Die Menschen, die wir brauchen


Männer, wie sie Kirche und Menschheit in der heutigen Krise brauchen
Männer, wie sie Kirche und Menschheit in der heutigen Krise brauchen

Von Rober­to de Mattei*

Noch vor der Ver­wir­rung der Struk­tu­ren steht die Ver­wir­rung des Den­kens. Das ist der Schlüs­sel, mit dem wir den geschicht­li­chen Augen­blick ver­ste­hen müs­sen, den wir der­zeit erle­ben. Die Kri­se, die heu­te die katho­li­sche Welt erschüt­tert, ist nicht in erster Linie eine orga­ni­sa­to­ri­sche oder stra­te­gi­sche Kri­se; sie ist viel­mehr eine geist­li­che und kul­tu­rel­le Kri­se, die die Art und Wei­se betrifft, wie wir den­ken, urtei­len und auf die Ereig­nis­se reagieren.

Über vie­le Jahr­zehn­te hin­weg übte der poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Pro­gres­sis­mus nahe­zu unan­ge­foch­te­ne Vor­herr­schaft über den Westen aus. Er kon­trol­lier­te die poli­ti­schen Par­tei­en, die gro­ßen Medi­en, die Ver­la­ge, die Uni­ver­si­tä­ten, die Unter­hal­tungs­in­du­strie und schließ­lich auch einen bedeu­ten­den Teil der kirch­li­chen Struk­tu­ren. Sein Ziel bestand dar­in, eine neue Welt­ord­nung zu errich­ten, die auf der Abschaf­fung natür­li­cher und reli­giö­ser Iden­ti­tä­ten, auf der Auf­lö­sung jeder tra­di­tio­nel­len Auto­ri­tät und auf der Erset­zung der christ­li­chen Ord­nung durch eine neue säku­la­re Reli­gi­on beruhte.

Die­se Hege­mo­nie schien noch vor weni­gen Jah­ren nahe­zu unum­kehr­bar. Wer sich ihr wider­setz­te, wur­de aus­ge­grenzt, zen­siert oder ein­fach igno­riert. Doch jedes künst­li­che Gebil­de trägt bereits den Keim sei­nes eige­nen Zer­falls in sich. Tat­säch­lich hat der Beginn des 21. Jahr­hun­derts das Auf­tre­ten einer tie­fen Kri­se die­ses Systems mar­kiert. Vie­le füh­ren die­sen Wan­del auf die Ver­brei­tung des Inter­nets und der sozia­len Medi­en zurück. Es wäre jedoch ein Feh­ler, das Werk­zeug mit der Ursa­che zu verwechseln.

Das Inter­net hat die Gegen­be­we­gung nicht her­vor­ge­bracht; es hat sie ledig­lich sicht­bar gemacht und ihr Wirk­sam­keit ver­lie­hen. Die Vor­se­hung bedient sich häu­fig uner­war­te­ter Mit­tel, um ihre Plä­ne zu ver­wirk­li­chen. Das Netz hat es ermög­licht, das Infor­ma­ti­ons­mo­no­pol zu umge­hen, zen­sier­te Ideen zu ver­brei­ten und Men­schen mit­ein­an­der in Ver­bin­dung zu brin­gen, die bis dahin iso­liert geblie­ben waren. Die wah­re und tie­fe­re Ursa­che die­ser Gegen­re­ak­ti­on liegt jedoch in der natür­li­chen Ord­nung, die jeder ideo­lo­gi­schen Kon­struk­ti­on vor­aus­geht. Wird die­se Ord­nung syste­ma­tisch ver­letzt, dann reagiert die Wirk­lich­keit selbst. Die Natur des Men­schen besitzt eine Wider­stands­kraft, die kei­ne Pro­pa­gan­da end­gül­tig aus­lö­schen kann. Man kann die Wahr­heit ver­dun­keln, aber man kann jenes Natur­ge­setz, das Gott jedem Men­schen ins Herz geschrie­ben hat, nicht voll­stän­dig auslöschen.

Die­se Fähig­keit zur Gegen­wehr ist in den ver­gan­ge­nen fünf­und­zwan­zig Jah­ren beson­ders deut­lich her­vor­ge­tre­ten, vor allem in der katho­li­schen Welt. Vie­le Gläu­bi­ge erkann­ten, daß etwas Wesent­li­ches ver­lo­ren ging, und bemüh­ten sich, die über­lie­fer­te Lit­ur­gie, den über­lie­fer­ten Kate­chis­mus, die rea­li­sti­sche Phi­lo­so­phie, die klas­si­sche Theo­lo­gie und das geist­li­che Erbe der Kir­che wie­der­zu­ge­win­nen. Doch gera­de als sich eine mög­li­che Bün­de­lung die­ser Kräf­te abzu­zeich­nen schien, zeig­te sich das, was man als den letz­ten Aus­schlag des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses bezeich­nen könnte.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren folg­te eine Rei­he von Ereig­nis­sen auf­ein­an­der, die die katho­li­sche Welt tief erschüt­tert haben. Die Pan­de­mie der Jah­re 2020/​2021 schuf ein Kli­ma kol­lek­ti­ver Angst und gegen­sei­ti­gen Miß­trau­ens. Der rus­sisch-ukrai­ni­sche Krieg, der 2022 aus­brach, ver­stärk­te die Ver­wir­rung und Pola­ri­sie­rung zusätz­lich. Die inner­kirch­li­chen Ent­wick­lun­gen beim Über­gang vom Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus zu dem Leos XIV. führ­ten zu über­stei­ger­ten Hoff­nun­gen eben­so wie zu über­mä­ßi­ger Ent­mu­ti­gung – häu­fig in kei­nem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zur tat­säch­li­chen Bedeu­tung der Ereig­nis­se. Die­se psy­cho­lo­gi­sche Atmo­sphä­re wur­de gezielt genutzt, um jede mög­li­che Wie­der­an­nä­he­rung jener katho­li­schen Kräf­te zu ver­hin­dern, die sich der Tra­di­ti­on ver­bun­den füh­len. Das Ergeb­nis war eine Zer­split­te­rung, die in ihrer Schär­fe mög­li­cher­wei­se bei­spiel­los in der Geschich­te ist.

Die schwer­wie­gend­ste Fol­ge die­ser Situa­ti­on ist nicht orga­ni­sa­to­ri­scher, son­dern gei­sti­ger Natur. Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra hat in Revo­lu­ti­on und Gegen­re­vo­lu­ti­on wie­der­holt die Ver­küm­me­rung des Denk­ver­mö­gens als eines der cha­rak­te­ri­sti­schen Phä­no­me­ne der moder­nen Welt ange­pran­gert. Mar­cel De Cor­te wid­me­te die­sem The­ma sein ein­dring­li­ches Buch Der Ver­stand in Todes­ge­fahr. Die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung hat die­sen Pro­zeß noch beschleu­nigt. Der heu­ti­ge Mensch lebt in einem unun­ter­bro­che­nen Strom von Infor­ma­tio­nen, Bil­dern, Emo­tio­nen und Kon­tro­ver­sen. Sozia­le Medi­en – Face­book, Insta­gram, Tik­Tok und stän­dig neu ent­ste­hen­de Platt­for­men – beschrän­ken sich nicht dar­auf, Nach­rich­ten zu ver­brei­ten; ihre Funk­ti­ons­wei­se selbst ist dar­auf ange­legt, die Tätig­keit des Ver­stan­des zu schwä­chen. Sie för­dern unmit­tel­ba­re Reak­tio­nen, stel­len Emo­tio­nen über das Urteil und Schnel­lig­keit über Tie­fe. Nicht mehr die Wahr­heit wird gesucht, son­dern die schnellst­mög­li­che Antwort.

Die­ses Phä­no­men hat auch Krei­se erfaßt, die sich selbst als tra­di­ti­ons­ver­bun­den ver­ste­hen und auf­grund ihrer Bil­dung eigent­lich am ehe­sten dage­gen gefeit sein müß­ten. So droht ein Para­dox: Man besitzt eine soli­de dok­tri­nä­re Grund­la­ge und lebt zugleich psy­cho­lo­gisch nach den Kate­go­rien der revo­lu­tio­nä­ren Kul­tur. Man springt von einer Empö­rung zur näch­sten, von einer Begei­ste­rung zur Ent­täu­schung, von einer Kon­tro­ver­se zur fol­gen­den, ohne jene inne­re Ruhe zu bewah­ren, die allein ein ech­tes über­na­tür­li­ches Urteil ermöglicht.

Die gro­ßen Kri­sen der Kir­che wur­den stets von Men­schen bewäl­tigt, die im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes kon­tem­pla­tiv im Han­deln waren. Der hei­li­ge Atha­na­si­us, der hei­li­ge Gre­gor VII., der hei­li­ge Pius V. und der hei­li­ge Pius X. wur­den von den Ereig­nis­sen nicht mit­ge­ris­sen; sie beherrsch­ten sie, weil sie sie im Licht höhe­rer Prin­zi­pi­en zu beur­tei­len wuß­ten. Ihre Kraft ent­sprang dem Gebet, der gei­sti­gen Dis­zi­plin und der Gewohn­heit, die Tat­sa­chen den Prin­zi­pi­en unter­zu­ord­nen und nicht die Prin­zi­pi­en den Tat­sa­chen. Jede ech­te Erneue­rung beginnt stets mit einer Erneue­rung der Kräf­te der Seele.

Stu­di­um, Besin­nung und der Vor­rang der Kon­tem­pla­ti­on vor dem Han­deln sind unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zun­gen für das Wachs­tum des inne­ren Lebens und für die Her­an­bil­dung von Men­schen, die die Ereig­nis­se unse­rer Zeit rich­tig zu beur­tei­len vermögen.

Dom Jean-Bap­ti­ste Chau­t­ard erin­ner­te in sei­nem berühm­ten Werk Die See­le jedes Apo­sto­la­tes dar­an, daß die Häre­sie des Akti­vis­mus dar­in besteht, die Tätig­keit an die Stel­le des inne­ren Lebens zu set­zen. Heu­te könn­ten wir hin­zu­fü­gen, daß es auch eine neue Form des Akti­vis­mus gibt: den digi­ta­len Akti­vis­mus. Er besteht in einer stän­di­gen Unru­he, die den Ein­druck enga­gier­ten Han­delns ver­mit­telt, wäh­rend sie die geist­li­chen Kräf­te lang­sam auf­zehrt. Die Jagd nach dem Sen­sa­tio­nel­len tritt an die Stel­le der täg­li­chen Treue; das Außer­ge­wöhn­li­che erscheint reiz­vol­ler als das Gewöhn­li­che. Doch gera­de in der Treue zu den klei­nen Din­gen bil­det sich der christ­li­che Cha­rak­ter. Mit­un­ter bedarf es grö­ße­ren Hel­den­tums, die täg­li­che Pflicht zu erfül­len, als sich einer außer­ge­wöhn­li­chen Gele­gen­heit zu stel­len. Wie Mon­si­gno­re Pier Car­lo Lan­duc­ci bemerkt, mag das demü­ti­ge Bewußt­sein der eige­nen Gering­fü­gig­keit nur einen beschei­de­nen Platz in der Herr­lich­keit der Hei­li­gen erwar­ten las­sen; doch alle sind zur heroi­schen Hei­lig­keit beru­fen, denn, wie der hei­li­ge Pau­lus lehrt: „Denn das ist der Wil­le Got­tes: eure Hei­li­gung“ (1 Thess 4,3).

Schließ­lich gibt es noch eine letz­te, beson­ders gefähr­li­che Ver­su­chung. Ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Schwie­rig­kei­ten in der Kir­che sind man­che ver­sucht, außer­halb ihrer Zuflucht zu suchen. Außer­halb zu kämp­fen scheint ein­fa­cher zu sein, als die Lei­den zu ertra­gen, die aus den inne­ren Kri­sen ent­ste­hen. Es ist leich­ter, sich voll­kom­me­ne Gemein­schaf­ten vor­zu­stel­len, als in der Prü­fung treu zu blei­ben. Doch die­ser Weg führt unwei­ger­lich in eine Sackgasse.

Die Kir­che bleibt der Mysti­sche Leib Chri­sti, auch wenn sie von tie­fen Kri­sen erschüt­tert wird. Ihre Glie­der kön­nen untreu sein; ihre Hir­ten kön­nen Feh­ler bege­hen und sogar schwer­wie­gen­de Ver­wir­rung för­dern. Unter bestimm­ten Umstän­den kann Wider­stand legi­tim und sogar Pflicht sein. Den­noch gibt es kei­nen wahr­haft katho­li­schen Weg außer­halb der Insti­tu­tio­nen der Kir­che und kei­ne Erneue­rung, die dadurch ver­wirk­licht wer­den könn­te, daß man sich dau­er­haft und grund­sätz­lich den­je­ni­gen ent­ge­gen­stellt, die ihre recht­mä­ßi­ge Auto­ri­tät ausüben.

Die Geschich­te lehrt, daß alle gro­ßen katho­li­schen Erneue­rungs­be­we­gun­gen von Män­nern aus­ge­gan­gen sind, die ent­schie­de­nen Wider­stand gegen den Irr­tum mit uner­schüt­ter­li­cher Lie­be zur sicht­ba­ren und hier­ar­chisch ver­faß­ten Kir­che zu ver­bin­den wußten.

Des­halb besteht die ent­schei­den­de Schlacht unse­rer Zeit nicht in erster Linie dar­in, die Stim­me zu erhe­ben, den Näch­sten anzu­kla­gen oder immer neue Initia­ti­ven und Medi­en­kam­pa­gnen zu star­ten. Sie besteht viel­mehr dar­in, Men­schen her­an­zu­bil­den, die inner­lich geord­net sind, fähig zu Stu­di­um, Gebet, Opfer­be­reit­schaft und vor allem zu inne­rem Gleichgewicht.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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