Weniger als 24 Stunden vor den von der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) angekündigten Bischofsweihen in Écône verdichten sich die Hinweise, daß der Heilige Stuhl unmittelbar nach deren Vollzug mit einer offiziellen Erklärung reagieren wird. Mehrere übereinstimmende Berichte sprechen davon, daß das entsprechende Dekret bereits ausformuliert ist.
Die französische Tageszeitung Le Figaro berichtete in ihrer gestrigen Ausgabe unter Berufung auf vatikanische Quellen, das Dekret zur Bekanntgabe der Exkommunikation der weihenden wie auch der neu geweihten Bischöfe liege bereits unterschriftsreif vor. Sobald eine Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat festgestellt werde, trete nach Auffassung Roms die Exkommunikation latae sententiae, also kraft der Tat selbst, ein. Ein besonderes Gerichtsverfahren sei hierfür nicht erforderlich.
In dieselbe Richtung weist ein Bericht des spanischen Portals Religión Confidencial. Demnach bestätigten mehrere Quellen aus dem Umfeld der Römischen Kurie, daß das vom Präfekten Kardinal Víctor Manuel „Tucho“ Fernández, geleitete Dikasterium für die Glaubenslehre spätestens am Tag nach den Weihen eine Erklärung veröffentlichen werde. Die außergewöhnlich intensive Abstimmung zwischen Kardinal Fernández und Papst Leo XIV. – innerhalb kurzer Zeit fanden gleich drei Audienzen statt – wird in diesem Zusammenhang als Hinweis auf die Brisanz der Entscheidung gewertet.
Eine offizielle Bestätigung des Heiligen Stuhls liegt bislang erwartungsgemäß nicht vor.
Ein neuer Einschnitt wie 1988?
Die angekündigten Weihen wecken Erinnerungen an den 30. Juni 1988. Damals spendete Erzbischof Marcel Lefebvre gemeinsam mit Bischof Antônio de Castro Mayer in Écône vier Priestern der Piusbruderschaft die Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat. Rom wertete diesen Schritt als schismatischen Akt und erklärte die beteiligten Bischöfe für exkommuniziert.
Papst Benedikt XVI. hob diese Exkommunikationen im Jahr 2009 für die vier geweihten Bischöfe auf, um den Weg für eine kirchliche Aussöhnung zu öffnen. Gleichzeitig stellte er klar, daß die Priesterbruderschaft weiterhin über keinen kanonischen Status verfüge. Trotz intensiver Lehrgespräche kam es jedoch bis heute zu keiner endgültigen Regularisierung.
Von einer Aufhebung der Exkommunikation für den 1991 verstorbenen Erzbischof Lefebvre und den ebenfalls in jenem Jahr verstorbenen Bischof Castro Mayer war keine Rede.
Die Sicht der Priesterbruderschaft
Die FSSPX weist seit Jahrzehnten den Vorwurf eines Schismas zurück. Sie beruft sich auf einen außergewöhnlichen Notstand in der Kirche (status necessitatis), der nach ihrer Auffassung Maßnahmen rechtfertige, die unter normalen Umständen unzulässig wären. Die Bruderschaft sieht ihren Auftrag darin, den überlieferten katholischen Glauben, das traditionelle Priestertum und die klassische römische Liturgie unverfälscht an kommende Generationen weiterzugeben.
Aus diesem Grund betrachtet sie die Sicherung der apostolischen Sukzession als schwerwiegende Gewissenspflicht. Die angekündigten Bischofsweihen werden von ihren Verantwortlichen ausdrücklich nicht als Gründung einer Parallelkirche verstanden, sondern als Vorsorgemaßnahme für die Zukunft des traditionellen katholischen Lebens.
Tatsächlich existiert eine kanonisch anerkannte Tradition erst wieder seit dem Akt des Ungehorsams von 1988. Der durch das Motu proprio Ecclesia Dei von Johannes Paul II. damals geschaffene kanonische Rahmen für die Tradition wurde von Papst Franziskus mit dem Motu proprio Traditionis custodes 2021 allerdings fast zur Gänze wieder demontiert.
Rom teilt die kirchenrechtliche Beurteilung der Piusbruderschaft nach wie vor nicht und beharrt darauf, daß Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat einen schwerwiegenden Verstoß gegen die kirchliche Ordnung darstellen. Papst Leo XIV., der seit Mai 2025 regiert, ließ bislang keine Anstalten erkennen, die einschneidenden Maßnahmen seines Vorgängers gegen die überlieferte Liturgie – insbesondere das Motu proprio Traditionis custodes – zu korrigieren. Auch darüber hinaus sind von ihm bisher keine Signale ausgegangen, die auf Sympathie oder auch nur auf ein erkennbares Verständnis für das Anliegen der kirchlichen Tradition schließen ließen.
In den ersten Monaten seines Pontifikats führte Leo XIV. mehrere Gespräche mit traditionsverbundenen Kirchenmännern, jedoch bislang keines mit Vertretern der traditionsverbundenen Laien. Sichtbare Konsequenzen gingen aus diesen Begegnungen bisher nicht hervor. Die einzige konkrete Geste war die im Oktober 2025 erteilte einmalige Erlaubnis für Kardinal Burke, am Cathedra-Altar des Petersdoms im überlieferten Ritus das heilige Meßopfer zu zelebrieren, nachdem selbst diese Möglichkeit in den Jahren zuvor unter Franziskus untersagt worden war.
In einigen römischen Kirchenkreisen wird daher die Vermutung geäußert, die Gespräche Leos hätten in erster Linie dem Zweck gedient, sich der Loyalität der traditionsverbundenen Würdenträger zu vergewissern. Für diese Deutung gibt es allerdings von keiner Seite eine offizielle Bestätigung.
Entscheidung mit weitreichenden Folgen
Sollten die Weihen wie angekündigt am morgigen 1. Juli vollzogen werden, stünde die Beziehung zwischen Rom und der Priesterbruderschaft vor ihrer schwersten Belastungsprobe seit fast vier Jahrzehnten. Ob die angekündigte Reaktion des Heiligen Stuhls den Dialog endgültig beendet oder – wie schon nach 1988 – lediglich eine neue Phase eines langwierigen Ringens einleitet, wird sich erst in den kommenden Wochen und Monaten zeigen.
Als Rom die weihenden und die neu geweihten Bischöfe der Piusbruderschaft nach den Bischofsweihen von 1988 als exkommuniziert betrachtete, wurde zugleich jener Teil der traditionsverbundenen Bewegung, der diesen Schritt nicht mitvollzog, erstmals wieder kirchenrechtlich anerkannt. Aus dieser Entwicklung gingen die späteren Ecclesia-Dei-Gemeinschaften hervor, die erst im Zuge dieser Entwicklung entstanden.
Nach derzeitigem Stand der Dinge zeichnet sich 2026 erneut ein Vorgehen gegen die Piusbruderschaft ab. Anzeichen dafür, daß zugleich dem kanonisch anerkannten Teil der Tradition Erleichterungen oder eine Stärkung seiner Stellung gewährt würden, sind bislang jedoch nicht erkennbar.
Einen solchen Weg regte Kardinal Gerhard Müller nach übereinstimmenden Berichten beim jüngsten Konsistorium in Rom an: die Piusbruderschaft sollte geschlagen werden, um den ehemaligen Ecclesia-Dei-Gemeinschaften Erleichertung zu verschaffen.
Im Déjà-vu der Ereignisse von 1988 scheint dieser zweite Teil eines möglichen Ausgleichs im noch immer stark bergoglianisch geprägten Rom unter Leo XIV. bislang jedoch kein Echo zu finden. Dieses Modell, „gute Tradition, schlechte Tradition“ könnte sich mit morgen totgelaufen haben. Noch aber ist alles offen.
Fest steht allerdings: Die Ereignisse von Écône markieren einen Wendepunkt, dessen Auswirkungen weit über die Priesterbruderschaft selbst hinausreichen. Für viele traditionsverbundene Katholiken geht es nicht nur um eine kirchenrechtliche Frage, sondern um das grundsätzliche Verhältnis von kirchlicher Autorität, Tradition und der Weitergabe des katholischen Glaubens in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: FSSPX (Screenshot)
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