Von Msgr. Dr. Marian Eleganti*
Es geht nur noch um Nähe, nicht um Wahrheit. Während die Seelsorge vor Amoris Laetitia im Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten vor allem Objektivität bzw. die Verbindung von Wahrheit und Liebe anstrebte, operiert die synodale Kirche mit einem vorwiegend sentimentalen Vokabular, das wenig dazu beiträgt, die Situation dieser Menschen nach sakramentstheologischen und kanonisch gerechten Kriterien objektiv zu klären. Betont werden ausschliesslich die Nähe, die Begleitung und die Wertschätzung (ein inflationär gebrauchtes Wort) dieser Paare durch die Vertreter der Kirche, nicht ihr Auftrag, sie in der Wahrheit zu führen.
Frage: Was soll ich am Sünder eigentlich wertschätzen, z. B. am Bankräuber, Ehebrecher, Dieb oder Gewalttäter? Ich kann den Sünder lieben (ihm wohlwollen, d. h. ihm das Heil wünschen), ja, während ich seine Sünde gleichzeitig kompromisslos verurteile. Aber wie geht in diesem Zusammenhang «Wertschätzung»? Muss ich einen Richter, der eine Straftat zu beurteilen hat, auffordern, den Delinquenten wertzuschätzen? Wäre das nicht reine, in Bezug auf seine Aufgabe wenig hilfreiche Sentimentalität? Der Vergleich hinkt, zeigt aber, dass diese Kategorie der Wertschätzung in bestimmten Kontexten einfach nicht prioritär ist. Denn darum – um Wertschätzung – geht es bei der Frage, ob eine gültige Ehe vorliegt oder nicht, nicht.
Geschiedene wiederverheiratete Paare sollen ihr Vertrauen wiederfinden, sich als Teil der Gemeinschaft erkennen und die Barmherzigkeit Gottes erfahren, heisst es in einem Leitfaden1 der synodalen Kirche. Frage: Ist es dabei unerheblich, ob sie im Ehebruch leben oder nicht? Bedeutet, ihnen die Barmherzigkeit Gottes zu vermitteln, ihre zweite Verbindung ohne Wenn und Aber anzuerkennen oder mindestens zu tolerieren, obwohl ein unauflösliches Eheband vorliegt und dem entgegensteht? Warum ist uns dann Jesus mit dieser Praxis nicht vorangegangen? Vielmehr lehnt Er die (angeblich barmherzige) Scheidungspraxis des Moses ab und verschärft das Scheidungsverbot zum Verdruss seiner Jünger!
Kommt die Erinnerung daran einer Retraumatisierung dieser Paare gleich, weil die Betroffenen sich durch die Erinnerung an die Wahrheit erneut verletzt und ausgegrenzt fühlen könnten, nachdem sie schon Verlassenheit und Leid in der Trennung von ihrem rechtmässigen Ehegatten erfahren haben (vgl. den erwähnten Leitfaden)?
Je sentimentaler die Sprache daherkommt, umso grösser wird der Verdacht, dass hier unverrückbare Lehrpositionen mit dem Druck auf die Tränendrüse vaporisiert und aufgeweicht werden sollen. Nun ist dies nicht neu. Das Wort «Barmherzigkeit» ist schon oft als Sandschleuder für die Augen des Betrachters oder Lesers missbraucht worden. Worte haben ihre unmittelbare Wirkung. Erst wenn man tiefer geht, erkennt man, was die Semantik verschleiert.
Die Härte der Wahrheit wird in der synodalen Kirche nicht mehr ertragen und thematisiert, obwohl sie frei macht (Joh 8,32). Sie wird von der Sentimentalität abgelehnt und inkriminiert. Familiaris Consortio ist deshalb gestern (zu hart). Amoris Laetitia ist heute (barmherzig).
Das Lehramt der synodalen Kirche beginnt mit Franziskus, mit der neuen Stunde Null. Die Zeit (der Prozess) ist grösser als der Raum (die Lehrpositionen). Deshalb investiert man in den Prozess (die Revision der Lehre), ins Gefühl, ins Leben, nicht in die Wahrheit, die trotzdem bleibt. Letztere ist wie ein Schwert, das die synodale Kirche lieber in Watte packt und wegsteckt, bis Jener kommt, der es im Munde führt (Offb 1,16; 2,12; 2,16; 19,15; 19,21).
Offenbarung 1,16 – In der ersten Vision Christi:
„Aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert.“
Offenbarung 2,12 – In der Botschaft an die Gemeinde von Pergamon:
„So spricht Er, der das scharfe, zweischneidige Schwert trägt.“
Offenbarung 2,16 – Christus kündigt an:
„Sonst komme ich bald und werde sie mit dem Schwert aus meinem Mund bekämpfen.“
Offenbarung 19,15 – Christus als endzeitlicher Reiter:
„Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert; mit ihm wird er die Völker schlagen.“
Offenbarung 19,21 – Abschluss der Kampfszene:
„Die Übrigen wurden getötet mit dem Schwert, das aus dem Mund des Reiters hervorging.“
*Msgr. Marian Eleganti OSB, promovierter Theologe, war von 1999 bis 2009 Abt der Benediktinerabtei St. Otmarsberg im Kanton Sankt Gallen, dann von 2009 bis 2021 Weihbischof der Diözese Chur. Bischof Eleganti betreibt einen eigenen Blog.
Bild: marian-eleganti.ch
1 Zit. in: Roberto de Mattei, „Die höchste Bestimmung des Menschen“ (Art.): Thematischer Leitfaden zur Vorbereitung des Treffens von Papst Leo XIV. mit den Vertretern der katholischen Ostkirchen im Vatikan vom 7.–14. Okt. 2026 mit dem Titel: «In den Schwierigkeiten des Lebens: begleiten und unterstützen. Mit den Familien in schwierigen Situationen unterwegs sein.»
Mich erfreut die Erinnerung ans Schwert — und seine scharfe Unterscheidung. Auch wenn ich von der Problematik nicht direkt betroffen bin, so leide auch ich an der Trennung. Auch wenn die Ehe nun geschieden ist, durch die einzige Scheidung, die die Kirche kennt. Als die Kinder aus dem Haus waren, haben wir uns gefreut, dass der erste Hauptzweck der Ehe, so wie wir es immer glaubten, geschafft ist: Die Aufzucht von Kindern, und dies nicht nur materiell. (Gerade daran fehlte es häufig.) Der zweite Hauptzweck der Ehe bleibt, die gegenseitige Stärkung in Liebe. Ob dies jetzt, da oben, noch gilt, vielleicht in vergeistigter Fürsorge – und hier, darunter, im Gebet für den Verstorbenen? Das Eheband hat eine wirkliche Dimension — und was Gott verbunden hat, eine wunderbare Wirkmächtigkeit. Mögen die Eheleute, die gerade heute in Sorgen und Verführung unterzugehen drohen, öfters gemeinsam dafür dankbar sein. Dann wird sich eine Barmherzigkeit zeigen, die nicht von dieser Welt ist.
Amoris Laetitia führt die Belohnung für Diebe ein, die anderen die Frau weggenommen haben.
Der Kuschelkurs mit der Sünde ist die „Erbschuld“ der Synodalkirche und genau daran wird sie zugrunde gehen.
Besten Dank, Exzellenz, für Ihre klare und (zu)treffende Analyse, wie im kirchlichen Bereich mit der Semantik und Pragmatik von Worten „gespielt“ wird, um einen entsprechenden wissenschaftlich-theologischen Diskurs zu erreichen, der sich sehr deutlich von der bisherigen Lehre der Kirche unterscheidet und einen Kontrapunkt setzt, wo keiner sein sollte. Besonders die letzten drei Abschnitte Ihrer Analyse sind bestechend und offenbaren die Stossrichtung der letzten sechzig Jahre in der Pastoral der kath. Kirche. Letztendlich geht es darum, die Sünde als solches abzuschaffen und dadurch das Heilsmysterium Jesu Christi ad absurdum zu führen.
Ja, die Barmherzigkeit als „Universalkeule“ für alles, was nach „mittelalterlicher Strenge“ und „brutaler“ Wahrheit schon nur riecht. Die Wahrheit, sie wird nicht mehr ertragen, nicht mehr toleriert, ihre „Unbarmherzigkeit“ widerspricht eben dem angepassten Diskurs, einem Diskurs, in dem es Platz für alle, alle heterodoxen Gläubigen und Ungläubigen haben muss, bis auf eine kleine Gruppe von „widerspenstigen Galliern“ althergebrachter katholischer Prägung, die man in dieser inklusiven Kirche ausschliesst; diesen angeblich unsynodalen, rückwärtsgewandten und starren Gemeinschaften begegnet man sehr unbarmherzig, streng, autoritär und massregelt sie mit überzogenen, sprich drakonischen Massnahmen. Zum Glück überlebt dieses „gallische Dorf“ trotz starker Repressionen. Deren Zaubertrank und Bewaffnung? Die Tradition der katholischen Kirche und die Wahrheit Gottes, am der jede feindliche Waffe schliesslich splittern muss. Früher oder später. „Quis ut Deus?“, rief der hl. Erzengel Michael aus, und der Widersacher Gottes stürzte in die Hölle hinunter. Wir Katholiken rufen aus: „Viva Christo Rey!“
Wir St. Mary’s Biker lieben das Schwert, sind wir doch mit dem Schwert zu Rittern Mariens geschlagen worden. Das mittelalterliche europäische Schwert sieht aus wie ein Kreuz, v.a. dann, wenn die Parierstange etwas länger und gerade ist (leicht gebogen ist auch okay). Ebenso ist das Schwert nach dem Speer wohl eine der effektivsten Waffe im Nahkampf; das europäische (deutsche) Schwert ist auch wesentlich besser als etwa das japanische Kampfschwert Katana, weil die Europäer mitunter den besseren Stahl besassen. Das Schwert ist nicht umsonst eine „himmlische“ Waffe und ein Symbol für Gerechtigkeit, Gericht und Sieg. Ergreifen wir also das geistliche Schwert, ziehen unsere geistliche Rüstung an (vgl. Eph 6 und 1. Thess 5) und kämpfen den guten Kampf, für die Ehre unseres Königs Jesu Christi und unserer himmlischen Königin und Mutter Maria. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Der hl. Erzengel Michael und seine Legionen mögen uns tagtäglich beistehen!
Damals hatte es Kardinal Müller als Chef der Glaubenskongregation bekanntlich so verstanden, daß AL mit dem Lehramt übereinstimme und hat diese seine Ansicht auch immer verteidigt. Beim Antipapst konnte er damit keineswegs punkten wie seine brutale Absetzung durch diesen gezeigt hatte.
Hätte Kardinal Müller damals Stärke gezeigt, wäre es vielleicht noch anders gekommen. Ihn hätte er, anders als die Dubia-Kardinäle, nicht übergehen können.
Vielleicht kann Kardinal Müller jetzt seinen Irrtum einsehen und für die gerechte Sache einstehen, nämlich im Sinne von Familiaris Consortio. Was hätte er zu verlieren?