami­lie spre­chen: Laßt uns Fami­lie sein) für das Welt­fa­mi­li­en­tref­fen teil, das vom neu­en Dikaste­ri­um für die Lai­en, die Fami­lie und das Leben vom 21.–28. August 2018 in Dub­lin orga­ni­siert wird.((siehe World Fami­ly Mee­ting))

Nach der Lek­tü­re der Medienberichte((Die Reden von Kar­di­nal Schön­born wur­den nicht voll­in­halt­lich ver­öf­fent­licht. Die vor­lie­gen­den Aus­füh­run­gen bezie­hen sich auf die von Crux ver­öf­fent­lich­ten Tei­le.)) über die Ver­an­stal­tung kann ich nur fest­stel­len, daß alle auf die von vier Kar­di­nä­len dem Papst vor­ge­leg­ten Dubia ant­wor­ten, außer der Papst, und daß auf die­se Wei­se dem chao­ti­schen Chor der Kom­men­ta­re und Inter­pre­ta­tio­nen zu Amo­ris lae­ti­tia – die alles tun, nur nicht die vom Doku­ment auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen und Pro­ble­me für die Gläu­bi­gen und die Beicht­vä­ter klä­ren – eine wei­te­re Stim­me oder bes­ser neu­er Nebel hin­zu­ge­fügt wur­de.

Die vom Erz­bi­schof von Wien vor­ge­brach­ten Argu­men­te – jeden­falls so, wie sie von den glaub­wür­dig­sten Medi­en wie­der­ge­ge­ben wur­den – sind alles ande­re als über­zeu­gend. Schau­en wir uns die wich­tig­sten an.

1. Ein unangebrachter Tadel

In erster Linie tadelt Schön­born die Kar­di­nä­le der Dubia. Er beschul­digt sie, weil sie respekt­voll um eine Audi­enz baten, den Papst unter Druck gesetzt zu haben. Sie hät­ten schon um Audi­enz bit­ten dür­fen, dies aber nicht öffent­lich bekannt machen sol­len. Wört­lich sag­te der öster­rei­chi­sche Erz­bi­schof:

„Daß Kar­di­nä­le, die die eng­sten Mit­ar­bei­ter des Pap­stes sein soll­ten, ver­su­chen, ihn zu zwin­gen und Druck auf ihn aus­zu­üben, damit er ihnen eine öffent­li­che Ant­wort auf ihren öffent­lich bekannt­ge­mach­ten Brief gibt, ist ein abso­lut unge­hö­ri­ges Ver­hal­ten. Es tut mir leid, das sagen zu müs­sen. Wenn sie eine Audi­enz beim Papst wol­len, sol­len sie eine Audi­enz bean­tra­gen, aber nicht öffent­lich bekannt­ma­chen, daß sie um eine Audi­enz ange­sucht haben“.(( „That car­di­nals, who should be the clo­sest col­la­bo­ra­tors of the pope, try to for­ce him, to put pres­su­re on him to give a public respon­se to their publi­ci­zed, per­so­nal let­ter to the pope — this is abso­lute­ly incon­ve­ni­ent beha­viour, I’m sor­ry to say. If they want to have an audi­ence with the pope, they ask for an audi­ence; but they do not publish that they asked for an audi­ence“.))

Ich fra­ge mich, ob Kar­di­nal Schön­born fol­gen­de Wor­te des Pap­stes über die bereits wäh­rend der bei­den jüng­sten Bischofs­syn­oden ent­stan­de­nen und nach der Ver­öf­fent­li­chung von Amo­ris lae­ti­tia fort­dau­ern­den Dis­kus­sio­nen gele­sen hat und/oder glaubt. Ich zitie­re eini­ge Aus­zü­ge:

„Eine Grund­be­din­gung dafür ist es, offen zu spre­chen. Kei­ner soll sagen: »Das kann man nicht sagen, sonst könn­te man ja schlecht über mich den­ken…« Alles, was sich jemand zu sagen gedrängt fühlt, darf mit Par­r­he­sia [Frei­mut] aus­ge­spro­chen wer­den. Nach dem letz­ten Kon­si­sto­ri­um (Febru­ar 2014), bei dem über die Fami­lie gespro­chen wur­de, hat mir ein Kar­di­nal geschrie­ben: »Scha­de, daß eini­ge Kar­di­nä­le aus Respekt vor dem Papst nicht den Mut gehabt haben, gewis­se Din­ge zu sagen, weil sie mein­ten, daß der Papst viel­leicht anders den­ken könn­te.« Das ist nicht in Ord­nung, das ist kei­ne Syn­oda­li­tät, weil man alles sagen soll, wozu man sich im Herrn zu spre­chen gedrängt fühlt: ohne mensch­li­che Rück­sich­ten, ohne Furcht! Und zugleich soll man in Demut zuhö­ren und offe­nen Her­zens anneh­men, was die Brü­der sagen. Mit die­sen bei­den Gei­stes­hal­tun­gen üben wir die Syn­oda­li­tät aus.“((Grußadresse von Papst Fran­zis­kus zur Eröff­nung der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie, 6. Okto­ber 2014.))

„Per­sön­lich hät­te es mich sehr besorgt und betrübt, wenn es nicht die­se Ver­su­chun­gen und die­se ange­reg­ten Dis­kus­sio­nen – die­se Bewe­gung der Gei­ster, wie der hei­li­ge Igna­ti­us es nann­te (EE, 6) – gege­ben hät­te, wenn sich alle einig gewe­sen wären oder wegen eines fal­schen Frie­dens und der Ruhe wegen schwei­gen würden“((Ansprache des Hei­li­gen Vaters zum Abschluß der III. Gene­ral­ver­samm­lung der Außer­or­dent­li­chen Bischofs­syn­ode, 18. Okto­ber 2014.)).

„Zugleich mach­te uns die Viel­schich­tig­keit der ange­spro­che­nen The­men die Not­wen­dig­keit deut­lich, eini­ge dok­tri­nel­le, mora­li­sche, spi­ri­tu­el­le und pasto­ra­le Fra­gen unbe­fan­gen wei­ter zu ver­tie­fen“((Amo­ris lae­ti­tia, 2)).

„Habt den Mut, uns zu beleh­ren; habt den Mut, uns zu leh­ren, daß es ein­fa­cher ist, Brücken zu bau­en, als Mau­ern zu errichten!“((Ansprache von Papst Fran­zis­kus bei der Gebets­wa­che mit den Jugend­li­chen auf dem Cam­pus Miser­i­cor­diae, 31. Welt­ju­gend­tag, Kra­kau, 30. Juli 2016.))

Papst Fran­zis­kus sprach von nichts ande­rem als von Par­r­he­sia, Syn­oda­li­tät und davon, kei­ne Mau­ern, son­dern Brücken zu bau­en. Er sag­te, daß er besorgt und betrübt wäre, wenn es bei der Syn­ode kei­ne ange­reg­ten Dis­kus­sio­nen gege­ben hät­te. Er schrieb in Amo­ris lae­ti­tia, dem Doku­ment, das Gegen­stand der ange­reg­ten Dis­kus­sio­nen ist, daß es not­wen­dig ist, „unbe­fan­gen“ eini­ge „dok­tri­nel­le, mora­li­sche, spi­ri­tu­el­le und pasto­ra­le Fra­gen zu ver­tie­fen“.

Dann aber, und trotz die­ser Wor­te, beschließt der­sel­be Papst, vier Kar­di­nä­le nicht zu emp­fan­gen, die ihn demü­tig und legi­ti­mer­wei­se um Audi­enz gebe­ten haben… Und sie hät­ten nicht ein­mal etwas sagen sol­len? Kar­di­nal Schön­born hat wirk­lich ein selt­sa­mes Ver­ständ­nis von Par­r­he­sia

2. Doktrinelle Verwirrung

Nach die­ser unbe­grün­de­ten Kla­ge des Erz­bi­schofs von Wien kom­men wir zu den mehr inhalt­li­chen Fra­gen.

Ich neh­me drei Fest­stel­lun­gen Schön­borns zusam­men:

  1. „Die Moral­theo­lo­gie steht auf zwei Bei­nen: die Grund­sät­ze und die klu­gen Schrit­te, um sie auf die Wirk­lich­keit anzu­wen­den“ ((„Moral theo­lo­gy stands on two feet: Princi­ples, and then the pru­den­ti­al steps to app­ly them to rea­li­ty.“))
  2. In Amo­ris lae­ti­tia kommt Fran­zis­kus „häu­fig dar­auf zurück, was er in Evan­ge­lii gau­di­um gesagt hat, daß ein klei­ner Schritt zum Guten unter schwie­ri­gen Umstän­den mehr wert sein kann als ein soli­des mora­li­sches Leben in einer beque­men Situation“((„Often comes back to what he said in ‚Evan­ge­lii Gau­di­um‘, that a litt­le step towards the good done under dif­fi­cult cir­cum­stan­ces can be more valu­able than a moral solid life under com­for­ta­ble cir­cum­stan­ces.“))
  3. „Das ‚bonum pos­si­bi­le‘ der Moral­theo­lo­gie ist ein wich­ti­ges Kon­zept, das zu oft ver­nach­läs­sigt wur­de […] Was ist das mög­li­che Gut, das eine Per­son oder ein Paar unter schwie­ri­gen Umstän­den ver­wirk­li­chen kann?“((„The ‚bonum pos­si­bi­le‘ in moral theo­lo­gy is an important con­cept that has been so often neglec­ted. […] What is the pos­si­ble good that a per­son or a cou­p­le can achie­ve in dif­fi­cult cir­cum­stan­ces?“))

Begin­nen wir mit der Ana­ly­se der ersten Aus­sa­ge. Was sind die klu­gen Schrit­te, um die Grund­sät­ze der Moral auf die Wirk­lich­keit anzu­wen­den?

Die Klug­keit, „rec­ta ratio agi­bi­li­um“, wählt die Mit­tel gemäß dem Ziel. Sie wählt sie nicht will­kür­lich, son­dern ist an die Wahr­heit gebun­den. Folg­lich kann die Klug­heit, wenn sie eine sol­che sein soll, kei­ne schlech­ten Mit­tel oder in sich schlech­te Hand­lun­gen wäh­len, die zwangs­läu­fig immer unklug sind. Eine klu­ge Hand­lung muß in sich gut sein. Wenn sie nicht gut ist, ist sie auch nicht klug. Damit eine Hand­lung gut ist – und daher even­tu­ell auch klug –, sind die Absich­ten oder Umstän­de nicht immer aus­rei­chend. Das ist zu glau­ben, wie die Kir­che unfehl­bar lehrt. So hat es der hei­li­ge Johan­nes Paul II. in der Enzy­kli­ka Veri­ta­tis sple­ndor gelehrt:

„Jeder von uns weiß um die Bedeu­tung der Leh­re, die den Kern die­ser Enzy­kli­ka dar­stellt und an die heu­te mit der Auto­ri­tät des Nach­fol­gers Petri erin­nert wird. Jeder von uns kann den Ernst des­sen spü­ren, wor­um es mit der erneu­ten Bekräf­ti­gung der Uni­ver­sa­li­tät und Unver­än­der­lich­keit der sitt­li­chen Gebo­te und ins­be­son­de­re der­je­ni­gen, die immer und ohne Aus­nah­me in sich schlech­te Akte ver­bie­ten, nicht nur für die ein­zel­nen Per­so­nen, son­dern für die gan­ze Gesell­schaft geht“((Veritatis sple­ndor, 115, 6. August 1993, Her­vor­he­bun­gen vom Autor.))

Der Zweck hei­ligt nie die Mit­tel, daher macht der Zweck eine schlech­te Hand­lung nie zu einer klu­gen oder ver­hält­nis­mä­ßi­gen. Wenn es also stimmt, daß die „Moral­theo­lo­gie auf zwei Bei­nen steht: die Grund­sät­ze und die klu­gen Schrit­te, um sie auf die Wirk­lich­keit anzu­wen­den“, dann ist das Zusam­men­le­ben „more uxorio“ von zwei Per­so­nen, die nicht Mann und Frau sind, nie eine klu­ge Anwen­dung der Grund­sät­ze auf die objek­ti­ve Wirklichkeit((Es genügt als Bei­spiel auf die Erklä­rung der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on Per­so­na huma­na vom 29. Dezem­ber 1975 zu ver­wei­sen: „Nach der christ­li­chen Über­lie­fe­rung und der Leh­re der Kir­che wie auch nach dem Zeug­nis der gesun­den Ver­nunft beinhal­tet die sitt­li­che Ord­nung der Sexua­li­tät Wer­te von so gro­ßer Bedeu­tung für das mensch­li­che Leben, daß jede direk­te Ver­let­zung die­ser Ord­nung objek­tiv schwer­wie­gend ist“.))

Die zwei­te Aus­sa­ge von Kar­di­nal Schön­born lobt die klei­nen Schrit­te zum Guten, vor allem jene, die unter Schwie­rig­kei­ten erfol­gen. Hand­lun­gen, die unab­hän­gig von den Umstän­den immer schlecht sind, sind nie ein klei­ner Schritt zum Guten, son­dern ein mehr oder weni­ger schwer­wie­gen­der Schritt zum Bösen. Es kann vie­le klei­ne Schrit­te zum Guten geben von Per­so­nen, die im Stand der Sün­de sind (Cari­tas, Gebet, Teil­nah­me am Leben der Kir­che, usw.), aber es sind nicht die Hand­lun­gen, die sie in den Stand der Sün­de ver­set­zen, die sie dem Guten annä­hern: die­se wider­set­zen sich unwei­ger­lich dem Weg zum Guten, der Bewe­gung des ver­nunft­be­gab­ten Geschöp­fes zu Gott, wie der hei­li­ge Tho­mas von Aquin sagen würde((„De motu ratio­na­lis crea­tu­rae in Deum“, Sum­ma theo­lo­giae, I q. 2 pr.))

Die drit­te Aus­sa­ge des Wie­ner Erz­bi­schofs wür­digt die Kate­go­rie des bonum pos­si­bi­le. Das ist eine schö­ne Kate­go­rie, wenn sie kor­rekt inter­pre­tiert wird (den­ken wir an das Wort des hei­li­gen Phil­ipp Neri: „Bleibt gut, wenn ihr könnt“). Sie ist irre­füh­rend, wenn man die Wor­te des hei­li­gen Pau­lus ver­gßt: „Noch ist kei­ne Ver­su­chung über euch gekom­men, die den Men­schen über­for­dert. Gott ist treu; er wird nicht zulas­sen, daß ihr über eure Kraft hin­aus ver­sucht wer­det. Er wird euch in der Ver­su­chung einen Aus­weg schaf­fen, sodaß ihr sie bestehen könnt“((1 Kor 10,13.)) Sie ist irre­füh­rend, wenn sie sich gegen das rich­tet, was das Kon­zil von Tri­ent unfehl­bar defi­niert:

„Nie­mand aber, wie sehr er auch gerecht­fer­tigt sein mag, darf mei­nen, er sei frei von der Beach­tung der Gebo­te, nie­mand jenes leicht­fer­ti­ge und von den Vätern unter Andro­hung des Anathe­ma ver­bo­te­ne Wort benüt­zen, die Vor­schrif­ten Got­tes sei­en für einen gerecht­fer­tig­ten Men­schen unmög­lich zu beobachten“((Dekret über die Recht­fer­ti­gung, , 13. Janu­ar 1547, Ses­sio VI, cap. 11.))

Sie ist irre­füh­rend, wenn gegen die katho­li­sche Recht­fer­ti­gungs­leh­re die Türen der unbe­zwing­ba­ren Lust mit jan­se­ni­sti­schem Bei­geschmack – wenn auch in ande­rem Sinn – geöff­net wür­den, oder einer Bedingt­heit durch sozia­le Fak­to­ren, die stär­ker sei­en als die Gna­de oder sogar der freie Wil­le.

3. Amoris laetitia ist katholisch: versichert Schönborn

Crux berich­tet auch eine Epi­so­de, die vom Kar­di­nal erzählt wur­de:

„Schön­born ent­hüll­te, daß ihm Fran­zis­kus gedankt hat, als er ihm nach der Vor­stel­lung von Amo­ris lae­ti­tia begeg­ne­te, und ihn gefragt hat, ob das Doku­ment ortho­dox ist. ‚Ich habe ihm gesagt: Hei­li­ger Vater, es ist voll­kom­men ortho­dox‘. Schön­born füg­te hin­zu, daß er weni­ge Tage spä­ter eine klei­ne Mit­tei­lung von Fran­zis­kus erhielt, die besag­te: ‚Dan­ke für die­ses Wort, das mich getrö­stet hat‘.“((„Schönborn reve­a­led that when he met the Pope short­ly after the pre­sen­ta­ti­on of ‚Amo­ris‘, Fran­cis thank­ed him, and asked him if the docu­ment was ortho­dox. ‚I said, Holy Father, it is ful­ly ortho­dox’, Schön­born told us he told the pope, adding that a few days later he recei­ved from Fran­cis a litt­le note that said: ‚Thank you for that word. That gave me com­fort‘.“))

Die­se Schil­de­rung ent­hüllt einer­seits die Demut von Fran­zis­kus, der Theo­lo­gen sei­nes Ver­trau­ens um ihre Mei­nung fragt. Ande­rer­seits aber soll­te es der Papst sein, der den Theo­lo­gen Ant­wort gibt, und den Kar­di­nä­len, die ihm — mit der gebo­te­nen Par­r­he­sia und vom Papst selbst ermu­tigt — ihre gro­ße Sor­ge über den Zustand der Kir­che vor­tra­gen. Die ist durch die wider­sprüch­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen der ver­schie­de­nen Epi­sko­pa­te näm­lich wirk­lich gespal­ten und ver­wun­det.

4. Schlußfolgerungen

Kar­di­nal Car­lo Caf­farra nann­te in einer Rede((„Il cri­stia­no e le sfi­de attua­li“ (Der Christ und die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen), 3. Juni 2005.)) vor dem wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat des Insti­tuts Veri­ta­tis sple­ndor von Bolo­gna eini­ge aktu­el­le Her­aus­for­de­run­gen, auf die die Chri­sten reagie­ren müs­sen: Rela­ti­vis­mus, Amo­ra­li­tät und Indi­vi­dua­lis­mus.

Bezüg­lich der Amo­ra­li­tät sag­te der dama­li­ge Erz­bi­schof von Bolo­gna:

„Ich habe von Amo­ra­li­tät in einem prä­zi­sen Sinn gespro­chen. In dem Sinn, daß die Aus­sa­ge, laut der ‚es Hand­lun­gen gibt, die für sich und in sich – unab­hän­gig von den Umstän­den – immer schwer­wie­gend uner­laubt sind‘ (Recon­ci­lia­tio et peniten­tia, 17) halt­los sei [laut der aktu­el­len Men­ta­li­tät].“

Kar­di­nal Caf­farra warn­te vor eini­gen Pseu­do-Lösun­gen:

„Eine erste Pseu­do-Lösung ist die Flucht vor der wirk­li­chen und ern­sten Kon­fron­ta­ti­on mit die­sen Her­aus­for­de­run­gen. Eine Flucht, die eine all­ge­mei­ne Form des Fide­is­mus annimmt, einer Ableh­nung der Dimen­si­on der Wahr­heit des christ­li­chen Glau­bens. Es ist eine regel­rech­te Ver­wei­ge­rung, die nicht unbe­dingt bewußt erfol­gen muß, gegen eine ernst­haf­te Kon­fron­ta­ti­on auf der kul­tu­rel­len Ebe­ne im eigent­li­chen Sinn. Es ist eine Flucht in einen zwar erklär­ten, aber nicht hin­ter­frag­ten Glau­ben, einen erklär­ten, aber nicht über­leg­ten Glau­ben.“

Die Flucht „in einen nur erklär­ten, aber nicht hin­ter­frag­ten Glau­ben“! Wie oft hören wir die Wor­te Barm­her­zig­keit, Gewis­sen, Rei­fe, Ver­ant­wor­tung usw. bei gleich­zei­ti­ger Ableh­nung einer wirk­li­chen Suche nach dem „intel­lec­tus fidei“, dem tie­fe­ren Ver­ständ­nis der Glau­bens­grün­de.

Schön­borns Argu­men­te wur­den ante lit­teram in den Kon­text die­ser Über­le­gun­gen von Kar­di­nal Caf­farra zur sub­stan­ti­el­len (nicht unbe­dingt absicht­li­chen) Ableh­nung der „Dimen­si­on der Wahr­heit des christ­li­chen Glau­bens“ gestellt:

  • „etsi veri­tas non dare­tur“, als gäbe es kei­ne unver­än­der­li­che Wahr­heit über den Men­schen und die Sakra­men­te;
  • „etsi bonum non dare­tur“, als gäbe es kein objek­tiv Gutes, das zu tun ist, und ein eben­so objek­tiv Böses, das zu mei­den ist, die bei­de vom Men­schen nicht bestimmt, von ihm aber gefun­den und aus frei­en Stücken nach sei­nem Gewis­sen gewählt wer­den.
  • „etsi gra­tia non dare­tur“, als sei der Mensch von Gott in einer Art Fal­le ver­ges­sen wor­den, in der er kei­ne ande­re Wahl habe, als zu sün­di­gen.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va/Catholic (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. https://www.thecatholicthing.org/2017/07/25/a‑diptych-for-a-cardinal/
    Der Prie­ster Vaverek berich­tet, dass K. Schön­born in Irland wäh­rend einer Rede davon berich­te­te Bene­dikt XVI. vor­ge­schla­gen habe, daß Fami­lia­ris con­sor­tio und Amo­ris Lae­ti­tia wie ein Dipty­chon zu sehen, wel­ches die Bedeu­tung eines jeden Ele­men­tes beleuch­te.
    Bene­dikt habe die­se Sicht, daß FC pla­to­nisch und AL ari­sto­te­lisch sei zurück­ge­wie­sen.
    Dies hie­ße, dass Johan­nes Paul II. in FC mit sei­ner Ehe­leh­re idea­li­sti­sche Prin­zi­pie aus­drücke, wäh­rend der Rea­lis­mus von Fran­zis­kus in AL die­se Prin­zi­pi­en im All­tag anwend­bar mache.
    „Die Moral­theo­lo­gie steht auf zwei Bei­nen: die Grund­sät­ze und die klu­gen Schrit­te, um sie auf die Wirk­lich­keit anzu­wen­den“
    heißt der Kar­di­nal möch­te in AL eine rea­li­sti­sche Inter­pre­ta­ti­on des angeb­li­chen Idea­lis­mus von FC sehen. Dies soll durch eine Unter­schei­dung des Gewis­sens, wel­ches die Idea­le im Kon­text der mensch­li­chen Begrenzt­heit inter­pre­tie­ren. Dies wür­de die rich­ti­ge Bezie­hung zwi­schen Prin­zi­pi­en und kon­kre­ter Anwen­dung erzie­len.
    Kar­di­nal Schön­born lobe AL dafür, eine verantwortungsvolle persönliche und pastorale Unterscheidung aller besonderen Fälle (der Ehe) zu ermutigen. Einmal abgeschlossen könne diese Unterscheidung die Frage nach dem Empfang der Heiligen Kommunion angehen.

    Fr. Timo­thy Vaverek weist mit deut­li­chen Wor­ten auf die unan­ge­mes­se­ne Prä­mis­se der Schön­born­schen Aus­füh­run­gen hin.
    Christ­li­che Moral ste­he nicht aufzwei Bei­nensondern auf der Person Jesu Christi der das Prinzip, die Quelle, unserer sittlichen Lebensweise sei.
    So habe Moraltheologie grundsätzlich eine
    Stu­die‚ Jesu zu sein und von unse­rem Leben in Ihm und nicht von abstrak­ten Prin­zi­pi­en und ihrer Anwen­dung.
    Die Leh­ren und Gebo­te des Evan­ge­li­ums sei­en kei­ne phi­lo­so­phi­sche Aus­drucks­for­men die um gül­tig zu erlan­gen eine ver­nünf­ti­ge Ana­ly­se benö­tig­ten. Sie sei­en die Wor­te und Taten von Jesus, dem Fleisch gewor­de­nen Wort, wel­che uns in mensch­lich ver­ständ­li­cher Wei­se sagt wer Gott ist und wer wir sind. Jesus drücke die Wahr­heit aus wel­che bereits den Lebens­wirk­lich­kei­ten ange­mes­sen sei.

  2. Die Dubia von Papst Fran­zis­kus:
    Die Ana­ly­se zur Pas­sa­ge von Schön­borns The­se über die „voll­kom­me­ne“ Ortho­do­xie von Amo­ris lae­ti­tia führt zu den nach­ste­hen­den Fol­ge­run­gen und Fest­stel­lun­gen:
    1. Aus der Fra­ge von Papst Fran­zis­kus an den Theo­lo­gen Schön­born, „ob das Doku­ment (AL) ortho­dox“ sei, ist zu schlie­ßen, dass der Pon­ti­fex ernst­haf­te Zwei­fel an eben die­ser Ortho­do­xie sei­nes Lehr­schrei­bens hat­te. Dann aber ist völ­lig unver­ständ­lich, war­um sich Fran­zis­kus den ‚Dubia’, also den Zwei­fel und Fra­gen der vier Kar­di­nä­le nicht stellt. Wenn selbst der Papst Zwei­fel an sei­nem Kurs hat, soll­te er die Dubia sei­ner Kar­di­nä­le erst recht ernst neh­men.
    2. Bei ernst­haf­ten Zwei­fel von Fran­zis­kus an der Recht­gläu­big­keit sei­nes Lehr­schrei­bens wäre es sei­ne Pflicht gewe­sen, eine Kom­mis­si­on von hoch­ran­gi­gen Kar­di­nä­len und Theo­lo­gen mit der Prü­fung die­ser Fra­gen zu beauf­tra­gen. Und die­se Glau­bens­wäch­ter dürf­ten nicht nur als päpst­li­chen Kla­queu­ren, Schmeich­lern und Jasa­gern bestehen.
    3. Fran­zis­kus hat aber sei­ne zwei­feln­de Fra­ge zu Amo­ris lae­ti­tia nur dem Kar­di­nal vor­ge­legt, der bei der Bischofs­syn­ode zu Ehe und Fami­lie für die theo­lo­gi­sche Stra­te­gie ver­ant­wort­lich war, die bis­he­ri­ge Glau­bens­leh­re zu die­sem The­ma zu ver­wir­ren. Das wuss­te auch der Papst. Nach die­ser Über­le­gung hät­te er sei­ne Fra­ge gestellt in der Erwar­tung, dass der Gefrag­te sei­ne Glau­bens­ver­wir­rung als rei­ne Ortho­do­xie recht­fer­ti­gen wür­de. Und so geschah es dann auch. Die­se Ant­wort habe Fran­zis­kus — über­zeugt? nein, „getrö­stet“ – eine eigen­ar­ti­ge Reak­ti­on auf die Behand­lung von lehr­mä­ßi­gen Zwei­feln.
    4. Ver­mut­lich wird Kar­di­nal Schön­born selbst eben­falls gewusst haben, dass sei­ne promp­te Beschei­nung von „voll­kom­me­ner Ortho­do­xie“ von AL weder mit der katho­li­schen Lehr­tra­di­ti­on hin­rei­chend begründ­bar noch theo­lo­gisch über­zeu­gend war. Dem­nach hät­te der Wie­ner Erz­bi­schof geflun­kert, um die Zwei­fel des Pap­stes, der sich selbst für eine „klei­nes theo­lo­gi­sches Licht“ hält, zu über­spie­len und ihn damit trö­stend hin­ters Licht zu füh­ren.
    5. Indem Schön­born das päpst­li­che Lehr­schrei­ben als „voll­kom­men ortho­dox“ hoch­sti­li­siert, schmei­chelt er nicht nur dem ver­ant­wort­li­chen Papst als Her­aus­ge­ber des Lehr­schrei­bens, son­dern auch sich selbst als dem Ein­flü­ste­rer und spin doc­tor für die unor­tho­do­xen Ver­wirr-Argu­men­ta­tio­nen in Amo­ris lae­ti­tia.

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