Die Befreiung Wiens und das Fest des Heiligsten Namens Mariens

Über dem Untergang der Reiche bleibt der Name der Muttergottes bestehen

1683 vor Wien wurde der Vormarsch der Osmanen nach Mitteleuropa gestoppt. Der Sieg der christlichen Verbündeten bewahrte Wien vor der Eroberung und leitete den Rückzug der osmanischen Macht aus Mitteleuropa ein.
1683 vor Wien wurde der Vormarsch der Osmanen nach Mitteleuropa gestoppt. Der Sieg der christlichen Verbündeten bewahrte Wien vor der Eroberung und leitete den Rückzug der osmanischen Macht aus Mitteleuropa ein.

Von Rober­to de Mattei* 

Am frü­hen Mor­gen des 12. Sep­tem­ber 1683 schweif­te der Blick von den Höhen des Kah­len­bergs über die vom Rauch ein­ge­hüll­te Stadt Wien. Seit bei­na­he zwei Mona­ten wur­de die Haupt­stadt des Kai­ser­rei­ches von der osma­ni­schen Armee bela­gert. Die durch Minen schwer beschä­dig­ten Mau­ern stan­den kurz vor dem Ein­sturz; die durch Hun­ger, Krank­hei­ten und Kämp­fe dezi­mier­ten Ver­tei­di­ger berei­te­ten sich auf den letz­ten Wider­stand vor. Jen­seits der Bastio­nen erstreck­te sich das gewal­ti­ge Lager des Groß­we­sirs Kara Musta­fa mit sei­nen Zel­ten, Feld­zei­chen und einer unüber­schau­ba­ren Men­ge von Sol­da­ten, die bis ins Herz Euro­pas vor­ge­drun­gen waren.

Der Fall Wiens schien unmit­tel­bar bevor­zu­ste­hen. Und mit Wien wäre dem Islam der Weg in das Hei­li­ge Römi­sche Reich und ganz Mit­tel­eu­ro­pa geöff­net worden.

Der tür­ki­sche Vor­marsch hat­te im Früh­jahr 1683 begon­nen. Kara Musta­fa hat­te ein gewal­ti­ges Heer ver­sam­melt und war über Ungarn bis vor Wien gezo­gen, wo er am 14. Juli ein­traf. Kai­ser Leo­pold I. hat­te die Haupt­stadt ver­las­sen und die Ver­tei­di­gung dem Gra­fen Ernst Rüdi­ger von Starhem­berg anver­traut. Die­ser ver­füg­te nur über eini­ge tau­send Mann, denen sich Frei­wil­li­ge und Bür­ger anschlos­sen. Wochen­lang wie­sen die Wie­ner die Angrif­fe zurück, lösch­ten Brän­de, repa­rier­ten Bre­schen und gru­ben unter­ir­di­sche Gän­ge, um die Minen des Fein­des abzufangen.

Doch mit jedem Tag zog sich der Ring enger. Anfang Sep­tem­ber lagen die Befe­sti­gungs­an­la­gen weit­ge­hend in Trüm­mern, und die osma­ni­schen Trup­pen waren bereits in die äuße­ren Ver­tei­di­gungs­wer­ke ein­ge­drun­gen. In der Stadt wur­de inzwi­schen mit der Gewiß­heit gekämpft, daß der näch­ste Angriff der letz­te sein könnte.

In Rom ver­folg­te Papst Inno­zenz XI. die Ereig­nis­se mit gro­ßer Sor­ge. Schon seit län­ge­rer Zeit bemüh­te er sich, die Spal­tun­gen unter den christ­li­chen Für­sten zu über­win­den und ein Bünd­nis gegen die osma­ni­sche Macht zustan­de zu brin­gen. Er unter­stütz­te den Krieg finan­zi­ell und för­der­te die Ver­stän­di­gung zwi­schen dem Kai­ser und dem pol­ni­schen König Johann III. Sobie­ski. Die mili­tä­ri­sche Mobi­li­sie­rung wur­de von einer inten­si­ven geist­li­chen Mobi­li­sie­rung beglei­tet. In der gan­zen Chri­sten­heit wur­de gebe­tet, und der Papst hat­te die Ret­tung Wiens der seli­gen Jung­frau Maria anvertraut.

Der Kapu­zi­ner Mar­co d’Aviano, päpst­li­cher Gesand­ter und lei­den­schaft­li­cher Pre­di­ger, berei­ste die euro­päi­schen Höfe und ermahn­te die Herr­scher, Riva­li­tä­ten und Miß­trau­en zu über­win­den. Sei­ne Mis­si­on war nicht nur diplo­ma­ti­scher Natur. Er wuß­te, daß man den Kämp­fen­den zunächst den höhe­ren Sinn ihres Kamp­fes vor Augen füh­ren muß­te, bevor man die Hee­re auf dem Schlacht­feld aufstellte.

Der pol­ni­sche König folg­te dem Auf­ruf. Johann Sobie­ski war ein tap­fe­rer Herr­scher, der bereits durch Sie­ge über die Tür­ken berühmt gewor­den war; vor allem aber war er ein Mann von tie­fer Mari­en­fröm­mig­keit. Vor sei­ner Abrei­se pil­ger­te er zum Hei­lig­tum der Schwar­zen Madon­na von Tschen­sto­ch­au. Er setz­te sein eige­nes König­reich der Gefahr aus, um Wien zu Hil­fe zu eilen, im Bewußt­sein, daß vom Schick­sal der Stadt die Zukunft der euro­päi­schen Chri­sten­heit abhing.

Das Ent­satz­heer ver­ein­te Polen und Litau­er mit Öster­rei­chern, Bay­ern, Sach­sen und wei­te­ren deut­schen Kon­tin­gen­ten. Ver­schie­de­ne Spra­chen, Tra­di­tio­nen und Inter­es­sen tra­fen unter einem gemein­sa­men Ban­ner zusam­men. Der Ober­be­fehl wur­de Sobie­ski über­tra­gen, wäh­rend Karl von Loth­rin­gen die kai­ser­li­chen Trup­pen führ­te. Nach einem beschwer­li­chen Marsch über­quer­ten die Ver­bün­de­ten die Donau und erreich­ten die Höhen, die Wien beherrschten.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Sep­tem­ber war­te­ten auf den Hän­gen des Kah­len­bergs Tau­sen­de von Män­nern schwei­gend auf den Beginn der Schlacht. Unter ihnen leuch­te­ten die zahl­lo­sen Feu­er des osma­ni­schen Lagers. Vor der Schlacht fei­er­te Pater Mar­co d’Aviano die hei­li­ge Mes­se und erfleh­te den Schutz der Got­tes­mut­ter. Sobie­ski wohn­te dem Hei­li­gen Opfer bei und ver­trau­te den Aus­gang des Tages Maria an.

Die Schlacht begann in den frü­hen Mor­gen­stun­den. Die kai­ser­li­chen Trup­pen rück­ten auf dem lin­ken Flü­gel vor und erober­ten unter schwer­sten Kämp­fen die befe­stig­ten Dör­fer, die das tür­ki­sche Lager schütz­ten. Im Zen­trum und auf der rech­ten Sei­te stie­gen die pol­ni­schen Kon­tin­gen­te lang­sam von den Höhen her­ab. Kara Musta­fa, bis zuletzt davon über­zeugt, Wien erobern zu kön­nen, gelang es nicht, sei­ne gesam­ten Kräf­te gegen das Ent­satz­heer zu kon­zen­trie­ren. Wäh­rend die Jani­tscha­ren den Druck auf die Mau­ern auf­recht­erhiel­ten, begann die osma­ni­sche Auf­stel­lung zu wanken.

Gegen Abend kam der ent­schei­den­de Augen­blick. Von den Hän­gen des Kah­len­bergs stürm­ten Tau­sen­de Rei­ter mit gezück­ten Säbeln in die Ebe­ne hin­ab, wäh­rend die von Sobie­ski geführ­ten pol­ni­schen Flü­gel­hu­sa­ren gegen das Zen­trum der feind­li­chen Auf­stel­lung vor­stie­ßen. Das Dröh­nen der Hufe, das Auf­blit­zen der Lan­zen und das Zischen der cha­rak­te­ri­sti­schen Flü­gel, die an den Rüstun­gen befe­stigt waren, erzeug­ten eine über­wäl­ti­gen­de Wir­kung. Die osma­ni­schen Lini­en wur­den durch­bro­chen; das Lager Kara Musta­fas wur­de über­rannt, und die Panik ging in eine all­ge­mei­ne Flucht über.

Von den Mau­ern aus sahen die Wie­ner, wie sich das Heer, das sie wochen­lang bela­gert hat­te, vor ihren Augen auf­lö­ste. Nach Wochen der Angst war die Stadt frei.

Nach­dem Sobie­ski in das Lager des Groß­we­sirs ein­ge­drun­gen war, schrieb er sei­ner Frau einen Satz, der in die Geschich­te ein­ge­hen soll­te. In Abwand­lung der Wor­te Cäsars schrieb er: „Veni­mus, vidi­mus, Deus vicit“ – „Wir kamen, wir sahen, Gott sieg­te.“ Er schrieb den Erfolg weder sei­nem eige­nen Kön­nen noch der Stär­ke der christ­li­chen Hee­re zu, son­dern dem Wir­ken der gött­li­chen Vor­se­hung. Doch neben Sobie­ski war der gro­ße Urhe­ber der Befrei­ung Wiens Papst Inno­zenz XI., den Pius XII. am 7. Okto­ber 1956 selig­sprach und dabei an des­sen ent­schei­den­de Rol­le in die­sem Gesche­hen erinnerte.

Die Befrei­ung Wiens mar­kier­te einen histo­ri­schen Wen­de­punkt. Die osma­ni­sche Expan­si­on in Euro­pa war auf­ge­hal­ten, und in den fol­gen­den Jah­ren befrei­ten die kai­ser­li­chen Hee­re fast das gan­ze dama­li­ge König­reich Ungarn.

Um die Erin­ne­rung an den gro­ßen Sieg für die Zukunft zu bewah­ren, wei­te­te Inno­zenz XI. das Fest des Hei­lig­sten Namens Mari­ens, das bereits in eini­gen Regio­nen gefei­ert wor­den war, auf die gesam­te Kir­che aus. Zunächst wur­de der Gedenk­tag auf den Sonn­tag inner­halb der Oktav des Festes Mariä Geburt gelegt; spä­ter bestimm­te ihn der hei­li­ge Pius X. auf den 12. Sep­tem­ber, den Jah­res­tag der Befrei­ung Wiens.

So blieb der Name Mari­ens mit einer der dra­ma­tisch­sten Stun­den der euro­päi­schen Geschich­te ver­bun­den. Er war in den Gebe­ten Roms erklun­gen, in den Hei­lig­tü­mern Polens, auf den bela­ger­ten Mau­ern Wiens und auf den Höhen des Kah­len­bergs. Die Kämp­fen­den hat­ten ihn vor dem Zusam­men­stoß aus­ge­spro­chen und die Sie­ger nach der Schlacht.

Das Fest des Hei­lig­sten Namens Mari­ens zu fei­ern bedeu­tet, sich dar­an zu erin­nern, daß in Augen­blicken, in denen die mensch­li­chen Kräf­te unzu­rei­chend erschei­nen und alles ver­lo­ren scheint, die Geschich­te nie­mals der Füh­rung der gött­li­chen Vor­se­hung ent­glei­tet. Wien stand kurz vor dem Fall, doch gera­de in der dun­kel­sten Stun­de kam die Befreiung.

Über dem Getüm­mel der Waf­fen und dem Unter­gang der Rei­che bleibt der Name der Mut­ter­got­tes bestehen: ein Name der Hoff­nung, der Barm­her­zig­keit und des Sieges.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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