Bischof Schneider erzählte Schülern von seiner Kindheit unter dem Kommunismus

"Der größte Erfolg eures Lebens wird darin bestehen, euren katholischen Glauben zu lieben, zu verteidigen und zu leben"


Bischof Athanasius Schneider bei seinem Vortrag in Warschau, rechts von ihm Pater Karl Stehlin, der ihn übersetzte
Bischof Athanasius Schneider bei seinem Vortrag in Warschau, rechts von ihm Pater Karl Stehlin, der ihn übersetzte


Am 23. April 2026, einen Tag vor sei­ner Wei­ter­rei­se nach Öster­reich, gab Msgr. Atha­na­si­us Schnei­der vor den Schü­lern der Szkoły św. Tomas­za z Akwinu (Schu­le St. Tho­mas von Aquin)1 in Józe­fów bei War­schau in Polen, ein per­sön­li­ches Zeug­nis. Der Weih­bi­schof von Ast­a­na sprach über sei­ne Kind­heit unter dem Kom­mu­nis­mus, über den im Unter­grund geleb­ten Glau­ben sowie über das heroi­sche Bei­spiel sei­ner Fami­lie und rief die Jugend­li­chen dazu auf, den Schatz des katho­li­schen Glau­bens unver­sehrt zu bewah­ren. Hier die Aus­füh­rung von Bischof Schnei­der. Im Anschluß fin­det sich das dazu­ge­hö­ri­ge Video:

Die Kindheit unter dem Sowjetregime und die kommunistische Verfolgung

Gelobt sei Jesus Chri­stus.
In Ewig­keit. Amen.

Lei­der spre­che ich kein Pol­nisch, des­halb wer­de ich auf Eng­lisch spre­chen, und P. Karl Steh­lin wird für euch übersetzen.

Ich dan­ke dem Herrn Direk­tor herz­lich für sei­ne Ein­la­dung. Ich freue mich sehr, unter euch in eurer Schu­le zu sein. Ich möch­te ein­fach eini­ge Erfah­run­gen aus mei­nem Leben mit euch teilen.

Zunächst ein­mal: Ich wur­de in der Sowjet­uni­on gebo­ren. Ihr seid noch rela­tiv jung und habt des­halb das kom­mu­ni­sti­sche Sowjet­re­gime nicht selbst erlebt. Wahr­schein­lich erin­nern sich jedoch eure Eltern und auch eini­ge eurer Leh­rer noch an die kom­mu­ni­sti­sche Zeit hier in Polen. Das war eine ideo­lo­gi­sche Diktatur.

Der Kom­mu­nis­mus hat­te das Ziel, Gott voll­stän­dig aus der Gesell­schaft zu ent­fer­nen. Man woll­te eine völ­lig gott­lo­se Gesell­schaft errich­ten. Das nann­te man Mate­ria­lis­mus: Nur die mate­ri­el­le und zeit­li­che Wirk­lich­keit zähl­te. Es gab nichts Ewi­ges, nichts Übernatürliches.

Und die größ­te Gefahr für die Kom­mu­ni­sten war die Kir­che, denn der katho­li­sche Glau­be und das katho­li­sche Leben stell­ten den radi­kal­sten Gegen­satz zur kom­mu­ni­sti­schen Ideo­lo­gie dar.

In die­sem System bin ich aufgewachsen.

Mei­ne Eltern waren Deut­sche, deren Vor­fah­ren in das Rus­si­sche Reich gezo­gen waren. Wir hat­ten Dör­fer: In dem einen leb­ten deutsch­spra­chi­ge Katho­li­ken, im ande­ren Pro­te­stan­ten. Bis zur Zeit Sta­lins leb­ten sie in die­sen Dör­fern nahe dem Schwar­zen Meer.

Ihr wißt, daß Sta­lin einer der größ­ten kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­to­ren war. In den Jah­ren 1936/​1937 beschloß er, das durch­zu­füh­ren, was er eine „Säu­be­rung“ der Gesell­schaft nann­te. Es waren zwei Jah­re des Ter­rors. Wäh­rend die­ser zwei Jah­re wur­den Mil­lio­nen Unschul­di­ger in der Sowjet­uni­on ermordet.

Er bezeich­ne­te die­se Opfer als „poten­ti­el­le Fein­de des Kom­mu­nis­mus“. Und wer waren die­se poten­ti­el­len Fein­de? Zunächst die Prie­ster, dann die Intel­lek­tu­el­len und schließ­lich die­je­ni­gen, die Eigen­tum besa­ßen. So gal­ten prak­tisch alle Katho­li­ken und alle Gläu­bi­gen als gefähr­lich für den Kom­mu­nis­mus. Eben­so wur­den Men­schen, die selb­stän­dig den­ken und ver­ste­hen konn­ten, was in der Gesell­schaft geschah, als Fein­de betrachtet.

Der Kom­mu­nis­mus behaup­te­te, es dür­fe kein Pri­vat­ei­gen­tum geben.

Eines der Opfer die­ser Säu­be­rung war mein Groß­va­ter Seba­sti­an Schnei­der. Er wur­de ermor­det, weil er katho­lisch, deutsch und Besit­zer eini­ger Güter war. Er war erst sie­ben­und­zwan­zig Jah­re alt. Er hat­te gera­de gehei­ra­tet. Mei­ne Groß­mutter wur­de mit fünf­und­zwan­zig Jah­ren Wit­we, und mein Vater war noch ein klei­nes Kind.

Als mein Groß­va­ter hin­ge­rich­tet wor­den war, kam die Poli­zei, um das Haus mei­ner Groß­mutter zu durch­su­chen. Sie hat­te vie­le Hei­li­gen­bil­der an den Wän­den hän­gen. Die Poli­zi­sten sag­ten zu ihr:

„Das ist ver­bo­ten. Wir leben in einem athe­isti­schen Staat. All das muß ent­fernt werden.“

Sie befah­len mei­ner Groß­mutter, selbst die Bil­der vor ihren Augen abzu­neh­men. Doch sie wei­ger­te sich:

„Das wer­de ich nicht tun.“

Dar­auf­hin ging ein Poli­zist zur Wand, um sie selbst her­un­ter­zu­neh­men. Mei­ne Groß­mutter schrie ihn an:

„Du hast die­se Bil­der nicht an die Wand gehängt! Also hast du auch kein Recht, sie herunterzunehmen!“

Der Poli­zist war so schockiert, daß er nichts anrühr­te und schwei­gend das Haus verließ.

Für mich, dem dies erzählt wur­de, war das immer ein außer­ge­wöhn­li­ches Ereig­nis, bei­na­he ein Wun­der, denn wir wis­sen, daß Gott Wit­wen und Wai­sen in beson­de­rer Wei­se schützt.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­den mei­ne Eltern in den Ural depor­tiert, um dort in den Minen und Wäl­dern zu arbei­ten. Die Bedin­gun­gen waren schreck­lich: Im Win­ter gab es minus vier­zig Grad, sehr wenig zu essen und extrem har­te Arbeit. Vie­le star­ben an Erschöp­fung oder erfro­ren in den Wäldern.

Jeden Mor­gen wuß­ten sie nicht, ob sie am Abend noch am Leben sein würden.

Alle die­se Depor­tier­ten waren Deut­sche: man­che katho­lisch, ande­re pro­te­stan­tisch. Und wenn sie mor­gens zur Arbeit in die Wäl­der geführt wur­den, bete­ten die Katho­li­ken laut den Rosen­kranz. Nach eini­ger Zeit schlos­sen sich auch die Pro­te­stan­ten an und began­nen eben­falls, den Rosen­kranz zu beten.

Ange­sichts des Todes rie­fen sogar die Pro­te­stan­ten die hei­li­ge Jung­frau Maria an.

In die­sem deut­schen Ghet­to gelang es ihnen, ein ech­tes kirch­li­ches Unter­grund­le­ben auf­zu­bau­en. Mei­ne Eltern gehör­ten zu den Haupt­trä­gern die­ser Untergrundkirche.

Der Glaube im Untergrund und die Entstehung der Berufung

Eines Tages ret­te­te mei­ne Mut­ter einen Prie­ster, der von der Poli­zei ver­folgt wur­de. Er hieß Pater Alexis Tsik­ie­wicz, ein ukrai­ni­scher grie­chisch-katho­li­scher Prie­ster, der auch die latei­ni­sche Mes­se zele­brier­te. Spä­ter starb er als Mär­ty­rer in Kasach­stan und wur­de von der Kir­che seliggesprochen.

Das war im Jahr 1958. In die­sem deut­schen Ghet­to fei­er­te Pater Alexis heim­lich die hei­li­ge Mes­se. Mei­ne Mut­ter war dabei. Wäh­rend der Mes­se warn­ten eini­ge Gläubige:

„Die Poli­zei wird kommen!“

Pater Alexis wuß­te nicht mehr, was er tun soll­te. Mei­ne Mut­ter sag­te zu ihm:

„Kom­men Sie mit mir. Ich wer­de Sie verstecken.“

Sie führ­te ihn aus dem Ghet­to hin­aus in ein Vier­tel, das aus­schließ­lich von Rus­sen bewohnt war, die sie kann­te. Dort ver­steck­te sie ihn in einem klei­nen Raum.

Sie bot ihm Essen und Trin­ken an, denn seit zwei Tagen hat­te er nichts mehr zu sich genom­men: Er hat­te sei­ne gan­ze Zeit damit ver­bracht, den Gläu­bi­gen die Beich­te abzu­neh­men. Es gab unge­fähr tau­send Katho­li­ken, von denen man­che seit zehn Jah­ren nicht mehr gebeich­tet hatten.

Als es Abend wur­de und dun­kel war, führ­ten mei­ne Mut­ter und mei­ne Tan­te den Prie­ster durch den ver­schnei­ten Wald zu einem ande­ren Bahn­hof, der zwölf Kilo­me­ter ent­fernt lag, weil der Haupt­bahn­hof von der Poli­zei über­wacht wurde.

Die Gefahr war groß. Als inter­nier­te Deut­sche durf­te mei­ne Mut­ter das Ghet­to nicht ver­las­sen. Wenn die Poli­zei sie fest­ge­nom­men hät­te, wären die Fol­gen schwer­wie­gend gewe­sen. Und den­noch hat­te sie ihre bei­den klei­nen Kin­der zu Hau­se zurück­ge­las­sen: mei­nen Bru­der und mei­ne Schwester.

Schließ­lich erreich­ten sie den Bahn­hof. Mei­ne Mut­ter kauf­te dem Prie­ster eine Fahr­kar­te. Sie setz­ten sich in den Wartesaal.

Plötz­lich öff­ne­te sich die Tür: Die Poli­zei kam herein.

Der Prie­ster war wie erstarrt. Nicht wegen sich selbst – er war bereits mehr­fach im Gefäng­nis gewe­sen –, son­dern wegen mei­ner Mut­ter, die mit ihren zwei klei­nen Kin­dern ein enor­mes Risi­ko einging.

Der Poli­zist fragte:

„Wohin fah­ren Sie?“

Der Prie­ster, vor Angst gelähmt, ant­wor­te­te nicht.

Da sag­te mei­ne Mut­ter ruhig:

„Das ist unser Freund. Wir beglei­ten ihn. Hier ist sei­ne Fahrkarte.“

Der Poli­zist sah sich die Fahr­kar­te an und sag­te dann zum Priester:

„Stei­gen Sie nicht in den letz­ten Wag­gon ein, denn der wird an der näch­sten Sta­ti­on abge­kop­pelt und fährt nicht wei­ter. Ich wün­sche Ihnen eine gute Reise.“

Dann ging er fort.

Dar­auf sag­te Pater Alexis zu mei­ner Mutter:

„Gott hat uns einen Engel geschickt.“

Es war näm­lich so, daß die­ser Poli­zist ihm gehol­fen hat­te, vor der Poli­zei zu fliehen.

Der Prie­ster füg­te hinzu:

„Ich wer­de nie­mals ver­ges­sen, was Sie für mich getan haben. In jeder Mes­se wer­de ich für Sie und Ihre Kin­der beten. Und wenn Gott es erlaubt, wer­de ich eines Tages zurück­kom­men, um Sie wiederzusehen.“

Spä­ter wur­de Pater Alexis in Kara­gan­da in Kasach­stan interniert.

Inzwi­schen waren mei­ne Eltern aus dem Ural nach Kir­gi­si­stan gezo­gen, wo ich gebo­ren wur­de. Pater Alexis erfuhr von unse­rem Umzug und kam uns von Kasach­stan aus besu­chen. Er fei­er­te heim­lich die hei­li­ge Mes­se in unse­rem Haus.

Damals war ich ein ein­jäh­ri­ges Baby. Neben dem impro­vi­sier­ten Altar stand mei­ne Wie­ge. Manch­mal scher­ze ich und sage, daß ich schon mit einem Jahr mini­striert habe.

Er seg­ne­te unser Haus, mei­ne Brü­der, mei­ne Schwe­stern und mich. Dann kehr­te er nach Kara­gan­da zurück, wo er vom KGB ver­haf­tet und in das berüch­tig­te Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Kar­lag gebracht wur­de. Nach wei­te­ren andert­halb Jah­ren des Lei­dens starb er dort 1963. Des­halb wur­de er als Mär­ty­rer seliggesprochen.

Auch in Kir­gi­si­stan orga­ni­sier­ten mei­ne Eltern heim­li­che Mes­sen. Wir hat­ten nur sehr weni­ge Prie­ster; vie­le saßen im Gefäng­nis. Manch­mal erschien plötz­lich heim­lich ein Prie­ster. Für uns war das ein stil­les und ver­bor­ge­nes Fest, denn man muß­te sich stän­dig vor dem KGB in Acht nehmen.

Zur Zeit als ich gebo­ren wur­de, gab es in Kir­gi­si­stan kei­nen ein­zi­gen Prie­ster. Mei­ne Mut­ter wuß­te nicht, wann der näch­ste kom­men wür­de: viel­leicht in sechs Mona­ten, viel­leicht in einem Jahr. Sie woll­te nicht, daß ich so lan­ge unge­tauft blieb.

Sie kann­te ihren Kate­chis­mus gut: Im Not­fall kann auch ein Laie taufen.

Eine Woche nach mei­ner Geburt beschloß sie daher im Bei­sein mei­nes Vaters, mich selbst zu tau­fen. Sie nahm den Kate­chis­mus und befolg­te sorg­fäl­tig alle Anwei­sun­gen. Nach der Tau­fe frag­te sie mei­nen Vater:

„Habe ich alles rich­tig gemacht?“

Mein Vater antwortete:

„Ich weiß nicht …“

Also tauf­te sie mich noch ein­mal, weil sie ganz sicher sein wollte.

Eini­ge Mona­te spä­ter kam heim­lich ein Jesui­ten­pa­ter aus Litau­en. Er bat dar­um, daß man ihm alle Kin­der brin­ge, die von ihren Eltern getauft wor­den waren, denn er konn­te nicht über­prü­fen, ob die Tau­fen gül­tig gewe­sen waren.

Mei­ne Mut­ter brach­te mich also zu ihm. Und er tauf­te mich noch einmal.

So wur­de ich drei­mal getauft!

Des­halb habe ich heu­te abso­lut kei­nen Zwei­fel an der Gül­tig­keit mei­ner Taufe.

Ich erin­ne­re mich auch sehr gut an die Weih­nachts­näch­te in Kir­gi­si­stan. Dort war Weih­nach­ten ein ganz gewöhn­li­cher Arbeits- und Schul­tag. Man konn­te nur heim­lich nachts fei­ern. Die Regie­rung ver­bot Gebets­ver­samm­lun­gen streng.

Jedes Jahr orga­ni­sier­ten mei­ne Eltern für die katho­li­schen Deut­schen der Regi­on eine gan­ze Nacht des Gebets. Die­se Tref­fen fan­den in unse­rem Haus statt.

Direkt gegen­über von uns wohn­te jedoch der Poli­zei­chef der Stadt. Er hieß Ana­to­li. Er war Kom­mu­nist, aller­dings eher ein Kom­mu­nist der Fas­sa­de nach, und er war mit unse­rer Fami­lie befreundet.

Am Vor­abend von Weih­nach­ten ging mein Vater zu ihm:

„Du weißt, mor­gen ist Weih­nach­ten. Wir Katho­li­ken müs­sen die gan­ze Nacht beten und singen.“

Der Poli­zist antwortete:

„Das ist ver­bo­ten … aber ich ver­spre­che dir, daß in die­ser Nacht kein Poli­zist kom­men wird. Betet und singt.“

So schütz­te er uns heimlich.

Spä­ter zogen wir nach Est­land. Das erste, was mei­ne Eltern taten, war die Suche nach einer katho­li­schen Kir­che. Schließ­lich fan­den sie eine … hun­dert Kilo­me­ter von unse­rem Zuhau­se entfernt.

Mei­ne Eltern rie­fen vol­ler Freude:

„Kin­der, wel­che Gna­de! Eine Kir­che so nah – nur hun­dert Kilo­me­ter! In Kasach­stan und Kir­gi­si­stan muß­te man manch­mal tau­send Kilo­me­ter zurücklegen!“

So fuh­ren wir jeden Sonn­tag zwei­hun­dert Kilo­me­ter mit dem Zug, um die hei­li­ge Mes­se zu besuchen.

Um Poli­zei­kon­trol­len zu ver­mei­den, fuh­ren wir immer nachts los und kamen mit dem letz­ten Zug gegen Mit­ter­nacht zurück.

Die­se Kir­che befand sich in Tar­tu in Est­land. Dort leb­te ein hei­li­ger let­ti­scher Kapu­zi­ner­prie­ster, der eben­falls vie­le Jah­re im Lager Kar­lag ver­bracht hatte.

Alle Mes­sen wur­den dort im über­lie­fer­ten Ritus gefei­ert, so wie hier bei euch. Dort mach­te ich mei­ne Erst­kom­mu­ni­on und emp­fing die Firmung.

Da wir die Fami­lie waren, die am wei­te­sten von der Kir­che ent­fernt wohn­te, schlug uns der Prie­ster vor, die Sonn­tag­nach­mit­ta­ge wäh­rend des War­tens auf den Zug in einem Zim­mer sei­nes Pfarr­hau­ses zu verbringen.

Eines Tages – eine der prä­gend­sten Erin­ne­run­gen mei­ner Kind­heit – frag­te ich mei­ne Mut­ter nach der Mes­se, als wir gemein­sam zum Pfarr­haus gin­gen, ganz ein­fach aus Neugier:

„Mama, wie wird man Priester?“

Der Prie­ster beein­druck­te mich sehr, aber ich dach­te damals nicht ernst­haft dar­an, selbst Prie­ster zu wer­den. Ich woll­te es nur verstehen.

Mei­ne Mut­ter antwortete:

„Um Prie­ster zu wer­den, ist das Wich­tig­ste, daß Gott den Ruf dazu gibt.“

Ich ver­stand nicht, was sie mein­te. Ich glaub­te, ein Ruf Got­tes bedeu­te eine Stim­me vom Himmel!

Von die­sem Augen­blick an frag­te ich nie wie­der, wie man Prie­ster wird. Und den­noch wur­de ich Prie­ster … und sogar Bischof.

Die­ses kur­ze Gespräch mit mei­ner Mut­ter blieb mir mein gan­zes Leben lang im Gedächtnis.

Vie­le Jah­re spä­ter kehr­te ich an die­sen Ort in Est­land zurück. Ich knie­te genau an der Stel­le nie­der, an der die­ses Gespräch statt­ge­fun­den hat­te, und dank­te Gott für mei­ne Priesterberufung.

Der Schatz des katholischen Glaubens

Dann erhiel­ten wir die Gna­de, die Sowjet­uni­on ver­las­sen und nach Deutsch­land aus­rei­sen zu dürfen.

Als wir in einer klei­nen katho­li­schen Stadt in Deutsch­land anka­men, gin­gen wir sofort in die Kir­che. Und dort erleb­ten wir einen gewal­ti­gen Schock: Zum ersten Mal in unse­rem Leben sahen wir Men­schen die Kom­mu­ni­on in die Hand empfangen.

Das war für uns unvorstellbar.

Vor unse­rer Abrei­se aus Est­land hat­te uns Pater Janis Paw­low­skis gewarnt:

„Wenn ihr in Deutsch­land Kir­chen fin­det, in denen die Kom­mu­ni­on in die Hand aus­ge­teilt wird, dann geht nicht dorthin.“

Das hat­ten wir ihm versprochen.

Die Reak­ti­on mei­ner Mut­ter kam sofort:

„Was für eine schreck­li­che Sache! In die­se Kir­che wer­den wir nie wie­der gehen.“

Doch in der näch­sten Kir­che war es genau­so. Und dann wie­der genau­so anderswo.

Eines Abends, nach­dem wir meh­re­re Kir­chen besucht hat­ten, ver­sam­mel­te mei­ne Mut­ter uns Kin­der und begann zu weinen:

„Mei­ne Kin­der, ich ver­ste­he nicht, wie man unse­ren Herrn Jesus Chri­stus auf die­se Wei­se behan­deln kann …“

Die Trä­nen mei­ner Mut­ter gehör­ten zu den ersten Din­gen, die spä­ter das Buch inspi­rier­ten, das ich gegen die ste­hen­de Hand­kom­mu­ni­on geschrie­ben habe.

Damals begann ich auch, als Mini­strant zu die­nen, denn unter dem Sowjet­re­gime war das Kin­dern ver­bo­ten gewesen.

Und gera­de beim Mini­strie­ren ent­stand in mei­nem Her­zen die Prie­ster­be­ru­fung. Ich war über­zeugt: Ich muß­te Prie­ster werden.

Erst da ver­stand ich, was mei­ne Mut­ter gemeint hat­te, als sie vom „Ruf Got­tes“ sprach.

Was ist das größ­te Geschenk, das ich in mei­nem Leben erhal­ten habe? Eine der größ­ten Gna­den, die Gott mir geschenkt hat, besteht dar­in, den wah­ren katho­li­schen Glau­ben gleich­sam mit der Mut­ter­milch emp­fan­gen zu haben.

Das ist der größ­te Schatz.

Und die­ses Geschenk des katho­li­schen Glau­bens ist in mei­nen Augen sogar noch grö­ßer als das Prie­ster­tum oder das Bischofsamt.

Der unver­kürz­te katho­li­sche Glau­be ist der kost­bar­ste Schatz, den wir besitzen.

Und genau das wün­sche ich euch, lie­be Schü­ler: Nehmt die­sen Schatz an und bewahrt ihn. Die­ser Schatz ist unbe­zahl­bar. Nie­mand darf ihn euch rau­ben können.

Er ist weit mehr wert als alle Titel oder beruf­li­chen Erfol­ge, die ihr in eurem Leben errei­chen könnt.

Viel­leicht wird eines Tages ein Jun­ge unter euch sagen:

„Mein Gott, wenn es dein Wil­le ist, möch­te ich Prie­ster werden.“

Und viel­leicht wird ein Mäd­chen so beten:

„Mein Gott, wenn du es willst, schen­ke eines Tages einem mei­ner zukünf­ti­gen Söh­ne die Berufung.“

Und ihr alle, die ihr zur Ehe und zur Grün­dung einer Fami­lie beru­fen seid, denkt dar­an, daß eure erste Pflicht dar­in bestehen wird, euren Kin­dern die­sen Schatz des katho­li­schen Glau­bens weiterzugeben.

Ich möch­te mit einer klei­nen Geschich­te schließen.

Mein ehe­ma­li­ger Erz­bi­schof von Kara­gan­da, Bischof Len­ga, der heu­te in Polen lebt, nahm ein­mal an einer Syn­ode in Rom teil. Ein Kar­di­nal kam auf ihn zu, um ihn zu begrü­ßen, und fragte:

„Wer sind Sie?“

Bischof Len­ga antwortete:

„Ich bin Bischof in Kasach­stan. Und Sie?“

Da begann der Kar­di­nal, alle sei­ne Titel aufzuzählen:

„Ich bin Kar­di­nal, Prä­fekt die­ser Kon­gre­ga­ti­on, Prä­si­dent hier­von, Mit­glied davon …“

Als er sei­ne lan­ge Liste von Titeln been­det hat­te, sah Bischof Len­ga ihn an und fragte:

„Emi­nenz … sind Sie katholisch?“

Denn die­ser Kar­di­nal hat­te das Wich­tig­ste ver­ges­sen: zu sagen, daß er katho­lisch war.

Und genau das ist das Entscheidende.

Ich dan­ke euch herz­lich für eure Auf­merk­sam­keit. Ich wün­sche euch viel Erfolg in euren Studien.

Aber der größ­te Erfolg eures Lebens wird dar­in bestehen, euren katho­li­schen Glau­ben bis zum letz­ten Atem­zug zu lie­ben, zu ver­tei­di­gen und zu leben.

Vie­len Dank.

Gelobt sei Jesus Christus.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: You­tube (Screen­shot)


  1. Die Schu­le wird von der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. geführt. ↩︎