Israels Umgang mit Christen in der Kritik

Nebenfront


Die Vorfälle blasphemischer Akte israelischer Soldaten gegen christliche Symbole,im Südlibanon, aber auch Angriffe jüdischer Siedler schockieren die christliche Welt
Die Vorfälle blasphemischer Akte israelischer Soldaten gegen christliche Symbole,im Südlibanon, aber auch Angriffe jüdischer Siedler schockieren die christliche Welt

Die Span­nun­gen zwi­schen Isra­el und den christ­li­chen Gemein­den im Hei­li­gen Land ver­schär­fen sich wei­ter. Inner­halb weni­ger Wochen häuf­ten sich Vor­fäl­le, bei denen christ­li­che Sym­bo­le geschän­det, Geist­li­che ange­grif­fen und reli­giö­se Gefüh­le mas­siv ver­letzt wur­den. Beson­ders gro­ße Empö­rung lösten nun erneut Bil­der aus dem Süd­li­ba­non aus, die einen israe­li­schen Sol­da­ten zei­gen, der neben einer Mari­en­sta­tue raucht und der Sta­tue demon­stra­tiv eine Ziga­ret­te in den Mund steckt.

Die Auf­nah­men, die in den ver­gan­ge­nen Tagen im Liba­non ver­brei­tet wur­den, stam­men offen­bar aus dem christ­li­chen Dorf Debel im Süd­li­ba­non, das der­zeit unter israe­li­scher Kon­trol­le steht. Nach Anga­ben der israe­li­schen Streit­kräf­te wur­de das Video von den betei­lig­ten israe­li­schen Sol­da­ten selbst in sozia­len Netz­wer­ken ver­öf­fent­licht. Das Mili­tär, das den Vor­fall bestä­tig­te, erklär­te inzwi­schen, daß er unter­sucht wer­de; der betref­fen­de Sol­dat sei iden­ti­fi­ziert wor­den und müs­se mit dis­zi­pli­na­ri­schen Maß­nah­men rechnen.

Die israe­li­sche Armee sprach, wie schon in vor­her­ge­hen­den Fäl­len, von einem „schwer­wie­gen­den Vor­fall“ und erklär­te, das Ver­hal­ten des Sol­da­ten wider­spre­che „voll­stän­dig den Wer­ten“, die von israe­li­schen Sol­da­ten erwar­tet wür­den. Zugleich beton­te die Armee­füh­rung, man habe „kei­ner­lei Absicht“, zivi­le oder reli­giö­se Ein­rich­tun­gen zu beschä­di­gen. Die Erklä­rung dürf­te jedoch kaum aus­rei­chen, um die wach­sen­de Empö­rung unter den Chri­sten der Regi­on zu besänftigen.

Denn der Vor­fall steht nicht iso­liert da. Bereits zuvor hat­te ein israe­li­scher Sol­dat im sel­ben Dorf eine Chri­stus­sta­tue zer­stört. Die Bil­der gin­gen welt­weit durch sozia­le Netz­wer­ke und lösten schar­fe Reak­tio­nen aus. Der betref­fen­de Sol­dat wur­de spä­ter zu 30 Tagen Arrest ver­ur­teilt und vom Kampf­ein­satz aus­ge­schlos­sen. Auch jener Sol­dat, der die Tat film­te und ver­brei­te­te, erhielt die­sel­be Stra­fe. Nach Anga­ben der Mili­tär­un­ter­su­chung waren zudem sechs wei­te­re Sol­da­ten anwe­send, ohne ein­zu­grei­fen oder den Vor­fall zu melden.

Die katho­li­sche Kusto­die des Hei­li­gen Lan­des reagier­te mit unge­wöhn­lich deut­li­chen Wor­ten. Man emp­fin­de „tie­fe Trau­er“ über die „fort­ge­setz­te Respekt­lo­sig­keit“ gegen­über christ­li­chen Sym­bo­len. Das Ver­hal­ten sei „empö­rend“ und müs­se „sofort auf­hö­ren“. Zugleich for­der­te die Kusto­die die israe­li­sche Regie­rung und die Armee auf, unmiß­ver­ständ­lich klar­zu­stel­len, daß der­ar­ti­ge Hand­lun­gen nicht tole­riert würden.

Auch im Liba­non, in dem die Chri­sten mit gut 40 Pro­zent stark ver­tre­ten sind, wächst der Unmut. Bewoh­ner von Dabel erklär­ten gegen­über Medi­en, trotz beru­hi­gen­der Gesprä­che mit israe­li­schen Offi­zie­ren gebe es Sol­da­ten, die „unse­re Reli­gi­on ver­ach­ten“, obwohl Isra­el behaup­tet, gegen die schii­ti­sche His­bol­lah zu kämp­fen. Ein Vor­wurf wiegt dabei beson­ders schwer: „Die Armee kon­trol­liert ihre Sol­da­ten nicht.“

Bemer­kens­wert ist, daß sich selbst Papst Leo XIV. inzwi­schen ein­ge­schal­tet hat. Nach Anga­ben aus dem Liba­non führ­te er ein Tele­fon­ge­spräch mit Prie­stern aus den christ­li­chen Ort­schaf­ten Dabel, Rmeish und Ain Ebel im Süden des Lan­des. Daß der Vati­kan den Vor­gän­gen der­art Auf­merk­sam­keit schenkt, zeigt die Bri­sanz der Lage.

Par­al­lel dazu sorgt ein wei­te­rer Vor­fall in Jeru­sa­lem für inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit. Isra­el erhob inzwi­schen Ankla­ge gegen den 36jährigen jüdi­schen Sied­ler Yona Sim­cha Schrei­ber aus Pedu­el im West­jor­dan­land. Er soll eine katho­li­sche Ordens­frau nahe der Alt­stadt Jeru­sa­lems ange­grif­fen haben, allein weil sie ein Ordens­ha­bit trug. Laut Ankla­ge stieß er die Frau zu Boden und trat anschlie­ßend auf sie ein. Auch ein Pas­sant, der ein­grei­fen woll­te, wur­de attackiert. Das Video über den bru­ta­len Angriff ging in den ver­gan­ge­nen Tagen welt­weit durch das Inter­net und löste Schock und Empö­rung aus: ein Angriff eines Man­nes gegen eine Ordens­frau, der nie­der­träch­tig von hin­ten aus­ge­führt wur­de, wobei die Ordens­frau beim Sturz mit dem Kopf gegen eine Beton­va­se schlug und der Täter noch ein­mal zurück­kehr­te, um mit dem Fuß auf die am Boden lie­gen­de Ordens­frau ein­zu­tre­ten. Ande­re anwe­sen­de jüdi­sche Män­ner, die den bru­ta­len Angriff sahen, grif­fen nicht ein, offen­bar weil das Opfer eine katho­li­sche Ordens­frau war. Erst spät stell­te sich ein Mann dem Angrei­fer entgegen.

Die Staats­an­walt­schaft wirft Yona Sim­cha Schrei­ber ein­fa­che Kör­per­ver­let­zung sowie reli­gi­ös moti­vier­te Gewalt vor. Der Direk­tor der Éco­le Bibli­que in Jeru­sa­lem sprach offen von einem „Akt reli­giö­ser Gewalt“.

Kirch­li­che Beob­ach­ter wei­sen seit eini­gen Jah­ren auf eine zuneh­men­de Zahl anti­christ­li­cher Über­grif­fe hin. Dazu zäh­len Beschimp­fun­gen, Bespucken von Prie­stern und Ordens­leu­ten, Van­da­lis­mus und Brand­stif­tung gegen Kir­chen und christ­li­che Sym­bo­le sowie Ein­schüch­te­run­gen christ­li­cher Ein­woh­ner Jeru­sa­lems. Beson­ders betrof­fen ist die Jeru­sa­le­mer Alt­stadt, in der sich die hei­li­gen Stät­ten von Lei­den, Tod und Auf­er­ste­hung Jesu Chri­sti befinden.

Zusätz­li­che Kri­tik zog Isra­el zuletzt auf sich, nach­dem die Poli­zei wäh­rend der Span­nun­gen mit dem Iran den Zugang zu christ­li­chen Fei­er­lich­kei­ten mas­siv ein­ge­schränkt hat­te. Sogar dem latei­ni­schen Patri­ar­chen Kar­di­nal Pier­bat­ti­sta Piz­za­bal­la wur­de unter­sagt, am Palm­sonn­tag eine pri­va­te Mes­se in der Gra­bes­kir­che zu fei­ern – eine öffent­li­che Mes­se war von den israe­li­schen Behör­den aus Sicher­heits­grün­den unter­sagt wor­den. Der Vor­gang ist histo­risch bei­spiel­los und wur­de erst nach Pro­te­sten teil­wei­se korrigiert.

Die israe­li­sche Regie­rung ver­sucht inzwi­schen sicht­bar gegen­zu­steu­ern. Das Außen­mi­ni­ste­ri­um ernann­te jüngst den frü­he­ren Bot­schaf­ter Geor­ge Deek zum „Son­der­be­auf­trag­ten für die christ­li­che Welt“. Deek, selbst ara­bi­scher Christ, ver­ur­teil­te die Vor­fäl­le aus­drück­lich und beton­te Isra­els Ver­pflich­tung zur Religionsfreiheit.

Doch die Rea­li­tät vor Ort scheint zuneh­mend im Wider­spruch zu die­sem offi­zi­el­len Selbst­bild zu ste­hen. Isra­el prä­sen­tiert sich seit Jahr­zehn­ten als Garant reli­giö­ser Frei­heit im Nahen Osten. Die jüng­sten Ereig­nis­se wer­fen jedoch die Fra­ge auf, ob christ­li­che Min­der­hei­ten im Hei­li­gen Land tat­säch­lich noch den Schutz genie­ßen, den der Staat für sich beansprucht.

Vie­le Chri­sten vor Ort zwei­feln dar­an inzwi­schen offen. Der Koor­di­na­tor des Christ­li­chen Forums im Hei­li­gen Land, Wadie Abu­nas­sar, sprach von einem „wach­sen­den Phä­no­men“ anti­christ­li­cher Gewalt. Beson­ders pro­ble­ma­tisch sei die man­geln­de Abschreckung: Häu­fig kom­me es gar nicht erst zu Ankla­gen, oder die Täter wür­den nur mil­de bestraft.

Die wie­der­hol­ten Ent­wei­hun­gen christ­li­cher Sym­bo­le im Süd­li­ba­non und die Angrif­fe in Jeru­sa­lem sind daher mehr als blo­ße Ein­zel­fäl­le. Sie fügen sich in eine Ent­wick­lung ein, die Chri­sten im Hei­li­gen Land zuneh­mend als bedroh­lich emp­fin­den – und die auch inter­na­tio­nal immer grö­ße­re Auf­merk­sam­keit hervorruft.

Posi­tiv wird regi­striert, daß sowohl die Mili­tär­füh­rung als auch die Justiz in Isra­el gegen anti­christ­li­che Über­grif­fe vor­ge­hen. Ver­stö­rend für Chri­sten welt­weit wirkt hin­ge­gen der anti­christ­li­che Haß, von dem offen­bar nicht weni­ge israe­li­sche Juden geprägt sind. Vie­le Chri­sten außer­hal des Hei­li­gen Lan­des hat­ten mit einem sol­chen Phä­no­men offen­bar nicht gerech­net, da ihr Bild von bestimm­ten Vor­stel­lun­gen geprägt war, die nun einer Kor­rek­tur bedürfen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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