Zehn Jahre Amoris laetitia: Verwirrung als Programm?

Wie das Erbe von Papst Franziskus abgesichert werden soll

Papst Leo XIV. bei der von ihm ausgerichteten Zusammenkunft anläßlich des 10-jährigen Jubiläums von Amoris laetitia im Vatikan.
Papst Leo XIV. bei der von ihm ausgerichteten Zusammenkunft anläßlich des 10-jährigen Jubiläums von Amoris laetitia im Vatikan.

Zehn Jah­re nach der Ver­öf­fent­li­chung von Amo­ris lae­ti­tia ist der Streit um das Schrei­ben von Papst Fran­zis­kus kei­nes­wegs bei­gelegt. Eine vati­ka­ni­sche Zusam­men­kunft der Vor­sit­zen­den der Bischofs­kon­fe­ren­zen soll­te in den ver­gan­ge­nen Tagen Bilanz zie­hen. Doch statt die ent­stan­de­nen Bruch­li­ni­en zu schlie­ßen, droht die heu­te zu Ende gege­hen­de Kon­fe­renz, das umstrit­te­ne Erbe des argen­ti­ni­schen Pon­ti­fi­kats nach­träg­lich abzusichern.

Der Jour­na­list Ray­mond Arro­yo, der Kir­chen­recht­ler Pater Gerald Mur­ray und Robert Roy­al, Her­aus­ge­ber von The Catho­lic Thing, üben schar­fe Kri­tik an die­ser Ent­wick­lung. Ihr zen­tra­ler Ein­wand: Unter dem Schlag­wort der Barm­her­zig­keit dro­he die unver­än­der­li­che Moral­leh­re der Kir­che schritt­wei­se rela­ti­viert zu werden.

Wenn Barmherzigkeit die Wahrheit verdrängt

Im Zen­trum steht das umstrit­te­ne ach­te Kapi­tel von Amo­ris lae­ti­tia und die Fra­ge, ob zivil wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen die Sakra­men­te emp­fan­gen kön­nen, obwohl ihr gül­ti­ges Ehe­band fort­be­steht. Aller­dings geht es in Amo­ris lae­ti­tia auch um ande­re irre­gu­lä­re Verbindungen.

Die Kir­che muß Men­schen in schwie­ri­gen Lebens­la­gen beglei­ten. Doch per­sön­li­che Schuld und objek­ti­ve mora­li­sche Bewer­tung sind nicht das­sel­be. Mil­dern­de Umstän­de kön­nen die Ver­ant­wort­lich­keit beein­flus­sen; sie machen eine objek­tiv unge­ord­ne­te Situa­ti­on aber nicht rechtmäßig.

Pater Mur­ray erin­ner­te dar­an, daß Got­tes Gebo­te kei­ne uner­reich­ba­ren Idea­le sind. Die christ­li­che Bot­schaft ver­kün­det nicht nur die Sün­de, son­dern auch die Gna­de, die zur Umkehr befä­higt. Wird mensch­li­che Zer­brech­lich­keit zum Argu­ment dafür, die Ver­bind­lich­keit der Gebo­te abzu­schwä­chen, ver­kehrt sich das Ver­hält­nis von Wahr­heit und Barm­her­zig­keit: Nicht mehr der Mensch soll sich an der Wahr­heit aus­rich­ten, son­dern die Wahr­heit an den Lebensumständen.

Der Ver­weis auf Johan­nes Paul II. trägt dabei ganz und gar nicht. In Fami­lia­ris con­sor­tio von 1981 unter­schied der pol­ni­sche Papst zwi­schen der „Gesetz­mä­ßig­keit der Gra­dua­li­tät“, also dem schritt­wei­sen Weg der Bekeh­rung, und einer „Gra­dua­li­tät des Geset­zes“, die die Ver­bind­lich­keit der mora­li­schen Norm vom Ent­wick­lungs­stand des ein­zel­nen abhän­gig machen wür­de. Wer bei­des ver­mischt, macht aus Got­tes Gebo­ten unver­bind­li­che Ideale.

Für zusätz­li­che Irri­ta­ti­on sorg­te die Deu­tung des Gesprächs Jesu mit der Sama­ri­te­rin am Jakobs­brun­nen. Sr. Helen Alford, seit 2023 Vor­sit­zen­de der Päpst­li­chen Aka­de­mie der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, ver­wies auf eine Aus­le­gung, die das Vor­ge­hen Chri­sti als „Flirt“ bezeich­ne­te. Ray­mond Roy­al und Pater Mur­ray wei­sen die­se Les­art scharf zurück: Chri­stus umwirbt die Frau nicht im welt­li­chen Sinn, son­dern führt sie zur Wahr­heit und eröff­net ihr den Weg zum Heil. Wer die­se Begeg­nung zum Flirt bana­li­siert, ver­harm­lost den Ernst der bibli­schen Botschaft.

Ein Dialog ohne die unbequemen Stimmen?

Auch die Aus­wahl der Teil­neh­mer an der vati­ka­ni­schen Zusam­men­kunft wur­de bereits im Vor­feld kri­ti­siert. Wäh­rend nur fünf Fami­li­en aus den ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten ver­tre­ten waren, erhiel­ten zahl­rei­che Ver­tre­ter der pro­gres­si­ven Rich­tung pro­mi­nen­te Rol­len. Vor allem unter den von Papst Leo XIV. per­sön­lich zur Zusam­men­kunft Ein­ge­la­de­nen sind pro­gres­si­ve Kir­chen­ver­tre­tern auf­fal­lend zahl­reich ver­tre­ten. Namen wie die Kar­di­nä­le Joseph Tobin, Bla­se Cupich, Jean-Clau­de Hol­le­rich, Robert McEl­roy und Víc­tor Manu­el Fernán­dez sowie Bischof Dani­el Flo­res ste­chen ins Auge..

Pro­fi­lier­te Kri­ti­ker wie die Kar­di­nä­le Ray­mond Bur­ke und Wal­ter Brand­mül­ler, die mit ihren Dubia Fra­gen zu Amo­ris lae­ti­tia auf­ge­wor­fen hat­ten, fehl­ten eben­so wie Kar­di­nal Robert Sarah, Kar­di­nal Timo­thy Dolan, Bischof Robert Bar­ron und Erz­bi­schof Sal­va­to­re Cordileone.

Ein Dia­log, bei dem die unbe­que­men Stim­men feh­len, droht zum insze­nier­ten Kon­sens zu wer­den. Wer Syn­oda­li­tät beschwört, muß auch Wider­spruch zulas­sen. Andern­falls wird Bera­tung zum Instru­ment, um eine bereits fest­ge­leg­te Linie nach­träg­lich zu legitimieren.

In die­sel­be Rich­tung weist nach Ansicht Mur­rays die Ernen­nung von Sr. Mary Baron zur bei­geord­ne­ten Sekre­tä­rin des Dik­aste­ri­ums für die Evan­ge­li­sie­rung und zur Vor­sit­zen­den der Päpst­li­chen Mis­si­ons­wer­ke. Ihre Unter­stüt­zung für die Frau­en­or­di­na­ti­on und ein Frau­en­dia­ko­nat wirft Fra­gen nach der theo­lo­gi­schen Aus­rich­tung der kuria­len Per­so­nal­po­li­tik auf. Johan­nes Paul II. stell­te 1994 klar, daß die Kir­che kei­ne Voll­macht besitzt, Frau­en zu Prie­stern zu wei­hen. Der Kampf um das Frau­en­dia­ko­nat zielt seit­her dar­auf ab, die­se Gren­ze auf­zu­bre­chen. Ist der erste Damm gebro­chen, fol­gen die näch­sten For­de­run­gen: Prie­ste­rin­nen und Bischö­fin­nen. Es geht nicht um ein Dia­ko­nat, son­dern um die schritt­wei­se Aus­höh­lung der über­lie­fer­ten Wei­he­ord­nung, des­sen soll­te sich alle bewußt sein. Es sagt auch viel über die Unehr­lich­keit der femi­ni­sti­schen und pro­gres­si­ven For­de­rung nach dem Frau­en­dia­ko­nat aus.

Synodalität als Instrument der Macht

Der Streit betrifft längst mehr als ein­zel­ne Per­so­nal­ent­schei­dun­gen oder theo­lo­gi­sche For­mu­lie­run­gen. Pater Mur­ray schil­dert in sei­nem Buch A Papa­cy of Con­fu­si­on: The Con­tro­ver­si­al Lega­cy of Pope Fran­cis (Ein Pon­ti­fi­kat der Ver­wir­rung: Das umstrit­te­ne Ver­mächt­nis von Papst Fran­zis­kus) die Vor­gän­ge bei der Fami­li­en­syn­ode von 2014. Drei umstrit­te­ne Pas­sa­gen zur Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne und zum Umgang mit homo­se­xu­el­len Bezie­hun­gen hat­ten die erfor­der­li­che Zwei­drit­tel­mehr­heit ver­fehlt. Den­noch ord­ne­te Fran­zis­kus ihre Auf­nah­me in den Abschluß­be­richt an, ohne die Ableh­nung durch die Syn­oden­vä­ter kennt­lich zu machen.

Robert Roy­al berich­tet zudem eine Äuße­rung, die Fran­zis­kus dem dama­li­gen Erz­bi­schof Bru­no For­te, ver­ant­wort­lich für die Schluß­re­dak­ti­on des Abschluß­be­rich­tes, gegen­über mach­te. Mit Blick auf For­mu­lie­run­gen zu homo­se­xu­el­len Bezie­hun­gen habe der Papst ihn ange­wie­sen, die Öff­nun­gen nicht zu aus­drück­lich hin­ein­zu­schrei­ben, denn das wür­de nur den Wider­stand der Kri­ti­ker wecken, er wer­de dann schon die nöti­gen Kon­se­quen­zen zie­hen. Die­ses Bei­spiel, von For­te selbst 2016 öffent­lich erzählt, da er von Fran­zis­kus‘ Geris­sen­heit begei­sert war, offen­bart intel­lek­tu­el­le Unred­lich­keit auf höch­ster Ebene.

Ins­ge­samt ent­hül­len die berich­te­ten Vor­fäl­le schwer­wie­gen­de Vor­gän­ge hin­ter den Kulis­sen. Ein Bera­tungs­ver­fah­ren, des­sen Abstim­mungs­er­geb­nis­se anschlie­ßend von oben aus­ge­he­belt wer­den, ver­liert sei­ne Glaub­wür­dig­keit. Syn­oda­li­tät ist dem­nach nicht Aus­druck gemein­sa­mer Unter­schei­dung, son­dern ein Mit­tel zur Durch­set­zung einer bereits fest­ge­leg­ten Marschrichtung.

Hin­zu kommt die geplan­te Ver­öf­fent­li­chung pri­va­ter Auf­zeich­nun­gen von Fran­zis­kus aus den Jah­ren 1992 bis 2024 unter der Betreu­ung von Kar­di­nal Fernán­dez. Mur­ray bezwei­felt, daß es sich dabei durch­weg um per­sön­li­che geist­li­che Tage­bü­cher han­delt; mög­li­cher­wei­se sei­en es vor allem Arbeits­no­ti­zen und Ter­min­auf­zeich­nun­gen. Die histo­ri­sche Auf­ar­bei­tung des Pon­ti­fi­kats droht damit selbst zum Gegen­stand eines Streits um die Deu­tungs­ho­heit zu werden.

Papst Leo vor der Entscheidung

Papst Leo XIV. sprach sich gegen eine Ver­wäs­se­rung des Glau­bens aus und setz­te anfangs durch Begeg­nun­gen mit Ver­tre­tern tra­di­tio­nel­ler Posi­tio­nen eini­ge Zei­chen der Gesprächs­be­reit­schaft. Doch Gesten allein genü­gen nicht. Solan­ge grund­le­gen­de Fra­gen über Ehe, Sakra­men­te und mora­li­sche Nor­men unge­klärt blei­ben, wird die kirch­li­che Ein­heit auf eine har­te Pro­be gestellt.

Die Gefahr besteht dar­in, daß sich eine katho­li­sche Kir­che mit regio­nal abwei­chen­den mora­li­schen und sakra­men­ta­len Prak­ti­ken her­aus­bil­det. Aus der Welt­kir­che wür­de schritt­wei­se ein blo­ßer Ver­band von Teil­kir­chen, die orga­ni­sa­to­risch noch ver­bun­den sind, in den grund­le­gen­den Fra­gen aber auseinanderdriften.

Fran­zis­kus gab die­se Ent­wick­lung bewußt frei, über­zeugt vom unauf­halt­sa­men Sieg der pro­gres­si­ven Sache. Die Dezen­tra­li­sie­rung dien­te ihm ledig­lich dazu, Wider­stän­de zu schwä­chen und gleich­zei­tig in den pro­gres­siv geführ­ten Tei­len der Kir­che die pro­gres­si­ve Agen­da sofort durch­zu­set­zen. Dabei war er fest über­zeugt, daß es nur eine Fra­ge der Zeit sei wür­de, bis auch die wider­stän­di­gen, kon­ser­va­ti­ven Tei­le nach­zie­hen wür­den – sobald in den Diö­ze­sen neue Bischö­fe ernannt wären.

Zehn Jah­re nach Amo­ris lae­ti­tia ist des­halb nicht ent­schei­dend, wie sich der Streit mög­lichst geräusch­los ver­wal­ten läßt. Ent­schei­dend ist, ob Rom bereit ist, die ent­stan­de­ne Ver­wir­rung beim Namen zu nen­nen und die offe­nen Fra­gen klar zu beant­wor­ten. Die in den ver­gan­ge­nen Tagen vom Hei­li­gen Stuhl durch­ge­führ­te Zusam­men­kunft weist nicht in die­se Richtung.

Barm­her­zig­keit bedeu­tet jedoch, den Sün­der zur Umkehr zu beglei­ten, nicht die Sün­de umzu­be­nen­nen. Eine kirch­li­che Maxi­me lau­te­te durch die Jahr­hun­der­te: Haße die Sün­de, lie­be den Sün­der. Doch die­se Maxi­me scheint in Ver­ges­sern­heit gera­ten zu sein. Auch Syn­oda­li­tät kann für die Kir­che nur bedeu­ten, gemein­sam nach der Wahr­heit zu suchen, nicht uner­wünsch­te Abstim­mungs­er­geb­nis­se zu über­ge­hen und kir­chen­fer­ne zeit­gei­sti­ge Ent­wick­lun­gen zu übernehmen. 

Die Kir­che braucht kei­nen künst­li­chen Kon­sens. Sie braucht Klar­heit im Glau­ben, Ver­läß­lich­keit in der Leh­re und eine Pasto­ral, die den Men­schen liebt, ohne ihm die Wahr­heit vor­zu­ent­hal­ten. Wird Leo XIV. die­ser Auf­ga­be gewach­sen sein? Will er sie erfüllen?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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