In der Zeitschrift Itinéraires, Nr. 330 (Februar 1989), veröffentlichte der französische Schriftsteller Jean Madiran (1920–2013) den Beitrag „Duo dubia. Les doutes des silencieux“, der sich mit den wenige Monate zuvor ohne päpstliches Mandat vorgenommenen Bischofsweihen durch Erzbischof Marcel Lefebvre in Écône auseinandersetzt. Der Aufsatz ist ein zeitgeschichtliches Dokument von seltener Klarheit und bleibendem Rang, das wir dokumentieren. Madiran zeichnet sich durch einen ungewöhnlichen Grad an Differenzierung, intellektueller Redlichkeit und die seltene Disziplin aus, Fragen nicht vorschnell durch Postulate zu ersetzen. Zum Autor siehe auch: Gegenrevolution und katholische Tradition – Zum Tod von Jean Madiran.
Duo Dubia. Die Zweifel der Schweigenden
Von Jean Madiran
Seit dem 30. Juni 1988 gibt es jene, die schweigen.
Man hat diejenigen gehört, die Erzbischof Lefebvre seit 1976, seit 1974 oder seit 1969 gefolgt sind und ihm weiterhin folgen – im Namen der Wahrheit seiner Lehre, der Notwendigkeit seines Handelns oder der Treue zu seiner Person.
Ebenso hat man jene gehört, die ihm bis dahin gefolgt waren, nun aber glauben, ihm nicht länger folgen zu können, weil ein Gewissensbedenken sie dazu veranlaßt, vor Bischofsweihen ohne apostolisches Mandat Halt zu machen. Diese wurden von den Erstgenannten mit leidenschaftlicher Überzeugung öffentlich als „Verräter“, als „Judas“, als „fünfte Kolonne“ bezeichnet – ein ganzes außergewöhnliches Arsenal von Schmähungen, veröffentlicht in Zeitschriften und Mitteilungsblättern, die zumindest dem Anspruch nach mehr repräsentierten als nur die persönliche Meinung ihrer Unterzeichner.
Nicht vernommen worden sind hingegen das Unbehagen, die Besorgnis und die Unsicherheit jener, die im Schweigen gezögert haben und noch immer zögern. Die meisten von ihnen sind an ihrem Platz geblieben: an denselben Meßorten, in denselben Schulen, Bewegungen, Freundeskreisen und Beziehungen wie vor dem Bruch infolge der Bischofsweihen. Innerlich aber sind sie hin- und hergerissen. Sie sind weder vollständig davon überzeugt, daß die Weihen notwendig und deshalb rechtmäßig gewesen seien, noch glauben sie, daß diese ein Schisma im klassischen und vollen Sinn des Wortes darstellen oder begründen.
Diejenigen unter ihnen, die aus grundsätzlichen Erwägungen jede Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat ablehnen würden und deshalb auch jene von Pater Guérard des Lauriers mißbilligt hatten, zögern diesmal in ihrem Urteil – aus Ehrfurcht vor der hohen und frommen Gestalt Erzbischof Lefebvres. Und diejenigen, die von der Exkommunikation beeindruckt sind, können sie dennoch nicht als letztentscheidend ansehen, weil der Heilige Stuhl in schwerwiegenden Fehlentwicklungen verharrt, die inzwischen einen Schatten des Mißtrauens auf seine Entscheidungen werfen.
Die meisten von ihnen waren „traditionalistische Katholiken“ geworden, weil sie Erzbischof Lefebvre gefolgt waren: aufgrund seiner Lehre, aus Vertrauen zu seiner Person und aus Dankbarkeit für sein Werk der Priesterausbildung. Sie wünschten nichts anderes, als ihm weiterhin folgen zu können. Heute aber haben sie in einem einzigen Punkt Zweifel – hinsichtlich der Bischofsweihen –, und für diese Zweifel sehen sie keine sichere Lösung.
Sie wären durchaus bereit, diese Frage gewissermaßen auszuklammern und die Verantwortung dafür Erzbischof Lefebvre zu überlassen, ohne sich persönlich dazu bekennen zu müssen. Doch in den meisten Fällen lassen ihnen die Priester und Aktivisten der Priesterbruderschaft St. Pius X. diese Möglichkeit nicht. Sie fordern sie – oder verlangen es geradezu –, sich zugunsten der Bischofsweihen (und gegen jene, die sich ihrer Zustimmung enthalten) zu erklären, widrigenfalls sie als „Deserteure“, als Komplizen der „Verräter“ und „Judas“ angeprangert würden.
Es muß klargestellt werden: Das Unbehagen, die Verlegenheit und das Zögern, von denen hier die Rede ist, betreffen jene, die Erzbischof Lefebvre vor dem 30. Juni gefolgt sind und nun aufgefordert werden, ihm nach diesem Datum ebenso zu folgen wie zuvor. Dies gilt hingegen nicht für die Zeitschrift Itinéraires.
Das Tätigkeitsfeld dieser Zeitschrift ist die öffentliche Meinungsäußerung: die Darlegung unserer Gedanken, Vorschläge, Proteste, Argumente und Forderungen.
Auf diesem Gebiet ist Itinéraires Erzbischof Lefebvre niemals gefolgt; sie mußte ihm auch gar nicht folgen, weil sie ihm in Wirklichkeit vorausgegangen war. Die großen Zurückweisungen der nachkonziliaren Entwicklung – die öffentlich begründete Ablehnung des neuen Katechismus im Jahr 1968 und jene des neuen Meßritus 1969/70 – wurden von anderen ausgesprochen, ohne daß Erzbischof Lefebvre daran beteiligt gewesen wäre. Er selbst arbeitete damals still und zurückgezogen und griff nicht in die Kontroversen und Debatten ein. Erst die Angriffe auf sein Seminar in Écône veranlaßten ihn allmählich und mit großer Vorsicht dazu, jene Grundsätze und Positionen öffentlich darzulegen und zu verteidigen, welche seinem Werk der Priesterausbildung zugrunde lagen – einem Werk, das anfangs zurückhaltend und beinahe klösterlich gewesen war.
Die Zeitschrift Itinéraires, die bereits 1966 wegen ihrer Ablehnung des „Konzilsgeistes“ vom französischen Episkopat verurteilt worden war und in den Auseinandersetzungen von 1968 bis 1970 an vorderster Front gestanden hatte, fühlte sich gewiß durch das Wort und das Beispiel Erzbischof Lefebvres bestärkt, gefestigt und ermutigt, als die Umstände auch ihn dazu führten, in die öffentliche Debatte einzutreten.
Gewiß tat er etwas, was weder eine Zeitschrift noch ein Buch, weder Vorträge noch Kontroversen oder Proteste jemals hätten leisten können: Er bildete Priester aus und sandte sie zum gläubigen Volk. Dennoch waren wir von Itinéraires, ebenso wenig wie unsere Lehrer und bedeutendsten Mitarbeiter – von Charlier über Pater Calmel, von Abbé Berto bis Henri Rambaud, von Henri Massis bis Henri Pourrat, von Louis Salleron bis Dom Gérard – niemals Schüler Erzbischof Lefebvres und sind es auch heute nicht.
Sein Werk der Priesterausbildung haben wir von unserem Platz aus mit Feder und Wort unterstützt, verteidigt und geehrt, soweit es in unseren Kräften stand. Doch dieses Werk gehört offenkundig einer anderen Ordnung an als unsere eigenen Arbeiten. Wir erinnern lediglich an diese Tatsache, damit deutlich wird, daß es in den folgenden Ausführungen über die schweigenden Zweifel jener, die Erzbischof Lefebvre gefolgt sind, weder um die Zeitschrift Itinéraires noch um deren Positionen geht.
Erster Zweifel – Sich an das halten, was die Kirche immer getan hat
Die Katholiken, die Erzbischof Lefebvre gefolgt sind, taten dies deshalb, weil er ihnen angesichts einer Religion, die sich fortwährend veränderte, die Möglichkeit und die Mittel bot, sich auf den Felsen dessen zurückzuziehen, was die Kirche immer getan hat. Zu diesem Zweck stellte er ihnen Priester, Kapellen, Priorate und Schulen zur Verfügung und gab ihnen damit eine Gewähr, eine Sicherheit – stillschweigend gleichsam eine Art Vertrag:
„Ich habe keine persönliche Lehre“, sagte er. „Mein ganzes Leben lang habe ich mich an das gehalten, was man mich auf den Bänken des Französischen Seminars in Rom gelehrt hat. Ich habe nichts Neues erfunden. Man kann sich nicht irren, wenn man sich an das hält, was die Kirche zweitausend Jahre lang gelehrt hat. Ich tue nur das, was die Bischöfe über Jahrhunderte hinweg getan haben; ich habe nichts anderes getan.“
Doch gerade am 30. Juni 1988 geschieht etwas anderes: Erzbischof Lefebvre tut etwas Neues. Er weiht Bischöfe gegen den ausdrücklich erklärten und ihm mitgeteilten Willen des Papstes.
Von diesem Akt kann man nun nicht mehr sagen, die Bischöfe hätten ihn über Jahrhunderte hinweg vollzogen.
Die Kirche hat weder während zweitausend Jahren noch im Französischen Seminar in Rom gelehrt, daß man sich über ein ausdrückliches Verbot des Papstes hinsichtlich der Weihe neuer Bischöfe hinwegsetzen dürfe.
Mit diesem Schritt entfällt daher gerade jene Gewähr, sich an das zu halten, was die Kirche immer getan hat. Erzbischof Lefebvre hat den Bereich verlassen, in dem „man sich nicht irren kann“.
Daraus folgt freilich nicht notwendig, daß Erzbischof Lefebvre Unrecht hatte. Die Schweigenden haben weder den Wunsch noch die Autorität, ihm Unrecht zu geben. Sie zögern lediglich, ihm vorbehaltlos Recht zu geben; sie fühlen sich weder verpflichtet noch in der Lage, die Verantwortung für diesen Schritt persönlich zu übernehmen.
In allem übrigen folgen sie ihm weiterhin: im Glaubensbekenntnis, in der heiligen Messe und im Katechismus. Aber die Bischofsweihen? Gerade das, was bisher Kompaß, fester Orientierungspunkt, Maßstab und Sicherheit gewesen war – sich an das zu halten, was die Kirche immer getan hat –, gilt hier nicht mehr oder scheint sogar in die entgegengesetzte Richtung zu weisen. Man hat unbekanntes Gelände betreten.
Zweiter Zweifel – Dem Papst gehorchen, wenn er die Tradition bekräftigt
Es gab für jene, die Erzbischof Lefebvre folgten, noch eine weitere Gewißheit: die Überzeugung, daß sie ihm folgend niemals in ein Schisma geraten würden, weil er seine Treue und seinen Gehorsam gegenüber dem Papst ausdrücklich zugesichert hatte. Darin lag der Beweis der Einheit mit Rom; darin bestand die Garantie seiner berühmten Erklärung: „Wenn ein Bischof mit Rom bricht, werde ich es nicht sein.“ So schrieb Erzbischof Lefebvre in seinem bekannten Brief an Abbé de Nantes vom 19. März 1975.
Bei jeder durch die Umstände notwendig gewordenen Handlung des Ungehorsams erinnerte Erzbischof Lefebvre daran, daß seine Unterwerfung unter den Papst und seine Bereitschaft zum Gehorsam in all jenen Fällen ungeschmälert blieben, in denen der Papst die Tradition bekräftigte, anstatt ihr zu widersprechen:
„Wir sind unterwürfig und bereit, alles anzunehmen, was mit unserem katholischen Glauben übereinstimmt, wie er seit zweitausend Jahren gelehrt worden ist; wir weisen jedoch alles zurück, was ihm widerspricht. Wir sind mit dem Papst verbunden, wenn er das Echo der apostolischen Tradition und der Lehre all seiner Vorgänger ist. Dem Papst gehorchen wir jedes Mal, wenn er die Tradition bestätigt.“
Papst Johannes Paul II. hatte Erzbischof Lefebvre persönlich mit einem Schreiben vom 9. Juni 1988 und anschließend durch ein Monitum vom 17. Juni ausdrücklich verboten, Bischöfe zu weihen.
Ein Verbot jeder Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat bedeutete gerade die Bestätigung der Tradition und nicht ihren Bruch. Der katholische Glaube hat während zweitausend Jahren niemals gelehrt, daß Bischofsweihen gegen den Willen des Papstes erlaubt seien. Im Juni 1988 bewahrte, bestätigte und verteidigte Johannes Paul II. die katholische Tradition in einem wesentlichen Punkt der apostolischen Sukzession und der göttlichen Verfassung der Kirche, indem er verlangte, daß die Auswahl und Weihe der Bischöfe nicht gegen den ausdrücklich mitgeteilten Willen des Papstes erfolgen dürfe.
Ihm in einem solchen Fall den Gehorsam zu verweigern bedeutete, unbekanntes Gelände zu betreten. Es bedeutete zugleich, jene Zusage aufzugeben, die bis dahin die Gewißheit vermittelt hatte, kein Schisma zu verursachen.
Hätte irgendein anderer eine derartige Garantie gegeben, ausdrücklich versprochen, dem Papst zu gehorchen, wenn dieser die Tradition bekräftigt, aber anschließend das Gegenteil getan, so hätte man ein solches Verhalten ohne Zögern als schismatisch bezeichnet. Weil es sich jedoch um Erzbischof Lefebvre handelt, erscheint es natürlich, das Urteil auszusetzen und eher anzunehmen, man selbst irre sich als er. Dennoch bleibt ein Zweifel bestehen, für den sich im gegenwärtigen Stand der Dinge keine befriedigende Lösung erkennen läßt.
Vielleicht ist es nicht ratsam, auf eine sofortige Lösung dieser beiden Zweifel zu drängen. Sinnvoller dürfte es sein, die Fragen, die sie aufwerfen, gründlicher zu durchdenken.
Die von Erzbischof Lefebvre gegründete Priesterbruderschaft St. Pius X. ist unseres Wissens die einzige – oder jedenfalls bei weitem bedeutendste – Institution in Westeuropa (vielleicht sogar auch in Amerika und Afrika), die Priester gemäß der traditionellen Lehre, Liturgie und Spiritualität der Kirche ausbildet und weiht. Es wäre verhängnisvoll, wenn eine solche Einrichtung in ein Schisma abgleiten würde. Ebenso wäre es jedoch wohl unklug, die Möglichkeit eines solchen Risikos überhaupt nicht in Betracht zu ziehen.
Freilich darf man dieses Risiko nicht losgelöst von der allgemeinen Krise der kirchlichen Autorität betrachten. Denn dieselbe Autorität duldet innerhalb der Kirche schlimmste Mißstände und schützt oder ehrt nicht selten sogar deren Urheber.
In seiner Ansprache an die Bischöfe Chiles vom 13. Juli 1988 bemerkte Kardinal Ratzinger – anscheinend ohne Bedauern –, daß gegenüber den „Progressisten“, die „grundlegende Glaubenswahrheiten offen leugnen“, „bis heute in keinem einzigen Fall kanonische Strafen verhängt worden sind; man hat sich auf Ermahnungen beschränkt.“
Und selbst diese Ermahnungen waren selten und zurückhaltend. Sie gingen den eigentlichen Fragen nicht auf den Grund; sie unterließen es, Wahrheit und Irrtum klar zu benennen, das Gute verbindlich einzufordern und das Böse ausdrücklich zu verwerfen. Tatsächlich ließen sie den religiösen Zerfall weiter fortschreiten oder begünstigten ihn sogar.
Angesichts dieses allgemeinen Zusammenbruchs sind wir der Überzeugung, daß der Heilige Stuhl das Werk Erzbischof Lefebvres hätte unterstützen und schützen sollen – und es auch heute noch tun sollte –, statt es zu bedrängen. Das ist es, worum wir den Papst bitten.
Doch diese Überzeugung entbindet nicht davon, die beiden stillen Zweifel sorgfältig abzuwägen und gewissenhaft zu prüfen.
Übersetzung/Einleitung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
Hinterlasse jetzt einen Kommentar