Kardinal Mauro Gambetti OFMConv steht offenbar unmittelbar vor dem Abschied vom Petersdom. Seit Monaten kursieren Gerüchte über seine Ablösung als Erzpriester der Vatikanbasilika. Nun verdichten sich die Hinweise. Als neues Ziel wird die süitalienische Erzdiözese Chieti-Vasto genannt.
Der Vatikanist Francesco Capozza von der italienischen Tageszeitung Il Tempo meldete gestern auf X, die Entfernung Gambettis als Erzpriester von St. Peter sei nur noch eine Frage von Stunden. Gerüchte sind schon seit Monaten im Umlauf, daß Gambetti, ehemaliger Kustos des Sacro Convento, wie der Minoritenorden sein Mutterkloster in Assisi nennt, neuer Erzbischof von Chieti-Vasto in den Abbruzzen werden soll. Möglich sei darüber hinaus, so nun Capozza, eine Verbindung mit dem Bistum Lanciano in persona episcopi. In Italien, dem Land mit den meisten Diözesen weltweit, wird schon länger eine Diözesanreform angestrebt, die in einer ersten Etappe Personalunionen vorsieht für Bistümer, die in einem zweiten Schritt zusammengeschlossen werden sollen. Was den Zeitpunkt der offiziellen Bekanntgabe betrifft, gibt es unterschiedliche Informationen: Die Rede ist von Donnerstag oder Samstag.
Noch ist die Meldung nicht offiziell bestätigt. In der aktuellen offiziellen Biographie des Heiligen Stuhls wird Kardinal Gambetti weiterhin als Erzpriester der Petersbasilika, Generalvikar des Papstes für den Staat der Vatikanstadt und Vorsitzender der Dombauhütte geführt.
Vom Franziskus-Vertrauten zum Bischof von Chieti-Vasto?
Gambettis Aufstieg war ungewöhnlich steil. Der am 27. Oktober 1965 geborene Ordensmann der Franziskaner-Konventualen, also Minoriten, wurde von Papst Franziskus von Assisi nach Rom berufen und am 28. November 2020 zum Kardinal kreiert. Wenige Monate später, am 20. Februar 2021, ernannte ihn Franziskus zum Erzpriester von St. Peter, zum Generalvikar für die Vatikanstadt und zum Präsidenten der Dombauhütte.
Der Ernennungt gingen tiefgreifende Umbrüche in der Hausordnung des Petersdoms voraus, die das vatikanische Staatssekretariat in der Zeit der kurzen Vakanz des Erzpriesteramtes durchsetzte. Die regelmäßigen Zelebrationen im Novus Ordo wurden auf wenige reduziert und am Morgen konzentriert mit der Verpflichtung zur Konzelebration. Der überlieferte Ritus wurde zugleich aus dem Petersdom verbannt und exklusiv in die Vatikanischen Grotten verschoben. Seither gab es nur eine Ausnahme von dieser Regelung, als Papst Leo XIV. im Vorjahr Kardinal Raymond Burke erlaubte im Rahmen der internationalen Wallfahrt der Tradition Ad Petri Sedem, am Cathedra-Altar des Petersdomes zu zelebrieren. Da diese Erlaubnis für die diesjährige Wallfahrt nicht mehr erteilt wurde, handelte es sich 2025 um einen Gunsterweis ad personam, möglicherweise ein persönlicher Dank des Papstes für die Unterstützung im Konklave.
2021 erhielt jedenfalls der damals erst 55jähriger und international kaum bekannter Ordensmann Gambetti eine der sichtbarsten und einflußreichsten Aufgaben innerhalb des Vatikans.
Gerade seine Amtsführung in St. Peter war jedoch wiederholt Gegenstand von Kritik. Katholisches.info berichtete unter anderem über die Einschränkungen der Einzelzelebrationen und des überlieferten Ritus, die Gambetti konsequent durchsetzte, über Veränderungen beim Chorgebet des Domkapitels sowie über das umstrittene gastronomische Projekt auf der Terrasse der Petersbasilika.
Auch Gambettis Haltung zur liturgischen Frage wurde mehrfach thematisiert. Im September 2025 erklärte er gegenüber dem Catholic Herald, zur Zukunft des überlieferten Ritus solle man besser nichts sagen; man müsse auf eine Entscheidung des Papstes warten.
Chieti-Vasto ist bereits vakant in Sicht
Bemerkenswert ist, daß die Gerüchte über Gambettis Versetzung mit dem bevorstehenden Wechsel in Chieti-Vasto zusammentreffen.
Der bisherige Erzbischof Bruno Forte erklärte gestern bei der Feier des Stadtpatrons von Vasto, des Erzengels Michael, sein Nachfolger werde „in den nächsten Tagen“ bekanntgegeben. Der 77jährige Forte steht seit 2004 an der Spitze der Erzdiözese; eine Verlängerung seiner Amtszeit war unter Papst Franziskus erfolgt.
Bruno Forte gehörte zu den italienischen Bischöfen, die sich der von Benedikt XVI. angeordneten Änderung der in die Volkssprachen übersetzen Wandlungsworte pro multis von „für alle“ in „für viele“ widersetzten.
Franziskus ernannte ihn zum Sondersekretär für die Familiensynode und zum Redaktionsleiter für die Abfassung des Synodenschlußberichts. Als Franziskus Kritiker seines umstrittenen nachsynodalen Schreibens Amoris laetitia als „Heuchler“ und „Scheinheilige“ beschimpfte, sekundierte ihm Forte fleißig. Der Erzbischof erzählte zudem eine für das bergoglianische Pontifikat bezeichnende Episode.
Am 3. Mai 2016 erzählte Forte im Stadttheater von Vasto eine bis dahin unbekannte Schlüsselepisode der zweiten Bischofssynode, die sich hinter den Kulissen abspielte. Als Franziskus ihm den Auftrag zur Abfassung des Schlußberichts erteilte, verlangte er von ihm, „nicht direkt“ über die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene zu sprechen, denn „wer weiß“, so Franziskus, was die Verteidiger de überlieferten Morallehre der Kirche „uns dann für einen casino“ machen, also einen Wirbel erzeugen und Widerstand leisten. „Wir reden deshalb nicht direkt davon. Mach es so, daß die Prämissen gegeben sind, die Schlußfolgerungen ziehe dann ich“, so Franziskus wörtlich in der Wiedergabe seines Vertrauten Forte. Das sei „typisch für einen Jesuiten“, fügte Forte ebenso scherzhaft wie begeistert hinzu, denn die päpstliche Anweisung sei Ausdruck einer Weisheit, um an das gewünschte Ziel, nämlich „um zu Amoris laetitia zu gelangen“ mit seinen umstrittenen Passagen, die die Kirche seither belasten.
So wird es auch verständlich, warum Bruno Forte sich im Jahr 2017 mit besonderem Nachdruck hervortat, um die vier Kardinäle Brandmüller, Burke, Caffarra und Meisner, anzugreifen, die sich mit Dubia (Zweifel) zu Amoris laetitia an Papst Franziskus gewandt hatten.
Forte war es auch, der sich für eine restriktive Auslegung von Summorum Pontificum stark machte, um die Ausbreitung des überlieferten Ritus zurückzudrängen.
Forte war es auch, der in seiner Erzdiözese Chieti-Vasto rechtswidrig ein Verbot der Mundkommunion erließ. Unter dem Vorwand der Corona-Pseudopandemie ordnete Forte 2020 an, daß der Kommunionempfang ausschließlich auf die Hand erfolgen dürfe; ebenso ordnete er an, alle Weihwasserbecken in seiner Diözese zu entleeren. Während seit Ostern 2024 Weihwasser wieder erlaubt ist, beharrt der Erzbischof bis heute auf der Handkommunion. In seiner Osterpredigt 2025 empörte sich Forte öffentlich, daß einige Gläubige die Kommunion nicht auf die Hand empfangen wollten und schärfte ein, daß die Kommunion in seiner Erzdiözese auf die Hand empfangen werde. Die Kirche habe die Kommunion „immer in die Hand genommen“, nur „in einigen dunklen Jahrhunderten“, sei die anders gewesen. An diesem persönlichen Feldzug Fortes gegen die Mundkommunion hat sich bis heute nichts geändert.
Ein bemerkenswerter Wechsel
Bereits im Juli war berichtet worden, Gambetti könne von St. Peter nach Chieti-Vasto versetzt werden.
Sollte die Personalie bestätigt werden, wäre der Wechsel auffällig: Vom Erzpriester der bedeutendsten Basilika der katholischen Christenheit würde Gambetti, immerhin Purpurträger, an die Spitze einer italienischen Erzdiözese wechseln. Implizit scheint damit auch Bruno Fortes Kurs eine Aufwertung zu erfahren.
Im Vatikan sind manche jedenfalls der Meinung, daß Kardinal Gambetti der geeignete Nachfolger für Erzbischof Forte sei.
Mit seinen bisherigen Bischofsernennungen zeigte Leo XIV. keine gute Hand, oder anders ausgedrückt: Er setzt die Linie seines Vorgängers fort, Kirchenmänner des progressiven Spektrums an die Spitzen der Diözesen zu setzen.
Am Donnerstag oder Samstag wird man mehr wissen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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