Die Schändung christlicher Symbole wiegt schwer und schmerzt, unabhängig davon, wo und durch wen sie geschieht. Besonders sensibel sind dabei Darstellungen der Gottesmutter Maria und des gekreuzigten Herrn, die im west- wie ostkirchlichen Verständnis nicht bloße Kunstobjekte, sondern Träger einer tiefen sakralen Bedeutung sind.
Wie am Montag berichtet wurde, sind zwei Soldaten der israelischen Armee mit Haftstrafen belegt worden, nachdem ein Vorfall im Süden des Libanon bekannt geworden war. Ein Soldat war dabei fotografiert worden, wie er einer Statue der Jungfrau Maria eine Zigarette in den Mund hielt, während er die Figur zugleich mit dem Arm umfaßte. Der zweite Soldat hatte die Szene gefilmt. Beide wurden daraufhin zu 21 bzw. 14 Tagen Militärhaft verurteilt.
Die israelischen Streitkräfte erklärten, der Vorfall werde „mit größter Ernsthaftigkeit“ behandelt und entspreche nicht den erwarteten Verhaltensstandards. Auch gegen die zuständigen Kommandanten wurden Ermittlungen eingeleitet.
Es handelt sich nicht um einen Einzelfall. Bereits zuvor waren ähnliche Bilder aus dem Einsatzgebiet im Südlibanon bekannt geworden. Ende April war ein weiterer Soldat disziplinarisch belangt worden, nachdem ein Foto verbreitet wurde, das ihn zeigt, wie er mit einem Hammer auf die Figur des Gekreuzigten einschlägt, nachdem er zuvor das Kurzifix umgestürzt hatte. Auch in diesem Fall reagierte die Militärführung mit Haftstrafen und der vorübergehenden Entfernung aus dem Kampfdienst.
Besonders schwer wiegt die Tötung eines maronitischen Priesters im Südlibanon, der am 9. März von israelischen Truppen getötet wurde. Diese hatten das Haus einer christlichen Familie getroffen, der Priester Pierre al-Rahi eilte der Familie zu Hilfe, dabei eröffneten israelische Einheiten erneut das Feuer und töteten den Priester. In diesem Fall sind bisher weder Festnahmen noch andere Maßnahmen bekanntgeworden. Die israelische Armee erklärte, der Beschuß habe im Rahmen einer Operation gegen mutmaßliche Hisbollah-Stützpunkte stattgefunden. Der Zwischenfall sei bedauerlich, scheint aber von israelischer Seite militärisch eingeordnet zu werden, weshalb weder eine individuelle strafrechtliche Verantwortlichkeit festgestellt noch Anklage durch ein Militärgericht erhoben wurde. Der Beschuß christlicher Häuser und die Tötung des Priesters werden als „Kollateralschäden“ summiert.
Diese Vorgänge haben in der christlichen Öffentlichkeit über die unmittelbare Region hinaus Beachtung gefunden. Denn sie berühren eine tiefe Wunde: die wiederkehrende Entweihung von Darstellungen Christi und seiner Mutter in einem Raum, der seit zweitausend Jahren von christlicher Präsenz geprägt ist, heute jedoch Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen ist.
Gerade im Nahen Osten sind solche Bilder nicht neu. Seit dem Beginn der Umbrüche des sogenannten „Arabischen Frühlings“ im Jahre 2011, einer US-Operation zum Sturz unliebsamer Regierungen in der arabischen Welt, und dem anschließenden Aufstieg dschihadistischer Milizen kam es in mehreren Ländern zu systematischen Angriffen auf christliche Gemeinschaften und Symbole. Die Terrormiliz Islamische Staat und verwandte islamistische Gruppen zerstörten Kirchen, sprengten Altäre und schändeten gezielt Kreuze, Christusfiguren und Marienstatuen. Die Vertreibung oder Ermordung von Christen ging häufig mit der gezielten Vernichtung ihrer sichtbaren Glaubenszeichen einher. Diese Bilder von geköpften Heiligenfiguren und zerstörten Heiligtümern sind bis heute präsent.
Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Berichterstattung aus dem libanesisch-israelischen Grenzgebiet besonders sensibel. Zwar handelt es sich im aktuellen Fall nicht um systematische Zerstörungspolitik, sondern um disziplinarisch geahndete Verfehlungen einzelner Soldaten innerhalb einer regulären Armee. Die israelischen Streitkräfte betonen zudem, daß sie die Religionsfreiheit achten und religiöse Stätten schützen wollen.
Und doch bleibt der Eindruck verstörend. Denn die Bilder selbst unterscheiden nicht zwischen Kontexten: Eine geschändete Christusfigur bleibt eine geschändete Christusfigur. Eine entwürdigte Marienstatue bleibt eine Entweihung dessen, was für Christen heilig ist, einerlei, ob die Tat von einem islamischen Dschihadisten oder einem jüdischen Soldaten begangen wurde.
Der Unterschied zur Tötung des Priesters Pierre al-Rahi besteht in der „Banalität“, daß die Täter, die christliche Symbole zerstört haben, so dumm oder so arrogant waren, sich dabei filmen zu lassen und das Bildmaterial selbst verbreiteten. Dadurch hatten sie sich selbst identifiziert. Die Tötung des Priesters Pierre al-Rahi geschah ohne selbstentlarvende Bilder.
Zudem drängt sich in der ganzen Sache der Vergleich mit früheren Gewalterfahrungen auf – nicht im Sinne einer Gleichsetzung der politischen und militärischen Systeme, wohl aber im Blick auf die Wirkung der Taten selbst. Ob im Kontext dschihadistischer Terrormilizen, die außerhalb jeder rechtsstaatlichen Ordnung agieren, oder im Rahmen regulärer Streitkräfte, die sich zumindest formal disziplinarischen und rechtlichen Verfahren unterwerfen: Das Resultat bleibt für die Gläubigen gleichermaßen schmerzlich.
Gerade der Unterschied in der institutionellen Einbettung ist jedoch nicht ohne Bedeutung und macht zumindest einen Unterschied. Während im Umfeld islamistischer Gruppen keinerlei strafrechtliche Aufarbeitung erfolgte und religiöse Beleidigungen Teil einer ideologischen Kriegsführung waren, reagiert die israelische Militärjustiz – zumindest teilweise – mit Ermittlungen, Verurteilungen und Haftstrafen. Diese Unterschiede in der Rechtskultur ändern nichts am Charakter der Taten, wohl aber an der Frage von Verantwortung und Rechenschaft.
Für die christliche Wahrnehmung im Westen stellt sich dabei eine unbequeme Spannung ein. Über Jahre hinweg wurde der Nahe Osten vielfach durch politische Deutungsmuster betrachtet, in denen die eine Seite als Bedrohung des Christentums galt, während die andere als natürlicher Partner erschien. Solche Verkürzungen haben mit der Realität der Christen vor Ort oft wenig zu tun. Denn diese erleben ihre Lage nicht entlang geopolitischer Sympathielinien, sondern als ständige Bedrängung inmitten komplexer Konflikte.
Die Kirche selbst hat stets davor gewarnt, Glaubensfragen vorschnell in politische Lagerlogiken zu überführen. Die Verehrung der Gottesmutter, die im kirchlichen Frömmigkeitsleben eine zentrale Rolle spielt, ist untrennbar verbunden mit der Sühne für Gotteslästerungen und Entweihungen. Gerade deshalb werden solche Bilder als besonders schmerzlich empfunden.
Am Ende bleibt die nüchterne Feststellung: Die Entweihung heiliger Bilder ist weder durch politische Kontexte noch durch militärische Umstände zu relativieren. Sie bleibt ein Angriff auf das Heilige selbst – und damit eine Herausforderung für das Gewissen der Christen, unabhängig davon, wo und durch wen sie geschieht.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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