Die Sprache des Glaubens gegen den Geist der Zeit


Die Pre­digt von Pater Davi­de Pagli­a­ra­ni anläß­lich der Bischofs­wei­hen in Écô­ne (hier voll­stän­dig nach­zu­le­sen) ent­fal­te­te sich als pro­gram­ma­ti­sche Posi­tio­nie­rung der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. in dem durch die Wei­hen neu auf­ge­bro­che­nen Span­nungs­feld zum Hei­li­gen Stuhl und den Orts­kir­chen. Der Grund­duk­tus war daher dezi­diert iden­ti­tär: Sie beschreibt nicht nur den Glau­ben, son­dern defi­niert zugleich die eige­ne kirch­li­che Exi­stenz in Abgren­zung zu einer als defi­zi­tär bis apo­sta­tisch emp­fun­de­nen kirch­li­chen Gegenwart.

Im Zen­trum steht zunächst eine unzwei­deu­ti­ge Bekräf­ti­gung des Glau­bens­be­griffs: Der Glau­be als unver­füg­ba­res, objek­ti­ves Gut, das weder ver­än­dert noch will­kür­lich inter­pre­tiert wer­den kann, son­dern aus­schließ­lich treu bewahrt wer­den muß. Die­se Beto­nung trägt ein ekkle­sio­lo­gi­sches Bekennt­nis in sich: Wenn der Glau­be unver­än­der­lich ist, dann wird jede von der Über­lie­fe­rung unge­deck­te, gar abwei­chen­de Ent­wick­lung im kirch­li­chen Leben als Pro­blem­fall erkannt. Die Bischofs­wei­hen wer­den in die­sem Hori­zont nicht als blo­ßer Ver­wal­tungs­akt kirch­li­cher Struk­tur, son­dern als not­wen­di­ge Ant­wort auf eine Kri­se ver­stan­den, in der die Wei­ter­ga­be des „unver­fälsch­ten Glau­bens“ gefähr­det ist.

Aus die­ser Grund­an­nah­me her­aus ent­fal­tet sich die zen­tra­le argu­men­ta­ti­ve Figur der Pre­digt: die Zurück­wei­sung eines ver­meint­li­chen Gegen­sat­zes zwi­schen Kir­che und Glau­ben. Pagli­a­ra­ni erklär­te, es sei ein Irr­tum, zwi­schen Treue zur Kir­che und Treue zur Tra­di­ti­on wäh­len zu müs­sen. Damit beton­te er die Ein­heit, jedoch nicht als blo­ßen For­ma­lis­mus, son­dern gekop­pelt an den Kir­chen­be­griff, der die Kir­che dort ver­or­tet, wo der „wah­re Glau­be“ voll­stän­dig und unver­kürzt bewahrt wird. 

Die sicht­ba­re, insti­tu­tio­nel­le Kir­che erscheint dem­ge­gen­über nicht mehr als iden­tisch mit die­ser Glau­bens­wirk­lich­keit, son­dern als poten­ti­ell in Tei­len über­formt durch ande­re Deutungssprachen. 

Damit skiz­zier­te der Gene­ral­obe­re der Pius­bru­der­schaft eine fei­ne, aber ent­schei­den­de Dif­fe­renz: Die Zuge­hö­rig­keit zur Kir­che wird nicht über ein for­ma­les Bekennt­nis zu den Doku­men­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, von Kir­chen­ver­tre­tern als eine Art con­di­tio sine qua non prä­sen­tiert, defi­niert, nicht ein­mal über die sakra­men­ta­le und hier­ar­chi­sche Ein­bin­dung, son­dern über die Über­ein­stim­mung mit der kon­stan­ten Über­lie­fe­rung des Depo­si­tum fidei.

Die­se Beto­nung bil­det den Hin­ter­grund für die mar­kan­te Gegen­über­stel­lung zwei­er „Spra­chen“. Auf der einen Sei­te steht die Spra­che des Glau­bens, klar, ein­deu­tig und unver­stell; auf der ande­ren Sei­te die ver­schwom­me­ne Spra­che der Moder­ne, geprägt von flui­den Begrif­fen wie Dia­log, Inklu­si­on und Beglei­tung, die nicht der über­lie­fer­ten Spra­che der Kir­che ent­nom­men sind, son­dern Aus­druck der in der heu­ti­gen Welt in Mode ste­hen­den Prin­zi­pi­en, die ledig­lich For­men, aber nicht Inhal­te benennen.

Die­se zwei­te Spra­che wird nicht als ergän­zen­de pasto­ra­le Aus­drucks­form ver­stan­den, als wel­che sie gele­gent­licch hin­ge­stellt wird, son­dern ihrem fak­ti­schen Anspruch nach als Aus­druck einer tief­grei­fen­den Ver­än­de­rung des kirch­li­chen Selbst­ver­ständ­nis­ses. Die Kri­tik rich­tet sich dabei weni­ger gegen ein­zel­ne Begrif­fe als gegen eine grund­le­gen­de Umori­en­tie­rung des Den­kens: weg von der unmit­tel­ba­ren Ver­kün­di­gung der geof­fen­bar­ten Wahr­heit hin zu pro­zeß­haf­ten äuße­ren, inhalt­lich aber wenig greif­ba­ren For­men einer dif­fu­sen Annä­he­rung an die Welt. In die­ser Per­spek­ti­ve wer­de „Beglei­tung“ zum poten­ti­el­len Ersatz für Bekeh­rung, „Dia­log“ zum Ersatz für Ver­kün­di­gung, und „Offen­heit“ zur Ver­wäs­se­rung der Wahrheit.

Damit ver­bun­den sei, so Pagli­a­ra­ni, ein star­kes Motiv der Unver­ständ­lich­keit und Unver­ständ­nis­ses: Das gegen­sei­ti­ge Nicht-Ver­ste­hen der bei­den „Spra­chen“ wird von ihm als Sym­ptom einer tie­fe­ren, sub­stan­ti­el­len Ent­frem­dung gedeu­tet. Die­se Dia­gno­se nimmt einen zen­tra­len Punkt ein, weil sie Kon­flikt nicht als Miß­ver­ständ­nis, son­dern als struk­tu­rel­le Dif­fe­renz inter­pre­tiert. Die Kon­se­quenz lau­tet daher nicht Annä­he­rung, son­dern Klä­rung durch Unterscheidung.

Eine zwei­te tra­gen­de Ach­se der Pre­digt war die kon­se­quen­te Zen­trie­rung auf das See­len­heil. Der klas­si­sche theo­lo­gi­sche Grund­satz salus ani­ma­rum supre­ma lex wur­de vom Gene­ral­obe­ren der Pius­bru­der­schaft nicht nur zitiert, son­dern abso­lut gesetzt. Aus ihm wur­de ein her­me­neu­ti­scher Schlüs­sel für kirch­li­ches Han­deln gewon­nen: Wo das See­len­heil bedroht ist, erschei­nen auch außer­or­dent­li­che Maß­nah­men gerecht­fer­tigt. In die­sem Kon­text wer­den die Wei­hen als Aus­druck einer über­ge­ord­ne­ten Not­wen­dig­keit ver­stan­den, nicht als blo­ße Reak­ti­on, son­dern als Pflichtakt im Dienst eines letz­ten Zieles.

Die­se sote­rio­lo­gi­sche Zuspit­zung ergibt sich in der Pre­digt aus einer star­ken Dra­ma­ti­sie­rung der Gegen­wart. Die Welt wird skiz­ziert als geprägt von einer „Erhö­hung des Men­schen“, die als Wur­zel vie­ler Übel gedeu­tet wird. Gemeint ist damit eine kri­ti­sche Sicht auf moder­ne, vom Natur­recht und der geof­fen­bar­ten Wahr­heit abge­kop­pel­ten Vor­stel­lun­gen von Auto­no­mie, Wür­de und Selbst­be­stim­mung, die als anthro­po­zen­tri­sche Über­stei­ge­rung inter­pre­tiert wer­den. In die­ser Per­spek­ti­ve kippt die posi­ti­ve Rede vom Men­schen in eine theo­lo­gisch pro­ble­ma­ti­sche Selbst­be­zo­gen­heit, die den Blick auf Gott ver­stellt. Pagli­a­ra­ni zeich­ne­te ein Bild der Moder­ne als struk­tu­rell gefähr­det durch Selbst­ver­göt­te­rung des Menschen.

Dem stell­te Pater Pagli­a­ra­ni eine kon­zen­trier­te Chri­stus­zen­trie­rung ent­ge­gen, die sich vor allem in der Theo­lo­gie des Kreu­zes und des „kost­ba­ren Blu­tes“ aus­drückt. Die­se klas­si­schen katho­li­schen Moti­ve wur­den akzen­tu­iert: Das Erlö­sungs­werk Chri­sti, so der Gene­ral­obe­re, ist das ein­zig wirk­sa­mes Gegen­mit­tel gegen die Übel der Welt. Dar­aus ent­fal­te­te er einen Fokus auf den Heils­akt. Dar­in inte­grier­te er auch die Mari­en­fröm­mig­keit, indem er Maria als eng­ste Zeu­gin und Mitt­le­rin des Erlö­sungs­ge­heim­nis­ses beschrieb. Dadurch ent­steht ein geschlos­se­nes sote­rio­lo­gi­sches Bild, in dem Kreuz, Blut Chri­sti und Erlö­sung zum zen­tra­len Deu­tungs­ho­ri­zont der gesam­ten Wirk­lich­keit wer­den, denn so sei es den Apo­steln anver­traut wor­den und habe in der apo­sto­li­schen Suk­zes­si­on der Kir­che unver­än­dert bewahrt zu werden.

Im Blick auf die neu geweih­ten Bischö­fe ver­deut­lich­te sich sein Ton. Ihr Amt stell­te er in eine Span­nung von pasto­ra­ler Sanft­mut und lehr­mä­ßi­ger Unbeug­sam­keit, sym­bo­li­siert durch die bibli­schen Bil­der von Lamm und Löwe. Einer­seits beton­te er Demut, Rein­heit und Gehor­sam, ande­rer­seits eine ent­schie­de­ne Stand­fe­stig­keit gegen­über dem „Geist der Welt“. Die­se dop­pel­te Meta­pho­rik zeich­ne­te ein Bischofs­bild, das den Kon­flikt nicht scheut, son­dern viel­mehr struk­tu­rell erwar­tet. Ergänzt wur­de dies durch das Bild der „Schlan­ge und Tau­be“, das Klug­heit und Unschuld zugleich for­dert, also eine Mischung aus mora­li­scher Inte­gri­tät und stra­te­gi­scher Wach­sam­keit gegen­über welt­li­chen, aber auch kirch­li­chen Entwicklungen.

Die­se Bil­der ver­dich­te­ten sich in der Pre­digt zu einem deut­li­chen Ver­fol­gungs­nar­ra­tiv. Die Pre­digt stell­te Miß­ver­ständ­nis, Kri­tik und Ableh­nung nicht als mög­li­che Fehl­ent­wick­lun­gen, son­dern als not­wen­di­ge, bestä­ti­gen­de Begleit­erschei­nun­gen treu­er Glau­bens­ver­kün­di­gung dar. Der Rück­griff auf histo­ri­sche Figu­ren wie Kyrill von Alex­an­dri­en sowie auf Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re, den Grün­der der Pius­bru­der­schaft, dient dabei der Selbst­ver­or­tung in einer Linie von „lei­den­den Ver­tei­di­gern der Wahr­heit“. Leid wird so nicht als zu über­win­den­des Übel, son­dern zunächst pri­mär als Indi­ka­tor für Treue gedeutet.

Am Ende steht eine kla­re escha­to­lo­gi­sche Aus­sa­ge: Die Nach­fol­ge Chri­sti wird als not­wen­dig kon­flikt­haft beschrie­ben, und die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt als unver­meid­li­cher Bestand­teil des Evan­ge­li­ums. Die berühm­ten Wor­te vom „Schwert“ unter­strei­chen dabei, so Pagli­a­ra­ni, nicht mili­tä­ri­sche, son­dern geist­li­che Kampf­be­reit­schaft – zugleich ver­stär­ken sie die Grund­span­nung der gesam­ten Aus­füh­run­gen zwi­schen Abgren­zung und Sendung.

Die Pre­digt argu­men­tiert kohä­rent aus einer tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Selbst­in­ter­pre­ta­ti­on her­aus, die sich in der Span­nung zwi­schen kirch­li­cher Ein­heit und kri­ti­scher Distanz zur gegen­wär­ti­gen Kir­chen­ent­wick­lung bewußt zurück­hält. Der Gene­ral­obe­re woll­te eine unge­schmink­te Ana­ly­se, aber kei­ne Türen zuschla­gen. So sind sei­ne Wor­te vor allem Deu­tung einer Kri­se – und zugleich Selbst­de­fi­ni­ti­on einer Prie­ster­ge­mein­schaft, die sich gera­de in die­ser Kri­se als Trä­ge­rin der eigent­li­chen Kon­ti­nui­tät der Kir­che und ihres gött­li­chen Auf­trags versteht.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
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