Hat Papst Franziskus „Geheimkommission“ zur Revision von „Humanae vitae“ eingesetzt?

Beabsichtigt Papst Franziskus eine Geheimkommission einzurichten, um die in der Enzyklika Humanae vitae festgeschriebene Ablehnung von Verhütungsmitteln durch die Kirche zu modifizieren?
Beabsichtigt Papst Franziskus eine Geheimkommission einzurichten, um die in der Enzyklika Humanae vitae festgeschriebene Ablehnung von Verhütungsmitteln durch die Kirche zu modifizieren?

(Rom) Laut Indis­kre­tio­nen aus dem Vati­kan soll Papst Fran­zis­kus die Absicht haben (oder bereits umge­setzt haben), eine Geheim­kom­mis­si­on zu ernen­nen mit dem Auf­trag, even­tu­el­le Ände­run­gen der Posi­ti­on der Kir­che zu künst­li­chen Ver­hü­tungs­mit­teln zu prü­fen. Dies berich­te­te der Vati­ka­nist Mar­co Tosat­ti ver­gan­ge­ne Woche.

Die For­de­rung wur­de von pro­gres­si­ven Kir­chen­ver­tre­tern mit dem der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kat ver­knüpft. Papst Fran­zis­kus sand­te bis­her ambi­va­len­te Signa­le zu Huma­nae vitae aus.

Revision von Humanae vitae?

Kon­kret gehe es bei der Sache dar­um, die Enzy­kli­ka Huma­nae vitae von Papst Paul VI. einer mög­li­chen Revi­si­on zu unter­zie­hen. Der ehe­ma­li­ge Erz­bi­schof von Mai­land hat­te mit der Enzy­kli­ka auf die Anti-Baby-Pil­le, die Sexu­el­le Revo­lu­ti­on und die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der durch Abtrei­bung reagiert. Er tat es mit­ten in der soeben los­ge­bro­che­nen 68er-Revol­te. Am 25. Juli 1968 ver­öf­fent­lich­te er die Enzy­kli­ka Huma­nae vitae, mit einer „pro­phe­ti­schen Bot­schaft“, wie Papst Johan­nes Paul II. 1981 im nach­syn­oda­len Schrei­ben Fami­lia­ris con­sor­tio sagt. Von „pro­phe­ti­scher Genia­li­tät“ sprach auch Papst Fran­zis­kus in einem Inter­view vom 5. März 2014 mit dem Cor­rie­re del­la Sera. Gegen­sätz­li­che Signa­le des der­zeit amtie­ren­den Pap­stes las­sen aber kei­ne genaue Zuord­nung sei­ner Hal­tung zu (Kar­nickel, Zika-Virus und was Paul VI. nie gesagt hat). Obwohl er einer­seits die „Genia­li­tät“ der Enzy­kli­ka lob­te, fand er eben­sol­ches Lob für den deut­schen Moral­theo­lo­gen Bern­hard Häring, einen der schärf­ten Kri­ti­ker von Huma­nae vitae.

Humanae vitae. eine "prophetische Botschaft"
Huma­nae vitae. eine „pro­phe­ti­sche Bot­schaft“

Die Enzy­kli­ka bezog 1968 eine kla­re Gegen­po­si­ti­on zur auf­bre­chen­den Sexu­el­len Revo­lu­ti­on und pro­vo­zier­te einen Auf­schrei pro­gres­si­ver Kir­chen­krei­se, beson­ders im deut­schen Sprach­raum.

Sie signa­li­sier­te damit den Bruch zwi­schen dem radi­ka­le­ren pro­gres­si­ven Kir­chen­flü­gel, der sich durch das Zwei­ten Vati­ka­ni­sche Kon­zil und mehr noch durch den dadurch aus­ge­lö­sten Men­ta­li­täts­wan­del im Auf­wand spür­te, und dem römi­schen Papst. Ein Bruch, der nie mehr wirk­lich beho­ben wer­den konn­te. Dabei galt Paul VI. als Kar­di­nal als einer von ihnen, was ihm die Bestei­gung des Papst­thro­nes nach dem Tod des Kon­zils­pap­stes Johan­nes XXIII. ermög­lich­te. Die genaue Geschich­te des Pon­ti­fi­kats des Mon­ti­ni-Pap­stes ist erst noch zu schrei­ben. Fest steht, daß es im Lau­fe sei­ner Regie­rungs­zeit einen Wan­del gab, der zu einer Ent­frem­dung zwi­schen einem Teil sei­ner ehe­ma­li­gen Unter­stüt­zer und dem Kir­chen­ober­haupt führ­te. Nach den eupho­ri­schen Anfangs­jah­ren, mit hef­ti­gen, von ihm ermög­lich­ten Umbrü­chen in der unmit­tel­ba­ren Nach­kon­zils­zeit, galt er in den gesell­schafts­po­li­ti­schen Stür­men der 70er Jah­re, mit ihrem unauf­halt­sam schei­nen­den Vor­marsch der Lin­ken und den Damm­brü­chen durch eine neue Schei­dungs- und Abtrei­bungs­ge­setz­ge­bung, nur mehr als „ein­sa­mer Mann“ im Vati­kan.

Der deutsche Widerspruch

Die Ableh­nung von Ver­hü­tungs­mit­teln, die damals zum gro­ßen Baby-Knick führ­ten, von dem sich die west­li­che Welt (aus­ge­nom­men Isra­el) bis heu­te nicht mehr erholt hat, setz­te Paul VI. nicht nur mas­si­vem Spott kir­chen­feind­li­cher, beson­ders femi­ni­sti­scher Krei­se aus, son­dern signa­li­sier­te eine tie­fe Abnei­gung bestimm­ter Theo­lo­gen und Kir­chen­ver­tre­ter. Der deut­sche Sprach­raum stand dabei an vor­der­ster Front. Noch im Herbst des­sel­ben Jah­res beeil­ten sich die Bischofs­kon­fe­ren­zen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Öster­reichs und der Schweiz um größt­mög­li­che Distanz zum Papst. In drei berüch­tig­ten Erklä­run­gen, der König­stei­ner, der Maria­tro­ster und der Solo­thur­ner Erklä­rung, die fak­tisch den glei­chen Wort­laut hat­ten, sag­ten sie das Gegen­teil des­sen, was der Papst sag­te: der Gebrauch von Ver­hü­tungs­mit­teln sei allei­ni­ge Ent­schei­dung des indi­vi­du­el­len Gewis­sens.

Orientierung in der Sexuellen Revolution, Damm für die Heiligkeit des Lebens
Ori­en­tie­rung in der Sexu­el­len Revo­lu­ti­on, Damm für die Hei­lig­keit des Lebens

Die drei Erklä­run­gen mar­kie­ren den Wen­de­punkt, mit dem der Rück­zug und die Kapi­tu­la­ti­on der katho­li­schen Kir­che in bio­ethi­schen Fra­gen ein­ge­lei­tet wur­de. Was im deut­schen Sprach­raum vor­ex­er­ziert wur­de, brei­te­te sich auf wei­te­re Län­der aus und sicker­te in die Welt­kir­che ein. Heu­te scheint das Rin­gen im Gan­ge, ob die Kir­che offi­zi­ell auf die­sen unse­li­gen „deut­schen“ Kurs umschwenkt. Das Schwei­gen der Kir­che zum Mas­sen­mord an unge­bo­re­nen Kin­dern, der ja durch die Ver­hü­tungs­mit­tel angeb­lich ver­hin­dert wer­den soll­te, ist im deut­schen Sprach­raum eine direk­te Fol­ge der genann­ten Erklä­run­gen und inzwi­schen schon seit Jahr­zehn­ten öffent­lich­keits­wirk­sam. Neu ist das Schwei­gen Roms, wenn es man­che auch noch nicht wahr­ha­ben wol­len. Es ist kein Zufall, daß zwei deut­sche und ein flä­mi­scher Kar­di­nal an der Wie­ge des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus stan­den. Das bedeu­tet nicht, daß sich der argen­ti­ni­sche Papst von sei­nen Paten nicht los­sa­gen könn­te, wie es Paul VI. mit Huma­nae vitae tat. Der­zeit weist noch nichts dar­auf hin, dabei regiert er bald schon eben­so­lan­ge wie Paul VI., als die­ser die bedeu­tend­ste Enzy­kli­ka sei­nes Pon­ti­fi­kats ver­öf­fent­lich­te. Die Gerüch­te über die Bil­dung einer Kom­mis­si­on zur Über­ar­bei­tung der kirch­li­chen Posi­ti­on zu Ver­hü­tungs­mit­teln spre­chen nicht für einen abseh­ba­ren Pau­ken­schlag in die­se Rich­tung.

Paul VI. schrieb in Huma­nae vitae, kei­ne drei Jah­re nach Been­di­gung des Kon­zils, letzt­lich nur nie­der, was das Kon­zil zum Aus­druck gebracht hat­te, aller­dings eine pro­gres­si­ve Min­der­heit, die sich in ande­ren Fra­gen geschickt in Sze­ne zu set­zen wuß­te und sich von der Wel­le des gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Kli­mas trei­ben ließ, nicht hören woll­te.

Vatikan: „Geheimkommission“ weder bestätigt noch dementiert

Bis­her gibt es kei­ne offi­zi­el­le Bestä­ti­gung für die Exi­stenz einer sol­chen Kom­mis­si­on, wes­halb auch über ihre Zusam­men­set­zung nichts bekannt ist. Tosat­ti rich­te­te eine offi­zi­el­le Anfra­ge an die zustän­di­gen Stel­len und bat um Bestä­ti­gung oder Demen­tie­rung. Weder das eine noch das ande­re ist bis­her erfolgt. „Was für sich bereits ein Signal sein könn­te“, so der Vati­ka­nist. Wäre die Sache völ­lig halt­los, wür­de ein Demen­ti nicht schwer­fal­len.

Gerüch­te­wei­se soll Kuri­en­erz­bi­schof Vin­cen­zo Paglia mit der mut­maß­li­chen Geheim­kom­mis­si­on zu tun haben. Paglia, der als erster Prie­ster aus den Rei­hen der Gemein­schaft von Sant’Egidio die Bischofs­wür­de erlang­te, sorg­te im Früh­jahr mit einem selt­sa­men Nach­ruf auf den ver­stor­be­nen, radi­ka­len Poli­ti­ker Mar­co Pan­nella für Auf­se­hen. Pan­nella war der Inbe­griff des radi­ka­len Kir­chen- und Fami­li­en­fein­des. Er war ein Abtreibungs‑, Homo- und Eutha­na­sie-Ideo­lo­ge im wahr­sten Sinn des Wor­tes. Gegen Johan­nes Paul II. gab er die Paro­le: „Woj­ty­la go home“ aus und gegen Bene­dikt XVI. die Paro­le: „No Tali­ban, No Vati­can“. Im Stil erin­ner­te das an die abschät­zi­ge Beti­te­lung von Papst Paul VI. nach der Ver­öf­fent­li­chung von Huma­nae vitae als „Pil­len­paul“. Den­noch mein­te Paglia am ver­gan­ge­nen 17. Febru­ar: „Sein Tod ist ein gro­ßer Ver­lust für unser Land. Sein Geist weht wei­ter. Ich wün­sche mir, daß der Geist von Mar­co uns hel­fen möge“.
Papst Fran­zis­kus hat­te Paglia im August 2016 an die Spit­ze zwei­er vati­ka­ni­scher Insti­tu­tio­nen gesetzt, die bei­de eng mit Huma­nae vitae zu tun haben. Er wur­de zum Groß­kanz­ler des Päpst­li­chen Insti­tuts Johan­nes Paul II. für Stu­di­en zu Ehe und Fami­lie und zum Vor­sit­zen­den der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben. Zuvor war Paglia vier Jah­re lang Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Rates für die Fami­lie gewe­sen und somit nicht min­der mit dem The­ma befaßt.

Ein wei­te­res poten­ti­el­les Kom­mis­si­ons­mit­glied könn­te der im Hin­ter­grund omni­prä­sen­te Rek­tor der Päpst­li­chen Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Argen­ti­ni­en, Titu­lar­erz­bi­schof Vic­tor Manu­el Fer­nan­dez, sein, „die gro­ße ‚theo­lo­gi­sche‘ Schul­ter des Pon­ti­fi­kats, so Tosat­ti. Doch die per­so­nel­le Zusam­men­set­zung ist rei­ne Spe­ku­la­ti­on, wie der Vati­ka­nist betont.

Die Einheit: „Liebende Vereinigung und Fortpflanzung“

Auf Huma­nae vitae haben Papst Johan­nes Paul II. und Papst Bene­dikt XVI. ihre Ehe- und Moral­leh­re gestützt und die Enzy­kli­ka, im Gegen­satz zu gan­zen Epi­sko­pa­ten in west­li­chen Staa­ten, ent­schlos­sen ver­tei­digt.

Familie: liebende Vereinigung und Fortpflanzung
Fami­lie: lie­ben­de Ver­ei­ni­gung und Fort­pflan­zung

Kern der Enzy­kli­ka ist die Ein­heit zwi­schen „der lie­ben­den Ver­ei­ni­gung und der Fort­pflan­zung“. Die gan­ze Lebens­rechts­be­we­gung, die vor allem in West­eu­ro­pa wie ein Rufer auf ver­lo­re­nem Posten scheint, grün­det ihren Ein­satz auf Huma­nae vitae. Die katho­li­sche Kir­che ist der ein­zi­ge ver­blie­be­ne „Glo­bal Play­er“, der sich der mas­sen­haf­ten Kin­destö­tung ent­ge­gen­setzt. Unter dem pol­ni­schen und dem deut­schen Papst war dem jeden­falls so. Ob dem heu­te auch so ist, darf zumin­dest bezwei­felt wer­den. Unein­ge­schränkt galt es auch vor Fran­zis­kus nicht. Nicht weni­ge Bischö­fe drück­ten sich um ihre Ver­ant­wor­tung eben­so wie Prie­ster und Theo­lo­gen. Und nicht weni­ge Katho­li­ken fie­len in die Abtrei­bungs­fal­le und mach­ten sich schul­dig.

Bereits vor 50 Jah­ren hat­te sich die von Paul VI. errich­te­te Exper­ten­kom­mis­si­on, die ihn bei sei­ner Ent­schei­dung bera­ten soll­te, mit erdrücken­der Mehr­heit für die „katho­li­sche Pil­le“ aus­ge­spro­chen, wie man damals sag­te. Die begriff­li­che Ana­lo­gie zur „katho­li­schen Schei­dung“, von der seit dem Sep­tem­ber 2015 die Rede ist, als Papst Fran­zis­kus — einen Monat vor Beginn der zwei­ten Fami­li­en­syn­ode — im Allein­gang das Ehe­nich­tig­keits­ver­fah­ren modi­fi­zier­te, liegt auf der Hand.

Paul VI. ließ sich nicht von der Mehr­heit beein­drucken, son­dern mach­te sich die Min­der­hei­ten­po­si­ti­on der Fach­kom­mis­si­on zu eigen:

„Indem die Kir­che die Men­schen zur Beob­ach­tung des von ihr in bestän­di­ger Leh­re aus­ge­leg­ten natür­li­chen Sit­ten­ge­set­zes anhält, lehrt sie nun, daß „jeder ehe­li­che Akt“ von sich aus auf die Erzeu­gung mensch­li­chen Lebens hin­ge­ord­net blei­ben muß. […] Gemäß die­sen fun­da­men­ta­len Grund­sät­zen mensch­li­cher und christ­li­cher Ehe­auf­fas­sung müs­sen Wir noch ein­mal öffent­lich erklä­ren: Der direk­te Abbruch einer begon­ne­nen Zeu­gung, vor allem die direk­te Abtrei­bung — auch wenn zu Heil­zwecken vor­ge­nom­men -, sind kein recht­mä­ßi­ger Weg, die Zahl der Kin­der zu beschrän­ken, und daher abso­lut zu ver­wer­fen. Glei­cher­wei­se muß, wie das kirch­li­che Lehr­amt des öfte­ren dar­ge­tan hat, die direk­te, dau­ern­de oder zeit­lich begrenz­te Ste­ri­li­sie­rung des Man­nes oder der Frau ver­ur­teilt wer­den. Eben­so ist jede Hand­lung ver­werf­lich, die ent­we­der in Vor­aus­sicht oder wäh­rend des Voll­zugs des ehe­li­chen Aktes oder im Anschluß an ihn beim Ablauf sei­ner natür­li­chen Aus­wir­kun­gen dar­auf abstellt, die Fort­pflan­zung zu ver­hin­dern, sei es als Ziel, sei es als Mit­tel zum Ziel.“

Immer in der Enzy­kli­ka Huma­nae vitae rief Paul VI. die Ehe­leu­te zur „ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ten Eltern­schaft“ auf, im Hin­blick „auf die gesund­heit­li­che, wirt­schaft­li­che, see­li­sche und sozia­le Situa­ti­on“, die auch die „erfor­der­li­che Beherr­schung“ von „Trieb und Lei­den­schaft“ durch „Ver­nunft und Wil­len“ bedeu­te.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Notre Dame des Neiges/Les Obser­va­teurs (Screen­shots)

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