Die Taufe des Triebs. Zur Unfreiheit berufen


Von Radolf Ritter

Sei­ne „Wis­sen­schaft­lich­keit“ trug der Syn­oda­le Weg ger­ne vor sich her. Kri­ti­ker wur­den von den Syn­oda­len stets als „Rück­wärts­ge­wand­te“ betrach­tet und man emp­fand sie ganz offen als intel­lek­tu­ell rück­stän­dig. Dar­über hin­aus gal­ten die Kri­ti­ker auf­grund der ihnen zuge­schrie­be­nen tief­sit­zen­den cha­rak­ter­li­chen Ver­dor­ben­heit über­haupt als „Men­schen­fein­de“ 1, die man folg­lich weder intel­lek­tu­ell noch cha­rak­ter­lich für satis­fak­ti­ons­fä­hig hielt. Die syn­oda­len Akteu­re selbst dage­gen berie­fen sich nicht nur unent­wegt auf die je neu­en und sogar „neue­sten human­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se“, son­dern auch ganz pro­mi­nent auf den „renom­mier­te­sten deut­schen Theo­lo­gen“, Eber­hard Schocken­hoff. Nach des­sen uner­war­te­tem Tod im Jahr 2020 lob­te nie­mand gerin­ge­rer als Georg Bät­zing die „visio­nä­re Kraft in sei­nem theo­lo­gi­schen For­schen und Reden“ eben­so wie „sei­ne bemer­kens­wer­te ana­ly­ti­sche Bril­lanz“ 2. Da man von sol­cher „Bril­lanz“ offen­bar nur pro­fi­tie­ren konn­te, mach­ten die Autoren der syn­oda­len Vor­be­rei­tungs­do­ku­men­te Schocken­hoffs Vor­trag3 in Lin­gen aus dem Jahr 2019 zu ihrer aus­drück­li­chen moral­theo­lo­gi­schen „Grund­la­ge“, den sie ent­spre­chend auch aus­gie­big zitierten.

Dem gro­ßen wis­sen­schaft­li­chen Werk unse­res renom­mier­ten Theo­lo­gen, der in sei­nem Bemü­hen um eine „men­schen­dien­li­che Moral­theo­lo­gie“ (Bät­zing) als „der Zuge­wand­te“4 schlecht­hin galt, kann ich mich hier frei­lich nicht in der gebüh­ren­den Tie­fe wid­men, die die­ses Werk sicher ver­dien­te; ich möch­te aber doch wenig­stens einen kur­zen Blick auf sei­nen Vor­trag wer­fen, der dem Syn­oda­len Weg als wich­ti­ge Argu­men­ta­ti­ons­vor­la­ge dien­te. Mit die­sem Text nimmt Schocken­hoff eine grund­le­gen­de Neu­kon­zep­ti­on der kirch­li­chen Sexu­al­mo­ral vor, um die unein­ge­schränk­te Akzep­tanz der homo­se­xu­el­len Part­ner­schaf­ten zu begrün­den. Da die Sexu­al­mo­ral sowohl bei der deutsch­syn­oda­len Bewe­gung als auch bei der Welt­syn­ode5 nach wie vor eine zen­tra­le Stel­lung ein­nimmt, scheint es viel­leicht ange­bracht, in der fol­gen­den skiz­zen­haf­ten Ana­ly­se die ent­spre­chend immer noch aktu­el­len Gedan­ken­gän­ge des ein­fluss­rei­chen Vor­trags anzu­se­hen. Dabei wer­de ich Schocken­hoffs Argu­men­ta­ti­on nicht spe­zi­fisch moral­theo­lo­gisch unter­su­chen, son­dern möch­te prü­fen, ob sie denn über­haupt in sich sel­ber logisch kon­si­stent ist. Wie ich zu zei­gen ver­su­che, ist das theo­re­ti­sche Fun­da­ment, auf das sich der Syn­oda­le Weg in sei­ner Argu­men­ta­ti­on grund­le­gend beruft, alles ande­re als wider­spruchs­frei. Da Schocken­hoff im Vor­trag eine Kehrt­wen­de in der Beur­tei­lung des Triebs vor­nimmt, sei mit einer kur­zen Vor­be­mer­kung zum Trieb begonnen.

Der Trieb

Um eine Sache zu bestim­men, muss man ange­ben, zu wel­cher Gat­tung sie gehört und was ihre art­spe­zi­fi­sche Dif­fe­renz ist, was sie also von ande­ren Arten der­sel­ben Gat­tung unter­schei­det. So kön­nen wir Pflan­zen und Tie­re dem Reich des Leben­di­gen zuord­nen; das Tier ist aber, unter ande­rem, gegen die Pflan­ze dadurch aus­ge­zeich­net, dass es Gefühl sei­ner eige­nen Schran­ke besitzt: Es kennt Furcht, Hun­ger und Durst, das heißt es emp­fin­det sei­ne Abhän­gig­keit von dem, was es nicht ist. Die­se Schran­ke fühlt das Tier aber als Nega­ti­on sei­ner selbst, weil es als Leben­di­ges sich All­ge­mei­nes ist. Gegen die Nega­ti­on bringt es sich sel­ber zur Gel­tung, indem es sei­ne Bedürf­nis­se befrie­digt: „Alle Trie­be im Men­schen wie im Tie­re“, sagt Hegel in der Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie, „sind die­se Affir­ma­ti­on sei­nes Selbst, und das Tier stellt sich so her gegen die Nega­ti­on in ihm.“ In der Befrie­di­gung des Triebs bringt sich so nun zwar das Selbst zur Gel­tung, aber die­ses ist hier bestimmt als das Leben­di­ge auf der Stu­fe des Tie­res. Nicht die Leben­dig­keit des sei­ner selbst bewuss­ten Gei­stes, son­dern die unre­fle­xi­ve Leben­dig­keit des Tiers rea­li­siert sich im Trieb.

Weil der Trieb dem­entspre­chend eine blin­de Natur­kraft ist, sind Trieb­hand­lun­gen außer­dem als sol­che unver­nünf­tig. Streng genom­men ist des­halb schon die Rede von Triebhand­lun­gen inso­fern nicht ganz zutref­fend, als der Begriff der Hand­lung ja gera­de einen Akteur vor­aus­setzt, der mit der Hand­lung bewusst sitt­li­che, prak­ti­sche oder theo­re­ti­sche Zie­le ver­folgt. Zur Bestim­mung des Triebs gehört es dage­gen, dass das Indi­vi­du­um hier nur als Trä­ger der all­ge­mei­nen Natur­kraft – sich durch­zu­set­zen, zu erhal­ten und zu stei­gern – tätig ist. Der Trieb erscheint zwar als kraft­voll­ste Akti­vi­tät, aber der Mensch ist hier als ange­trie­be­ner wesent­lich pas­siv. Erst wenn er eine Tätig­keit, aus eige­nem Wil­len mit einem bewuss­ten Ziel setzt, ist er wesent­lich aktiv gewor­den – und sei­ne Tätig­keit damit erst eine Hand­lung im eigent­li­chen Sin­ne, näm­lich eine begrün­de­te und nicht mehr nur durch das blin­de Natur­ge­sche­hen bloß ver­ur­sach­te Tätig­keit. Wenn nun also der Mensch, für gewöhn­lich jeden­falls, auch sei­ne Trieb­tä­tig­kei­ten zu recht­fer­ti­gen ver­sucht, so will er damit doch gera­de bean­spru­chen, dass sie nur dem Schein nach Triebtätig­kei­ten sei­en; wäh­rend sie in Wirk­lich­keit vom Akteur mit einem bewuss­ten Ziel oder Grund gesetzt wor­den sei­en, das heißt nicht als Triebtätigkeiten.

Schockenhoffs Widersprüche

Damit bin ich schon direkt bei Schocken­hoffs Vor­trag ange­langt. Denn es ist folg­lich äußerst kuri­os, wenn jemand – wie Schocken­hoff – zu begrün­den ver­sucht, war­um man sich dem Trieb als einem sol­chen über­las­sen soll; wenn also dazu ange­setzt wird, die Abdan­kung der Ratio­na­li­tät gegen­über dem äußer­li­chen Natur­drang als eine For­de­rung der Ratio­na­li­tät sel­ber aus­zu­wei­sen. Der Grund­wi­der­spruch ist offen­sicht­lich, und dem­entspre­chend lässt sich die­ses Vor­ha­ben nicht durch­füh­ren. Kon­kret zei­gen sich in sei­nem Vor­trag die fol­gen­den Widersprüche.

1. Der Schockenhoff’sche Haupt­wi­der­spruch liegt in der Ver­wir­rung über die Frei­heit und die Unfrei­heit. Der Sexu­al­trieb sei, so der Theo­lo­ge, „von sei­nem Wesen (!) her begeh­ren­de Lie­be“. Zen­tral for­dert er des­halb, „das sexu­el­le Begeh­ren und den Trieb­cha­rak­ter des Eros … vor­be­halt­los … zu wür­di­gen“. Und er lobt das berg­o­glia­ni­sche Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia dafür, dass es „den trieb­haft-ver­lan­gen­den Cha­rak­ter des sexu­el­len Begeh­rens als Quel­le mensch­li­cher (!) Daseins­freu­de posi­tiv wür­digt“. Damit ist klar, dass er nicht behaup­tet, Hand­lun­gen, die äußer­lich mit dem Trieb über­ein­stimm­ten, könn­ten unter Umstän­den auch ver­nünf­tig sein (wie die Zeu­gung von Kin­dern in der Ehe), son­dern dass der Trieb­cha­rak­ter sel­ber die Wür­de der Tätig­keit aus­ma­che. Die Lie­be, die die höch­ste Form des frei­heit­li­chen Sich-Schen­kens ist, soll nach Schocken­hoff das Wesen des Triebs, d.h. der blin­den Natur­kraft aus­ma­chen. Schocken­hoff behaup­tet damit, das Unfreie sei in sei­nem Wesen das Freie.

Schocken­hoff ver­kennt das Wesen des Triebs, wenn er behaup­tet, der Trieb sei gera­de nicht nach der „Ana­lo­gie von Hun­ger und Durst“ zu ver­ste­hen, son­dern als „Spra­che und Mit­tei­lung“. Denn genau Hun­ger und Durst bil­den das Grund­mu­ster des unfrei­en Natur­triebs. Selbst­ver­ständ­lich ist zwar der Mensch ein Wesen, das auch sein Inne­res aus­drückt und mit­teilt; aber Aus­druck und Mit­tei­lung sind als frei­es Gesche­hen wesens­ver­schie­den vom Natur­trieb. Nicht als Trieb­we­sen, son­dern als ver­nünf­ti­ges und das heißt sprach­be­gab­tes Wesen teilt sich der Mensch mit. Wenn unse­re Erfül­lung als per­so­na­le Wesen, wie Schocken­hoff insi­nu­iert, in der Rea­li­sie­rung der Trieb­tä­tig­kei­ten als sol­cher läge, wären wir, um mit der Umkeh­rung des Gala­ter­briefs zu spre­chen, zur Unfrei­heit berufen.

Begriff­li­cher aus­ge­drückt: Der Mensch rea­li­siert im Trieb nur das­je­ni­ge, was über­haupt allen Tie­ren glei­cher­ma­ßen zukommt. Behaup­tet also jemand, das den Men­schen Aus­zeich­nen­de, wor­in er gera­de sei­ne spe­zi­fisch mensch­li­che Wür­de fän­de, sei der Trieb, so wird damit das Art­spe­zi­fi­sche mit dem bloß Gat­tungs­mä­ßi­gen iden­ti­fi­ziert. Das ist selbst­wi­der­sprüch­lich, denn es gibt dann die Art als sol­che gar nicht mehr: Der Mensch ver­schwin­det als Mensch.

2. Schocken­hoff ver­strickt sich beim Ver­such, die Legi­ti­mi­tät der Ver­hü­tung und des gleich­ge­schlecht­li­chen Ver­kehrs moral­theo­lo­gisch aus­zu­wei­sen, in absur­de Kon­se­quen­zen. Er will errei­chen, „die aus­nahms­lo­sen Ver­bo­te jeder nicht auf die Fort­pflan­zung hin offe­nen sexu­el­len Betä­ti­gung“ end­lich zu kip­pen. Dazu refe­riert er zunächst die „tra­di­tio­nel­le Sexu­al­mo­ral“, die „gemäß dem Axi­om bonum ex inte­gra cau­sa, malum ex quo­li­bet defec­tu“ davon aus­ging, „dass eine ein­zel­ne sexu­el­le Hand­lung nur dann vor­be­halt­los gebil­ligt wer­den kann, wenn sie für die Ver­wirk­li­chung aller denk­ba­ren Sinn­wer­te offen ist. Dage­gen stellt bereits der zeit­wei­li­ge wil­lent­li­che Aus­schluss (wie bei der künst­li­chen Emp­fäng­nis­re­ge­lung) oder die natür­li­che Unfä­hig­keit zur Ver­wirk­li­chung eines Sinn­wer­tes (wie etwa des pro­krea­ti­ven Sin­nes im Fal­le gleich­ge­schlecht­li­cher Bezie­hun­gen) einen Man­gel dar, der die Hand­lung in mora­li­scher Hin­sicht uner­laubt macht. Im Unter­schied dazu geht die gegen­wär­ti­ge Sexu­al­ethik davon aus, dass eine ver­ant­wort­li­che Gestal­tung mensch­li­cher Sexua­li­tät zwar die Inte­gra­ti­on aller Sinn­wer­te in das eige­ne Sexu­al­ver­hal­ten for­dert, ein­zel­ne sexu­el­le Hand­lun­gen aber auch dann beja­hens­wür­dig blei­ben, wenn sie nicht alle Fak­to­ren zugleich realisieren.“

Damit gibt er zunächst vor, im Rah­men des Prin­zips „bonum ex inte­gra cau­sa“ zu blei­ben und nur die Cau­sa der­ge­stalt neu zu defi­nie­ren, dass die Cau­sa, die inte­gra sein muss, nun nicht mehr der ein­zel­ne Sexu­al­akt ist, son­dern das gesam­te Sexu­al­le­ben über den Lebens­ver­lauf hin­weg. „Inte­gra“ ver­steht er dann so, dass alle Sinn­wer­te wäh­rend des Sexu­al­le­bens rea­li­siert wer­den müs­sen. „Sinn­wer­te“ oder „Sinn­di­men­sio­nen“ nennt Schocken­hoff die ver­schie­de­nen Funk­tio­nen der Sexua­li­tät, wie sie die Human­wis­sen­schaf­ten beschrei­ben. Zu den Sinn­wer­ten zäh­len für ihn die Lust, die Bezie­hungs­funk­ti­on, die Stär­kung der Iden­ti­tät und die Fort­pflan­zung (bzw. die Offen­heit dafür).

Die neu defi­nier­te Cau­sa des gesam­ten Sexu­al­le­bens müs­se dann, so lässt sich Schocken­hoffs neue mora­li­sche For­de­rung über­set­zen, jeden Wert min­de­stens ein­mal ver­wirk­licht haben. Stel­len wir uns zur Ver­deut­li­chung einen Mann vor, der sein Leben lang in viel­fäl­ti­gen homo­se­xu­el­len Bezie­hun­gen sexu­ell aktiv leb­te. Dies ist nach Schocken­hoff ein mora­lisch unver­ant­wort­ba­res Sexu­al­le­ben, denn der Fort­pflan­zungs­sinn ist nicht inte­griert. Wür­de der­sel­be Mann nun aber ein­mal mit einer Frau (ohne Ver­hü­tung, das heißt mit der Offen­heit für die Zeu­gung) schla­fen, so wür­de er damit im Hand­um­dre­hen sein gesam­tes Sexu­al­le­ben zu einer Cau­sa inte­gra und folg­lich zu einem mora­li­schen bonum machen. Die Absur­di­tät liegt auf der Hand: Ein ein­zi­ger zusätz­li­cher Sexu­al­akt, der sogar prin­zi­pi­ell pro­mis­kui­tiv sein kann, macht die belie­big lan­ge Ket­te der – nach Schocken­hoff – an sich unsitt­li­chen Akte mit einem Mal mora­lisch gut.

Schocken­hoffs neu­er Moral­an­satz bedeu­tet in der Kon­se­quenz also, dass hier prin­zi­pi­ell jede Mög­lich­keit fort­ge­nom­men ist, ein­zel­ne sexu­el­le Hand­lun­gen als unmo­ra­lisch zu wer­ten. Denn inso­weit ein gege­be­ner Sexu­al­akt im Ein­ver­neh­men statt­fin­det, kann nun höch­stens noch geur­teilt wer­den, die­ser eine Akt ver­wirk­li­che viel­leicht nicht alle Sinn­wer­te auf ein­mal. Aber es lässt sich ja nie aus­schlie­ßen, dass die betref­fen­de Per­son im bis­he­ri­gen oder wei­te­ren Ver­lauf ihres Sexu­al­le­bens auch noch die wei­te­ren nöti­gen Sinn­wer­te rea­li­siert und damit alle ande­ren Sexu­al­ak­te, auch die „defi­zi­tä­ren“, in die sinn­haf­te und somit mora­lisch legi­ti­me Ver­wirk­li­chung der Sexua­li­tät des Gesamt­le­bens hineinholt.

Hier wider­spricht sich Schocken­hoff aber sel­ber. Er hält näm­lich zugleich dar­an fest, dass die Pro­mis­kui­tät über­haupt unmo­ra­lisch sei. Wie man das aber noch begrün­den kön­nen will, nach­dem Schocken­hoff ja prin­zi­pi­ell alle Kri­te­ri­en zur mora­li­schen Ver­ur­tei­lung von ein­zel­nen – und damit auch den pro­mis­kui­ti­ven – Sexu­al­ak­ten (sofern sie ein­ver­nehm­lich sind) fort­ge­nom­men hat, erschließt sich nicht.

Nun ist Schocken­hoff aber mit dem Ziel ange­tre­ten, die mora­li­sche Legi­ti­mi­tät der homo­se­xu­el­len Lebens­ge­mein­schaf­ten als sol­cher zu begrün­den. Dazu reicht selbst sei­ne „Adap­ti­on“ der „Cau­sa integra“-Lehre nicht aus, weil der „Sinn­wert“ der Fort­pflan­zung in der Homo­se­xua­li­tät grund­sätz­lich nicht rea­li­siert wer­den kann. Damit genügt sie – an sich selbst – nicht den Anfor­de­run­gen an eine Cau­sa inte­gra; sie wür­de also über­haupt erst durch ihr Ande­res, näm­lich durch eine hete­ro­se­xu­el­le Ergän­zung, legi­tim. Die­se Ergän­zungs­be­dürf­tig­keit, die logisch aus sei­nem eige­nen Cau­sa inte­gra-Ansatz folgt, wird aber von Schocken­hoff zugleich abge­lehnt, wenn er von der kirch­li­chen Leh­re die „vor­be­halt­lo­se (!) Aner­ken­nung gleich­ge­schlecht­li­cher Lebens­ge­mein­schaf­ten“ for­dert, ohne „die in ihnen geleb­te sexu­el­le Pra­xis mora­lisch zu dis­qua­li­fi­zie­ren“. Er begibt sich damit in Wider­spruch zu den soeben von ihm sel­ber auf­ge­stell­ten Grundsätzen.

3. Dann fragt man sich, war­um Schocken­hoff das moral­theo­lo­gi­sche „Cau­sa integra“-Geschütz über­haupt auf­fährt, wenn er damit nicht ein­mal sei­ne eige­ne For­de­rung begrün­den kann. Er selbst gibt den Hin­weis: „Die vor­ge­schla­ge­nen Kor­rek­tu­ren erfor­dern kei­nes­wegs einen voll­stän­di­gen Bruch mit den Grund­über­zeu­gun­gen der bis­he­ri­gen kirch­li­chen Sexu­al­leh­re.“ Man wird also nicht fehl­ge­hen, zu schlie­ßen, dass der gan­ze Pas­sus zur Cau­sa inte­gra nur dazu dient, den Schein der Kon­ti­nui­tät mit der bis­he­ri­gen Moral­leh­re zu erzeu­gen, wäh­rend Schocken­hoff gera­de eine ihr wider­spre­chen­de neue Leh­re ein­führt. Dass die Leh­re radi­kal umstür­zend ist, bele­gen die oben geschil­der­ten, durch­aus skur­ri­len Kon­se­quen­zen sei­ner Neukonzeption.

Das heißt aber, dass die Refe­renz auf die tra­di­tio­nel­le Cau­sa inte­gra-Leh­re und die Behaup­tung ihrer ledig­lich „offe­ne­ren Adap­ti­on“ eine Ver­schleie­rungs­tak­tik ist. Schocken­hoff inten­diert den radi­ka­len Bruch mit der bis­he­ri­gen Moral­leh­re und will eben den­sel­ben Bruch zugleich ver­ber­gen. Das macht den Text so nebu­lös; man greift immer ins Nichts, weil das Gemein­te unter dem Deck­man­tel sei­nes Gegen­teils ver­hüllt wird.

Reprä­sen­ta­tiv dafür ist die Stel­le, an der Schocken­hoff behaup­tet, der bis­he­ri­ge „Grund­satz, wonach die Ehe der exklu­si­ve Ort legi­ti­mer Sexu­al­be­zie­hun­gen ist“, wür­de bei ihm ledig­lich eine „offe­ne­re Refor­mu­lie­rung“ erfah­ren, indem die „Allein­gel­tung der Ehe durch ihre Höchst­ge­l­tung abge­löst“ wird. Nun ist aber logisch die Ehe ent­we­der der exklu­si­ve Ort legi­ti­mer Sexu­al­be­zie­hun­gen oder sie ist nicht der exklu­si­ve Ort. Die „Höchst­ge­l­tung“ der Ehe, wonach sie zwar der „opti­ma­le Ent­fal­tungs­raum“ der Sexua­li­tät sei, aber auch ande­re Rah­men mora­lisch legi­tim sei­en, bedeu­tet logisch, dass die Ehe nun nicht mehr der exklu­si­ve Ort legi­ti­mer Sexu­al­be­zie­hun­gen ist. Damit ist der Grund­satz von der Ehe als exklu­si­vem Ort legi­ti­mer Sexua­li­tät aber nicht „offe­ner refor­mu­liert“, wie er behaup­tet, son­dern schlicht abgeschafft.

Der Synodale Weg

Die­se selbst­wi­der­sprüch­li­che und nicht zu Ende gedach­te Argu­men­ta­ti­on von Schocken­hoffs Vor­trag macht der Syn­oda­le Weg aus­drück­lich zu sei­ner „Grund­la­ge“ im vor­be­rei­ten­den Text des Syn­oda­len Wegs zum Forum IV „Leben in gelin­gen­den Bezie­hun­gen – Lie­be leben in Sexua­li­tät und Part­ner­schaft“ 6. Auch die logi­sche Unge­reimt­heit setzt sich bei den Syn­oda­len fort, die die Begrif­fe bis in ihr Gegen­teil ver­keh­ren müs­sen, um ihre radi­kal neue Agen­da unter den tra­di­tio­nel­len Aus­drücken zu ver­stecken. So kann man im vor­be­rei­ten­den Text einer­seits den (direkt von Schocken­hoff über­nom­me­nen) Pas­sus lesen: „Pro­mis­kui­tät, offe­ne Mehr­fach­be­zie­hun­gen, Untreue und von vorn­her­ein unter Vor­be­halt ein­ge­gan­ge­ne Bezie­hun­gen sind als mora­lisch frag­wür­dig zu bewer­ten.“ Dar­aus wür­de fol­gen, dass die ein­sei­ti­ge Been­di­gung einer Ehe und der neue Ehe­schluss mit einem ande­ren Part­ner auch „mora­lisch frag­wür­dig“ sind, schließ­lich ist ja dann der eine Part­ner sei­nem frü­he­ren Ehe­part­ner in Bezug auf das gege­be­ne Ehe­ver­spre­chen untreu. Im Wider­spruch zu die­ser logi­schen Kon­se­quenz for­dern die Autoren aber ande­rer­seits wie­der­holt „Aner­ken­nung und Respekt“ für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne, und die Bischö­fe ent­schul­di­gen sich bei die­sen sogar für ihre in der Ver­gan­gen­heit „har­ten und unbarm­her­zi­gen Hal­tun­gen“. Die Autoren des Vor­be­rei­tungs­tex­tes ver­tre­ten also die Posi­ti­on, dass der mög­li­cher­wei­se ein­sei­ti­ge Wech­sel der Part­ner kein Wider­spruch zum ehe­li­chen Treue-Ver­spre­chen sei. In ande­ren Wor­ten for­mu­liert: Der syn­oda­le Begriff der Treue heißt, solan­ge treu zu sein, bis man es eben nicht mehr ist. Die Treue hat damit jeden angeb­ba­ren Gehalt verloren.

Die gan­ze Wider­sprüch­lich­keit beim Syn­oda­len Weg und bei Schocken­hoff ent­springt, so ver­mu­te ich, dem zen­tra­len Anlie­gen, die logi­schen Kon­se­quen­zen ihrer Posi­tio­nen zu ver­ber­gen. Damit erhof­fen sich die syn­oda­len Akteu­re, den radi­ka­len Umsturz – auf den sie in der Tat abzie­len – durch­füh­ren zu kön­nen, ohne auf die­je­ni­gen Wider­stän­de zu tref­fen, mit denen sie rech­nen müss­ten, wenn die inne­ren Kon­se­quen­zen ihrer Agen­da von Beginn an offen sicht­bar wären.

Aus der Wider­sprüch­lich­keit sowohl beim „bril­lan­ten“ For­scher Schocken­hoff als auch bei den syn­oda­len Autoren muss man außer­dem fol­gern, dass hier kei­ne gro­ßen Theo­re­ti­ker am Wer­ke sind; es sind im Wesen Ideo­lo­gen und kir­chen­po­li­ti­sche Agi­ta­to­ren. Ihre ein­zi­ge Stra­te­gie kann also dar­in bestehen, die gro­ße Men­ge der unkri­ti­schen selbst­er­nann­ten „Men­schen­freun­de“ mit ihren eben­so begriffs- wie ufer­lo­sen Tex­ten einzunebeln.

Bild: Pix­a­bay

  1. https://​www​.dom​ra​dio​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​b​i​s​c​h​o​f​s​k​o​n​f​e​r​e​n​z​-​t​r​i​f​f​t​-​s​i​c​h​-​v​o​r​-​l​e​t​z​t​e​r​-​s​y​n​o​d​a​l​v​e​r​s​a​m​m​l​ung ↩︎
  2. https://​www​.dom​ra​dio​.de/​v​i​d​e​o​/​t​r​a​u​e​r​-​u​m​-​e​b​e​r​h​a​r​d​-​s​c​h​o​c​k​e​n​h​off ↩︎
  3. https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_alt/presse_2019/2019–038d-FVV-Lingen-Studientag-Vortrag-Prof.-Schockenhoff.pdf ↩︎
  4. https://www.herder.de/cig/cig-ausgaben/archiv/2020/30–2020/der-zugewandte/ ↩︎
  5. https://​katho​li​sches​.info/​f​o​r​d​e​r​u​n​g​-​b​e​r​i​c​h​t​-​d​e​r​-​s​t​u​d​i​e​n​g​r​u​p​p​e​-​n​r​-​9​-​d​e​r​-​s​y​n​o​d​a​l​i​t​a​e​t​s​s​y​n​o​d​e​-​z​u​r​u​e​c​k​z​i​e​h​en/ ↩︎
  6. https://​www​.syn​oda​ler​weg​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​S​y​n​o​d​a​l​e​r​w​e​g​/​D​o​k​u​m​e​n​t​e​_​R​e​d​e​n​_​B​e​i​t​r​a​e​g​e​/​S​W​-​V​o​r​l​a​g​e​-​F​o​r​u​m​-​I​V​.​pdf ↩︎

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