Römische „Pasquinaten“ gegen Papst Franziskus — „Barmherzigkeit, wieviel Gewalt wird in deinem Namen ausgeübt“

Römische "Pasquinata" gegen Papst Franziskus: "Wo ist denn Deine Barmherzigkeit?"
Römische "Pasquinata" gegen Papst Franziskus: "Wo ist denn Deine Barmherzigkeit?"

Von Rober­to de Mattei*

In der Nacht von Frei­tag auf Sams­tag hat eine unbe­kann­te Hand die Stra­ßen rund um den Vati­kan mit einem Pla­kat tape­ziert, auf dem unter dem Bild eines fin­ster blicken­den und schmol­len­den Pap­stes Ber­go­glio ((Das auf dem Pla­kat zu sehen­de Papst-Bild ist kei­ne Foto­mon­ta­ge, son­dern ein Ori­gi­nal­bild, wie Secretum Meum Mihi nach­wei­sen konn­te, die­se und fol­gen­de Anmer­kun­gen von Katholisches.info.)) zu lesen ist: 

„A Fran­ce’, hai com­mis­sa­ria­to Con­gre­ga­zio­ni, rimos­so sacer­doti, deca­pi­ta­to l’Ordine di Mal­ta e i Fran­ce­sca­ni dell’Immacolata, igno­ra­to Car­di­na­li… ma n’do sta la tua misericordia?“

„Fran­zis­kus, Du hast Orden unter kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung gestellt, Prie­ster ent­fernt, den Mal­te­ser­or­den und die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta geköpft, Kar­di­nä­le miß­ach­tet … aber wo ist denn Dei­ne Barmherzigkeit?“

Der ste­chen­de Pro­test in römi­schem Dia­lekt fügt sich in das ein, was in Rom als Tra­di­ti­on der „Pas­qui­na­te“ ((Anony­me Spott­ver­se, benannt nach der Sta­tue, an der sie ange­bracht wur­den.)) bekannt ist. Pas­qui­no ist der Rest einer anti­ken Sta­tu­en­grup­pe, an der näch­tens Schil­der und Pla­ka­te ange­bracht wur­den, auf denen Macht­miß­brauch ange­pran­gert oder Schwä­chen von Päp­sten und Kar­di­nä­len bloß­ge­stellt wur­den. Als Papst Cle­mens VII. (1534) starb, zum Bei­spiel, tauch­te ein Bild sei­nes Arz­tes auf, der, anstatt den Pati­en­ten zu hei­len, ihn ins Jen­seits beför­dert hat­te, mit der Auf­schrift, die Aner­ken­nung zum Aus­druck brach­te: „Ecce qui tol­lit pec­ca­ta mun­di (Sie­he, der hin­weg nimmt die Sün­de der Welt). Gestern wie heu­te haben die Pas­qui­na­te immer eine im Volk und auch im römi­schen Kle­rus ver­brei­te­te Stim­mung wiedergegeben.

In unse­rem Fall ende­te in die­sen Tagen die Ange­le­gen­heit des Mal­te­ser­or­dens mit der Ent­las­sung des Groß­mei­sters, der Reha­bi­li­tie­rung Albrecht von Boe­sela­gers, eines Man­nes des Vati­kans, der einer mora­li­schen Abwei­chung beschul­digt ist, und der Über­tra­gung von kom­mis­sa­ri­schen Voll­mach­ten an Msgr. Ange­lo Becciu. ((Msgr. Becciu ist Kuri­en­erz­bi­schof und die rech­te Hand von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin.)) Und alles geschah unter voll­stän­di­ger Miß­ach­tung der Sou­ve­rä­ni­tät des Ordens, der dem Hei­li­gen Stuhl nur unter­stellt ist, was das reli­giö­se Leben der Pro­feß­rit­ter betrifft, aber völ­lig unab­hän­gig in sei­nem inne­ren und inter­na­tio­na­len Leben ist — oder zumin­dest sein sollte.

Die­sel­be Miß­ach­tung des Rechts scheint auch auf das ita­lie­ni­sche Zivil­recht aus­ge­wei­tet zu wer­den. Ein von der Ordens­kon­gre­ga­ti­on mit Zustim­mung des Pap­stes erlas­se­nes Dekret zwingt Pater Ste­fa­no Maria Manel­li, den Grün­der und Gene­ral­obe­ren der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta, „inner­halb von 15 Tagen nach Zustel­lung des Dekrets das von den zivi­len Ver­ei­ni­gun­gen ver­wal­te­te öko­no­mi­sche Ver­mö­gen und jede ande­re Sum­me in sei­ner Ver­fü­gung in die völ­li­ge Ver­fü­gungs­ge­walt der ein­zel­nen Insti­tu­te zurück­zu­füh­ren“. Mit ande­ren Wor­ten: Er soll in der gesetz­ten Frist Ver­mö­gens­wer­te an den männ­li­chen und den weib­li­chen Zweig des Ordens über­ge­ben ((Fak­tisch an die päpst­li­chen Kom­mis­sa­re der Orden.)), über die Pater Manel­li – wie vom Beru­fungs­ge­richt in Avel­li­no in einem rechts­kräf­ti­gen Urteil fest­ge­stellt wur­de –  gar kei­ne Ver­fü­gungs­ge­walt hat, weil sie Ver­ei­ni­gun­gen gehö­ren, die vom ita­lie­ni­schen Staat legal aner­kannt sind.

Und als wür­de das nicht genü­gen, erfuhr Msgr. Ramon C. Argüel­les, der Erz­bi­schof von Lipa auf den Phil­ip­pi­nen, von sei­ner Amts­ent­he­bung aus einer Pres­se­er­klä­rung des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes. Die Grün­de für die Abset­zung sind unbe­kannt. Msgr. Argüel­les hat­te jedoch eine Ver­ei­ni­gung aner­kannt, in der sich eine Grup­pe von ehe­ma­li­gen Semi­na­ri­sten der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta sam­mel­te, die ihren kom­mis­sa­risch ver­wal­te­ten Orden ver­las­sen haben, um in vol­ler Frei­heit und Unab­hän­gig­keit stu­die­ren und sich auf das Prie­ster­tum vor­be­rei­ten zu können.

„Frei­heit , Frei­heit, wie vie­le Ver­bre­chen wer­den in dei­nem Namen begangen“,

beklag­te Madame Roland, eines der bekann­te­sten Opfer der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on.

„Barm­her­zig­keit, Barm­her­zig­keit, wie­viel Gewalt wird in dei­nem Namen ausgeübt“,

könn­ten die Opfer der päpst­li­chen Barm­her­zig­keit wiederholen.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011.

Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/Wikipedia

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