Die Pseudomessianität des Sentimentalen

Das Lehramt der synodalen Kirche beginnt mit Franziskus, mit der neuen Stunde Null

Von Msgr. Dr. Mari­an Eleganti*

Es geht nur noch um Nähe, nicht um Wahr­heit. Wäh­rend die Seel­sor­ge vor Amo­ris Lae­ti­tia im Umgang mit geschie­de­nen Wie­der­ver­hei­ra­te­ten vor allem Objek­ti­vi­tät bzw. die Ver­bin­dung von Wahr­heit und Lie­be anstreb­te, ope­riert die syn­oda­le Kir­che mit einem vor­wie­gend sen­ti­men­ta­len Voka­bu­lar, das wenig dazu bei­trägt, die Situa­ti­on die­ser Men­schen nach sakra­ments­theo­lo­gi­schen und kano­nisch gerech­ten Kri­te­ri­en objek­tiv zu klä­ren. Betont wer­den aus­schliess­lich die Nähe, die Beglei­tung und die Wert­schät­zung (ein infla­tio­när gebrauch­tes Wort) die­ser Paa­re durch die Ver­tre­ter der Kir­che, nicht ihr Auf­trag, sie in der Wahr­heit zu führen.

Fra­ge: Was soll ich am Sün­der eigent­lich wert­schät­zen, z. B. am Bank­räu­ber, Ehe­bre­cher, Dieb oder Gewalt­tä­ter? Ich kann den Sün­der lie­ben (ihm wohl­wol­len, d. h. ihm das Heil wün­schen), ja, wäh­rend ich sei­ne Sün­de gleich­zei­tig kom­pro­miss­los ver­ur­tei­le. Aber wie geht in die­sem Zusam­men­hang «Wert­schät­zung»? Muss ich einen Rich­ter, der eine Straf­tat zu beur­tei­len hat, auf­for­dern, den Delin­quen­ten wert­zu­schät­zen? Wäre das nicht rei­ne, in Bezug auf sei­ne Auf­ga­be wenig hilf­rei­che Sen­ti­men­ta­li­tät? Der Ver­gleich hinkt, zeigt aber, dass die­se Kate­go­rie der Wert­schät­zung in bestimm­ten Kon­tex­ten ein­fach nicht prio­ri­tär ist. Denn dar­um – um Wert­schät­zung – geht es bei der Fra­ge, ob eine gül­ti­ge Ehe vor­liegt oder nicht, nicht.

Geschie­de­ne wie­der­ver­hei­ra­te­te Paa­re sol­len ihr Ver­trau­en wie­der­fin­den, sich als Teil der Gemein­schaft erken­nen und die Barm­her­zig­keit Got­tes erfah­ren, heisst es in einem Leit­fa­den1 der syn­oda­len Kir­che. Fra­ge: Ist es dabei uner­heb­lich, ob sie im Ehe­bruch leben oder nicht? Bedeu­tet, ihnen die Barm­her­zig­keit Got­tes zu ver­mit­teln, ihre zwei­te Ver­bin­dung ohne Wenn und Aber anzu­er­ken­nen oder min­de­stens zu tole­rie­ren, obwohl ein unauf­lös­li­ches Ehe­band vor­liegt und dem ent­ge­gen­steht? War­um ist uns dann Jesus mit die­ser Pra­xis nicht vor­an­ge­gan­gen? Viel­mehr lehnt Er die (angeb­lich barm­her­zi­ge) Schei­dungs­pra­xis des Moses ab und ver­schärft das Schei­dungs­ver­bot zum Ver­druss sei­ner Jünger!

Kommt die Erin­ne­rung dar­an einer Retrau­ma­ti­sie­rung die­ser Paa­re gleich, weil die Betrof­fe­nen sich durch die Erin­ne­rung an die Wahr­heit erneut ver­letzt und aus­ge­grenzt füh­len könn­ten, nach­dem sie schon Ver­las­sen­heit und Leid in der Tren­nung von ihrem recht­mä­ssi­gen Ehe­gat­ten erfah­ren haben (vgl. den erwähn­ten Leitfaden)?

Je sen­ti­men­ta­ler die Spra­che daher­kommt, umso grö­sser wird der Ver­dacht, dass hier unver­rück­ba­re Lehr­po­si­tio­nen mit dem Druck auf die Trä­nen­drü­se vapo­ri­siert und auf­ge­weicht wer­den sol­len. Nun ist dies nicht neu. Das Wort «Barm­her­zig­keit» ist schon oft als Sand­schleu­der für die Augen des Betrach­ters oder Lesers miss­braucht wor­den. Wor­te haben ihre unmit­tel­ba­re Wir­kung. Erst wenn man tie­fer geht, erkennt man, was die Seman­tik verschleiert.

Die Här­te der Wahr­heit wird in der syn­oda­len Kir­che nicht mehr ertra­gen und the­ma­ti­siert, obwohl sie frei macht (Joh 8,32). Sie wird von der Sen­ti­men­ta­li­tät abge­lehnt und inkri­mi­niert. Fami­lia­ris Con­sor­tio ist des­halb gestern (zu hart). Amo­ris Lae­ti­tia ist heu­te (barm­her­zig).

Das Lehr­amt der syn­oda­len Kir­che beginnt mit Fran­zis­kus, mit der neu­en Stun­de Null. Die Zeit (der Pro­zess) ist grö­sser als der Raum (die Lehr­po­si­tio­nen). Des­halb inve­stiert man in den Pro­zess (die Revi­si­on der Leh­re), ins Gefühl, ins Leben, nicht in die Wahr­heit, die trotz­dem bleibt. Letz­te­re ist wie ein Schwert, das die syn­oda­le Kir­che lie­ber in Wat­te packt und weg­steckt, bis Jener kommt, der es im Mun­de führt (Offb 1,16; 2,12; 2,16; 19,15; 19,21).

Offen­ba­rung 1,16 – In der ersten Visi­on Christi:

„Aus sei­nem Mund kam ein schar­fes, zwei­schnei­di­ges Schwert.“

Offen­ba­rung 2,12 – In der Bot­schaft an die Gemein­de von Pergamon:

„So spricht Er, der das schar­fe, zwei­schnei­di­ge Schwert trägt.“

Offen­ba­rung 2,16 – Chri­stus kün­digt an:

„Sonst kom­me ich bald und wer­de sie mit dem Schwert aus mei­nem Mund bekämpfen.“

Offen­ba­rung 19,15 – Chri­stus als end­zeit­li­cher Reiter:

„Aus sei­nem Mund kam ein schar­fes Schwert; mit ihm wird er die Völ­ker schlagen.“

Offen­ba­rung 19,21 – Abschluss der Kampfszene:

„Die Übri­gen wur­den getö­tet mit dem Schwert, das aus dem Mund des Rei­ters hervorging.“

*Msgr. Mari­an Ele­gan­ti OSB, pro­mo­vier­ter Theo­lo­ge, war von 1999 bis 2009 Abt der Bene­dik­ti­ner­ab­tei St. Otmars­berg im Kan­ton Sankt Gal­len, dann von 2009 bis 2021 Weih­bi­schof der Diö­ze­se Chur. Bischof Ele­gan­ti betreibt einen eige­nen Blog.

Bild: mari​an​-ele​gan​ti​.ch


1 Zit. in: Rober­to de Mat­tei, „Die höch­ste Bestim­mung des Men­schen“ (Art.): The­ma­ti­scher Leit­fa­den zur Vor­be­rei­tung des Tref­fens von Papst Leo XIV. mit den Ver­tre­tern der katho­li­schen Ost­kir­chen im Vati­kan vom 7.–14. Okt. 2026 mit dem Titel: «In den Schwie­rig­kei­ten des Lebens: beglei­ten und unter­stüt­zen. Mit den Fami­li­en in schwie­ri­gen Situa­tio­nen unter­wegs sein.»

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