Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Amoris laetitia ist der Streit um das Schreiben von Papst Franziskus keineswegs beigelegt. Eine vatikanische Zusammenkunft der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen sollte in den vergangenen Tagen Bilanz ziehen. Doch statt die entstandenen Bruchlinien zu schließen, droht die heute zu Ende gegehende Konferenz, das umstrittene Erbe des argentinischen Pontifikats nachträglich abzusichern.
Der Journalist Raymond Arroyo, der Kirchenrechtler Pater Gerald Murray und Robert Royal, Herausgeber von The Catholic Thing, üben scharfe Kritik an dieser Entwicklung. Ihr zentraler Einwand: Unter dem Schlagwort der Barmherzigkeit drohe die unveränderliche Morallehre der Kirche schrittweise relativiert zu werden.
Wenn Barmherzigkeit die Wahrheit verdrängt
Im Zentrum steht das umstrittene achte Kapitel von Amoris laetitia und die Frage, ob zivil wiederverheiratete Geschiedene unter bestimmten Voraussetzungen die Sakramente empfangen können, obwohl ihr gültiges Eheband fortbesteht. Allerdings geht es in Amoris laetitia auch um andere irreguläre Verbindungen.
Die Kirche muß Menschen in schwierigen Lebenslagen begleiten. Doch persönliche Schuld und objektive moralische Bewertung sind nicht dasselbe. Mildernde Umstände können die Verantwortlichkeit beeinflussen; sie machen eine objektiv ungeordnete Situation aber nicht rechtmäßig.
Pater Murray erinnerte daran, daß Gottes Gebote keine unerreichbaren Ideale sind. Die christliche Botschaft verkündet nicht nur die Sünde, sondern auch die Gnade, die zur Umkehr befähigt. Wird menschliche Zerbrechlichkeit zum Argument dafür, die Verbindlichkeit der Gebote abzuschwächen, verkehrt sich das Verhältnis von Wahrheit und Barmherzigkeit: Nicht mehr der Mensch soll sich an der Wahrheit ausrichten, sondern die Wahrheit an den Lebensumständen.
Der Verweis auf Johannes Paul II. trägt dabei ganz und gar nicht. In Familiaris consortio von 1981 unterschied der polnische Papst zwischen der „Gesetzmäßigkeit der Gradualität“, also dem schrittweisen Weg der Bekehrung, und einer „Gradualität des Gesetzes“, die die Verbindlichkeit der moralischen Norm vom Entwicklungsstand des einzelnen abhängig machen würde. Wer beides vermischt, macht aus Gottes Geboten unverbindliche Ideale.
Für zusätzliche Irritation sorgte die Deutung des Gesprächs Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Sr. Helen Alford, seit 2023 Vorsitzende der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften, verwies auf eine Auslegung, die das Vorgehen Christi als „Flirt“ bezeichnete. Raymond Royal und Pater Murray weisen diese Lesart scharf zurück: Christus umwirbt die Frau nicht im weltlichen Sinn, sondern führt sie zur Wahrheit und eröffnet ihr den Weg zum Heil. Wer diese Begegnung zum Flirt banalisiert, verharmlost den Ernst der biblischen Botschaft.
Ein Dialog ohne die unbequemen Stimmen?
Auch die Auswahl der Teilnehmer an der vatikanischen Zusammenkunft wurde bereits im Vorfeld kritisiert. Während nur fünf Familien aus den verschiedenen Kontinenten vertreten waren, erhielten zahlreiche Vertreter der progressiven Richtung prominente Rollen. Vor allem unter den von Papst Leo XIV. persönlich zur Zusammenkunft Eingeladenen sind progressive Kirchenvertretern auffallend zahlreich vertreten. Namen wie die Kardinäle Joseph Tobin, Blase Cupich, Jean-Claude Hollerich, Robert McElroy und Víctor Manuel Fernández sowie Bischof Daniel Flores stechen ins Auge..
Profilierte Kritiker wie die Kardinäle Raymond Burke und Walter Brandmüller, die mit ihren Dubia Fragen zu Amoris laetitia aufgeworfen hatten, fehlten ebenso wie Kardinal Robert Sarah, Kardinal Timothy Dolan, Bischof Robert Barron und Erzbischof Salvatore Cordileone.
Ein Dialog, bei dem die unbequemen Stimmen fehlen, droht zum inszenierten Konsens zu werden. Wer Synodalität beschwört, muß auch Widerspruch zulassen. Andernfalls wird Beratung zum Instrument, um eine bereits festgelegte Linie nachträglich zu legitimieren.
In dieselbe Richtung weist nach Ansicht Murrays die Ernennung von Sr. Mary Baron zur beigeordneten Sekretärin des Dikasteriums für die Evangelisierung und zur Vorsitzenden der Päpstlichen Missionswerke. Ihre Unterstützung für die Frauenordination und ein Frauendiakonat wirft Fragen nach der theologischen Ausrichtung der kurialen Personalpolitik auf. Johannes Paul II. stellte 1994 klar, daß die Kirche keine Vollmacht besitzt, Frauen zu Priestern zu weihen. Der Kampf um das Frauendiakonat zielt seither darauf ab, diese Grenze aufzubrechen. Ist der erste Damm gebrochen, folgen die nächsten Forderungen: Priesterinnen und Bischöfinnen. Es geht nicht um ein Diakonat, sondern um die schrittweise Aushöhlung der überlieferten Weiheordnung, dessen sollte sich alle bewußt sein. Es sagt auch viel über die Unehrlichkeit der feministischen und progressiven Forderung nach dem Frauendiakonat aus.
Synodalität als Instrument der Macht
Der Streit betrifft längst mehr als einzelne Personalentscheidungen oder theologische Formulierungen. Pater Murray schildert in seinem Buch A Papacy of Confusion: The Controversial Legacy of Pope Francis (Ein Pontifikat der Verwirrung: Das umstrittene Vermächtnis von Papst Franziskus) die Vorgänge bei der Familiensynode von 2014. Drei umstrittene Passagen zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene und zum Umgang mit homosexuellen Beziehungen hatten die erforderliche Zweidrittelmehrheit verfehlt. Dennoch ordnete Franziskus ihre Aufnahme in den Abschlußbericht an, ohne die Ablehnung durch die Synodenväter kenntlich zu machen.
Robert Royal berichtet zudem eine Äußerung, die Franziskus dem damaligen Erzbischof Bruno Forte, verantwortlich für die Schlußredaktion des Abschlußberichtes, gegenüber machte. Mit Blick auf Formulierungen zu homosexuellen Beziehungen habe der Papst ihn angewiesen, die Öffnungen nicht zu ausdrücklich hineinzuschreiben, denn das würde nur den Widerstand der Kritiker wecken, er werde dann schon die nötigen Konsequenzen ziehen. Dieses Beispiel, von Forte selbst 2016 öffentlich erzählt, da er von Franziskus‘ Gerissenheit begeisert war, offenbart intellektuelle Unredlichkeit auf höchster Ebene.
Insgesamt enthüllen die berichteten Vorfälle schwerwiegende Vorgänge hinter den Kulissen. Ein Beratungsverfahren, dessen Abstimmungsergebnisse anschließend von oben ausgehebelt werden, verliert seine Glaubwürdigkeit. Synodalität ist demnach nicht Ausdruck gemeinsamer Unterscheidung, sondern ein Mittel zur Durchsetzung einer bereits festgelegten Marschrichtung.
Hinzu kommt die geplante Veröffentlichung privater Aufzeichnungen von Franziskus aus den Jahren 1992 bis 2024 unter der Betreuung von Kardinal Fernández. Murray bezweifelt, daß es sich dabei durchweg um persönliche geistliche Tagebücher handelt; möglicherweise seien es vor allem Arbeitsnotizen und Terminaufzeichnungen. Die historische Aufarbeitung des Pontifikats droht damit selbst zum Gegenstand eines Streits um die Deutungshoheit zu werden.
Papst Leo vor der Entscheidung
Papst Leo XIV. sprach sich gegen eine Verwässerung des Glaubens aus und setzte anfangs durch Begegnungen mit Vertretern traditioneller Positionen einige Zeichen der Gesprächsbereitschaft. Doch Gesten allein genügen nicht. Solange grundlegende Fragen über Ehe, Sakramente und moralische Normen ungeklärt bleiben, wird die kirchliche Einheit auf eine harte Probe gestellt.
Die Gefahr besteht darin, daß sich eine katholische Kirche mit regional abweichenden moralischen und sakramentalen Praktiken herausbildet. Aus der Weltkirche würde schrittweise ein bloßer Verband von Teilkirchen, die organisatorisch noch verbunden sind, in den grundlegenden Fragen aber auseinanderdriften.
Franziskus gab diese Entwicklung bewußt frei, überzeugt vom unaufhaltsamen Sieg der progressiven Sache. Die Dezentralisierung diente ihm lediglich dazu, Widerstände zu schwächen und gleichzeitig in den progressiv geführten Teilen der Kirche die progressive Agenda sofort durchzusetzen. Dabei war er fest überzeugt, daß es nur eine Frage der Zeit sei würde, bis auch die widerständigen, konservativen Teile nachziehen würden – sobald in den Diözesen neue Bischöfe ernannt wären.
Zehn Jahre nach Amoris laetitia ist deshalb nicht entscheidend, wie sich der Streit möglichst geräuschlos verwalten läßt. Entscheidend ist, ob Rom bereit ist, die entstandene Verwirrung beim Namen zu nennen und die offenen Fragen klar zu beantworten. Die in den vergangenen Tagen vom Heiligen Stuhl durchgeführte Zusammenkunft weist nicht in diese Richtung.
Barmherzigkeit bedeutet jedoch, den Sünder zur Umkehr zu begleiten, nicht die Sünde umzubenennen. Eine kirchliche Maxime lautete durch die Jahrhunderte: Haße die Sünde, liebe den Sünder. Doch diese Maxime scheint in Vergessernheit geraten zu sein. Auch Synodalität kann für die Kirche nur bedeuten, gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen, nicht unerwünschte Abstimmungsergebnisse zu übergehen und kirchenferne zeitgeistige Entwicklungen zu übernehmen.
Die Kirche braucht keinen künstlichen Konsens. Sie braucht Klarheit im Glauben, Verläßlichkeit in der Lehre und eine Pastoral, die den Menschen liebt, ohne ihm die Wahrheit vorzuenthalten. Wird Leo XIV. dieser Aufgabe gewachsen sein? Will er sie erfüllen?
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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