Leo XIV. zwischen Zukunftsagenda und innerkirchlicher Zerreißprobe

Zwischen technologischer Ethik, diplomatischer Öffnung und wachsender innerkirchlicher Spannung


Kardinal Victor Manuel "Tucho" Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums sprach in den vergangenen Tagen über die Priorität seines Dikasteriums und drohte der Piusbruderschaft mit Exkommunikation
Kardinal Victor Manuel "Tucho" Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums sprach in den vergangenen Tagen über die Priorität seines Dikasteriums und drohte der Piusbruderschaft mit Exkommunikation

In den ver­gan­ge­nen Tagen setz­te Papst Leo XIV. eine Rei­he von Initia­ti­ven, die Kon­tu­ren erken­nen las­sen: eine star­ke Kon­zen­tra­ti­on auf die ethi­schen Fol­gen der Künst­li­chen Intel­li­genz und eine demon­stra­ti­ve Öff­nung zur inter­na­tio­na­len Diplo­ma­tie. Inwie­fern auch eine deut­li­che Ver­schär­fung der Span­nun­gen mit der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. durch das Glau­bens­dik­aste­ri­um, auf ihn zurück­geht, muß sich noch zei­gen. Ein kur­zer Rück­blick auf die ver­gan­ge­nen Tage.

Der Papst traf die Ent­schei­dung zur Ein­rich­tung einer vati­ka­ni­schen Kom­mis­si­on für Künst­li­che Intel­li­genz. In einem am Sams­tag, dem 16. Mai ver­öf­fent­lich­ten Reskript geneh­mig­te Leo XIV. die Schaf­fung einer inter­dik­aste­ri­el­len Kom­mis­si­on, die sich mit den „ethi­schen Her­aus­for­de­run­gen der künst­li­chen Intel­li­genz“ befas­sen soll. Die neue Struk­tur wird dem Dik­aste­ri­um für die ganz­heit­li­che Ent­wick­lung des Men­schen unter­stellt und ver­eint Ver­tre­ter meh­re­rer Schlüs­sel­be­hör­den des Hei­li­gen Stuhls: des Glau­bens­dik­aste­ri­ums, des Kul­tur- und Bil­dungs­dik­aste­ri­ums, des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dik­aste­ri­ums sowie der Päpst­li­chen Aka­de­mien für das Leben, der Wis­sen­schaf­ten und der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Die offi­zi­el­le Begrün­dung der vati­ka­ni­schen Mit­tei­lung ist klar for­mu­liert. Genannt wer­den drei Haupt­grün­de: die rasan­te Ent­wick­lung der KI-Tech­no­lo­gien, deren mög­li­che Aus­wir­kun­gen „auf den Men­schen und die Mensch­heit als Gan­ze“ sowie die Sor­ge der Kir­che „um die Wür­de jeder mensch­li­chen Per­son“. Die Koor­di­na­ti­on der Kom­mis­si­on soll jähr­lich rotie­ren; zunächst über­nimmt sie Kar­di­nal Micha­el Czer­ny, seit 2022 Prä­fekt des Dik­aste­ri­ums für die ganz­heit­li­che Ent­wick­lung des Men­schen. Bereits jetzt gilt als wahr­schein­lich, daß die erste Enzy­kli­ka Leos XIV. schwer­punkt­mä­ssig dem The­ma Künst­li­che Intel­li­genz gewid­met sein wird.

Auch hier­zu ver­dich­te­ten sich in den letz­ten Tagen die Hin­wei­se. Meh­re­re vati­ka­ni­sche Beob­ach­ter hat­ten spe­ku­liert, das Doku­ment kön­ne bereits am 15. Mai erschei­nen – dem 135. Jah­res­tag von Rer­um Novarum. Dazu kam es zwar nicht, doch laut Anga­ben aus dem Umfeld des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes soll am 22. Mai eine offi­zi­el­le Ankün­di­gung erfol­gen. Wei­ter­hin wird mit der Ver­öf­fent­li­chung noch in die­sem Monat gerech­net. Der mut­maß­li­che Titel der Enzy­kli­ka lau­tet der­zeit Magni­fi­ca Huma­ni­tas. Daß Leo XIV. die KI-Fra­ge zu einem pro­gram­ma­ti­schen Schwer­punkt machen will, wird inzwi­schen auch inner­halb der Römi­schen Kurie offen ausgesprochen.

Dazu paßt eine wei­te­re Ent­wick­lung im Glau­bens­dik­aste­ri­um unter Kar­di­nal Víc­tor Manu­el „Tucho“ Fernán­dez. Die­ser bestä­tig­te am 15. Mai erneut, daß der­zeit an einem umfas­sen­den Doku­ment zur „Wei­ter­ga­be des Glau­bens“ gear­bei­tet wer­de. Fernán­dez sprach von einer „enor­men“ Reso­nanz der welt­wei­ten Bischofs­kon­fe­ren­zen auf die vati­ka­ni­sche Kon­sul­ta­ti­on. Die Kri­se der Glau­bens­ver­mitt­lung sei eines der drän­gend­sten Pro­ble­me der Kir­che. Auf­fäl­lig ist dabei sei­ne Bemer­kung, das Dik­aste­ri­um wol­le sich der­zeit nicht „mit ande­ren The­men ablen­ken“, son­dern sich auf die „Rezep­ti­on der kom­men­den Enzy­kli­ka“ kon­zen­trie­ren. Das unter­streicht den Stel­len­wert, den Leo XIV. sei­nem ersten gro­ßen Lehr­schrei­ben offen­bar beimißt.

Par­al­lel dazu setz­te der Papst außen­po­li­ti­sche Akzen­te. Am Sams­tag, dem 16. Mai gab der Vati­kan offi­zi­ell bekannt, daß Leo XIV. vom 25. bis 28. Sep­tem­ber 2026 nach Frank­reich rei­sen wer­de. Der Apo­sto­li­sche Besuch erfolgt auf Ein­la­dung des fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten Emma­nu­el Macron, der fran­zö­si­schen Bischö­fe sowie der UNESCO. Der Papst wird auch deren Sitz in Paris besu­chen. Macron reagier­te umge­hend auf X und erklär­te: „Die­se Rei­se im kom­men­den Sep­tem­ber wird eine Ehre für unser Land, eine Freu­de für die Katho­li­ken und ein gro­ßer Moment der Hoff­nung für alle sein.“ Die Frank­reich-Rei­se wird als erstes gro­ßes euro­päi­sches Signal der inter­na­tio­na­len Diplo­ma­tie Leos XIV. interpretiert.

Zugleich ver­dich­ten sich die Hin­wei­se auf eine beson­de­re Auf­merk­sam­keit des Pap­stes für sei­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Her­kunft und spe­zi­ell für Chi­ca­go. Bekannt wur­de, daß der Bür­ger­mei­ster von Chi­ca­go, Bran­don John­son, Ende Mai zu einer Audi­enz bei Leo XIV. nach Rom rei­sen wird. John­son kün­dig­te bereits an, man wer­de über „gemein­sa­me Wer­te“ spre­chen: den Schutz von Wahl­rech­ten, Migran­ten­rech­ten und Arbeit­neh­mer­rech­ten. Wört­lich sag­te er: „Er war in die­sen Fra­gen sehr klar und kon­se­quent.“ Die Begeg­nung fin­det in einem poli­tisch auf­ge­la­de­nen Kon­text statt, nach­dem Leo XIV. zuletzt mehr­fach Distanz zur Poli­tik von US-Prä­si­dent Donald Trump erken­nen ließ. Beson­ders Auf­merk­sam­keit erreg­te die Äuße­rung des Pap­stes wäh­rend eines Flu­ges nach Alge­ri­en, er habe „kei­ne Angst vor der Trump-Regie­rung“.
John­son ist ein Ver­tre­ter der Demo­kra­ti­schen Par­tei und gilt als einer afro­ame­ri­ka­ni­schen Pfingst­de­no­mi­na­ti­on zuge­hö­rig, in der sein Vater Pastor war.

Am hei­kel­sten ent­wickel­ten sich jedoch die Bezie­hun­gen zwi­schen dem Vati­kan und der tra­di­ti­ons­ver­pflich­te­ten Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X.. Aus­gangs­punkt war eine Erklä­rung des Glau­bens­prä­fek­ten Tucho Fernán­dez vom 13. Mai. Dar­in warn­te er die Bru­der­schaft vor ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat und bezeich­ne­te einen sol­chen Schritt aus­drück­lich als „schis­ma­ti­schen Akt“. Fernán­dez zitier­te dabei aus Eccle­sia Dei von Johan­nes Paul­sII. und erin­ner­te dar­an, daß eine „for­ma­le Zustim­mung zum Schis­ma“ die Exkom­mu­ni­ka­ti­on nach sich zie­he. Zugleich erklär­te er, der Papst bete dar­um, daß die Ver­ant­wort­li­chen der Bru­der­schaft „ihre äußerst schwer­wie­gen­de Ent­schei­dung überdenken“.

Die Reak­ti­on der Pius­bru­der­schaft ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. Zunächst ver­öf­fent­lich­te ihr Gene­ral­obe­rer Pater Davi­de Pagli­a­ra­ni am Hoch­fest Chri­sti Him­mel­fahrt, dem 14. Mai, eine umfang­rei­che „Katho­li­sche Glau­bens­er­klä­rung“ an Papst Leo XIV. Das Doku­ment ist in Ton und Inhalt eine ent­schie­de­ne Kampf­an­sa­ge an zahl­rei­che Ent­wick­lun­gen der Kir­che seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Die Bru­der­schaft bekräf­tigt dar­in eine exklu­si­vi­sti­sche Ekkle­sio­lo­gie durch Ableh­nung des reli­giö­sen Plu­ra­lis­mus, ver­tei­digt die tra­di­tio­nel­le Meß­leh­re und greift indi­rekt die Seg­nung homo­se­xu­el­ler Paa­re an. Die Kern­aus­sa­ge lau­tet: „Nicht die Kir­che muß sich der Welt anpas­sen, son­dern die Welt muß durch die Kir­che ver­wan­delt werden.“

Am 15. Mai ver­schärf­te sich der Kon­flikt wei­ter. Der Theo­lo­ge Pater Jean-Michel Glei­ze ver­öf­fent­lich­te im Namen der Bru­der­schaft eine direk­te Ant­wort auf die War­nung von Kar­di­nal Fernán­dez. Dar­in weist Pater Glei­ze die Behaup­tung des Glau­bens­prä­fek­ten zurück, daß mög­li­che uner­laub­te Bischofs­wei­hen ein kano­ni­sches Delikt dar­stel­len wür­den. Die Bru­der­schaft beruft sich auf einen kirch­li­chen „Not­stand“ und argu­men­tiert mit den Cano­nes 1323 und 1324 des Kano­ni­schen Rechts, wonach unter bestimm­ten Umstän­den kei­ne auto­ma­ti­sche Exkom­mu­ni­ka­ti­on eintrete.

Im Schluß­teil des Tex­tes heißt es mit Blick auf Rom: „Exkom­mu­ni­ziert? Aber von wem?“ Anschlie­ßend fol­gen Angrif­fe auf die seg­nen­den Anwe­sen­heit der angli­ka­ni­sche Erz­bi­schö­fin von Can­ter­bu­ry im Peters­dom, auf die Erklä­rung Fidu­cia sup­pli­cans sowie auf die Ama­zo­nas­syn­ode und die „Pacha­ma­ma“. Wört­lich schreibt Pater Glei­ze: „Arzt, hei­le dich selbst.“ Damit ist der Kon­flikt zwi­schen dem Vati­kan und der Pius­bru­der­schaft erst­mals seit Jah­ren wie­der offen eska­liert – und Leo XIV. sieht sich bereits weni­ge Mona­te nach Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats mit gleich zwei kir­chen­po­li­ti­schen Zer­reiß­pro­ben kon­fron­tiert (die ande­re ist die Kir­che in der Bun­des­re­pu­blik Deutschland).

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: SMM (Screen­shot)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*