Kardinal Burke und die Krise des Heiligen Stuhls: „Kein Ultimatum an den Papst, aber der Glaube ist in Gefahr“

Kirchenkrise: Kardinal Burke betont, daß es "kein Ultimatum" an Papst Franziskus gebe, aber "der Glaube in Gefahr ist"
Kirchenkrise: Kardinal Burke betont, daß es "kein Ultimatum" an Papst Franziskus gebe, aber "der Glaube ist in Gefahr".

(Rom) „Es gibt kein Ulti­ma­tum an den Papst, aber wir ‚zwei­feln­den‘ Kar­di­nä­le sind deut­lich mehr als vier und wer­den wei­ter­ge­hen“. Dies sag­te Kar­di­nal Ray­mond Leo Bur­ke, einer der vier Unter­zeich­ner der Dubia (Zwei­fel) gegen das umstrit­te­ne nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia von Papst Fran­zis­kus, in einem Inter­view mit der neu­en ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung La Veri­tà  (Die Wahr­heit).

Der bekann­te Kir­chen­recht­ler wider­sprach dar­in erneut Glau­bens­prä­fekt Mül­ler, ohne ihn zu erwäh­nen, der am 8. Janu­ar in einem Fern­seh­in­ter­view eine even­tu­el­le „brü­der­li­che Zurecht­wei­sung“ des Pap­stes durch die Kar­di­nä­le mit der Begrün­dung „weit weg“ rück­te, daß „der Glau­be nicht in Gefahr“ sei. Ganz ande­rer Ansicht ist Kar­di­nal Bur­ke: „Der Glau­be ist in Gefahr“, so sei­ne Aus­sa­ge gegen­über La Veri­tà . Ähn­lich hat­te es der ehe­ma­li­ge Prä­fekt der Apo­sto­li­schen Signa­tur und nun­meh­ri­ge Kar­di­nal­pa­tron des Sou­ve­rä­nen Mal­te­ser­or­dens bereits am 9. Janu­ar in einem Inter­view mit The Rem­nant dem Glau­bens­prä­fek­ten ent­ge­gen­ge­hal­ten.

Kar­di­nal Bur­ke wird wegen sei­ner hohen Intel­li­genz, Inte­gri­tät und als bril­lan­ter Kir­chen­ju­rist von den einen geschätzt und den ande­ren um so mehr gefürch­tet. Im Umfeld des Pap­stes gilt der Far­mer­sohn aus Wis­con­sin als „gefähr­lich­ster“ Gegen­spie­ler. In der Tat gehen maß­geb­li­che Initia­ti­ven zur Ver­tei­di­gung der kirch­li­chen Glau­bens- und Moral­leh­re und des Wider­stan­des gegen die „neue Barm­her­zig­keit“ von Kar­di­nal Wal­ter Kas­per und Papst Fran­zis­kus auf ihn zurück. Bei der ersten Bischofs­syn­ode über die Fami­lie im Okto­ber 2014 wuchs er in die Rol­le eines Wort­füh­rers der glau­bens­treu­en Syn­oda­len hin­ein. Die Bestra­fung folg­te auf den Fuß. Kurz nach Abschluß der Syn­ode setz­te ihn Papst Fran­zis­kus als Prä­si­dent des Ober­sten Gerichts­ho­fes der Kir­che ab und ent­fern­te ihn aus der Römi­schen Kurie. Ein ekla­tan­ter Schritt der ein­sei­ti­gen Par­tei­nah­me und Unduld­sam­keit, der das Image des „guten Pap­stes“ beschä­dig­te.

Soll­te jemand gehofft haben, Kar­di­nal Bur­ke mit die­ser Straf­ak­ti­on zum Schwei­gen zu brin­gen, so erfüll­te sich die­ser Wunsch nicht. Der US-Ame­ri­ka­ner, der bereits im Vor­feld des Kon­kla­ves von 2013 als „Papa­bi­le“ genannt wur­de, gehört heu­te zu den inter­na­tio­nal bekann­te­sten und pro­fi­lier­te­sten Kar­di­nä­len der katho­li­schen Kir­che. Im Kon­kla­ve spiel­te er nur des­halb kei­ne Rol­le, weil sich die US-ame­ri­ka­ni­schen Pur­pur­trä­ger zuvor en bloc selbst aus dem Ren­nen genom­men hat­ten.

La Veri­tà  schreibt von einer „Kri­se des Hei­li­gen Stuhls“. Die Tages­zei­tung ist die der­zeit jüng­ste auf dem ita­lie­ni­schen Zei­tungs­markt. Sie erscheint seit dem 20. Sep­tem­ber 2016. Grün­der und Chef­re­dak­teur ist Mau­ri­zio Bel­pie­tro, der zuvor seit 2009 die Tages­zei­tung Libe­ro gelei­tet hat­te.

La Veri­tà : Man­che sagen, daß es in der Kir­chen­ord­nung gar kein Insti­tut der „for­ma­len Zurecht­wei­sung“ des Hei­li­gen Vaters gibt. Haben Sie sich das erfun­den?

Kar­di­nal Bur­ke: Natür­lich nicht. Der Hei­li­ge Tho­mas von Aquin stellt sich in sei­nen theo­lo­gi­schen Schrif­ten das Pro­blem einer even­tu­el­len for­ma­len Zurecht­wei­sung des Pap­stes, und auch die Kir­chen­ord­nung behan­delt es. Sie wur­de sel­ten ange­wandt, es gibt aber Bei­spie­le und mit Sicher­heit kann man hypo­the­tisch den Fall eines Pap­stes anneh­men, der auf irgend­ei­ne Wei­se in den Irr­tum fällt. In die­sem Fall ist es not­wen­dig, für eine Zurecht­wei­sung zu sor­gen.

La Veri­tà : Zu ver­tre­ten, daß in gewis­sen Fäl­len die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, die more uxorio zusam­men­le­ben, zur Eucha­ri­stie zuge­las­sen sind, bedeu­tet, einen Irr­tum zu bege­hen?

Kar­di­nal Bur­ke: Wir könn­ten sagen, daß die­se Aus­sa­ge mate­ri­ell irrig ist, weil es für eine Per­son nicht mög­lich ist, die Sakra­men­te zu emp­fan­gen, die more uxorio mit jemand ande­rem zusam­men­lebt, der nicht sein recht­mä­ßig ange­trau­ter Ehe­part­ner ist. Dage­gen zu behaup­ten, dies sei mög­lich, ist ein for­ma­ler Irr­tum, der dem wider­spricht, was Jesus selbst gelehrt hat und immer von der Kir­che gelehrt wur­de.

La Veri­tà : Das zu behaup­ten, ist also eine Häre­sie?

Kar­di­nal Bur­ke: Nein, man kann es aber als Irr­tum qua­li­fi­zie­ren, die Situa­ti­on ist aber kom­plex. Häre­sie ist die hart­näcki­ge Leug­nung oder das hart­näcki­ge Bezwei­feln einer Wahr­heit durch einen Getauf­ten, die gemäß gött­li­chem und katho­li­schem Glau­ben zu glau­ben ist. Von einer Häre­sie könn­ten wir bei­spiels­wei­se spre­chen, wenn jemand behaup­tet, es gäbe kei­ne mora­li­schen Hand­lun­gen, die in sich böse sind. So etwas zu behaup­ten, was in offe­nem Wider­spruch zur Leh­re der Kir­che steht, wäre ein­deu­tig eine Häre­sie. Die Aus­sa­ge, was den Zugang zu den Sakra­men­ten betrifft, von der ich vor­hin gespro­chen habe, bezieht sich hin­ge­gen auf eine Pra­xis, die zwei Dok­tri­nen wider­spricht: der Unauf­lös­lich­keit der Ehe und der Real­prä­senz Jesu in der Eucha­ri­stie. Zunächst kön­nen wir mit Sicher­heit sagen, daß es sich dabei um einen Irr­tum han­delt.

La Veri­tà : Keh­ren wir zu den Dubia zurück. Man­che haben unter­stellt, daß die vier Kar­di­nä­le sich unter­ein­an­der unei­nig sei­en. Stimmt das?

Kar­di­nal Bur­ke: Das ist völ­lig falsch. Wir sind uns einig, und des­halb will ich kei­ne Spe­ku­la­tio­nen über even­tu­el­le näch­ste Schrit­te zu unse­rer Initia­ti­ve anstel­len. Wenn wir sol­che setz­ten wer­den, tun wir es, nach­dem wir uns dazu bera­ten haben.

La Veri­tà : Den­ken Sie denn noch, daß der Papst auf Ihre Dubia ant­wor­ten wird?

Kar­di­nal Bur­ke: Wir erwar­ten nach wie vor eine Ant­wort vom Papst als unse­rem höch­sten Hir­ten. Kei­ne Ant­wort zu erwar­ten, wäre nicht respekt­voll gegen­über sei­nem Amt.

La Veri­tà : Für vie­le gibt es die Ant­wort bereits: die vier Kar­di­nä­le sind nur har­te und unsen­si­ble „Geset­zes­leh­rer“.

Kar­di­nal Bur­ke: Mir scheint, daß das Moral­ge­setz nicht etwas ist, das einen Men­schen ein­sperrt, son­dern das genaue Gegen­teil: das Moral­ge­setz befreit den Men­schen und lei­tet ihn, das Gute zu tun. Wenn das Moral­ge­setz nicht respek­tiert wird, erge­ben sich chao­ti­sche Situa­tio­nen und mora­lisch tritt eine Art von Gefan­gen­schaft ein. Als Men­schen des Glau­bens kön­nen wir sagen, daß das Gött­li­che Gesetz befreit und mit­nich­ten etwas Nega­ti­ves ist. Zudem ist das Leh­ren des Moral­ge­set­zes ein gro­ßer Lie­bes­akt gegen­über dem Näch­sten, weil dadurch der Weg der wah­ren Frei­heit und Glück­se­lig­keit auf­ge­zeigt wird. Es ist unmög­lich zu behaup­ten, daß ein Mensch irgend­ei­ne Form von Glück­se­lig­keit fin­det, indem er sün­digt.

La Veri­tà : Der Papst hat von einem „bös­wil­li­gen Wider­stand“ gespro­chen, den er erle­be, der „zum Vor­schein kommt, wenn der Dämon böse (oft als Läm­mer ver­klei­de­te) Vor­ha­ben ein­gibt“. Haben Sie sich betrof­fen gefühlt?

Kar­di­nal Bur­ke: Ich weiß nicht, auf sich der Papst damit bezo­gen hat. Per­sön­lich habe ich mich sicher nicht schul­dig gefühlt, weil das nicht mei­ne Posi­ti­on beschreibt.

La Veri­tà : Scheint Ihnen nicht, daß Sie mit die­ser öffent­li­chen Initia­ti­ve zur Spal­tung der Kir­che bei­tra­gen, anstatt sie zu einen?

Kar­di­nal Bur­ke: Was spal­tet, ist die Falsch­heit und die Zwei­deu­tig­keit, wäh­rend die Wahr­heit immer eint. Es ist absurd, zu sagen, daß vier Kar­di­nä­le, die fünf ver­nünf­ti­ge Fra­gen vro­brin­gen, die von grund­le­gen­der Wich­tig­keit für alle Chri­sten sind, sich damit auf eine Wei­se ver­hal­ten, die Kir­che zu spal­ten. Wir die­nen dem Petrus­amt, indem wir dem Papst die Gele­gen­heit geben, uns ange­sichts einer zwei­deu­ti­gen Situa­ti­on in der Leh­re der Kir­che zu bestär­ken.

La Veri­tà : Tei­len ande­re Kar­di­nä­le oder Prä­la­ten die Fra­gen, die Sie gestellt haben?

Kar­di­nal Bur­ke: Wir sind nicht nur vier. Ich ken­ne per­sön­lich ande­re Kar­di­nä­le, die unse­re Dubia voll­in­halt­lich tei­len.

La Veri­tà : War­um soviel Wir­bel um ein Pro­blem, das vie­le kaum ver­ste­hen?

Kar­di­nal Bur­ke: Hier geht es um eine Fra­ge, die die Kir­che zutiefst betrifft: die Ehe und die Fami­lie, die ihre Frucht ist. Sie bil­den das Fun­da­ment des Lebens der Kir­che. Wir ver­lie­ren uns nicht in schwie­ri­gen und an den Haa­ren her­bei­ge­zo­ge­nen Fra­gen: Wir lei­sten schlicht und ein­fach unse­ren Bei­trag zum Wachs­tum der Kir­che in ihrer ele­men­tar­sten Lebens­zel­le.

La Veri­tà : Kurz­um: Ihre ein­zi­ge Schuld wäre es, unheil­ba­re Tra­di­tio­na­li­sten zu sein?

Kar­di­nal Bur­ke: Nun ja, alle die­se Eti­ket­ten sind sehr bequem, um nicht den Kern unse­rer Sor­ge ernst­neh­men zu müs­sen: das Leben der Kir­che. Die Dubia, ob es gefällt oder nicht, zie­len dar­auf ab.

Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: La Veri­tà  (Screen­shot)

2 Kommentare

  1. Die katho­li­sche Kirche,so wie sie jetzt besteht, ist wohl nicht mehr zu ret­ten. Frei nach C.G.Jung: „Ver­än­de­run­gen, im gesell­schaft­li­chen Leben wie im Pri­vat­le­ben gesche­hen nur durch eine Kata­stro­phe.“

  2. Der Mensch, auch der Katho­lik, lebt in der Welt. Dies gilt für jeden Men­schen, jedoch weiß zumeist nur mehr der in der wah­ren, unver­kürz­ten Leh­re der katho­li­schen Kir­che gläu­big fest­ste­hen­de Katho­lik, dass er zwar in der Welt lebt, jedoch nicht von die­ser Welt ist.
    Hier wird die tran­szen­den­te Dimen­si­on der mensch­li­chen Exi­stenz ange­spro­chen. Es ist die See­le, wel­che den Leib belebt. Die See­le ist eine Schöp­fung Got­tes, also ein gött­li­ches Werk. Ein gött­li­ches Werk besteht immer und ewig. Die See­le exi­stiert ewig. Das ist katho­li­sche Leh­re.
    Das irdi­sche Leben in Raum und Zeit endet mit dem, was wir inner­welt­lich als Tod bezeich­nen. Das Leben des Lei­bes erlischt mit dem Tod. Die unsterb­li­chen See­le voll­zieht beim Tod des Lei­bes ihren Hin­über­gang in die Ewig­keit, in das ewi­ge Leben. Es ist der bedeu­tungs­voll­ste Moment: In wel­chem Zustand befin­det sich die See­le beim Hin­über­gang, beim per­sön­li­chen Gericht?
    Spä­te­stens zu die­sem Zeit­punkt erkennt die See­le, dass es ganz und gar nicht egal war, wie sie gelebt hat, ob sie sich für den wah­ren Glau­ben inter­es­siert und die­sen ange­nom­men hat.…., wie oft sie die Gna­den­an­ru­fe Got­tes aus­ge­schla­gen hat.
    Die Geist-See­le wird gebil­det vom frei­en Wil­len, vom Ver­stand (Intel­lekt) und vom Gedächt­nis.

    Unse­rer (Eigen)Wahrnehmung nach leben wir alle unse­re Gedan­ken, Wor­te, Wer­ke und Akte inner­welt­lich, und doch haben die­se zugleich Wir­kung und Bedeu­tung in der gei­stig-see­li­schen Dimen­si­on unse­rer Exi­stenz.
    Heben wir also die Ange­le­gen­heit AL und Dubia mal gedank­lich in die gei­stig-see­li­sche Dimen­si­on der mensch­li­chen Exi­stenz. Erwä­gen wir die Aus­wir­kun­gen für die Ent­wick­lung der See­len, soll­te AL nicht kor­ri­giert wer­den. Das ist nicht weit her­ge­holt, denn es gibt ja inzwi­schen Diö­ze­sen (Rom, Phil­ip­pi­nen, USA, D, Wien…) die mit neu­em Regel­werk und/oder in soge­nann­ter pasto­ra­ler Pra­xis der AL-Inter­pre­ta­ti­on von Kar­di­nal Kasper/Schönborn.… fol­gen. Men­schen, wel­che sich die­ser Ori­en­tie­rung „über­las­sen“, lau­fen sehr Gefahr, mit „ruhigem/besten Gewis­sen“ ein Leben in fort­ge­setz­ter schwe­rer Sün­de zu füh­ren. Dem Gewis­sens­wurm, wel­cher jede See­le stän­dig zur Umkehr mahnt, wur­den mit AL die Stimm­bän­der der Ehe- und Sexu­al­mo­ral chir­ur­gisch ent­fernt.

    Was ist katho­li­sche Leh­re für Men­schen, wel­che in unbe­reu­ter schwe­rer Sün­de ver­stockt ver­har­ren und so ster­ben?

    Man ver­glei­che die Wort­mel­dun­gen der Kar­di­nä­le Bur­ke und Mül­ler seit dem 8. Jän­ner 2017. Wes­sen Rede hält die Linie gera­de aus, ist klar im Wort und Sinn ange­mes­sen der Sach­la­ge (und damit wahr­haf­tig) und hält Geist & Ver­stand des Lesers im Licht? Kar­di­nal Bur­ke.

    Bei Kar­di­nal Mül­ler schlän­gelt die Linie, da er die­se am fal­schen Start­punkt fest­ge­macht hat (?). Noch sieht es so aus, als ver­su­che er sowohl dem Papst (in Amt und Per­son) als auch dem Lehr­amt der kath. Kir­che treu zu sein. Er wird sich mög­li­cher­wei­se ent­schei­den müs­sen, was er vor­zieht: dem Papst (in der aktu­el­len Per­son) Gehor­sam zu lei­sten oder der vol­len, unver­kürz­ten, unver­än­der­li­chen Leh­re der katho­li­schen Kir­che und damit dem Herrn Jesus Chri­stus.
    Die­se Ent­schei­dung kann auf jeden von uns zukom­men.
    Mei­ne Ent­schei­dung habe ich längst getrof­fen.

    Wie oft wur­de betont, auch von Kar­di­nal Mül­ler, dass die pasto­ra­le Pra­xis nicht im Wider­spruch zur katho­li­schen Leh­re ste­hen kann?

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