Papstbesuch am Grab von Don Lorenzo Milani — Welches Priestermodell will Franziskus fördern?

Ist Don Milani das Modell für die Priester?
Ist Don Milani das Modell für die Priester?

(Rom) Papst Fran­zis­kus ver­ließ gestern den Vati­kan um in Boz­zo­lo in der Lom­bar­dei und in Bar­bia­na in der Tos­ka­na die Grä­ber der bei­den Prie­ster Don Pri­mo Maz­zo­la­ri (1890–1959) und Don Loren­zo Mila­ni (1923–1967) auf­zu­su­chen. Dabei han­del­te es sich um einen „Pri­vat­be­such“, nicht um einen offi­zi­el­len Papst­be­such, der – wie aus dem Pro­gramm her­vor­geht – vor allem Don Mila­ni galt, den Papst Johan­nes XXIII. einen „Irren, der aus dem Irren­haus ent­flo­hen ist“ nann­te. Wel­ches Prie­ster­mo­dell will Papst Fran­zis­kus för­dern?

Das verhinderte Priestermodell: der heilige Pfarrer von Ars

Es hal­ten sich hart­näckig Stim­men, die sagen, daß die gest­ri­ge Papst­rei­se der Eta­blie­rung eines neu­en Prie­ster­mo­dells die­nen soll. Papst Bene­dikt XVI. hat­te von März 2009 bis Juni 2010 ein „Jahr des Prie­sters“ aus­ge­ru­fen. Die Eröff­nung erfolg­te am 150. Todes­tag des hei­li­gen Pfar­rers von Ars, Johan­nes Maria Vian­ney. Damit hat­te Bene­dikt XVI. pro­gram­ma­tisch den Rah­men abge­steckt für eine Erneue­rung des Prie­ster­tums. Die­ses befin­det sich in west­li­chen Staa­ten in einer gro­ßen Kri­se, die durch Beru­fungs­man­gel zum Aus­druck kommt. Der Beru­fungs­man­gel in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten hat in vie­len Diö­ze­sen zu einem aku­ten Prie­ster­man­gel geführt.

Gegen die Bemü­hun­gen von Papst Bene­dikt XVI. gab es hef­ti­ge Wider­stän­de, die nicht zuletzt vom dama­li­gen Prä­fek­ten der Kle­rus­kon­gre­ga­ti­on, dem Bra­si­lia­ner Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes, aus­gin­gen. Der Wider­stand rich­te­te sich gegen ein „vor­kon­zi­lia­res Prie­ster­bild“. Die cha­rak­ter­li­che Prä­dis­po­si­ti­on Bene­dikts, nichts kraft sei­ner Auto­ri­tät gegen Wider­stän­de durch­set­zen zu wol­len, führ­te dazu, daß sei­ne Absicht, den Pfar­rer von Ars zum Patron und Vor­bild der Prie­ster zu erhe­ben, im Juni 2010 still­schwei­gend aus dem päpst­li­chen Regie­rungs­pro­gramm ver­schwun­den ist. Die genau­en Hin­ter­grün­de die­ser „Strei­chung“ sind bis heu­te unbe­kannt. Tat­sa­che ist, daß Bene­dikt XVI. sich zum Abschluß des Prie­ster­jah­res durch sein per­sön­li­ches Vor­bild und die Aus­rich­tung der Ves­per am Herz-Jesu-Fest 2010 bemüh­te, infor­mell dem hei­li­gen Johan­nes Maria Vian­ney als Modell des Prie­ster­tums Sicht­bar­keit zu ver­schaf­fen. Da 17.000 Prie­ster zu die­sem Anlaß außer aller Welt nach Rom gekom­men waren, ist zumin­dest die­se Absicht zum Teil gelun­gen. Nor­ma­ti­ve Akte haben natur­ge­mäß den­noch eine gan­ze ande­re Wir­kung.

Don Milani: großbürgerlicher Bohemien, katholischer Priester, Kommunistenfreund

In eine ande­re Rich­tung scheint Papst Fran­zis­kus zu stre­ben. Wie es in Rom heißt, habe der gest­ri­ge „Pri­vat­be­such“ des Pap­stes vor allem Don Mila­ni gegol­ten. Don Maz­zo­la­ri sei gewis­ser­ma­ßen ins Pro­gramm hin­ein­ge­rutscht, um die Fokus­sie­rung auf Don Mila­ni nicht zu deut­lich her­vor­tre­ten zu las­sen.

Papst Franziskus am Grab von Don Milani
Papst Fran­zis­kus am Grab von Don Mila­ni

In Bar­bia­na bei Flo­renz, wo sich das Zen­trum der Anhän­ger Don Mila­nis befin­det, fand dann auch ein umfas­sen­de­res Pro­gramm statt als in Boz­zo­lo. In Boz­zo­lo waren bis auf weni­ge Aus­nah­men aus­schließ­lich Prie­ster zur Begeg­nung mit dem Papst gela­den. Zugang wur­de nur aus­ge­wähl­ten Per­so­nen mit vor­ab erteil­ter Berech­ti­gung gewährt. Trotz beacht­li­cher Umdeu­tungs­ver­su­che eini­ger Apo­lo­ge­ten eig­net sich Don Pri­mo Maz­zo­la­ri nicht für ein pro­gres­si­ves Kir­chen­ver­ständ­nis. Sei­ne Schrif­ten sind in Fra­gen der Glau­bens­leh­re und der Moral­leh­re zu ein­deu­tig. Bei­den Prie­stern gemein­sam waren mehr oder aus­ge­präg­te Sym­pa­thien für den Mar­xis­mus.

Ganz anders zeigt sich das Bild bei Don Loren­zo Mila­ni. Wie der amtie­ren­de Papst heg­te auch er star­ke Sym­pa­thien für die radi­ka­le Lin­ke. Wenn er nicht Kom­mu­nist wur­de, son­dern atho­li­scher Prie­ster, dann nach eige­nen Anga­ben des­halb, weil die Kom­mu­ni­sten kei­ne Sakra­men­te und kei­ne Sün­den­ver­ge­bung haben.

Sein groß­bür­ger­li­ches Eltern­haus war agno­stisch und anti­kle­ri­kal geprägt. Sei­ne Mut­ter, Ali­ce Weiss, ent­stamm­te dem libe­ra­len, assi­mi­lier­ten Juden­tum. Die Eltern hat­ten nur stan­des­amt­lich gehei­ra­tet. Loren­zo wid­me­te sich den schö­nen Kün­sten und besuch­te die Kunst­aka­de­mie Bre­ra in Mai­land.

Zeitlebens gespanntes Verhältnis zu den kirchlichen Regeln und Normen

In Mai­land war, im Gegen­satz zu sei­ner Hei­mat­stadt Flo­renz, auch das Groß­bür­ger­tum katho­lisch geprägt. In die­sem neu­en Kli­ma kam es 1943, inmit­ten des Zwei­ten Welt­krie­ges, zu sei­ner Bekeh­rung, die offen­bar Fol­ge eines län­ge­ren Pro­zes­ses ohne ein bestimm­tes Bekeh­rungs­er­leb­nis war. Er wur­de im sel­ben Jahr in Flo­renz gefirmt und in das dor­ti­ge Prie­ster­se­mi­nar auf­ge­nom­men. Sein Ver­hält­nis zur Kir­che blieb jedoch zeit­le­bens gespannt, weil er sich – der im homo­ero­ti­schen Kli­ma der Flo­ren­ti­ner Bohe­mi­ens der Zwi­schen­kriegs­zeit auf­ge­wach­sen war – schwertat mit den kirch­li­chen Regeln und Vor­schrif­ten. In den Regeln sah er eine „Fer­ne“ gegen­über der „Direkt­heit“ des Evan­ge­li­ums.

1947 erfolg­te sei­ne Prie­ster­wei­he. Bereits in sei­nen ersten Seel­sor­ge­sta­tio­nen knüpf­te er Kon­takt zu sozi­al enga­gier­ten Prie­stern. Die Tos­ka­na gehör­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg zu den „roten Regio­nen“ Ita­li­ens, in denen die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei Ita­li­ens (KPI) den Ton angab.

1954 wur­de er in ein klei­nes Berg­dorf im Mugel­lo ver­setzt. Dort setz­te er die ersten Schrit­te zu einem Schul­ver­such, der sei­ne Lebens­auf­ga­be wer­den soll­te. Er grün­de­te eine Ganz­tags­schu­le für die Arbei­ter­fa­mi­li­en der Umge­bung.

Rund­her­um ent­stand sein päd­ago­gi­sches Reform­pro­jekt eines „sozi­al enga­gier­ten“ Katho­li­zis­mus. Aus die­sem Umfeld stam­men auch sei­ne heu­ti­gen Anhän­ger und Apo­lo­ge­ten. Finan­ziert wur­de das Schul­pro­jekt, die „Schu­le von Bar­bia­na“ durch die Spen­den groß­bür­ger­li­cher Flo­ren­ti­ner Fami­li­en, die dafür von Don Mila­ni beschimpft wur­den. 1965 schrieb er in der Zeit­schrift der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei:

„Ich for­de­re das Recht, sagen zu dür­fen, daß auch die Armen die Rei­chen bekämp­fen dür­fen und sol­len.“

Hauptwerk „Brief an eine Lehrerin“

Als Haupt­werk gilt das 1967, kurz nach sei­nem Tod, erschie­ne­ne Buch „Brief an eine Leh­re­rin“, das Don Mila­ni mit sei­nen Schü­lern ver­faßt hat­te. Es ist eine radi­ka­le Ankla­ge gegen das Schul­we­sen und gilt als ein Schlüs­sel­werk für die ita­lie­ni­sche Stu­den­ten­be­we­gung von 1968. Sein didak­ti­sches Modell war der „Leh­rer als Freund“. Kri­ti­ker wer­fen ihm vor, Stich­wort­ge­ber der anti­au­to­ri­tä­ren Erzie­hung zu sein. Der Ent­wurf zum Buch soll so abschät­zi­ge und vul­gä­re Wor­te ent­hal­ten haben, daß der Ver­le­ger eine Ver­öf­fent­li­chung ver­wei­ger­te.

Das Buch "Brief an eine Lehrerin"
Das Buch „Brief an eine Leh­re­rin“

Die Schrift­stel­le­rin und Leh­re­rin Pao­la Mastro­co­la unter­zog das Buch 2011 einer kri­ti­schen Ana­ly­se. Sie kri­ti­sier­te vor allem den Schluß­teil. Das Buch endet mit einem Traum von neu­en, demo­kra­ti­schen Leh­rern, die end­lich ihren Schü­lern sagen, daß sie von ihnen eigent­lich gar nichts wol­len. Ihnen weder etwas bei­brin­gen noch ihre Kennt­nis prü­fen wol­len. Die Men­schen sol­len so blei­ben, wie sie sind! Jeder soll sei­ne Vor­stel­lun­gen behal­ten, die er schon hat, die ihm die Fami­lie, in die er hin­ein­ge­bo­ren wur­de, wei­ter­ge­ge­ben hat. Jeder soll das Leben haben, das ihm das Schick­sal zuge­wie­sen hat. Es wird eine Schu­le ver­langt, die nichts hin­zu­fügt, nicht auf­baut, nicht her­aus­for­dert und nicht för­dert. Es ist eine Schu­le, die sich anpaßt, die sich gleich macht den Glei­chen, sich ver­stellt und unwei­ger­lich auf die unter­ste Stu­fe des Gleichseins begibt. Damit benach­tei­ligt sie alle, aber vor allem die Schwäch­sten, die nicht gestärkt und zu den ande­ren hin­auf­ge­ho­ben wer­den, son­dern denen alle ande­ren gleich schwach gemacht wer­den sol­len. Alle ganz unten, aber alle gleich. Die Ent­fer­nung des Pode­stes, auf dem das Pult stand, ent­stell­te das nor­ma­le Ver­hält­nis zwi­schen Leh­rer und Schü­ler. Das kum­pel­haf­te „Du“ statt des „Sie“ mach­te aus dem Leh­rer irgend­ei­nen Glei­chen des Schü­lers. Die Deklas­sie­rung der for­ma­len Spra­che zum All­tags­ge­re­de führ­te zu einer Ver­än­de­rung der Lern­in­hal­te. Die Idee, daß die mit­ge­brach­te Bil­dung und Erzie­hung eines jeden Stu­den­ten bereits aus­rei­che, führt zur Über­zeu­gung der Schü­ler, daß sie sich selbst genü­gen wür­den, letzt­lich gar kei­ner Bil­dung mehr bedürf­ten und schließ­lich zur Leug­nung jeder Not­wen­dig­keit, sich über­haupt noch ver­bes­sern zu müs­sen.

Der zu früh ver­stor­be­ne Rechts­phi­lo­soph Mario Palma­ro schrieb im Novem­ber 2013 kurz vor sei­nem Tod in sei­nem berühmt gewor­de­nen Auf­satz „Die Kir­che als Feld­la­za­rett der Fol­lo­wers“, daß es „viel­leicht gar kein Zufall ist, daß am Ursprung der Revo­lu­tio­nie­rung der Schu­le zumin­dest in Ita­li­en ein Prie­ster steht“.

Don Milani: Priester mit pädophilen Neigungen?

Vor einem Monat erschien im Ver­lag Mond­ado­ri das Gesam­mel­te Werk von Don Loren­zo Mila­ni. Es han­delt sich um eine mehr­bän­di­ge Aus­ga­be von 3.000 Sei­ten, die von Alber­to Mel­lo­ni, dem Lei­ter der pro­gres­si­ven Schu­le von Bolo­gna, her­aus­ge­ge­ben wur­de. Alber­to Mel­lo­ni wie­der­um ist ein enger Freund von Papst Fran­zis­kus. Das Werk wur­de von Fran­zis­kus per­sön­lich in einem Kurz­film für die Mai­län­der Buch­mes­se vor­ge­stellt und bewor­ben.

Fast zeit­gleich wur­de auch der neue Roman „Bru­cia­re tut­to“ (Alles ver­bren­nen) des pro­gres­si­ven Schrift­stel­lers Wal­ter Siti (Stre­ga-Preis­trä­ger) ver­öf­fent­licht. Der Roman han­delt von einem Prie­ster mit pädo­phi­len Ver­su­chun­gen, die er aller­dings nicht aus­lebt. Der Autor, selbst beken­nen­der Homo­se­xu­el­ler, iden­ti­fi­ziert sei­ne Roman­fi­gur mit Don Loren­zo Mila­ni. Die­sem wid­me­te er sein Buch mit unge­wöhn­li­chen Wor­ten:

„Gewid­met dem ver­letz­ten und star­ken Schat­ten von Don Loren­zo Mila­ni“.

In einem sehr zurück­hal­ten­den Inter­view mit der Tages­zei­tung La Repub­bli­ca sag­te Siti zu sei­nem Roman:

„Alles ent­stand, als ich in einem fast unauf­find­ba­ren und alten Buch von San­to­ni Rugui((Il buio del­la liber­tà  (Das Dun­kel der Frei­heit), De Dona­to-Leri­ci 2002)) eini­ge Sät­ze aus Brie­fen von Don Mila­ni las: ‚Ich weiß: Wenn ich Gefahr für mei­ne See­le lau­fe, dann sicher nicht, weil ich zu wenig geliebt habe, son­dern weil ich zuviel lie­be (das heißt, sie mir auch mit ins Bett neh­me!‘ Wenig spä­ter schrieb er in einem Brief an einen Jour­na­li­sten, der dann sein Bio­graph wur­de: ‚Wer könn­te die Kin­der bis auf den Kno­chen lie­ben, ohne damit zu enden, ihn ihnen auch in den Arsch zu stecken, wenn nicht ein Leh­rer, der mit ihnen auch Gott liebt und die Höl­le fürch­tet?‘ Viel­leicht habe ich gewagt inter­pre­tiert, aber es schien mir, daß Don Mila­ni hier zugibt, sich von Kin­dern phy­sisch ange­zo­gen zu füh­len, und ich fin­de sei­ne Fähig­keit hero­isch, sich alles im Her­zen behal­ten und die Ner­ven bewahrt zu haben, ohne jemals Ärger­nis zu geben. Die Wid­mung ist eine Art, mei­ne Wert­schät­zung und mei­ne tie­fe Bewun­de­rung für ihn zum Aus­druck zu brin­gen.“

Ent­deck­te der Homo­se­xu­el­le Wal­ter Siti in Don Mila­ni einen tat­säch­li­chen oder fik­ti­ven „See­len­ver­wand­ten“?

Don Mila­nis Anhän­ger ver­tei­di­gen sol­che Brie­fe, indem sie sagen, der Prie­ster habe sich ein­fach nur einer „sehr direk­ten Spra­che“ bedient. Für eine sol­che war er tat­säch­lich bekannt, wie die Erst­fas­sung des Buches „Brief an eine Leh­re­rin“ belegt, das erst von anstö­ßi­gen Wor­ten gerei­nigt wer­den muß­te, ehe der Ver­le­ger bereit war, es in Druck z geben. Selbst Sil­via Ron­chey, eine Mila­ni-Hagio­gra­phin, schrieb aller­dings in La Repub­bli­ca — von Mila­nis „nicht ver­hüll­ter Homo­se­xua­li­tät im Flo­renz der 30er Jah­re“ (zu Ron­chey sie­he Hypa­tia, die Wahr­heit und die ideo­lo­gi­schen Lügen).

Don Milani „kein geeignetes Priestermodell“

Don Milani in Barbiana
Don Mila­ni in Bar­bia­na

„Don Mila­ni eig­net sich nicht als Prie­ster­mo­dell“, wes­halb der Papst­be­such in Bar­bia­na zwei­fel­haft sei, so die tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Sei­te Mes­sa in Lati­no. Im Gegen­satz zum hei­li­gen Pfar­rer von Ars sei Don Mila­ni kein Vor­bild für die Prie­ster, weil „er sich einer obszö­nen Spra­che bedien­te, mit allen im stän­di­gen Streit lag, weil er das Pri­vat­ei­gen­tum in Fra­ge stell­te, das Sol­da­ten­le­ben kri­ti­sier­te und einen abso­lu­ten Pazi­fis­mus pre­dig­te. Ihn als Prie­ster­mo­dell zu prä­sen­tie­ren, zeugt zumin­dest von einem sel­te­nen Man­gel an Klug­heit“, so Mes­sa in Lati­no zu den Wor­ten von Papst Fran­zis­kus gestern in Bar­bia­na.

Papst Fran­zis­kus bezeich­ne­te Don Mila­ni als „leuch­ten­de Spur“, als Aus­druck eines „tie­fen Gleich­ge­wichts zwi­schen Här­te und Lie­be“, „ein Prie­ster, trans­pa­rent und hart wie ein Dia­mant, der wei­ter­hin das Licht Got­tes auf dem Weg der Kir­che ver­mit­telt“. Folgt man den Wor­ten des Pap­stes, ent­steht der Ein­druck, daß Don Mila­ni ein „Pro­phet“ war. Fran­zis­kus zog die Bischö­fe post­hum an den Ohren, die „Don Loren­zo lei­den“ hät­ten las­sen.

Papst Johan­nes XXIII. nann­te Don Mila­ni hin­ge­gen einen „Irren, der aus dem Irren­haus ent­flo­hen ist“. Wel­ches Prie­ster­mo­dell will Papst Fran­zis­kus also för­dern, indem er zum Grab eines Prie­sters pil­gert, die zu Leb­zei­ten vor allem gespal­ten hat?

Die „leuch­ten­de Spur“ Mila­ni schrieb am 21. Juni 1952 über den Auf­bau der Christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei (DC) nach dem Zwei­ten Welt­krieg, die eine kom­mu­ni­sti­sche Macht­über­nah­me abwehr­te:

„Ich habe mei­nen Jungs gesagt, daß wir mit unse­ren Vor­zugs­stim­men eine christ­li­che Par­tei auf­bau­en kön­nen, die zur Gän­ze aus Gewerk­schaf­tern und Haus­frau­en besteht. Von der [christ­li­chen Gewerk­schaft] CISL hast Du mir den Ver­dacht von Infil­tra­tio­nen aus dem Dol­lar-Bereich ange­deu­tet.“

Um dann anzu­deu­ten, was er von wem hält:

„Von der Katho­li­schen Akti­on Schei­ße, von Pius XII. Schei­ße, von De Gas­pe­ri Schei­ße, von Giu­sep­pe [Dos­set­ti] Ver­zweif­lung. Oder nein, viel­leicht Schlim­me­res. Für Dos­set­ti unbe­grenz­te Wert­schät­zung. […] Wir füh­len uns wie zwei oder drei an der Sei­te Got­tes und der gan­ze Rest im schmut­zig­sten Ver­rat.“

Giu­sep­pe Dos­set­ti war ein christ­de­mo­kra­ti­scher Poli­ti­ker, der sich in den 50er Jah­ren zum Prie­ster wei­hen ließ. Als Links­ka­tho­lik streb­te er eine gro­ße Links­al­li­anz mit den Kom­mu­ni­sten an. Als rech­te Hand von Kar­di­nal Ler­ca­ro, dem Erz­bi­schof von Bolo­gna, spiel­te Dos­set­ti eine zen­tra­le Rol­le beim Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Als geüb­ter Poli­ti­ker erkann­te er die Gele­gen­heit, mit Hil­fe der Geschäfts­ord­nung das Kon­zil zugun­sten der Rhei­ni­schen Alli­anz zu len­ken, bis es Papst Paul VI., aller­dings erst sehr spät, zu bunt wur­de, und er Dos­set­ti aus Rom ver­bann­te.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

2 Kommentare

  1. Alles schon sehr eigen­ar­tig! Ein libe­ral-pro­gres­si­ves Prie­ster­bild ist die­sem Papst wahr­schein­lich sehr wich­tig.

  2. Ich habe ein wenig über Don Mela­ni gele­sen. Wun­dert mich nicht dass der Papst zum Grab die­ses Prie­sters pil­gert. Der Pfar­rer von Ars und das gan­ze dazu­ge­hö­ri­ge Prie­ster­bild ist für ihn unin­ter­es­sant. Ihn bewe­gen lin­ke, sozia­le klas­sen­kämp­fe­ri­sche The­men. Die­sen The­men gibt er in sei­nen Pre­dig­ten auch einen christ­li­chen Hin­ter­grund. Sei­ne Pre­dig­ten emp­fin­de ich etwas ermü­dend. Er sagt sicher nichts fal­sches. Inter­es­sant ist es halt auch nicht. Grün­don­ners­tag ist für ihn eine Gele­gen­heit sich sozi­al kari­ta­tiv dar­zu­stel­len. An der Fron­leich­nams­pro­zes­si­on hat der Papst nicht teil­ge­nom­men. Das wie­der­erstar­ken der Tra­di­ti­on ist ihm unver­ständ­lich. Er fällt Kar­di­nal Sarah in den Rücken und igno­riert die Anfra­gen sei­ner Kar­di­nä­le zum Ehe­sa­kra­ment. In die­sem Pon­ti­fi­kat wird die Kri­se der Kir­che gleich­blei­bend schlecht sein oder sich ver­schlim­mern. Ohne die Prie­ster­wei­hen der 60er Jah­re und zahl­rei­chen Ordens­ein­trit­te wäre die Situa­ti­on in Euro­pa noch viel schlim­mer. Die katho­li­sche Kir­che zehrt zumin­dest in die­ser Hin­sicht noch von die­sen Zei­ten. Bis 1970 war die soge­nann­te alte Mes­se und die damit ver­bun­de­ne pas­sen­de Kate­che­se Norm. So schlecht kann das vor­kon­zi­lia­re Prie­ster­bild nicht gewe­sen sein. Papst F ist doch sel­ber noch in die­ser Wei­se in sei­nem Glau­ben geformt wor­den.

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