Rom offenbar zur Exkommunikation entschlossen

Erklärung gegen die Piusbruderschaft soll bereits vorbereitet sein


Die ersten Bischofsweihen der Piusbruderschaft im Jahr 1988
Die ersten Bischofsweihen der Piusbruderschaft im Jahr 1988

Weni­ger als 24 Stun­den vor den von der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. (FSSPX) ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen in Écô­ne ver­dich­ten sich die Hin­wei­se, daß der Hei­li­ge Stuhl unmit­tel­bar nach deren Voll­zug mit einer offi­zi­el­len Erklä­rung reagie­ren wird. Meh­re­re über­ein­stim­men­de Berich­te spre­chen davon, daß das ent­spre­chen­de Dekret bereits aus­for­mu­liert ist.

Die fran­zö­si­sche Tages­zei­tung Le Figa­ro berich­te­te in ihrer gest­ri­gen Aus­ga­be unter Beru­fung auf vati­ka­ni­sche Quel­len, das Dekret zur Bekannt­ga­be der Exkom­mu­ni­ka­ti­on der wei­hen­den wie auch der neu geweih­ten Bischö­fe lie­ge bereits unter­schrifts­reif vor. Sobald eine Bischofs­wei­he ohne päpst­li­ches Man­dat fest­ge­stellt wer­de, tre­te nach Auf­fas­sung Roms die Exkom­mu­ni­ka­ti­on latae sen­ten­tiae, also kraft der Tat selbst, ein. Ein beson­de­res Gerichts­ver­fah­ren sei hier­für nicht erforderlich.

In die­sel­be Rich­tung weist ein Bericht des spa­ni­schen Por­tals Reli­gión Con­fi­den­cial. Dem­nach bestä­tig­ten meh­re­re Quel­len aus dem Umfeld der Römi­schen Kurie, daß das vom Prä­fek­ten Kar­di­nal Víc­tor Manu­el „Tucho“ Fernán­dez, gelei­te­te Dik­aste­ri­um für die Glau­bens­leh­re spä­te­stens am Tag nach den Wei­hen eine Erklä­rung ver­öf­fent­li­chen wer­de. Die außer­ge­wöhn­lich inten­si­ve Abstim­mung zwi­schen Kar­di­nal Fernán­dez und Papst Leo XIV. – inner­halb kur­zer Zeit fan­den gleich drei Audi­en­zen statt – wird in die­sem Zusam­men­hang als Hin­weis auf die Bri­sanz der Ent­schei­dung gewertet.

Eine offi­zi­el­le Bestä­ti­gung des Hei­li­gen Stuhls liegt bis­lang erwar­tungs­ge­mäß nicht vor.

Ein neuer Einschnitt wie 1988?

Die ange­kün­dig­ten Wei­hen wecken Erin­ne­run­gen an den 30. Juni 1988. Damals spen­de­te Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re gemein­sam mit Bischof Antô­nio de Castro May­er in Écô­ne vier Prie­stern der Pius­bru­der­schaft die Bischofs­wei­he ohne päpst­li­ches Man­dat. Rom wer­te­te die­sen Schritt als schis­ma­ti­schen Akt und erklär­te die betei­lig­ten Bischö­fe für exkommuniziert.

Papst Bene­dikt XVI. hob die­se Exkom­mu­ni­ka­tio­nen im Jahr 2009 für die vier geweih­ten Bischö­fe auf, um den Weg für eine kirch­li­che Aus­söh­nung zu öff­nen. Gleich­zei­tig stell­te er klar, daß die Prie­ster­bru­der­schaft wei­ter­hin über kei­nen kano­ni­schen Sta­tus ver­fü­ge. Trotz inten­si­ver Lehr­ge­sprä­che kam es jedoch bis heu­te zu kei­ner end­gül­ti­gen Regularisierung.

Von einer Auf­he­bung der Exkom­mu­ni­ka­ti­on für den 1991 ver­stor­be­nen Erz­bi­schof Lefeb­v­re und den eben­falls in jenem Jahr ver­stor­be­nen Bischof Castro May­er war kei­ne Rede.

Die Sicht der Priesterbruderschaft

Die FSSPX weist seit Jahr­zehn­ten den Vor­wurf eines Schis­mas zurück. Sie beruft sich auf einen außer­ge­wöhn­li­chen Not­stand in der Kir­che (sta­tus neces­si­ta­tis), der nach ihrer Auf­fas­sung Maß­nah­men recht­fer­ti­ge, die unter nor­ma­len Umstän­den unzu­läs­sig wären. Die Bru­der­schaft sieht ihren Auf­trag dar­in, den über­lie­fer­ten katho­li­schen Glau­ben, das tra­di­tio­nel­le Prie­ster­tum und die klas­si­sche römi­sche Lit­ur­gie unver­fälscht an kom­men­de Gene­ra­tio­nen weiterzugeben.

Aus die­sem Grund betrach­tet sie die Siche­rung der apo­sto­li­schen Suk­zes­si­on als schwer­wie­gen­de Gewis­sens­pflicht. Die ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen wer­den von ihren Ver­ant­wort­li­chen aus­drück­lich nicht als Grün­dung einer Par­al­lel­kir­che ver­stan­den, son­dern als Vor­sor­ge­maß­nah­me für die Zukunft des tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Lebens.

Tat­säch­lich exi­stiert eine kano­nisch aner­kann­te Tra­di­ti­on erst wie­der seit dem Akt des Unge­hor­sams von 1988. Der durch das Motu pro­prio Eccle­sia Dei von Johan­nes Paul II. damals geschaf­fe­ne kano­ni­sche Rah­men für die Tra­di­ti­on wur­de von Papst Fran­zis­kus mit dem Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des 2021 aller­dings fast zur Gän­ze wie­der demontiert.

Rom teilt die kir­chen­recht­li­che Beur­tei­lung der Pius­bru­der­schaft nach wie vor nicht und beharrt dar­auf, daß Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat einen schwer­wie­gen­den Ver­stoß gegen die kirch­li­che Ord­nung dar­stel­len. Papst Leo XIV., der seit Mai 2025 regiert, ließ bis­lang kei­ne Anstal­ten erken­nen, die ein­schnei­den­den Maß­nah­men sei­nes Vor­gän­gers gegen die über­lie­fer­te Lit­ur­gie – ins­be­son­de­re das Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des – zu kor­ri­gie­ren. Auch dar­über hin­aus sind von ihm bis­her kei­ne Signa­le aus­ge­gan­gen, die auf Sym­pa­thie oder auch nur auf ein erkenn­ba­res Ver­ständ­nis für das Anlie­gen der kirch­li­chen Tra­di­ti­on schlie­ßen ließen.

In den ersten Mona­ten sei­nes Pon­ti­fi­kats führ­te Leo XIV. meh­re­re Gesprä­che mit tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Kir­chen­män­nern, jedoch bis­lang kei­nes mit Ver­tre­tern der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Lai­en. Sicht­ba­re Kon­se­quen­zen gin­gen aus die­sen Begeg­nun­gen bis­her nicht her­vor. Die ein­zi­ge kon­kre­te Geste war die im Okto­ber 2025 erteil­te ein­ma­li­ge Erlaub­nis für Kar­di­nal Bur­ke, am Cathe­dra-Altar des Peters­doms im über­lie­fer­ten Ritus das hei­li­ge Meß­op­fer zu zele­brie­ren, nach­dem selbst die­se Mög­lich­keit in den Jah­ren zuvor unter Fran­zis­kus unter­sagt wor­den war.

In eini­gen römi­schen Kir­chen­krei­sen wird daher die Ver­mu­tung geäu­ßert, die Gesprä­che Leos hät­ten in erster Linie dem Zweck gedient, sich der Loya­li­tät der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Wür­den­trä­ger zu ver­ge­wis­sern. Für die­se Deu­tung gibt es aller­dings von kei­ner Sei­te eine offi­zi­el­le Bestätigung.

Entscheidung mit weitreichenden Folgen

Soll­ten die Wei­hen wie ange­kün­digt am mor­gi­gen 1. Juli voll­zo­gen wer­den, stün­de die Bezie­hung zwi­schen Rom und der Prie­ster­bru­der­schaft vor ihrer schwer­sten Bela­stungs­pro­be seit fast vier Jahr­zehn­ten. Ob die ange­kün­dig­te Reak­ti­on des Hei­li­gen Stuhls den Dia­log end­gül­tig been­det oder – wie schon nach 1988 – ledig­lich eine neue Pha­se eines lang­wie­ri­gen Rin­gens ein­lei­tet, wird sich erst in den kom­men­den Wochen und Mona­ten zeigen.

Als Rom die wei­hen­den und die neu geweih­ten Bischö­fe der Pius­bru­der­schaft nach den Bischofs­wei­hen von 1988 als exkom­mu­ni­ziert betrach­te­te, wur­de zugleich jener Teil der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Bewe­gung, der die­sen Schritt nicht mit­voll­zog, erst­mals wie­der kir­chen­recht­lich aner­kannt. Aus die­ser Ent­wick­lung gin­gen die spä­te­ren Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten her­vor, die erst im Zuge die­ser Ent­wick­lung entstanden.

Nach der­zei­ti­gem Stand der Din­ge zeich­net sich 2026 erneut ein Vor­ge­hen gegen die Pius­bru­der­schaft ab. Anzei­chen dafür, daß zugleich dem kano­nisch aner­kann­ten Teil der Tra­di­ti­on Erleich­te­run­gen oder eine Stär­kung sei­ner Stel­lung gewährt wür­den, sind bis­lang jedoch nicht erkennbar.

Einen sol­chen Weg reg­te Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler nach über­ein­stim­men­den Berich­ten beim jüng­sten Kon­si­sto­ri­um in Rom an: die Pius­bru­der­schaft soll­te geschla­gen wer­den, um den ehe­ma­li­gen Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten Erlei­cher­tung zu verschaffen.

Im Déjà-vu der Ereig­nis­se von 1988 scheint die­ser zwei­te Teil eines mög­li­chen Aus­gleichs im noch immer stark berg­o­glia­nisch gepräg­ten Rom unter Leo XIV. bis­lang jedoch kein Echo zu fin­den. Die­ses Modell, „gute Tra­di­ti­on, schlech­te Tra­di­ti­on“ könn­te sich mit mor­gen tot­ge­lau­fen haben. Noch aber ist alles offen.

Fest steht aller­dings: Die Ereig­nis­se von Écô­ne mar­kie­ren einen Wen­de­punkt, des­sen Aus­wir­kun­gen weit über die Prie­ster­bru­der­schaft selbst hin­aus­rei­chen. Für vie­le tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Katho­li­ken geht es nicht nur um eine kir­chen­recht­li­che Fra­ge, son­dern um das grund­sätz­li­che Ver­hält­nis von kirch­li­cher Auto­ri­tät, Tra­di­ti­on und der Wei­ter­ga­be des katho­li­schen Glau­bens in einer Zeit tief­grei­fen­der Umbrüche.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: FSSPX (Screen­shot)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*