„Mit Dynamit“ gegen das zölibatäre Priestertum — Kräutlers tiefsitzende Ablehnung des Weihesakraments

Erwin Kräutler wiederholte in einem Interview seinen altprogressiven Kanon. Herausgekommen ist ein Sammelsurium an Forderungen, die alle nur ein Ziel haben: das sakramentale Priestertum "mit Dynamit" in die Luft zu sprengen.
Erwin Kräutler wiederholte in einem Interview seinen altprogressiven Kanon. Herausgekommen ist ein Sammelsurium an Forderungen, die alle nur ein Ziel haben: das sakramentale Priestertum "mit Dynamit" in die Luft zu sprengen.

(Wien) Der eme­ri­tier­te Mis­si­ons­bi­schof Erwin Kräut­ler „geht mit Dyna­mit gegen die Ord­nung der Kir­che vor“, so der spa­ni­sche Kolum­nist Fran­cis­co Jose Fer­nan­dez de la Cigo­ña zum jüng­sten Inter­view des Öster­rei­chers. Zöli­bat, Frau­en­prie­ster­tum und Lai­en­prie­ster­tum zur Zele­bra­ti­on der Hei­li­ge Mes­se … Der alt­pro­gres­si­ve Kräut­ler ließ die ganz Palet­te der Alt-Revo­luz­zer-For­de­run­gen vom Sta­pel. Dabei sehen auch die kirch­li­chen 68er inzwi­schen ziem­lich alt aus.

„Eucharistie darf nicht von einem zölibatären Priester abhängen“

Ver­öf­fent­licht wur­de das Inter­view, „ohne die gering­ste Kri­tik“, von Vida Neu­va. Die spa­ni­sche Wochen­zeit­schrift koope­riert mit dem Osser­va­to­re Roma­no und legt seit März 2015 ihrer Aus­ga­be die umstrit­te­ne Frau­en­bei­la­ge der päpst­li­che Tages­zei­tung Don­ne Chie­sa Mondo bei. Neben der spa­ni­schen Aus­ga­be gibt es von Vida Nue­va eige­ne Aus­ga­ben für Kolum­bi­en und Argen­ti­ni­en. Ent­stan­den ist die Zeit­schrift 1958 nach der Wahl von Johan­nes XIII. zum Papst.

Der Titel des Inter­views weist eine kla­re Rich­tung:

„Der Eucha­ri­stie vor­zu­ste­hen darf nicht einem zöli­ba­tä­ren Prie­ster vor­be­hal­ten sein.“

Bereits in der Ver­gan­gen­heit hat­te es der ehe­ma­li­ge Mis­si­ons­bi­schof ähn­lich for­mu­liert: „Eucha­ri­stie darf nicht von einem zöli­ba­tä­ren Prie­ster abhän­gen“, so im Mai 2014 (Die Pres­se) oder im April 2016 (Kath­press, Radio Vati­kan).

Kräut­ler, in Öster­reich seit Jahr­zehn­ten ein Lieb­ling der links­ge­rich­te­ten Medi­en­land­schaft, „ver­tei­digt, daß die ‚viri pro­bat‘ eini­ge prie­ster­li­che Auf­ga­ben über­neh­men sol­len“.

Kräutler für „zwei Typen von Weiheämtern: für Zölibatäre und für Verheiratete“

Der ehe­ma­li­ge Prä­lat der Ter­ri­to­ri­al­prä­la­tur von Xin­gu im bra­si­lia­ni­schen Ama­zo­nas-Regen­wald stellt sich „zwei Typen von Wei­he­äm­tern“ vor, die „sich ergän­zen und gegen­sei­tig berei­chern kön­nen“.

Homosexualität und Forderung nach Frauenpriestertum verbindet ein innerer Zusammenhang
Inne­rer Zusam­men­hang: Homo­se­xua­li­tät und Frau­en­prie­ster­tum

Kräut­ler folg­te sei­nem Onkel in den Orden der Mis­sio­na­re vom Kost­ba­ren Blut (CCPS). 1965 ging er als Mis­sio­nar nach Bra­si­li­en, wo sein Onkel Prä­lat von Xin­gu war. 1980 mach­te Johan­nes Paul II., nicht ohne einen gewis­sen Nepo­tis­mus, den Nef­fen zum Koad­ju­tor mit Nach­fol­ge­recht. Als Erich Kräut­ler weni­ge Mona­te spä­ter starb, folg­te ihm Erwin Kräut­ler im Amt nach.

Kräut­ler setz­te sei­ne Schrit­te im Sin­ne der latein­ame­ri­ka­ni­schen Befrei­ungs­theo­lo­gie. „Die Befrei­ungs­theo­lo­gie ist biblisch, davon bin ich immer aus­ge­gan­gen.“ Bekannt wur­de er daher vor allem durch sozia­les Enga­ge­ment und sei­nen poli­ti­schen Akti­vis­mus, der ihm Medi­en­auf­merk­sam­keit in Euro­pa sicher­te.

Trotz sei­ner Eme­ri­tie­rung ist der Öster­rei­cher wei­ter in Bra­si­li­en tätig, der­zeit als Sekre­tär der Ama­zo­nas-Kom­mis­si­on der Bra­si­lia­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz und Vor­sit­zen­der des Kirch­li­chen Pana­ma­zo­ni­schen Netz­wer­kes (REPAM).

In die­sem Kon­text wird seit 2014 eif­rig an einem „Ama­zo­nas-Prie­ster­tum“ geba­stelt, wie es Kräut­ler beschrie­ben hat: die Schaf­fung eines neu­en Typus von Wei­he­amt für Lai­en, die prie­ster­li­che Auf­ga­ben über­neh­men. Dazu gehört vor allem die Zele­bra­ti­on der Hei­li­gen Mes­se, die mit einem „aku­ten Prie­ster­man­gel“ begrün­det wird.

Unter­stützt wird Kräut­ler dabei vom eben­falls deutsch­stäm­mi­gen bra­si­lia­ni­schen Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes.

„Viele Bischöfe denken an Einsetzung dieses anderen Typs von Priestertum“

Kri­ti­ker wer­fen Hum­mes und Kräut­ler vor, den teils haus­ge­mach­ten Prie­ster­man­gel nur als Vor­wand zu gebrau­chen, um das zöli­ba­tä­re und sakra­men­ta­le Prie­ster­tum abzu­schaf­fen.

Dies wird von Kräut­ler bestrit­ten. „Es geht nicht dar­um, den Zöli­bat in Fra­ge zu stel­len.“ Es gebe vie­le Män­ner und Frau­en, für die das eine Opti­on sei, in der sie „glück­lich“ sind.

„Ich ver­tei­di­ge die The­se, daß die Zele­bra­ti­on der Eucha­ri­stie nicht einem zöli­ba­tä­ren Prie­ster vor­be­hal­ten sein soll.“

Es sol­le „zwei Typen von Wei­he­äm­tern geben“ für Zöli­ba­tä­re und für Ver­hei­ra­te­te. Das wäre ein „immenser Gewinn für die Kir­che“.

„Vie­le Bischö­fe – und ich bin einer von ihnen – den­ken an die Ein­set­zung die­ses ande­ren Typs von Prie­ster­tum an der Sei­te des tra­di­tio­nel­len.“

In Xin­gu gibt es 800 Gemein­den, aber nur 30 Prie­ster, „von denen eini­ge über 65 sind“. Dar­aus erge­be sich die Fra­ge, „wie oft das Volk wirk­lich Zugang zur Eucha­ri­stie habe, um den Auf­trag des Herrn zu erfül­len: ‚Tut dies zu mei­nem Gedächt­nis‘ (1 Kor 11, 24; Lk 22, 19).“

„Begriff ‚viri probati‘ gefällt mir nicht, er beschränkt das Priestertum auf Männer“

Der Begriff „viri pro­ba­ti“ gefällt Kräut­ler nicht:

„Er beschränkt das Prie­ster­tum a prio­ri auf Män­ner ein.“

Wel­che „Instanz“ kön­ne ent­schei­den, wer ein vir pro­ba­tus ist oder nicht? „Was sind die Kri­te­ri­en für eine sol­che Schluß­fol­ge­rung?“

Dann schließt Kräut­ler den Kreis, indem er auf einen ande­ren deut­schen Mis­si­ons­bi­schof ver­weist, der mit Eifer an einem neu­en Prie­ster­tum bastelt.

„Ich bin ein Anhän­ger der The­se, die ein süd­afri­ka­ni­scher Bischof, Msgr. Fritz Lobin­ger, eme­ri­tier­ter Bischof von Ali­wal, ver­tritt, der emp­fiehlt, daß die Gemein­den eine Equi­pe (Älte­sten­team) von Kan­di­da­ten für die Wei­he vor­schla­gen kön­nen, um der Eucha­ri­stie in ihrer Gemein­de vor­zu­ste­hen – und nur in ihrer Gemein­de, ohne daß sie des­halb ihr Fami­li­en­le­ben oder ihren Beruf auf­ge­ben müs­sen.“

Was Kräuter nicht sagt

Was Kräut­ler nicht sagt: Bischö­fe und Prie­ster, die selbst ein so ambi­va­len­tes oder gestör­tes Ver­hält­nis zum sakra­men­ta­len, zöli­ba­tä­ren Prie­ster­tum haben, wie es von Jesus Chri­stus ein­ge­setzt wur­de, kön­nen kei­ne Prie­ster­be­ru­fun­gen her­vor­brin­gen. Sie selbst sind selbst eine Haupt­quel­le des von ihnen instru­men­ta­li­sier­ten Prie­ster­man­gels.

Bischof Büchel von Sankt Gallen
Bischof Büchel von Sankt Gal­len

Eben­so­we­nig sagt Kräut­ler, wel­ches die Kon­se­quen­zen sei­nes Vor­schla­ges sind: Die Auf­he­bung des Zöli­bats, der auf das direk­te Vor­bild Jesu Chri­sti zurück­geht, und in der gesam­ten Chri­sten­heit nur von der römisch-katho­li­schen Kir­che seit 2000 Jah­ren durch­ge­hal­ten wird, führt ker­zen­ge­ra­de in die Situa­ti­on der ortho­do­xen Kir­chen. Das Welt­prie­ster­tum wird zur Gän­ze die Ehe­lo­sig­keit auf­ge­ben. Kräut­ler und die Anhän­ger der Zöli­bats­ab­schaf­fung sagen zwar A, aber nicht B. In der Ortho­do­xie kann ein Welt­prie­ster ver­hei­ra­tet sein, aber nicht hei­ra­ten. Er muß also zum Zeit­punkt der Prie­ster­wei­he schon ver­hei­ra­tet sein. Nach emp­fan­ge­ner Prie­ster­wei­he ist eine Hei­rat nicht mehr mög­lich. Wird er Wit­wer oder ver­läßt ihn die Frau, ist einer Wie­der­ver­hei­ra­tung nicht mög­lich. Zudem ist ein ver­hei­ra­te­ter Prie­ster vom Bischofs­amt aus­ge­schlos­sen. Die hohe Geist­lich­keit stammt daher zur Gän­ze aus dem zöli­ba­tä­ren Mönchs­tum. Es scheint undenk­bar, daß der latei­ni­sche Weltk­le­rus für die Zöli­bats­ab­schaf­fung den Aus­schluß vom Bischofs­amt in Kauf neh­men wür­de.

Kräutlers Einkauftour durch andere Konfessionen

Kräut­ler pickt sich aus ande­ren Kon­fes­sio­nen her­aus, was ihm gefällt, um sich sein eige­nes Kir­chen­ver­ständ­nis zu bau­en. Neben der Anlei­he bei den Ortho­do­xen nimmt er auch eine Anlei­he bei den Pro­te­stan­ten. Nur das eige­ne Katho­li­sche scheint für ihn ein­engend und bela­stend. Dabei ist der Zustand der histo­ri­schen „Kir­chen der Refor­ma­ti­on“ alles ande­re denn attrak­tiv.

Katholikinnen, die behaupten, "Priesterinnen" zu sein.
Katho­li­kin­nen, die behaup­ten, „Prie­ste­rin­nen“ zu sein.

Die Ein­füh­rung des Frau­en­prie­ster­tums und eines Lai­en­prie­ster­tums betref­fen pro­te­stan­ti­sche Neu­erfin­dung des 20. bzw. des 16. Jahr­hun­derts, die kei­ne Ent­spre­chung in der Tra­di­ti­on haben. Sie beru­hen auf der tie­fen Abnei­gung der „Refor­ma­to­ren“ gegen das sakra­men­ta­le Prie­ster­tum. Die Zulas­sung von Frau­en ist ein außer­kirch­li­ches Pro­dukt des welt­li­chen Gleich­be­rech­ti­gungs­dis­kur­ses. Durch die Abschaf­fung des Wei­he­sa­kra­ments kön­nen die pro­te­stan­ti­schen Deno­mi­na­tio­nen in der Tat kei­ne plau­si­blen Argu­men­te ins Feld füh­ren, die dage­gen spre­chen wür­den. Die Fol­ge des Kräut­ler-Vor­schlags wäre, daß der nie­de­re Kle­rus, abseh­bar wie das Amen im Gebet, nicht nur auf das ortho­do­xe, son­dern das pro­te­stan­ti­sche Modell absacken wür­de. Der Druck auf den höhe­ren Kle­rus wäre sofort zur Stel­le, wie die Sala­mi-Tak­tik“ in der angli­ka­ni­schen Kir­che zur Ein­füh­rung von Bischö­fin­nen bewie­sen hat. In der unter Hein­rich VIII. von Rom abge­fal­le­nen Kir­che von Eng­land lie­ßen die Libe­ra­len in den ver­gan­ge­nen Jah­ren solan­ge abstim­men, bis das gewünsch­te Ergeb­nis erzielt war.

Kräutler will den größten Schatz der Kirche verschleudern

Kräut­lers „Modell“ des Prie­ster­tums ist ein nach sei­nem Geschmack zusam­men­ge­wür­fel­tes Flick­werk aus Ele­men­ten nicht-katho­li­scher christ­li­cher Rich­tun­gen. Kräut­ler hat es bis­her ver­mie­den, die Fra­ge zu the­ma­ti­sie­ren, war­um die römisch-katho­li­sche Kir­che frei­wil­lig auf­ge­ben soll­te, was alle ande­ren Kir­chen und Kon­fes­sio­nen im Lau­fe der Geschich­te ver­lo­ren, sie aber bewah­ren konn­te. Die katho­li­sche Kir­che konn­te als ein­zi­ge das Ehe­sa­kra­ment und das Wei­he­sa­kra­ment auf der höch­sten Stu­fe bewah­ren, deren Wesens­merk­ma­le beim Ehe­sa­kra­ment die Unauf­lös­lich­keit und beim Wei­he­sa­kra­ment das männ­li­che Geschlecht und der Zöli­bat sind. Die­se kon­sti­tu­ti­ven Ele­men­te als ein­zi­ge durch 2000 Jah­re bewahrt zu haben, ist ein ganz außer­ge­wöhn­li­cher Beweis für die Rich­tig­keit ihres Anspru­ches, die wah­re Kir­che Jesu Chri­sti zu sein. War­um soll­te sie sich genau die­ser Bewei­se berau­ben, die der gött­li­chen Ord­nung ent­spre­chen und soviel Gna­de und Segen gebracht haben?

Kräut­ler erweist sich als schlech­ter Rat­ge­ber. Viel­leicht denkt er auch in Sachen Prie­ster­tum mehr wie ein Poli­ti­ker: Gibt es ein Pro­blem, ist es durch struk­tu­rel­le Ad-hoc-Ein­grif­fe zu lösen. Oder ver­birgt sich dahin­ter viel­leicht doch eine tief­sit­zen­de Abnei­gung gegen das von Jesus Chri­stus beim Letz­ten Abend­mahl ein­ge­setz­te Wei­he­sa­kra­ment? Als Papst Bene­dikt XVI. ihm auf sei­ne „Amzo­nas-Ideen“ ant­wor­te­te, daß um Prie­ster­be­ru­fun­gen gebe­tet wer­den muß, reagier­te Kräut­ler schnodd­rig: „Da mache ich nicht mit.“

Man könn­te auch mei­nen, er will die Kir­che Jesu Chri­sti „mit Dyna­mit“ in die Luft spren­gen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vida Nue­va (Screen­shot)

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3 Kommentare

  1. Die Kir­che kann kei­ne Frau­en zu Prie­stern wei­hen. Dazu ist sie nicht befugt. Wäre es so, gäbe es das Frau­en­prie­ster­tum schon längst. Dies hat natür­lich über­haupt nichts damit zu tun, dass Frau­en gerin­ger qua­li­fi­ziert wären als Män­ner. Das sakra­men­ta­le Wei­he­prie­ster­tum für Män­ner wird theo­lo­gisch begrün­det. Die Wei­he für Frau­en kann somit auch vor welt­li­chen Gerich­ten nicht ein­ge­klagt wer­den. Ich weiß nicht, was genau Bischof Kräut­ler da nicht ver­ste­hen kann. Theo­lo­gie hat ja er stu­diert.

  2. Betref­fend „die Auf­he­bung des Zöli­bats, der auf das direk­te Vor­bild Jesu Chri­sti zurück­geht[,] und in der gesam­ten Chri­sten­heit nur von der römisch-katho­li­schen Kir­che seit 2000 Jah­ren durch­ge­hal­ten wird (…)“ – ich bin mit der gän­gi­gen Geschichts­schrei­bung bis­her immer davon aus­ge­gan­gen, der Zöli­bat sei nur halb so alt, also 1.000 Jah­re.

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