In den vergangenen Tagen setzte Papst Leo XIV. eine Reihe von Initiativen, die Konturen erkennen lassen: eine starke Konzentration auf die ethischen Folgen der Künstlichen Intelligenz und eine demonstrative Öffnung zur internationalen Diplomatie. Inwiefern auch eine deutliche Verschärfung der Spannungen mit der traditionsverbundenen Priesterbruderschaft St. Pius X. durch das Glaubensdikasterium, auf ihn zurückgeht, muß sich noch zeigen. Ein kurzer Rückblick auf die vergangenen Tage.
Der Papst traf die Entscheidung zur Einrichtung einer vatikanischen Kommission für Künstliche Intelligenz. In einem am Samstag, dem 16. Mai veröffentlichten Reskript genehmigte Leo XIV. die Schaffung einer interdikasteriellen Kommission, die sich mit den „ethischen Herausforderungen der künstlichen Intelligenz“ befassen soll. Die neue Struktur wird dem Dikasterium für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen unterstellt und vereint Vertreter mehrerer Schlüsselbehörden des Heiligen Stuhls: des Glaubensdikasteriums, des Kultur- und Bildungsdikasteriums, des Kommunikationsdikasteriums sowie der Päpstlichen Akademien für das Leben, der Wissenschaften und der Sozialwissenschaften.
Die offizielle Begründung der vatikanischen Mitteilung ist klar formuliert. Genannt werden drei Hauptgründe: die rasante Entwicklung der KI-Technologien, deren mögliche Auswirkungen „auf den Menschen und die Menschheit als Ganze“ sowie die Sorge der Kirche „um die Würde jeder menschlichen Person“. Die Koordination der Kommission soll jährlich rotieren; zunächst übernimmt sie Kardinal Michael Czerny, seit 2022 Präfekt des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Bereits jetzt gilt als wahrscheinlich, daß die erste Enzyklika Leos XIV. schwerpunktmässig dem Thema Künstliche Intelligenz gewidmet sein wird.
Auch hierzu verdichteten sich in den letzten Tagen die Hinweise. Mehrere vatikanische Beobachter hatten spekuliert, das Dokument könne bereits am 15. Mai erscheinen – dem 135. Jahrestag von Rerum Novarum. Dazu kam es zwar nicht, doch laut Angaben aus dem Umfeld des vatikanischen Presseamtes soll am 22. Mai eine offizielle Ankündigung erfolgen. Weiterhin wird mit der Veröffentlichung noch in diesem Monat gerechnet. Der mutmaßliche Titel der Enzyklika lautet derzeit Magnifica Humanitas. Daß Leo XIV. die KI-Frage zu einem programmatischen Schwerpunkt machen will, wird inzwischen auch innerhalb der Römischen Kurie offen ausgesprochen.
Dazu paßt eine weitere Entwicklung im Glaubensdikasterium unter Kardinal Víctor Manuel „Tucho“ Fernández. Dieser bestätigte am 15. Mai erneut, daß derzeit an einem umfassenden Dokument zur „Weitergabe des Glaubens“ gearbeitet werde. Fernández sprach von einer „enormen“ Resonanz der weltweiten Bischofskonferenzen auf die vatikanische Konsultation. Die Krise der Glaubensvermittlung sei eines der drängendsten Probleme der Kirche. Auffällig ist dabei seine Bemerkung, das Dikasterium wolle sich derzeit nicht „mit anderen Themen ablenken“, sondern sich auf die „Rezeption der kommenden Enzyklika“ konzentrieren. Das unterstreicht den Stellenwert, den Leo XIV. seinem ersten großen Lehrschreiben offenbar beimißt.
Parallel dazu setzte der Papst außenpolitische Akzente. Am Samstag, dem 16. Mai gab der Vatikan offiziell bekannt, daß Leo XIV. vom 25. bis 28. September 2026 nach Frankreich reisen werde. Der Apostolische Besuch erfolgt auf Einladung des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, der französischen Bischöfe sowie der UNESCO. Der Papst wird auch deren Sitz in Paris besuchen. Macron reagierte umgehend auf X und erklärte: „Diese Reise im kommenden September wird eine Ehre für unser Land, eine Freude für die Katholiken und ein großer Moment der Hoffnung für alle sein.“ Die Frankreich-Reise wird als erstes großes europäisches Signal der internationalen Diplomatie Leos XIV. interpretiert.
Zugleich verdichten sich die Hinweise auf eine besondere Aufmerksamkeit des Papstes für seine US-amerikanische Herkunft und speziell für Chicago. Bekannt wurde, daß der Bürgermeister von Chicago, Brandon Johnson, Ende Mai zu einer Audienz bei Leo XIV. nach Rom reisen wird. Johnson kündigte bereits an, man werde über „gemeinsame Werte“ sprechen: den Schutz von Wahlrechten, Migrantenrechten und Arbeitnehmerrechten. Wörtlich sagte er: „Er war in diesen Fragen sehr klar und konsequent.“ Die Begegnung findet in einem politisch aufgeladenen Kontext statt, nachdem Leo XIV. zuletzt mehrfach Distanz zur Politik von US-Präsident Donald Trump erkennen ließ. Besonders Aufmerksamkeit erregte die Äußerung des Papstes während eines Fluges nach Algerien, er habe „keine Angst vor der Trump-Regierung“.
Johnson ist ein Vertreter der Demokratischen Partei und gilt als einer afroamerikanischen Pfingstdenomination zugehörig, in der sein Vater Pastor war.
Am heikelsten entwickelten sich jedoch die Beziehungen zwischen dem Vatikan und der traditionsverpflichteten Priesterbruderschaft St. Pius X.. Ausgangspunkt war eine Erklärung des Glaubenspräfekten Tucho Fernández vom 13. Mai. Darin warnte er die Bruderschaft vor angekündigten Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat und bezeichnete einen solchen Schritt ausdrücklich als „schismatischen Akt“. Fernández zitierte dabei aus Ecclesia Dei von Johannes PaulsII. und erinnerte daran, daß eine „formale Zustimmung zum Schisma“ die Exkommunikation nach sich ziehe. Zugleich erklärte er, der Papst bete darum, daß die Verantwortlichen der Bruderschaft „ihre äußerst schwerwiegende Entscheidung überdenken“.
Die Reaktion der Piusbruderschaft ließ nicht lange auf sich warten. Zunächst veröffentlichte ihr Generaloberer Pater Davide Pagliarani am Hochfest Christi Himmelfahrt, dem 14. Mai, eine umfangreiche „Katholische Glaubenserklärung“ an Papst Leo XIV. Das Dokument ist in Ton und Inhalt eine entschiedene Kampfansage an zahlreiche Entwicklungen der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Bruderschaft bekräftigt darin eine exklusivistische Ekklesiologie durch Ablehnung des religiösen Pluralismus, verteidigt die traditionelle Meßlehre und greift indirekt die Segnung homosexueller Paare an. Die Kernaussage lautet: „Nicht die Kirche muß sich der Welt anpassen, sondern die Welt muß durch die Kirche verwandelt werden.“
Am 15. Mai verschärfte sich der Konflikt weiter. Der Theologe Pater Jean-Michel Gleize veröffentlichte im Namen der Bruderschaft eine direkte Antwort auf die Warnung von Kardinal Fernández. Darin weist Pater Gleize die Behauptung des Glaubenspräfekten zurück, daß mögliche unerlaubte Bischofsweihen ein kanonisches Delikt darstellen würden. Die Bruderschaft beruft sich auf einen kirchlichen „Notstand“ und argumentiert mit den Canones 1323 und 1324 des Kanonischen Rechts, wonach unter bestimmten Umständen keine automatische Exkommunikation eintrete.
Im Schlußteil des Textes heißt es mit Blick auf Rom: „Exkommuniziert? Aber von wem?“ Anschließend folgen Angriffe auf die segnenden Anwesenheit der anglikanische Erzbischöfin von Canterbury im Petersdom, auf die Erklärung Fiducia supplicans sowie auf die Amazonassynode und die „Pachamama“. Wörtlich schreibt Pater Gleize: „Arzt, heile dich selbst.“ Damit ist der Konflikt zwischen dem Vatikan und der Piusbruderschaft erstmals seit Jahren wieder offen eskaliert – und Leo XIV. sieht sich bereits wenige Monate nach Beginn seines Pontifikats mit gleich zwei kirchenpolitischen Zerreißproben konfrontiert (die andere ist die Kirche in der Bundesrepublik Deutschland).
Text: Giuseppe Nardi
Bild: SMM (Screenshot)
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