Unvoreingenommene Betrachtungen über die Wallfahrt Ad Petri sedem

Die Klugheit gebietet, die Tragweite und Empfindlichkeiten bestimmter Entscheidungen zu bedenken

Von Rober­to de Mattei*

Nach­dem sich die in der ersten Erre­gung ent­stan­de­nen Kon­tro­ver­sen etwas gelegt haben, wol­len wir ver­su­chen, eini­ge unvor­ein­ge­nom­me­ne Betrach­tun­gen, sine ira et stu­dio, wie die alten Römer sag­ten, über die XV. Pere­gri­na­tio ad Petri sedem anzu­stel­len, die vom 23. bis zum 25. Okto­ber 2026 in Rom statt­ge­fun­den hat.

Die römi­sche Wall­fahrt wird vom Coe­tus Inter­na­tio­na­lis Sum­morum Pon­ti­fi­cum ver­an­stal­tet, des­sen Vor­sit­zen­der Chri­sti­an Mar­quant ist. Sie fin­det all­jähr­lich Ende Okto­ber statt und endet am Christ­kö­nigs­fest, dem letz­ten Sonn­tag des Kir­chen­jah­res nach dem über­lie­fer­ten lit­ur­gi­schen Kalen­der. Der Frei­tag ist der Tag der Tagung von Paix Lit­ur­gi­que und der fei­er­li­chen Ves­per; der Sams­tag bil­det den Höhe­punkt der Zusam­men­kunft mit der Pro­zes­si­on und dem Gebet im Peters­dom. Bei meh­re­ren frü­he­ren Wall­fahr­ten, so auch im Jah­re 2025, konn­te das Pro­gramm außer­dem die Zele­bra­ti­on der hei­li­gen Mes­se in der Vatikan­ba­si­li­ka umfassen.

In die­sem Jahr hin­ge­gen wur­de die Meß­fei­er im Peters­dom nicht geneh­migt. Sie fand statt­des­sen in stil­ler Form in der Basi­li­ka San­ta Maria Mag­gio­re statt. Zu die­ser ersten Ver­wei­ge­rung kam noch die Ableh­nung hin­zu, der Pro­zes­si­on den Ein­zug in die vati­ka­ni­sche Basi­li­ka zu gestat­ten – zum ersten Mal in fünf­zehn Jahren.

Die Vati­ka­ni­stin Dia­ne Mon­tagna und der Blog Mes­sa in Lati­no haben den Schrift­wech­sel ver­öf­fent­licht, der in den Mona­ten vor der Ver­an­stal­tung zwi­schen den Orga­ni­sa­to­ren der Wall­fahrt und dem Hei­li­gen Stuhl geführt wor­den war. Es han­delt sich um zwei Schrei­ben, die am 7. August und am 30. Sep­tem­ber 2026 von Erz­bi­schof Pao­lo Rudel­li, dem Sub­sti­tu­ten für die All­ge­mei­nen Ange­le­gen­hei­ten des Staats­se­kre­ta­ri­ats, an Abbé Clau­de Bar­the, den Kaplan der Wall­fahrt, gerich­tet wur­den. Die Schrei­ben ent­hal­ten die Ant­wor­ten auf die Gesu­che, die der fran­zö­si­sche Prie­ster am 12. Juni 2026 an Papst Leo XIV. und am 8. Sep­tem­ber des­sel­ben Jah­res an Erz­bi­schof Rudel­li selbst gerich­tet hat­te. Dar­in hat­te er um die Erlaub­nis gebe­ten, die hei­li­ge Mes­se in der Vatikan­ba­si­li­ka fei­ern zu dür­fen oder zumin­dest gemein­sam mit den Wall­fahrts­teil­neh­mern in den Peters­dom ein­zie­hen zu kön­nen, um am Grab des Apo­stel­für­sten zu beten.

Auch Bischof Atha­na­si­us Schnei­der ORC, Weih­bi­schof des Erz­bis­tums der Aller­hei­lig­sten Jung­frau Maria zu Ast­a­na, erklär­te, er habe Papst Leo XIV. wäh­rend der Pri­vat­au­di­enz, die ihm der Hei­li­ge Vater am 18. Dezem­ber 2025 gewährt hat­te, per­sön­lich um die Erlaub­nis ersucht, im Peters­dom ein Pon­ti­fi­kal­amt zele­brie­ren zu dürfen.

Der Schrift­wech­sel mit dem Hei­li­gen Stuhl hat also tat­säch­lich statt­ge­fun­den; die Gesu­che der Wall­fahrts­or­ga­ni­sa­to­ren wur­den jedoch abschlä­gig beschie­den. Dies hat Bit­ter­keit her­vor­ge­ru­fen und zahl­rei­che Dis­kus­sio­nen über die Ver­ant­wort­lich­keit für die­se Ein­schrän­kun­gen ausgelöst.

Die maß­geb­lich für das Ver­bot der ver­schie­de­nen Wall­fahrts­ver­an­stal­tun­gen ver­ant­wort­li­che Stel­le war zwei­fel­los das vati­ka­ni­sche Staats­se­kre­ta­ri­at, ver­tre­ten durch den Sub­sti­tu­ten des Staats­se­kre­tärs. Es erscheint jedoch schwer vor­stell­bar, daß die­ses Ver­bot nicht die Zustim­mung des Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs Pie­tro Paro­lin und Papst Leos XIV. gefun­den haben soll­te, han­del­te es sich doch um eine Ange­le­gen­heit, die zwangs­läu­fig zu Kon­tro­ver­sen füh­ren muß­te. Die Auf­fas­sung, die vati­ka­ni­schen Behör­den hät­ten damit ihre Bereit­schaft bewie­sen, allen die Tore zu öff­nen, mit Aus­nah­me der Ver­tei­di­ger der Tra­di­ti­on, erscheint im vor­lie­gen­den Fall jeden­falls nicht zutref­fend. Denn der Höhe­punkt der letzt­jäh­ri­gen Wall­fahrt Ad Petri sedem war das fei­er­li­che Pon­ti­fi­kal­amt gewe­sen, das Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke am 25. Okto­ber 2025 am Kathe­dr­aal­tar des hei­li­gen Petrus zele­briert hat­te. Damals waren sowohl der Papst als auch der Staats­se­kre­tär die­sel­ben wie heu­te. Was also hat sich geändert?

Die nahe­lie­gend­ste Erklä­rung ver­weist auf ein Ereig­nis, das sich zwi­schen Okto­ber 2025 und Okto­ber die­ses Jah­res zuge­tra­gen hat: die am 1. Juli 2026 in Écô­ne ohne päpst­li­ches Man­dat vor­ge­nom­me­nen Bischofs­wei­hen der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. mit der dar­aus fol­gen­den Exkom­mu­ni­ka­ti­on der an die­sem schis­ma­ti­schen Akt Betei­lig­ten. Was gesche­hen ist, darf nicht unter­schätzt wer­den, denn es hat eine Spal­tung her­vor­ge­ru­fen, und zwar nicht nur inner­halb des kirch­li­chen Lei­bes, son­dern auch inner­halb des­sen, was man gemein­hin als die Welt der Tra­di­ti­on bezeichnet.

Lui­gi Casa­li­ni hat die Ableh­nung durch das Staats­se­kre­ta­ri­at als eine Steil­vor­la­ge bezeich­net, die der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. objek­tiv zuge­spielt wor­den sei. Gemeint ist damit eine Ent­schei­dung, die letzt­lich die Posi­ti­on jener stär­ken dürf­te, die einen Dia­log zwi­schen den der über­lie­fer­ten Lit­ur­gie ver­bun­de­nen Gläu­bi­gen und dem Hei­li­gen Stuhl für zweck­los hal­ten. Die­se Beob­ach­tung trifft ein tat­säch­li­ches Pro­blem. Wenn eine Wall­fahrt, die ihre Ver­bun­den­heit mit dem Stuhl Petri bekun­den möch­te, auf der­ar­ti­ge Hin­der­nis­se stößt, ist es nicht leicht, den Teil­neh­mern die Grün­de für das Ver­trau­en zu erklä­ren, das sie den kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten wei­ter­hin ent­ge­gen­brin­gen sol­len. Kar­di­nal Paro­lin und sei­ne Mit­ar­bei­ter soll­ten über den mög­li­chen Bume­rang­ef­fekt ihrer Ent­schei­dun­gen nach­den­ken – und zwar zu einem Zeit­punkt, da die Zahl der Prie­ster und Gläu­bi­gen, die sich der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. zuwen­den, zunimmt und nicht etwa abnimmt.

Ande­rer­seits hat die zen­tra­le Stel­lung, die der Coe­tus Inter­na­tio­na­lis Bischof Atha­na­si­us Schnei­der ein­ge­räumt hat, der als Haupt­ze­le­brant der Wall­fahrt bestä­tigt wor­den war, dem Staats­se­kre­ta­ri­at zwei­fel­los einen Anlaß gebo­ten, sei­ne Hal­tung zu ver­här­ten. Die öffent­li­chen Stel­lung­nah­men des Weih­bi­schofs zugun­sten der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. ver­lie­hen sei­ner Anwe­sen­heit näm­lich eine Bedeu­tung, die weit über sei­ne lit­ur­gi­sche Funk­ti­on hinausging.

Bischof Schnei­der hat sich am 9. März und am 4. Juni 2026 sowie nach dem Ereig­nis erneut am 17. August zu den Bischofs­wei­hen von Écô­ne geäu­ßert. In allen drei Stel­lung­nah­men ver­trat er eine kon­se­quen­te Hal­tung, indem er stets die Beweg­grün­de der Prie­ster­bru­der­schaft und die Fehl­ent­schei­dun­gen des Vati­kans verteidigte.

Am 9. März bat er den Papst, die Bischofs­wei­hen auch schon vor einer Bei­le­gung der Lehr­strei­tig­kei­ten zu geneh­mi­gen. Zugleich erklär­te er, daß das Feh­len des päpst­li­chen Man­dats die Wei­hen nicht zu einem schis­ma­ti­schen Akt machen würde.

Am 4. Juni stell­te er die Prie­ster­bru­der­schaft als eine pro­vi­den­ti­el­le Hil­fe für die Kir­che dar und bezeich­ne­te eine etwa­ige Exkom­mu­ni­ka­ti­on als einen schwer­wie­gen­den pasto­ra­len Fehler.

Am 17. August schließ­lich woll­te er eine theo­lo­gi­sche und mora­li­sche Recht­fer­ti­gung des voll­zo­ge­nen Aktes vor­le­gen und berief sich dabei auf den Vor­rang des gött­li­chen Geset­zes vor den kirch­li­chen Vorschriften.

In einem spä­te­ren Inter­view vom 13. Okto­ber, zehn Tage vor Beginn der Wall­fahrt, bekräf­tig­te der Bischof erneut: „Im Lau­fe der Geschich­te wird der Bei­trag Msgr. Lefeb­v­res und der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. spä­ter als segens­reich für die gesam­te Kir­che aner­kannt wer­den.“ Sei­ne Hal­tung läßt kei­nen Raum für Mißverständnisse.

Die Orga­ni­sa­to­ren haben aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die in Rom ver­sam­mel­ten Gläu­bi­gen kei­ne „Lefeb­vria­ner“ sei­en. Das bischöf­li­che Gesicht der Wall­fahrt war jedoch das eines Bischofs, der die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. in ihrer Aus­ein­an­der­set­zung mit Rom unterstützt.

Es trifft zu, daß Bischof Schnei­der bereits vie­le Mona­te vor den Bischofs­wei­hen des Jah­res 2026 als Zele­brant vor­ge­se­hen wor­den war. Sei­ne spä­te­ren Stel­lung­nah­men hät­ten die Orga­ni­sa­to­ren jedoch dazu ver­an­las­sen müs­sen, über die Zweck­mä­ßig­keit einer Bestä­ti­gung die­ses Auf­trags nach­zu­den­ken. Auch Msgr. Schnei­der selbst hät­te erwä­gen kön­nen, einen Schritt zurück­zu­tre­ten und einem ande­ren Bischof die Lei­tung der Wall­fahrt zu über­las­sen, anstatt wäh­rend der drei römi­schen Tage die Rol­le des geist­li­chen Füh­rers des Popu­lus Sum­morum Pon­ti­fi­cum zu übernehmen.

Das herr­schen­de Cha­os hebt das Kau­sa­li­täts­prin­zip nicht auf, dem­zu­fol­ge jede Hand­lung ihre Fol­gen hat. Bischof Schnei­der hat selbst­ver­ständ­lich das Recht, sei­ne per­sön­li­chen Ein­schät­zun­gen dar­zu­le­gen. Die Orga­ni­sa­to­ren ihrer­seits tra­gen jedoch die Ver­ant­wor­tung, sich zu fra­gen, ob die­se Ein­schät­zun­gen mit der reprä­sen­ta­ti­ven Funk­ti­on ver­ein­bar sind, die er aus­üben soll.

Tat­säch­lich hat die Lei­tung durch Bischof Schnei­der den vati­ka­ni­schen Behör­den die Mög­lich­keit eröff­net, die Wall­fahrt als eine zumin­dest mit­tel­ba­re Bekun­dung der Unter­stüt­zung für die Linie der Prie­ster­bru­der­schaft zu deu­ten. Das bedeu­tet weder, daß die­se Deu­tung begrün­det war, noch, daß sie Ein­schrän­kun­gen recht­fer­ti­gen konn­te, die unter­schieds­los alle Wall­fahrts­teil­neh­mer tra­fen. Es bedeu­tet jedoch, daß die Klug­heit gebie­tet, die Trag­wei­te und Emp­find­lich­keit bestimm­ter Ent­schei­dun­gen zu beden­ken – ins­be­son­de­re in einem von Miß­trau­en und Kon­tro­ver­sen gepräg­ten Umfeld, wie es die mit der Tra­di­ti­on ver­bun­de­ne Welt gegen­wär­tig kennzeichnet.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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