Von Wolfram Schrems*
Dieser Teil schließt unmittelbar an den ersten Teil vom 17.0.26 an.
Die dort dargestellten Überlegungen zur Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen entzünden sich natürlich an der geradezu unverschämt kontrafaktischen Heiligsprechung der Konzilspäpste. Im genannten Sammelband Are Canonizations Infallible? (Sind Heiligsprechungen unfehlbar?) thematisiert Peter Kwasniewski besonders die unverständliche Erhebung Papst Montinis zur Ehre der Altäre:
Peter Kwasniewski: Papst Paul VI. – ein Heiliger?
Mit der üblichen Präzision und Klarheit, die wir schon von seinen hier präsentierten Büchern zur Liturgie und zum richtig verstandenen kirchlichen Gehorsam kennen, setzt sich Kwasniewski mit der problematischen Heiligsprechung von Papst Paul VI. auseinander (jeweils eigene Übersetzung aus dem amerikanischen Original):
„Viele, die das Leben und das Pontifikat von Papst Paul VI. studierten, sind überzeugt, daß er weit weg von einer Vorbildlichkeit in seinem Wirken als Hirte war; daß er nicht nur keine heroischen Tugenden besaß, sondern mancher Schlüsseltugenden ermangelte; daß seine Promulgation einer titanischen Liturgiereform unvereinbar mit dem päpstlichen Amt der Weitergabe des Empfangenen war; daß er uns das Bild einer gescheiterten Politik und einer verratenen Tradition bot. Kurz gesagt, für uns ist es unmöglich zu akzeptieren, daß ein solcher Papst jemals heiliggesprochen werden konnte.“
Kwasniewski führt gegen erwartbare Einwände aus:
„Während in der Geschichte die Mehrzahl der Theologen die Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen verteidigte – besonders die neoscholastischen Theologen, die zum extremen Ultamontanismus tendieren –, hat die Kirche selbst das aber niemals als verbindliche Lehre vorgelegt. Der genaue Status der Heiligsprechungen bleibt ein legitimer Gegenstand der theologischen Debatte und ist umso mehr debattierbar, wenn man die wechselnden Erwartungshaltungen, Vorgangsweisen und Motivationen für den Akt der Heiligsprechung selbst in Erwägung zieht […].“
Zentral ist das Kriterium, daß ein Heiligsprechungskandidat sein betreffendes Amt in außergewöhnlicher Weise ausübte. Es reicht also für einen Pfarrer, Bischof oder Papst nicht zur Heiligsprechung, daß er persönlich fromm und asketisch lebte, aber in seinem Verantwortungsbereich Unglauben, Sittenlosigkeit und Verrat nicht wirksam bekämpfte. Ein Papst muß als Papst heilig werden: „A pope is a saint because he ‚poped‘ well”, also auf Deutsch etwa: „Ein Papst ist heilig, weil er gut ‚papstete‘“:
„Traditionellerweise ist die Heiligsprechung nicht bloß eine Anerkennung, daß ein bestimmtes Individuum im Himmel ist; es ist die Anerkennung, daß dieses Glied der Kirche ein Leben von solch heroischer Tugend (besonders der theologischen Tugenden von Glauben, Hoffnung und Liebe) lebte, die Pflichten seines Lebensstandes in einer so vorbildlichen Weise erfüllte (für einen Kleriker würde das die Pflichten seines Amtes einschließen), und Askese so betrieb, wie es einem Soldaten Christi zukommt, daß ihm öffentliche Verehrung (einschließlich liturgische) seitens der universalen Kirche dargebracht werden soll und daß seinem Beispiel als Vorbild zur Nachahmung gefolgt werden soll (vgl. 1 Kor 11, 1)“ (Hervorhebung WS).
Instrumentalisierung für ideologische Zielsetzungen: Heiligsprechung des Konzils
Kwasniewski stellt fest, daß es keinen verbreiteten cultus um Paul VI. im Volk gibt. Ein solcher cultus müßte aber klassischerweise der Heiligsprechung vorausgehen – nicht umgekehrt. Ein cultus ex nihilo könne nicht durch päpstliches fiat geschaffen werden. Wir sähen, daß Papst Franziskus die Politisierung des Heiligsprechungsprozesses ins Extreme getrieben hat, wobei das selig- oder heiligzusprechende Individuum für eine ideologische Agenda instrumentalisiert werde.
Kwasniewski zitiert einen unter Pseudonym schreibenden Priester, der in diesem Zusammenhang das Offenkundige ausspricht:
„Wir müssen uns trauen, es auszusprechen: Durch die Heiligsprechung aller Päpste des II. Vaticanums ist es das Konzil, das heiliggesprochen wird. Gleicherweise wird eine Heiligsprechung selbst entwertet, wenn sie eine Art von Medaille wird, die auf einen Sarg geworfen wird. Vielleicht verdient ein Konzil, das ‚pastoral‘ und nicht dogmatisch war, Heiligsprechungen, die ‚pastoral‘ und nicht dogmatisch sind.“
Wir ergänzen: Diese Vorgänge zeigen deutlich, daß die Kirchenhierarchie von Usurpatoren beherrscht wird, denen Glaube und Heiligkeit nichts bedeuten.
Wenige heiliggesprochene Päpste über große Zeiträume (nach der unmittelbaren Verfolgungszeit)
Kwasniewski stellt das Offenkundige bezüglich der Heiligsprechung von Päpsten des 2. Jahrtausends fest, nämlich, daß sie sehr selten sind: Leo IX., Gregor VII. und Cölestin V. (der bekanntlich von seinem Amt zurücktrat), Pius V. und Pius X. Dazu kommen einige seliggesprochene Päpste: Viktor III., Urban II., Eugen III., Gregor X., Innozenz V., Benedikt XI., Urban V., Innozenz XI. (mitverantwortlich für die Abwehr der osmanischen Gefahr zur Zeit der Belagerung Wiens im Jahr 1683) und Pius IX.
Auch ein tüchtiger Papst ist nicht automatisch schon der Heiligsprechung würdig:
„Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert gab es großartige Päpste, aber keiner von diesen wurde heiliggesprochen. In siebenhundert Jahren, nämlich zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert, wurden nur Pius V. und Pius X. heiliggesprochen. Waren die anderen alle unwürdige Päpste und Sünder? Bestimmt nicht. Aber Heroismus in der Regierung der Kirche ist eine Ausnahme, nicht die Regel, und wenn alle Päpste Heilige waren, dann ist keiner ein Heiliger. Heiligkeit ist eine solche Ausnahme, daß sie die Bedeutung verliert, wenn sie die Regel wird.“
Diesen fünf heiliggesprochenen Päpsten in einer Periode von etwa neun Jahrhunderten, also von Leo IX. bis Pius X., stehen nunmehr drei heiliggesprochene Päpste aus einer Zeit von etwa einem halben Jahrhundert gegenüber, nämlich Johannes XXIII., Paul VI. und Johannes Paul II. Darüber hinaus wurde auch Johannes Paul I. seliggesprochen.
Das ist kraß disproportional. Es ist selbstverständlich ideologisch im Sinne der Usurpatoren motiviert, die ihr Lieblingsprojekt, nämlich „das Konzil“ und seine Revolution, für alle Zeiten einzuzementieren bestrebt sind. Die oft blumigen Ausdrücke für das Konzil verschleiern nur dessen schlimme Folgen. Kwasniewski bemerkt dazu mit bitterer Ironie:
„Ein halbes Jahrhundert, das zufälligerweise mit der Vorbereitung, der Durchführung und dem Nachspann des Zweiten Vatikanums zusammenfällt. Muß der ‚Neues-Pfingsten’-Effekt sein.”
Schwere Vorwürfe gegen Papst Montini – im Verfahren offenbar kaum thematisiert
Kwasniewski kritisiert, daß die Vorwürfe gegen Paul VI., er wäre ein aktiver Homosexueller gewesen, nicht ausreichend untersucht wurden.1
Immerhin habe man den Vorwurf ernst genug genommen, daß er offiziell abgestritten wurde.
Kwasniewski gibt angesichts der Enthüllungen der letzten dreißig Jahre völlig zu Recht zu bedenken:
„So unglaubhaft eine solche Geschichte auch scheinen mag, so haben wir heutzutage doch viel weniger Grund, sie von vorneherein abzutun, wenn wir berücksichtigen, was wir jetzt über Jahrzehnte von klerikalem sexuellen Mißbrauch und dem machtvollen Einfluß der Lavendel-Mafia in der Kirchenhierarchie wissen. Die bestens dokumentierte Evidenz, daß Papst Franziskus viele solcher Kriminellen gefördert und beschützt hatte, zerschlug naive Gläubigkeit auf diesem Gebiet“.2 –
Auch das Kritikwürdige des Regierungsstils von Papst Paul wurde offenbar kaum thematisiert. Die Politik Pauls VI. konterkarierte nämlich die eigene Lehre: Das betrifft besonders die massiv angegriffene Enzyklika Humanae vitae (die von den Bischofskonferenzen Österreichs, Deutschlands und der Schweiz u. a. im Prinzip außer Kraft gesetzt wurde, bis heute ohne Konsequenzen seitens der Kirchenführung):
„Obwohl Paul VI. die traditionelle Lehre zur Empfängnisverhütung beibehielt [was übrigens auch das II. Vaticanum in Gaudium et spes §§ 47ff. und Johannes XXIII. in Mater et magistra § 193 getan hatten, Anm. WS], haben doch gleichzeitig das Versagen, auf die Medienmanipulation bezüglich der päpstlichen Kommission zur Geburtenkontrolle richtig zu reagieren, die Weigerung, Gegner von Humanae vitae zu disziplinieren, und die Zustimmung zur Marginalisierung derer, die die päpstliche Lehre hochhielten, zusammen die Zustimmung zu dieser Enzyklika unterminiert.“
Peter Kwasniewski hat sich in den letzten Jahren bekanntlich der Verteidigung und Wiederbelebung der überlieferten Liturgie gewidmet. Paul VI. war der Hauptverantwortliche die liturgische Katastrophe im Gefolge der de facto-Abschaffung der Überlieferten Messe:
„Der Papst hat eine feierliche Verpflichtung, die Traditionen und Riten der Kirche hochzuhalten und zu verteidigen; er hat eine moralische Autorität, sie bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. Kein Papst in der zweitausendjährigen Geschichte der Katholischen Kirche änderte Traditionen und Riten, wie es Paul VI. auf allen Gebieten tat, womit er das Feuer des Ikonoklasmus und des sakrilegischen Herumexperimentierens geradezu anfachte.“
Die Ersetzung der Messe und der anderen sakramentalen Riten durch freie Erfindungen war nach Kwasniewski gleichbedeutend mit dem Abwurf einer „Atombombe“ auf das Gottesvolk, „die entweder den Glauben sofort auslöschte oder durch die Strahlung Krebs verursachte“:
„Es war die gezielte Verneinung von Väterlichkeit, der väterlichen Funktion des Papsttums, das Familienerbe zu bewahren und weiterzugeben.“
Der Zertrümmerer Bergoglio nahm die Heiligsprechung des Konzilspapstes Montini vor – und zeigte dadurch volens nolens, daß der „postkonziliare“ Katholizismus eben in der Zertrümmerung endet:
„Ironischerweise ist es niemand anderer als Papst Franziskus, der willfährige Heiligsprecher von Paul VI., der ohne jeden Zweifel die selbstzerstörerische Entwicklung des postkonziliaren Katholizismus bewies“.
Und was die für den Kanonisationsprozeß geforderten Wunder betrifft:
Die „Wunder“, die für die Heiligsprechung von Papst Paul VI. herangezogen wurden, sind nach Kwasniewski „unterwältigend“ (um das englische „underwhelming“ im Deutschen nachzuahmen), also nicht überzeugend.
Resümee: Der sensus fidei trägt ideologische Seligsprechungen nicht mit
Bei einem Besuch in den Päpstlichen Missionswerken (Missio Austria) in Wien vor einigen Jahren bemerkte ich beim Eingang der ebenerdig gelegenen Hauskapelle ein Bild von Papst Paul VI. Ich weiß freilich nicht mehr, ob die Kapelle formell Paul VI. geweiht war (weil ich mich auch nicht mehr erinnere, wann der Besuch stattfand, möglicherweise noch vor der Heiligsprechung 2018 und nach der Seligsprechung 2014). Dem Internetauftritt von Missio.at entnimmt man per 18. August nur, daß die Kapelle „Licht-der-Völker-Kapelle“ heißt, also nach dem einschlägigen Dokument des II. Vaticanums Lumen gentium benannt ist.
Angesichts der Wirkungsgeschichte von Paul VI. und des Zweiten Vaticanums ist diese Vorgangsweise nicht nachvollziehbar. Gerade die klassische Mission, die missio ad gentes, ist seit dem Konzil so gut wie tot. Der sensus fidei fidelium sträubt sich daher gegen eine Paul-VI.-Kapelle. –
Hier ist eine wichtige Schlußfolgerung zu ziehen, man kann das gar nicht oft genug sagen:
Heiligsprechungen erfolgen legitimerweise nicht par ordre du mufti. Sie setzen eine Verehrung der betreffenden Personen im Volk (!) voraus, und zwar über einen langen Zeitraum. Wenn sie per formalen Heiligsprechungsprozeß durchgeführt werden, bedarf es einer gründlichen Durchleuchtung des Lebens der Betreffenden, auch der Schattenseiten. Alles das ist durch die Veränderungen der Ordnung der Heiligsprechungsprozesse in den Jahren 1969 und 1983 nicht mehr gegeben.
Der Glaubenssinn hat daher allen Grund mißtrauisch zu sein:
Neuerdings soll ein nudistischer, homosexueller und pädophiler Bischof namens Alejandro Labaka Ugarte aus dem Kapuzinerorden seliggesprochen werden (siehe dazu auf dieser Seite im März, in englischer Sprache vom Februar auf Lifesitenews). Begründet wird der Prozeß mit dem angeblichen Martyrium des Bischofs. Die Motive der Ermordung durch einen verfeindeten Indianerstamm sind aber den Berichten zufolge nicht klar, mit anderen Worten, das Martyrium in odium fidei steht nicht fest.
Der Kampagnencharakter zugunsten Befreiungstheologie, Heidentum, Amazonasromantik und sexueller Revolution ist aber so und anders offenkundig. Der Glaubenssinn wendet sich mit Abscheu ab.
Den Usurpatoren geht es natürlich um die Zerstörung der Kirche. Sonst ist der ganze Wahnsinn nicht zu erklären.
(Fortsetzung in Kürze)
*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro-Life-Aktivist, wundert sich sehr darüber, daß sich so viele Katholiken dumm stellen, wenn es um Konzil, neue Messe und deren Adepten in der Hierarchie geht.
Bild: VaticanNews (Screenshot)
1 Auch Mark Fellows erwähnt in Fatima in Twilight (2003) ominös einen Akt der Mailänder Polizei über Erzbischof Montini, ohne aber näher darauf einzugehen. Tradition in Action brachte vor zwanzig Jahren einen Artikel mit langen Zitaten von Franco Bellegrandi, einst Ehrenkämmerer von Pius XII. bis in die Ära Paul VI., siehe hier.
2 Der Ausdruck lavender mafia („Lavendel-Mafia“, im Deutschen unüblich) bezeichnet im Englischen die homosexuellen Netzwerke im Klerus.
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